Sport

Deutschlands Sieg gegen England

77.768 Fans und eine Achse

Fußballerinnen können große Stadien füllen - das ist die Botschaft des Abends in Wembley. Auch die DFB-Elf hinterlässt ein Ausrufezeichen: Weil sie mit Dzsenifer Marozsán einen Weltstar in den Reihen hat.

Andrew Boyers/REUTERS

Sara Doorsoun und Sophia Kleinherne feiern den Last-minute-Sieg

Aus London berichtet
Sonntag, 10.11.2019   09:28 Uhr

Die 65. Minute wäre normalerweise schnell in Vergessenheit geraten. Der Ball war nach einem Freistoß der englischen Fußballerinnen ins Toraus geflogen. Aber während der Ball sich immer weiter vom Tor der an diesem Abend herausragenden deutschen Keeperin Merle Frohms entfernte, hielten von Sekunde zu Sekunde mehr Zuschauer ihre Kameralichter nach oben, das Wembley Stadium strahlte.

Die Kameras wurden in die Höhe gereckt, weil dieses intensive Testländerspiel - das die deutsche Mannschaft 2:1 (1:0) in der Schlussminute für sich entschied -, einen besonderen Platz in dem noch immer dünnen Buch über die Geschichte des Fußballs der Frauen bekommen sollte. Und in eben jener 65. Minute sollte sich entscheiden, wie groß dieser Platz wird, welcher Rekord in London gefeiert werden darf. Die Zuschauerzahl wurde verkündet.

Viel war mit dem Ende der Weltmeisterschaft im Sommer über einen neuen Boom im Fußball der Frauen gesprochen worden - immer verbunden mit der Frage, was von der großen Begeisterung aus den Stadien in Frankreich im Alltag der internationalen Ligen hängen bleiben wird. Was passieren wird, wenn die vielen TV-Kameras wieder weg sind.

WM-Begeisterung mitnehmen, Wembley vollmachen

Der englische Fußballverband (FA) hatte praktisch mit dem Abpfiff der WM ein Länderspiel angesetzt: 9. November, England gegen Deutschland, Wembley-Stadion. Wembley ist das Mutterschiff des englischen Fußballs, 90.000 Plätze. Das vollkriegen? Hatten in der vergangenen Saison doch im Schnitt keine 1000 Fans pro Spiel die Partien der englischen Vereinsteams besucht.

Die FA rührte wochenlang die Werbetrommel. (Mehr über die Aktionen im englischen Fußball der Frauen lesen Sie hier.) Und dann kam dieser Abend.

Auf den Tribünen saßen viele Kinder, mit Mützen von West Ham oder dem FC Arsenal, sie trugen Schals von Leicester City oder dem FC Chelsea. Kleine Fußballfans, für die es offenbar nebensächlich ist, ob dort nun Männer oder Frauen mit dem Ball zaubern. Wichtig ist: Es wird gezaubert. Neben ihnen: Mütter, Väter, Großeltern, junge Frauen und Männer. Die Stimmung war fair, sogar die deutschen Spielerinnen wurden beim Aufwärmen mit lautem Jubel und wehenden England-Fahnen begrüßt. All das wirkte wie ein großer Familienausflug: 77.768 Zuschauer waren da, mit gekauften Tickets. Nie zuvor haben mehr Menschen ein Spiel der englischen Fußballerinnen im Stadion verfolgt. Der Europarekord im Fußball der Frauen (80.203 Fans, Olympia-Finale 2012, ebenfalls in London) blieb allerdings bestehen.

Catherine Ivill/Getty Images

Erzielte den Siegtreffer gegen England: Klara Bühl

"Die Kulisse pusht enorm" und "zehn Prozent mehr Kraft" habe man an einem solchen Abend, sagte die Siegtorschützin Klara Bühl über diesen besonderen Abend. Kapitänin Alexandra Popp sagte: "Das war bombastisch!" Die Schützin des 1:0 hofft nun, dass es so ein Event zukünftig auch mal in Deutschland geben wird.

Der neue DFB-Präsident Fritz Keller dürfte diese - wenn auch sehr leise - Forderung registriert haben. Keller war mit einigen weiteren Funktionären des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) vor Ort, und er sprach später von Diskussionen, die er und die Kollegen mit der FA am Nachmittag geführt hätten. Man wird schon bald sehen, was von den Vermarktungsideen der FA beim DFB angekommen ist. Im April findet ein Heimspiel gegen Irland statt, und der Spielort steht noch nicht fest; bei den vergangenen Heimspielen in Kassel und Aachen hatte der Ticketverkauf erst Wochen nach der WM begonnen. Aber nach den Eindrücken dieses Abends, befand Keller, sei man auf dem richtigen Weg.

Die Achse um Dzsenifer Marozsán

Das galt auch sportlich. Nach dem Viertelfinal-Aus in Frankreich und dem gleichzeitigen Verpassen der Olympischen Sommerspiele 2020 war England ein echter Härtetest - die DFB-Elf bestand ihn mit ihrem besten Auftritt im Jahr 2019. Was auffiel: Es scheint eine Achse zu entstehen, die dem jungen Team Sicherheit gibt. Sie beginnt mit der erst 17 Jahre alten Lena Oberdorf, die zur Chefin der Innenverteidigung aufgestiegen ist - und diese Rolle füllt sie mit einer enormen Spielintelligenz aus. Zu dieser Achse gehört auch Giulia Gwinn, die in London zwar verletzt fehlte, aber ihren Stammplatz sicher hat. Außerdem: Sara Däbritz, Lina Magull, Popp, Bühl. Und Dzsenifer Marozsán.

Erst in dieser Woche sagte die englische Spielerin Lucy Bronze, ihr Trainer Phil Neville habe ihr gesagt, sie sei die beste Spielerin der Welt. Die Antwort von Bronze: "Du hast wohl nie Marozsán spielen sehen." Was Marozsán ihm diesmal vorführte, glich einer Offenbarung. Das 1:0 hatte sie traumhaft per Lupfer eingeleitet, das 2:1 in der Schlussminute mit einem Pass durch die Gasse vorbereitet.

Catherine Ivill/Getty Images

Als könnte sie denken, wie Usain Bolt sprintet: Dzsenifer Marozsán

Manchmal kommen ihre Geistesblitze so plötzlich, als könnte sie denken wie Usain Bolt sprinten. Wie die Weltmeisterschaft wohl gelaufen wäre, hätte sich die Spielmacherin von Olympique Lyon nicht direkt im Auftaktspiel gegen China den Zeh gebrochen? Fragt man sich das nach einer Galavorstellung von ihr wie gegen England als Trainerin? Martina Voss-Tecklenburg nickte bei der Frage anfangs noch ganz vehement, um dann aber doch zu sagen: "Ich will nicht über die Vergangenheit nachdenken." Sie sagte aber auch: "Wenn sie in Topform ist, gibt sie dem Team eine enorme Sicherheit. Wir brauchen sie."

Auch neben dem Platz wird Dzsenifer Marozsán gebraucht. Natürlich ist sie nicht das einzige Zugpferd dieser Mannschaft, aber wegen ihrer Tricks gehen Menschen ins Fußballstadion. Und die vielleicht beste Spielerin der Welt in den eigenen Reihen zu haben? Das muss sich doch irgendwie vermarkten lassen.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Jahresangabe des Olympia-Finales in London korrigiert.

insgesamt 60 Beiträge
frank_w_abagnale 10.11.2019
1.
In den englischen Medien steht zu lesen, dass der Eintritt frei war. Steht hier nicht. Das relativiert aber alles. Ein Produkt, das verschenkt werden muss, um akzeptiert zu werden, taugt nicht viel.
In den englischen Medien steht zu lesen, dass der Eintritt frei war. Steht hier nicht. Das relativiert aber alles. Ein Produkt, das verschenkt werden muss, um akzeptiert zu werden, taugt nicht viel.
philipp.zuerich 10.11.2019
2.
Quasi geschenkte Tickets in einer Millionenstadt. Klar kommen da ein paar Leute. Samstagabendevent halt. Gab es bei Raabs Autoball und Woc WM auch. Trotzdem hat sich am Montag danach keiner mehr dafür interessiert.
Quasi geschenkte Tickets in einer Millionenstadt. Klar kommen da ein paar Leute. Samstagabendevent halt. Gab es bei Raabs Autoball und Woc WM auch. Trotzdem hat sich am Montag danach keiner mehr dafür interessiert.
Aber hallo 10.11.2019
3. Ticketpreise
In dem ganzen Beitrag wird nicht erwähnt ob der Eintritt frei war, ich lehne mich jetzt einfach mach mal aus dem Fenster und sage, dass es keinen, oder einen sehr geringen, Eintritt gab. Ich würde niemals für ein [...]
In dem ganzen Beitrag wird nicht erwähnt ob der Eintritt frei war, ich lehne mich jetzt einfach mach mal aus dem Fenster und sage, dass es keinen, oder einen sehr geringen, Eintritt gab. Ich würde niemals für ein Frauenfußballspiel zahlen, aber für ein Spiel im Wembley, welches man umsonst ansehen kann... Immer her damit!
ForistGump2 10.11.2019
4. Die Botschaft ist:
Für etwa 1,50 Euro für alle Kinder und etwa 15 Euro für die besseren Ränge kriegt man in einer 9-Millonen-Stadt jedes Stadion voll.
Für etwa 1,50 Euro für alle Kinder und etwa 15 Euro für die besseren Ränge kriegt man in einer 9-Millonen-Stadt jedes Stadion voll.
papelbon 10.11.2019
5.
Der Spiegel und die "öffentlich rechtlichen" Medien versuchen aus rein ideologischen Gründen, den Frauenfußball als gleichwertig hinzustellen. Er ist es nicht und wird es nie sein.
Der Spiegel und die "öffentlich rechtlichen" Medien versuchen aus rein ideologischen Gründen, den Frauenfußball als gleichwertig hinzustellen. Er ist es nicht und wird es nie sein.

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