Sport

Integration im Fußball

Was Deutschland von Frankreich lernen kann

Erfolgreiche Klubs, steigende Zuschauerzahlen - es läuft beim Fußball der Frauen in Frankreich deutlich besser als in Deutschland. Ein wichtiger Faktor: gelungene Integration.

Alex Grimm/ Getty Images

Lea Schüller (l.) im Duell mit Sakina Karchaoui

Von und
Samstag, 08.06.2019   13:24 Uhr

Fatmire "Lira" Alushi zählt zu den besten Spielerinnen, die Deutschland je hervorgebracht hat. Die 31-Jährige war Welt- und zweifache Europameisterin, hat die Champions League gewonnen, wurde 2010 Dritte bei der Wahl zur Weltfußballerin und 2011 Deutschlands Fußballerin des Jahres. Am Freitag begleitete sie TV-Expertin im ZDF das WM-Eröffnungsspiel zwischen Frankreich und Südkorea. Ihre Erfolge sind nochmal beeindruckender, wenn man ihren Lebensweg kennt.

Alushi wurde im Kosovo geboren, floh als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland. An die Fußballkarriere ihrer Tochter war bei der Familie Bajramaj, wie Alushi vor ihrer Hochzeit mit dem Fußballer Enis Alushi hieß, nicht zu denken. "Wir kamen als Flüchtlinge, mussten uns erst etwas aufbauen", sagt sie dem SPIEGEL über ihre ersten Jahre in Remscheid. "Es war keine Zeit und kein Geld da, um die Kinder zum Training zu fahren."

Sie schaffte es trotzdem und debütierte 2005 als erste muslimische Spielerin in der A-Nationalmannschaft. Die Geschichte der Auswahl ist bisher arm an Spielerinnen mit Migrationshintergrund. Im aktuellen WM-Kader der DFB-Frauen stehen mit der Halb-Belgierin Kathrin Hendrich, der in Ungarn geborenen Dzsenifer Marozsán und Sara Doorsoun, deren Eltern aus der Türkei und Iran stammen, lediglich drei Spielerinnen mit Migrationshintergrund. Es zeigt ein strukturelles Problem, das nicht auf den Fußball beschränkt ist.

Jan Woitas/ DPA

Die deutschen Spielerinnen bejubeln ein Tor

"Mädchen mit Migrationshintergrund sind im organisierten Sport massiv unterrepräsentiert", sagt Gitta Axmann von der Deutschen Sporthochschule Köln und verweist auf eine Studie des Deutschen Olympischen Sportbunds aus dem Jahr 2013. Diese zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wenn es um sportliche Aktivität geht.

"Ich durfte damals nicht spielen"

Besonders ausgeprägt ist dies laut der Studie in der türkischen Community, der zahlenmäßig größten in Deutschland. "Oft kommen türkische Mädchen erst über die Schule mit Sport in Kontakt", sagt Axmann. Laut der DOSB-Studie betreiben fast zwei Drittel aller Mädchen ohne Migrationshintergrund zwischen 13 und 17 Jahren organisierten Sport. Zum Vergleich: Nicht mal ein Fünftel der türkischen Mädchen in der gleichen Altersgruppe sind in Sportvereinen aktiv. Auch andere Gruppen weisen ähnliche Diskrepanz zwischen den Geschlechtern auf.

"Ich durfte damals nicht spielen", sagt Alushi über ihre Kindheit. "Fußball ist ein Sport für Männer. So haben damals mein Vater, mein Großvater und mein Onkel gedacht." Sie habe verheimlicht, dass sie Fußball spiele. Als sie die ersten Erfolge vorweisen konnte, akzeptierte ihr Vater ihr Hobby. "Wir sind modern aufgewachsen. Für viele, die Religion strenger nehmen, ist das schwieriger. Die traditionellen Rollenbilder haben große Bedeutung", sagt Alushi.

Petr David Josek / AP

Von 2005 bis 2015 erzielte Alushi in 79 Einsätzen für Deutschland 18 Tore

Ihr Weg stieß Diskussionen an: "Für viele andere Muslime hat das Fragen aufgeworfen: Kriegt sie gar keine Probleme mit der Familie?", erzählt Alushi. Sie habe sich gefreut, dass viele sie als Vorbild gesehen haben. Auch Axmann hebt die Bedeutung von erfolgreichen Idolen hervor. "Es braucht Vorbilder für Mädchen, die ihnen sagen, dass sie auch Bundeskanzlerin werden können. Das Gleiche gilt für den Sport", sagt sie.

Alushi ist nicht in Deutschland geboren, hat es also als Migrantin der ersten Generation in die Nationalmannschaft geschafft. Eine bemerkenswerte Ausnahme, wie Axmann sagt. Meist dauere es bis zur dritten Generation, bis Eltern die Ambitionen ihrer Töchter nicht nur akzeptieren, sondern aktiv zu fördern beginnen. Laut der Forscherin eine Voraussetzung, um es auf ein professionelles Niveau zu schaffen: "Wenn jemand Leistungssport machen will, muss die Familie dahinterstehen und bereit sein, die Wochenenden auf Sportplätzen zu verbringen."

"Bei den Jungs ist es ein Geschäft, bei uns eher Hobby"

Eine Beobachtung, die auch Felix Karch teilt. Er trainiert beim Hamburger SV die U17-Mädchenmannschaft, die in der Bundesliga Nord/Nordost spielt. Um dort anzukommen, sagt Karch, müssten die Spielerinnen bereits jahrelang Unterstützung von der Familie bekommen haben. Die finanzielle Belastung durch Beiträge und Ausrüstung könnte teilweise durch Verbände und Vereine abgefedert werden, sagt Karch. Es sei jedoch vorgekommen, dass gerade für Migrantenfamilien die Kosten für Fahrten zu Spielen und Trainingseinheiten zu hoch waren.

Die Mädchenteams des HSV trainieren bis zu viermal in der Woche, hinzu kommen für viele Spielerinnen Einsätze in Auswahlteams, an Wochenenden stehen Reisen zu Punktspielen von Meppen bis Neubrandenburg an. Auch die zeitliche Belastung durch Fahrdienste ist für Eltern nicht unerheblich.

In den jungen Jahrgängen der Nachwuchsteams des HSV schätzt Karch den Anteil von Spielerinnen mit Migrationshintergrund auf über 50 Prozent. Ein Wert, der mit zunehmenden Alter stetig abnimmt. Ein großes Problem sei die fehlende finanzielle Perspektive, selbst wenn das Talent für den Profibereich reichen würde. Karchs Co-Trainerin Kim Falter sagt: "Bei den Jungs ist es ein Geschäft, bei uns eher Hobby, auch wenn wir in der Bundesliga spielen." Sie betreut seit vielen Jahren Mädchenteams und beobachtet immer wieder, dass an Vorbildern fehlt, die vom Fußball leben können. Vereinzelt gebe es sie aber doch: "Unsere Spielerin Beyza, die türkischer Abstammung ist, himmelt Dszenifer Marozsán an."

Maja Hitij / Getty Images

Dszenifer Maroszán wurde 2017 und 2018 zu Deutschlands Fußballerin des Jahres gewählt

Frankreich als Vorbild

Marozsán ist einer der Stars bei Olympique Lyon, mit dem sie zuletzt dreimal in Folge die Uefa Women's Champions League gewann. "Der Fußball der Frauen steht dort mehr im Fokus und den Spielerinnen wird auch mehr gezahlt als in Deutschland", sagt Alushi, die zeitweise bei Paris Saint-Germain spielte und 2016 ihre Karriere beendete.

In Frankreich ist nicht nur der Vereinsfußball professioneller, auch der Anteil an Spielerinnen mit Migrationshintergrund im französischen Nationalkader ist deutlich höher. "Junge Mädchen erkennen darin eine Perspektive", sagt Alushi und verweist darauf, dass es diesen Trend beim aktuellen WM-Gastgeber bereits seit längerer Zeit gibt: "Spielerinnen mit Migrationshintergrund haben viel mehr Vorbilder: Louisa Nécib, Amel Majri, Kheira Hamraoui - alles muslimische Spielerinnen."

Franck Fife / AFP

Frankreichs WM-Kader

Ein wichtiger Unterschied liegt laut Forscherin Axmann in den unterschiedlichen Schulsystemen. Die Ganztagsschule führe in Frankreich unweigerlich dazu, dass Kinder und Jugendliche Sport machen. "Schule ist der Ort, wo alles passiert. Auch die Kinder mit Migrationshintergrund müssen irgendeinen Sport machen." Das sei besonders für Mädchen, die in ihrer Freizeit keinen Sport machen dürfen, eine Chance, denn "wenn es im Rahmen der Schule ist, ist es im Rahmen der Schule und damit Pflicht. Das wird auch von den Eltern nicht diskutiert".

In Deutschland sieht Axmann eine Chance in einer verstärkten Kooperation vom Offenen Ganztag in den Schulen und Sportvereinen. Auch eigenethnische Vereine, die etwa in der türkischen oder italienischen Community entstanden sind, könnten helfen, kulturelle und sprachliche Barrieren abzubauen. Zudem sei es wichtig, Aufklärungsarbeit zu betreiben, und "den Eltern zu zeigen, dass es ihren Kindern guttut und sie Spaß daran haben".

Lira Alushi fordert von Mädchen, "für ihren Traum zu kämpfen, ihre Eltern zu überzeugen". Sie berichtet über vermehrt positive Erfahrungen: "Auf mich kommen immer wieder ausländische Eltern zu und sagen mir, dass mein Weg ein Vorbild für ihre Kinder ist. Dass sie auch mit Kopftuch Fußball spielen können, wenn sie daran Spaß haben."

insgesamt 1 Beitrag
Bergbauernbua 08.06.2019
1. Deutschland muss nichts lernen.
Wenn ich viele französsiche Spielerinnen sehe, frag eich mich ob das Damen sind, es tut mir leid, aber hier sollten Testosterontests durchgeführt werden. Bei unseren Damen weiß ich das sind Fußballerinnen!
Wenn ich viele französsiche Spielerinnen sehe, frag eich mich ob das Damen sind, es tut mir leid, aber hier sollten Testosterontests durchgeführt werden. Bei unseren Damen weiß ich das sind Fußballerinnen!

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