Sport

Niederlande vor dem WM-Finale

Glücklich ist das Land, das keine Heldinnen nötig hat

Der Frauenfußball in den Niederlanden war lange rückständig. Doch seit dem EM-Titel 2017 im eigenen Land ist er erwachsen geworden. Nun steht das Team erstmals im WM-Finale - und das ist ein Sieg der Moral.

FRANCK FIFE / AFP

Lieke Martens (rechts) und Jackie Groenen feiern den Finaleinzug

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Sonntag, 07.07.2019   13:23 Uhr

Als die niederländische Nationalmannschaft etwas glücklich Schweden 1:0 besiegte und damit zum ersten Mal ins Finale bei einer WM einzog, weinte Torhüterin Sari van Veenendaal vor Freude auf dem Rasen. TV-Expertin Daphne Koster, eine frühere Kapitänin der Mannschaft, die kaum Geld für ihre Spielerinnenkarriere und auch keine Aufmerksamkeit bekam, konnte sich vor Rührung kaum halten. Und auch auf den Sofas überall in den Niederlanden werden ein paar Tränen geflossen sein.

Fünf Millionen Niederländer sahen das WM-Halbfinale vor dem Fernseher. Nie waren es mehr bei einem TV-Event seit der offiziellen "huldiging", der Huldigung der niederländischen Frauen-Fußballnationalmannschaft, nachdem sie 2017 Europameister wurde. Nun wird erwartet, dass das Team die von der Männermannschaft begonnene lange Tradition fortsetzt: wieder einmal ein WM-Finale verlieren. Am Sonntag geht es in Lyon gegen den Titelverteidiger USA (17 Uhr/Liveticker bei SPIEGEL ONLINE, TV: ARD).

Getty Images

Nach dem Schlusspfiff des WM-Halbfinals gegen Schweden feiern die niederländischen Spielerinnen um Torhüterin Sari van Veenendaal (Mitte).

Die niederländische Aufregung um die "Oranje Leeuwinnen", die orangenen Löwinnen, mag wenig bemerkenswert klingen. Schon vor Jahren hatten andere europäische Länder wie Deutschland, Norwegen und Schweden ihre Frauenteams in die Arme geschlossen. Aber die Holländer schickten ihre Mannschaft auf eine härtere Reise.

Trainerin Sarina Wiegman, geboren 1969, erinnert sich daran, wie sie als Kind illegal in einem Jungsteam mitspielen musste. Ende 2011, als die heutige Starspielerin Lieke Martens für Oranje debütierte, spielten die Löwinnen vor ein paar Hundert Zuschauern. Martine Prange, eine ehemalige niederländische Spielerin, die heute über Frauenfußball forscht, merkte 2015 an: "Die Emanzipation geht langsamer voran, als ich dachte. Fußball spielende Mädchen auf der Straße erleben immer noch sehr viel Ablehnung von ihrer Umgebung."

Frauenfeindlichkeit hat in den Niederlanden sogar Platz in der Politik

Während der EM 2017, die in den Niederlanden stattfand, machte die tägliche TV-Talkshow "Voetbal Inside" demonstrativ Sommerpause. Der Experte der Sendung, Johan Derksen, ein Dinosaurier, der wahrscheinlich der einflussreichste niederländische Fußball-Journalist der vergangenen 40 Jahre war, hatte Freude daran, das Spiel der Frauen lächerlich zu machen.

All das passt zur niederländischen Tradition der anstößigen Rede: "Sagen, was man wirklich denkt." Und es passt auch zu einer Frauenfeindlichkeit, die sogar in der nationalen Politik ihren Platz gefunden hat. Der rechtsextreme Thierry Baudet von der europa- und migrantenfeindlichen Partei "Forum voor Democratie" sagt: "Ich weiß, dass Frauen in vielen Berufen im Allgemeinen weniger gut abschneiden und weniger ehrgeizig sind." Er glaubt auch, dass Frauen davon träumen, von Männern grob angefasst zu werden, die ein "Nein" nicht akzeptieren. Baudet, der vor allem von Männern unterstützt wird, liegt in Umfragen bei 15 Prozent der Wählerstimmen.

DPA

Bei der EM 2017 im eigenen Land gewann das niederländische Team seinen ersten Titel.

Aber mit der EM 2017 wurde der niederländische Frauenfußball erwachsen. Das Magazin "Voetbal International", vorher von Derksen geleitet, zeigte nun zum ersten Mal in seiner 52 Jahre langen Geschichte Spielerinnen auf dem Cover. Eine Nation, die jahrelang den Abstieg der Männermannschaft beklagte, machte nun die freudige Entdeckung, dass es da auch noch ein anderes Team zu unterstützen gibt (und im Falle von Sponsoren: mit dem man Geld verdienen kann).

Die "Oranje Leeuwinnen" spielten bei der EM 2017 in ausverkauften Stadien und gewannen ihr allererstes Turnier. Der Star des Teams, Lieke Martens, wechselte zum FC Barcelona und fand sich ein paar Monate später in einem Privatjet wieder, mit dem sie, ihre Eltern und ein freundlicher Lionel Messi zu einer Fifa-Zeremonie nach Monaco flogen. Martens wurde dort als weltbeste Spielerin des Jahres ausgezeichnet.

Aber sie erhielt auch noch eine größere, traditionell niederländische Ehre: Calvé Erdnussbutter machte sie zum Gesicht der eigenen TV-Werbung. "In einem Rutsch bin ich von gar nichts zu sehr viel geworden. Daran musste ich mich erst gewöhnen", sagte Martens einmal über ihren rasanten Aufstieg.

Nun steht fast exakt dieselbe Mannschaft, die 2017 den EM-Titel gewonnen hat, im WM-Finale. In den vergangenen zwei Jahren sind die Spielerinnen bekannte nationale Persönlichkeiten geworden. Mehr als ihre männlichen Kollegen verfügen sie über eine Qualität, die bei den niederländischen Fans hoch geschätzt wird: Sie sind "normaal", gewöhnliche, junge Frauen von nebenan.

Jackie Groenen, aufgewachsen in einer niederländischen Familie in Belgien, drei Kilometer von der holländischen Grenze entfernt, spielte in ihrer Jugend mit Jungs. Sie passte den Ball, und die Jungs schossen. Im Halbfinale gegen Schweden brach sie mit dem Brauch und schoss selbst das einzige Tor des Spiels. Sogar die beste niederländische Spielerin, Vivianne Miedema, die mit nur 22 Jahren schon 61 Länderspieltore erzielt hat und damit mehr als jeder andere niederländische Nationalspieler - Frauen und Männer -, entschuldigte sich demütig im TV für die schlechte erste Halbzeit im Viertelfinale gegen Italien.

Endspiele zu verlieren ist der niederländische Weg

Die Medien beschreiben die Mannschaft nun regelmäßig geschlechtsneutral als die "Nederlands elftal", anstatt als "vrouwenteam", Frauenteam. Die Berichterstattung hat sich gar von der Feier der Entdeckung der "Leeuwinnen" hin zur Kritik ihrer Mängel entwickelt. Das allgemeine Gefühl ist, dass das Team trotz seiner sechs Siege in Folge in Frankreich bisher nicht gut gespielt hat. Aber anstatt individueller Begabungen und traditionellen niederländischen Passfußballs hat die Mannschaft traditionelle niederländische kollektive Fußballintelligenz gezeigt. Glücklich ist das Land, das keine Heldinnen nötig hat.

Wenn die US-Amerikanerinnen am Sonntag ihre herausragenden Qualitäten zeigen und gewinnen werden, wie man das erwarten kann, dann werden die meisten niederländischen Fans damit leben können. Zweiter werden ist der holländische Weg. Die Männer wurden es dreimal bei Weltmeisterschaften. Und vor einem Monat wurde in der Nations League gegen Portugal mal wieder ein Endspiel verloren. Große, machtbesessene Länder wie Deutschland 1974, das Argentinien der Generale 1978 sowie nun die USA brauchen Pokale. Für kleine Länder wie Holland sind Siege der Moral genug.

Die Vorlage dafür ist das ultimative niederländische Finale: das WM-Endspiel 1974 gegen Deutschland, als, wie der Vater des niederländischen Fußballs, Johan Cruyff, den Rest seines Lebens sagte, das beste Team im Turnier Zweiter wurde.

Die "Leeuwinnen" waren nicht das beste Team dieser WM 2019. Es ist jedoch auch ein Sieg der Moral, wenn in Orange gekleidete Menschenmassen daheim in den Niederlanden durch die Kanäle ziehen und in den Kneipen sitzen, um elf "normale meiden" - normale Mädchen - zu feiern.

Dieses Team ist ein untraditioneller Träger der niederländischen Tradition.

insgesamt 7 Beiträge
a.meyer79 07.07.2019
1. Schöner Artikel!
es ist keine Schande Zweiter zu werden. Die Wett-Quoten sprechen für sich. Ich habe trotzdem 10 Euro auf die Niederlande gesetzt.
es ist keine Schande Zweiter zu werden. Die Wett-Quoten sprechen für sich. Ich habe trotzdem 10 Euro auf die Niederlande gesetzt.
gruffelo 07.07.2019
2. Deutlich für die Niederlande!
Bin deutlich für unsere Nachbarn die Niederlande! Auch weil sie nicht so ein Gedöns um einzelne Spielerinnen machen. Fussball ist immer noch ein Mannschaftssport.
Bin deutlich für unsere Nachbarn die Niederlande! Auch weil sie nicht so ein Gedöns um einzelne Spielerinnen machen. Fussball ist immer noch ein Mannschaftssport.
isar56 07.07.2019
3. Wertschätzung
ich bin gespannt, ob Politiker und Königshaus im Stadion zuschauen werden. Bei den Männern kommt nicht nur die Niederländische Prominenz spätestens zum Viertelfinale.
ich bin gespannt, ob Politiker und Königshaus im Stadion zuschauen werden. Bei den Männern kommt nicht nur die Niederländische Prominenz spätestens zum Viertelfinale.
mwroer 07.07.2019
4.
Und Sie werden belohnt werden! Das sage ich nach rein objektiver Abwägung aller Fakten und dem Futternapftest unserer Katzen! schöne Grüße aus den Niederlanden
Zitat von a.meyer79es ist keine Schande Zweiter zu werden. Die Wett-Quoten sprechen für sich. Ich habe trotzdem 10 Euro auf die Niederlande gesetzt.
Und Sie werden belohnt werden! Das sage ich nach rein objektiver Abwägung aller Fakten und dem Futternapftest unserer Katzen! schöne Grüße aus den Niederlanden
stch.vos 07.07.2019
5. schlecht recherchiert
schlechte Recherche, Voetbal Inside, heute Veronica Inside, ist ein Fussballprogramm das montags und freitags jeweils live gesendet wird und nicht täglich. Johan Derksen hat in dieser Sendung nicht abfällig über Frauen die [...]
schlechte Recherche, Voetbal Inside, heute Veronica Inside, ist ein Fussballprogramm das montags und freitags jeweils live gesendet wird und nicht täglich. Johan Derksen hat in dieser Sendung nicht abfällig über Frauen die Fussball spielen gesprochen sondern über die Qualität gegenüber dem Männernfussball geredet.

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