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Niederlande-Star Martens nach Sieg über Japan

Schrei der Befreiung

Lieke Martens ist Europas populärste Fußballerin, vor allem auf ihr ruhen Niederlandes Hoffnungen bei der WM. Es schien, als sei das zu viel Druck, das Turnier verlief für sie enttäuschend. Bis jetzt.

Lucy Nicholson / REUTERS

Lieke Martens nach ihrem zweiten Treffer

Aus Rennes berichtet
Mittwoch, 26.06.2019   11:14 Uhr

Eigentlich hatte dieses Duell keinen Verlierer verdient. Niederlande gegen Japan, das war ein Höhepunkt bei dieser Fußballweltmeisterschaft in Frankreich. Ein dramatisches Achtelfinale, mit schön herausgespielten Torchancen und zahlreichen Wendungen, geprägt von Taktik und Technik. Für die Zuschauer in Rennes war dieses Duell traumhaft anzusehen, und vielleicht passt es zur Erzählung dieser Partie ganz gut, dass auch ein Traum über den Ausgang dieser Partie mitentschieden hat - und darüber, dass Lieke Martens der wichtigste Moment gehörte.

Aber einen Schritt zurück. Dank eines Treffers in der 90. Minute setzten sich die Niederländerinnen 2:1 (1:1) gegen Japan durch. Im WM-Viertelfinale stehen nun sieben europäische Länder und die USA. Europa dominiert diese WM, und Martens, eine der besten europäischen Spielerinnen, war im Duell gegen Japan mit ihren beiden Toren (17. und 90. Minute) die Matchwinnerin. Für die Weltfußballerin von 2017 dürfte dieser Abend wie eine Befreiung gewirkt haben, denn bislang war das Turnier an ihr vorbeigelaufen. In der Vorrunde blieb die 26-Jährige ohne Torbeteiligung, und weil sie das Gesicht des Teams ist, fragten die ersten niederländischen Tageszeitungen bereits: "Wo ist ihre Magie geblieben?"

Martens antwortete mit einem Schrei, einem Torjubel, der ansteckend wirkte. Als die Spielerin des FC Barcelona den Sieg per verwandeltem Elfmeter perfekt gemacht hatte, stürmte sie mit ihren Teamkolleginnen zur Ersatzbank. Man ahnte, wie intensiv dieses Duell gegen starke Japanerinnen gewesen sein muss, dass von ihnen die Last abgefallen ist, als Europameister früh zu scheitern, so euphorisch jubelten die Niederländerinnen.

AP

Niederländerinnen beim Torjubel

Am Ende war nicht nur der verwandelte Elfmeter Thema, sondern vor allem, dass Martens den Elfmeter überhaupt ausführte. Normalerweise ist Sherida Spitse dafür vorgesehen, doch für sie sei klar gewesen, dass der Moment ihrer Teamkollegin gehören muss. "Wir sind ein Team, jeder ist für unseren Erfolg wichtig. Aber wir brauchen natürlich auch Lieke. Sie kann mit ihren Aktionen Spiele entscheiden", sagte Spitse, und irgendwann erzählte die Rekordnationalspielerin der Niederlande (166 Länderspiele) von einem Gedanken, der sie schon die Tage zuvor beschäftigt habe.

"Ich träumte davon, Lieke in so einem Moment den Ball beim Elfmeter zu überlassen." Um der angeschlagenen Teamkollegin Selbstvertrauen zu schenken? "Nein, weil ich wusste, wenn Lieke schießt, gewinnen wir." Dieses Vertrauen hatte sich Martens spätestens als beste Spielerin des Turniers beim EM-Sieg 2017 erarbeitet.

"Ich habe zwei schwächere Spiele gemacht"

Auch Martens selbst sprach später über die Elfmeterszene, die ausgerechnet von der bis dahin überragenden Saki Kumagai verursacht worden war, die den Ball aus kurzer Distanz an den Arm bekam. Martens sagte, für sie sei klar gewesen: Sie muss schießen. Sie habe sich gut gefühlt und sei dankbar, dass Spitse ihr den Ball übergeben habe. Es klang so, als habe sie diesen Moment gebraucht, um endlich anzukommen bei der WM, noch deutlicher kam aber der Glaube an die eigene Stärke heraus. "Ich bin ehrlich: Ich habe zwei schwächere Spiele gemacht. Dann bekommst du etwas Kritik, aber das gehört zum Job", sagte sie nach Abpfiff im TV-Interview: "Ich bin froh, dass ich heute gezeigt habe, was ich kann."

Doch ihren eigentlichen Zauber bekam man auch gegen Japan nur teilweise zu sehen. Martens ist eine Spielerin mit Tempo, sie hat einen starken ersten Ballkontakt, Dribblings sind ihre Stärke, das Eins-gegen-Eins ist ihr bester Zaubertrick. Doch wie das so ist mit Zaubertricks: Irgendwann werden sie entschlüsselt.

Wenn Martens den Ball bekam, zog sie meist gleich drei Japanerinnen auf sich. Das schafft normalerweise Platz für die Mitspielerinnen, doch Martens dribbelt manchmal zu gerne und verpasst darüber das schnelle Abspiel. Das Problem: Zu viele ihrer Dribblings misslangen diesmal, oft musste Martens den Angriff auch vorzeitig abbrechen und einen Pass zurück in die eigene Hälfte spielen. Dass das niederländische Spiel ruckelt und das Weiterkommen angesichts mehrerer ungenutzter japanischer Großchancen etwas glücklich war, liegt auch an erwartbaren Angriffen über Martens.

Halb mit Außenrist, halb mit Hacke

Wie wichtig Martens für das Nationalteam sein kann, zeigte sie aber trotzdem, auch bei ihrem Traumtor zum 1:0. Bei einem Eckball lief sie zum ersten Pfosten, der Ball landete bei ihr, eine offenbar einstudierte Variante. Halb mit dem Außenrist, halb mit der Hacke verlängerte sie die Hereingabe durch die Beine von Japans Yuika Sugasawa ins Tor. Dieser Zaubertrick war gelungen.

Die Niederlande sind ein sehr junges Team, es ist erst die zweite WM-Teilnahme des Landes nach 2015. Trotzdem sind die Erwartungen an die Europameisterinnen enorm. Martens nimmt mit ihrem Talent eine besondere Rolle in diesem Gebilde ein und lenkt die Aufmerksamkeit auf sich. Über eine Million Menschen folgen ihr in den sozialen Netzwerken, keine andere europäische Fußballerin hat eine größere Fangemeinde im Internet.

Die aufregende Fußballerin Martens ist auch einer der Gründe, warum aktuell Tausende Fans in Orange durch die Straßen Frankreichs ziehen und die Spiele besuchen. Sie ist einer der Gründe, warum der niederländische Fußballverband gerade beschlossen hat, dass die Frauen bis 2023 so hohe Prämien erhalten sollen wie die Männer. Martens ist der Grund, warum die Niederländerinnen weiter auf den WM-Titel hoffen. Im Viertelfinale wartet nun das defensivstarke Italien. Auch dieser Gegner wird sich auf Martens gut einstellen.

Niederlande - Japan 2:1 (1:1)
1:0 Martens (17.)
1:1 Hasegawa (43.)
2:1 Martens (90.)
Niederlande: van Veenendaal - van Lunteren, van der Gragt, Bloodworth, van Dongen (85. van Es) - Groenen, van de Donk (87. Roord), Spitse - van de Sanden (68. Beerensteyn), Miedema, Martens
Japan: Yamashita - Shimizu, Kumagai, Ichise, Sameshima - Miura, Sugita - Nakajima (72. Momiki), Hasegawa - Sugasawa, Iwabuchi (90.+1 Takarada)
Gelbe Karten: Kumagai
Schiedsrichterin: Borjas (Honduras)
Zuschauer: 21.076

insgesamt 15 Beiträge
skeptikerjörg 26.06.2019
1. Keinen Verlierer verdient?
Komische Ansicht und ziemlich durch eine Oranje-Brille gesehen. Aber sei's drum. Das Spiel hätte einen klaren Sieger verdient, und der hieß Japan. Spielerisch, taktisch und hinsichtlich Torchancen waren die Japanerinnen so [...]
Komische Ansicht und ziemlich durch eine Oranje-Brille gesehen. Aber sei's drum. Das Spiel hätte einen klaren Sieger verdient, und der hieß Japan. Spielerisch, taktisch und hinsichtlich Torchancen waren die Japanerinnen so überlegen, dass man nicht mal von Augenhöhe reden kann. Pech im Abschluss, zu schlechte Chancennutzung und ein zwar nach der neuen Regel korrekter, aber an sich völlig widersinniger Strafstoß verhinderten den Sieg der Japanerinnen. Okay, Fußball ist ein Ergebnissport und die Niederländerinnen haben ein Tor mehr. Das ist aber schon alles und kein Anlass für Lobeshymen; sie standen mit dem Rücken zur Wand und hatten keine Mittel gegen starke Japanerinnen. Soviel Wahrheit muss möglich sein - selbst wenn man Oranje-Fan ist wie der Autor.
mwroer 26.06.2019
2.
Egal wie viele Torchancen man hat - man muss sie eben auch nutzen, auch das gehört zum Spiel: Der Abschluss. Das der Autor Oranje-Fan ist bezweifele ich allerdings :) Vielleicht hat er ne Schwäche für Lieke aber das ist [...]
Zitat von skeptikerjörgKomische Ansicht und ziemlich durch eine Oranje-Brille gesehen. Aber sei's drum. Das Spiel hätte einen klaren Sieger verdient, und der hieß Japan. Spielerisch, taktisch und hinsichtlich Torchancen waren die Japanerinnen so überlegen, dass man nicht mal von Augenhöhe reden kann. Pech im Abschluss, zu schlechte Chancennutzung und ein zwar nach der neuen Regel korrekter, aber an sich völlig widersinniger Strafstoß verhinderten den Sieg der Japanerinnen. Okay, Fußball ist ein Ergebnissport und die Niederländerinnen haben ein Tor mehr. Das ist aber schon alles und kein Anlass für Lobeshymen; sie standen mit dem Rücken zur Wand und hatten keine Mittel gegen starke Japanerinnen. Soviel Wahrheit muss möglich sein - selbst wenn man Oranje-Fan ist wie der Autor.
Egal wie viele Torchancen man hat - man muss sie eben auch nutzen, auch das gehört zum Spiel: Der Abschluss. Das der Autor Oranje-Fan ist bezweifele ich allerdings :) Vielleicht hat er ne Schwäche für Lieke aber das ist verständlich, tolle Frau auch abseits des Platzes. viele Grüße aus den Niederlanden
purplehaze 26.06.2019
3. Regel
Stimmt, sehr durch die Oranje Brille gesehen. Zum Spiel ist alles geschrieben. Aber zur Regel. Warum fängt man nicht an im Strafraum auf den Gegner zu zielen? Die Chance einen Arm zu treffen und einen Elfer zu bekommen ist [...]
Stimmt, sehr durch die Oranje Brille gesehen. Zum Spiel ist alles geschrieben. Aber zur Regel. Warum fängt man nicht an im Strafraum auf den Gegner zu zielen? Die Chance einen Arm zu treffen und einen Elfer zu bekommen ist höher als ein Tor zu erzielen.
m.s.schneider 26.06.2019
4.
Keine Ahnung, welches Spiel der Autor gesehen hat. In dem Spiel, das auf meinem Fernseher lief, wurden die Holländerinnen in allen Belangen an die Wand gespielt, technisch, läuferisch, und überhaupt. Der Elfer war korrekt [...]
Keine Ahnung, welches Spiel der Autor gesehen hat. In dem Spiel, das auf meinem Fernseher lief, wurden die Holländerinnen in allen Belangen an die Wand gespielt, technisch, läuferisch, und überhaupt. Der Elfer war korrekt gegeben, aber mir wär's doch ein bisschen peinlich gewesen und das Jubeln wäre dezenter ausgefallen.
bommerlunder 26.06.2019
5. Kein Handspiel
Nach den (neuen und alten) Regeln war das kein Handspiel. Es war weder absichtlich, noch unnatürlich noch war der Arm oben. Im Gegenteil, die Spielerin hat den Arm weggezogen und wurde aus kürzester Distanz ganz nah am Körper [...]
Nach den (neuen und alten) Regeln war das kein Handspiel. Es war weder absichtlich, noch unnatürlich noch war der Arm oben. Im Gegenteil, die Spielerin hat den Arm weggezogen und wurde aus kürzester Distanz ganz nah am Körper am Arm getroffen. Die Schiedsrichterin hat da leider versagt und eine WM damit falsch entschieden, traurig. Wäre das ein Handspiel, würde man im Strafraum nur noch auf den Bauch und Arme zielen, nicht mehr aufs Tor.

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