Sport

Deutschlands WM-Aus im Viertelfinale

"Es ist brutal scheiße"

Und plötzlich ist es vorbei: Deutschland ist bei der WM im Viertelfinale gescheitert. Auch, weil die Patzer in der Defensive diesmal bestraft wurden. Doch noch mehr störte sie etwas anderes.

EDDY LEMAISTRE/EPA-EFE/REX

Lina Magull

Aus Rennes berichtet
Sonntag, 30.06.2019   08:54 Uhr

Und wenn Lena Oberdorf den Ball in der 88. Minute besser erwischt hätte? Oder der Schuss von Sara Däbritz in der 90. Minute besser platziert gewesen wäre? Oder Marina Hegering in der Nachspielzeit ins Tor geköpft hätte? Wie wäre der Abend dann verlaufen?

All diese Fragen werden sich die deutschen Nationalspielerinnen in den kommenden Tagen vermutlich immer wieder stellen. Auch, warum sie nach einem tollen Start mit einem Traumtor von Lina Magull erst den Ausgleich kassierten - und dann den Faden verloren.

Deutschland ist bei der Weltmeisterschaft in Frankreich im Viertelfinale ausgeschieden. Als Mitfavorit war die DFB-Auswahl ins Turnier gestartet, nun verlor sie gegen Schweden 1:2 (1:1). Die Reaktionen der DFB-Frauen waren dementsprechend. "Ich bin mega traurig", sagte Däbritz, als "extrem bitter" bewertete Giulia Gwinn das Aus. "Die Enttäuschung ist riesengroß", sagte Sara Doursoon.

Woran hatte es gelegen? Vielleicht daran, dass in Rennes zwei Dinge passierten, die es so im Verlauf des Turniers noch nicht gegeben hatte: Die deutsche Mannschaft konnte sich nicht auf ihre bislang stärkste Waffe verlassen, die Standards - und wurde für einen Fehler in der Defensive bestraft. Schon in den vorangegangenen Spielen hatte die Abwehr nicht immer sicher gewirkt. Doch der Ausgleich von Sofia Jakobsson war der erste Gegentreffer des Turniers.

Ein langer Ball hatte für Verwirrung in der Innenverteidigung gesorgt. "Dass uns dieses eine Tor, dieser eine lange Ball rauswirft, das darf uns nicht passieren", sagte Torhüterin Almuth Schult: "Ich bin an dem Ball noch dran, wenn ich ihn halte, dann läuft das Spiel wahrscheinlich komplett anders." Die Meinung der Spielerinnen war einhellig: Der Treffer hätte nicht fallen dürfen.

Fotostrecke

DFB-Team in der Einzelkritik: Lange ging es gut, jetzt wurden sie bestraft

Doch noch mehr störte die Spielerinnen, wie sehr das Tor den Rhythmus des Teams durcheinandergebracht hatte. "Wir waren zu unruhig, zu ungeduldig, haben verpasst, die richtigen Lücken zu finden Richtung Tor", sagte Magull. Man habe das Spiel nach dem Gegentor "aus der Hand gegeben", befand Däbritz. Dzsenifer Marozsán sprach von einem "blöden 1:1".

Viertelfinal-Hattrick

Die Mittelfeldspielerin war erstmals nach ihrem Zehenbruch im Chinaspiel wieder zum Einsatz gekommen, sie wurde nach der Halbzeit eingewechselt - und sah zunächst, wie Stina Blackstenius den zweiten Treffer für Schweden erzielte. Auch danach konnte sie der Mannschaft nicht weiterhelfen. Ihre Standards sorgten nur selten für Gefahr, in Zweikämpfen hielt sie sich merklich zurück, auch wenn sie laut eigener Aussage weder Schmerzen noch Angst verspürt hatte.

Für den Doppelweltmeister Deutschland ist es das dritte Mal in den vergangenen acht Jahren, dass bereits im Viertelfinale eines großen Turniers Schluss ist. Bei der Heim-WM 2011 war man gegen gegen Japan ausgeschieden, bei der EM 2017 hatte man gegen Dänemark verloren. Und nun die Pleite gegen Schweden. "Die Enttäuschung wird einige Tage anhalten, sie tut weh", sagte Voss-Tecklenburg nach der Partie.

Fotostrecke

Deutschlands WM-Aus gegen Schweden: Kein dritter WM-Titel

Die Bundestrainerin bekam trotz der Niederlage das Vertrauen der DFB-Spitze ausgesprochen. Interimspräsident Rainer Koch sagte: "Wir haben ein hervorragendes Trainerteam. Wir sind mit Martina Voss-Tecklenburg und Britta Carlson wunderbar aufgestellt." Wo keine Probleme sind, sagte Koch, müsse man sich auch keine machen. "Und in der Teamführung der Nationalmannschaft gibt es definitiv kein Problem."

"Totale Enttäuschung"

Die Nachhaltigkeit der Trauerbewältigungsarbeit im deutschen Lager wird wohl im nächsten Sommer auf die Probe gestellt werden. Dann beginnen in Tokio die Olympischen Spiele und im DFB-Team wird sicher eine Menge Wehmut aufkommen. Denn Deutschland verpasste durch das WM-Aus auch die Qualifikation für das dortige Fußballturnier - dabei hatte man 2016 noch die Goldmedaille gewonnen.

Nur die besten drei europäischen Mannschaften bei der WM qualifizieren sich: Das sind nun England, die Niederlande und eben Schweden. "Ich weiß noch, wie geil das in Brasilien war", sagte Däbritz. Von einer "totalen Enttäuschung" sprach Doursoon. "Uns hätte dieses Turnier in unserem Prozess geholfen", sagte Voss-Tecklenburg.

Und Magull fasste mit einem Satz die Gesamtstimmung im DFB-Lager zusammen: "Es ist brutal scheiße."

Deutschland - Schweden 1:2 (1:1)
1:0 Magull (16.)
1:1 Jakobsson (22.)
1:2 Blackstenius (48.)
Deutschland: Schult - Gwinn, Doorsoun, Hegering, Simon (43. Maier) - Huth, Magull, Däbritz, Dallmann (46. Maroszán) - Popp, Schüller (70. Oberdorf) - Trainerin: Voss-Tecklenburg
Schweden: Lindahl - Glas, Fischer (66. Ilestedt), Sembrant, Eriksson - Rubensson (86. Björn), Seger - Jakobsson, Asllani, Rolfö (90.+5 Hurtig) - Blackstenius - Trainer: Gerhardsson
Schiedsrichterin: Stephanie Frappart (Frankreich)
Zuschauer: 15.000
Gelbe Karten: Rolfö

insgesamt 139 Beiträge
texas173 30.06.2019
1.
Es war eine erschreckend schwache Vorstellung. Wann war es jemals so einfach, gegen Deutschland zu gewinnen? Ein langer Ball genügt und die Mannschaft kommt ins Schwimmen. Aber Defizite waren schon von Beginn der WM an vorhanden, [...]
Es war eine erschreckend schwache Vorstellung. Wann war es jemals so einfach, gegen Deutschland zu gewinnen? Ein langer Ball genügt und die Mannschaft kommt ins Schwimmen. Aber Defizite waren schon von Beginn der WM an vorhanden, die bisherigen Gegner haben sie nur nicht ausgenutzt. Wenn Fr. Jones noch Trainerin wäre, hätten wir jetzt eine Trainerdiskussion. Und das zu Recht. Welches Signal sendet man aus, wenn Popp von Anfang an als Absicherung dienen soll? Warum stellt man erst so spät um? Warum war die Mannschaft bei Schnelligkeit und Zweikampfverhalten derart unterlegen? Warum genügt ein Treffer und die Mannschaft fällt zusammen? Wo ist die Stabilität geblieben, die man sich unter Hrubesch erarbeitet hat? Wo sind die Fortschritte seit der EM? Mal ehrlich - da hätte man Jones nicht entlassen müssen. Die im Vorfeld so gepriesene MVT bekommt es auch nicht besser hin.
Papazaca 30.06.2019
2. Diese DFB-Dementis betreffend der Trainerin sagen alles
Macht die Trainerin mit ihrer Taktik und ihrer Aufstellung nur deshalb so einen unglücklichen Eindruck, weil Hrubesch ein Weltwunder von einem Trainer ist? Ich bitte unseren verehrten Hrubesch ausdrücklich, die Rente zu [...]
Macht die Trainerin mit ihrer Taktik und ihrer Aufstellung nur deshalb so einen unglücklichen Eindruck, weil Hrubesch ein Weltwunder von einem Trainer ist? Ich bitte unseren verehrten Hrubesch ausdrücklich, die Rente zu verschieben. Wir brauchen Ihn. Und das wir Ihn alle lieben, muß nicht extra betont werden, fällt aber besonders auf, bei den vielen DFB-Persönlichkeiten, die nicht geliebt werden. Also Horst, mach es noch einmal. BITTE!
juba39 30.06.2019
3. Alte Trainerweisheit
Wer das ganze Spiel einmal nicht mit deutschem, sondern mit Fußballerblick betrachtet, findet Dutzendfach eine alte Trainerweisheit bestätigt. Fehler passieren nicht vor dem Tor, die werden im Mittelfeld gemacht. Jedem Tor, [...]
Wer das ganze Spiel einmal nicht mit deutschem, sondern mit Fußballerblick betrachtet, findet Dutzendfach eine alte Trainerweisheit bestätigt. Fehler passieren nicht vor dem Tor, die werden im Mittelfeld gemacht. Jedem Tor, jeder Torchance der Schwedinnen gingen teilweise amateurhafte Fehler im Mittelfeld voraus. Gepaart mit einer Mutlosigkeit, einen Ball mit EINEM Paß von links nach rechts zu bringen. Vom Spiel in die Tiefe ganz zu schweigen. Da werden 3-4 Anspiele gebraucht, wo man sich bei Nummer 2 oder 3 einfach den Ball abnehmen ließ. Die Schwedinnen brauchten dann aus der eigenen Hälfte gerade einmal 2 Stationen, und waren vor dem deutschen Tor. So kann man nirgendwo ein Spiel gewinnen. Das der markanteste Unterschied beider Mannschaften. Dann diese Fehler im eigenen Strafraum ausbügeln zu wollen, gelingt vieleicht in jedem 2. Fall, der Rest sind dann halt Gegentore.
deffnull 30.06.2019
4. Und wenn...
... "Oder Marina Hegering in der Nachspielzeit ins Tor geköpft hätte? Wie wäre der Abend dann verlaufen?" Sicher. Aber dann wäre im Halbfinale Schluss gewesen. Mit solch einer insgesamt miserablen Leistung kann man [...]
... "Oder Marina Hegering in der Nachspielzeit ins Tor geköpft hätte? Wie wäre der Abend dann verlaufen?" Sicher. Aber dann wäre im Halbfinale Schluss gewesen. Mit solch einer insgesamt miserablen Leistung kann man nicht Weltmeister werden. Nicht mal bei den Frauen.
Andi2EH 30.06.2019
5. Diese ewigen Rückpässe
Wie oft wurde der Ball ohne Not zur Torwartin zurückgepasst? 10, 20, 30 mal? Wie soll so ein Spielfluss nach vorne entstehen? Das das wohl Taktik war, war für mich die Taktik ausschlaggebende für die Niederlage.
Wie oft wurde der Ball ohne Not zur Torwartin zurückgepasst? 10, 20, 30 mal? Wie soll so ein Spielfluss nach vorne entstehen? Das das wohl Taktik war, war für mich die Taktik ausschlaggebende für die Niederlage.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP