Sport

Sam Kerr und Australiens WM-Aus

Erst am VAR verzweifelt - dann an sich selbst

Es war eines der packendsten Spiele dieser WM: Beim Aus im Elfmeterschießen wurde Australiens Superstar Sam Kerr zur tragischen Figur - und Norwegens Caroline Graham Hansen zur Heldin.

Jean-Paul Pelissier / REUTERS

Australiens Sam Kerr nach dem Achtelfinalaus gegen Norwegen

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Sonntag, 23.06.2019   09:35 Uhr

Tragische Figur: Es ist keine Woche her, da war Samantha Kerr eine Heldin. Mit vier Toren in einem Spiel hatte sie Australien gegen Jamaika ins Achtelfinale der WM geschossen. Mit dem Scheitern dort ist der Name Sam Kerr jetzt allerdings ebenfalls verbunden. Kerr, 25, vergab im Elfmeterschießen den ersten Versuch, und zwar deutlich. Kurz darauf war Australien raus, Norwegen steht im Viertelfinale.

Das Ergebnis: 5:2 gewann Norwegen nach Elfmeterschießen, nach 90 und 120 Minuten hatte es 1:1 gestanden. Hier geht's zum Spielbericht.

Die erste Hälfte: Schon nach 27 Sekunden hätte Kerr fast die Führung erzielt. Nach Vorarbeit von Caitlin Foord zog sie flach Richtung linkes Toreck ab, der Ball landete jedoch am Außennetz. Offensiv sollte es weitergehen, vor allem die Norwegerinnen stellten die australische Defensive immer wieder vor Probleme. In der 31. Minute erzielte Isabell Herlovsen das 1:0. Nach einem langen Ball von Saevik lief Herlovsen ihrer Bewacherin davon und schloss überlegt und flach ins kurze Eck ab. In der 42. Minute schien Australien dem Ausgleich nahe. Doch daraus wurde nichts. Und wieder litt darunter Sam Kerr.

Jean-Paul Pelissier / REUTERS

Jubelnde Norwegerinnen nach dem Spiel

VAR des Spiels: Die 42. Minute, Kerr stand am Elfmeterpunkt, bereit, Australien zum 1:1 zu schießen. Doch ehe sie anlaufen durfte, verging Sekunde um Sekunde. Dann schritt die deutsche Schiedsrichterin Riem Hussein zum TV-Bildschirm - und nahm ihre Handelfmeter-Entscheidung zurück. Was war geschehen? Norwegens Maria Thorisdottir hatte eine Hereingabe abgewehrt - ob mit Brust, Oberarm oder Schulter, das war nicht eindeutig zu sagen. Lieber kein Elfmeter als ein strittiger Elfmeter, dachte sich dann das Schiedsrichtergespann.

Die zweite Hälfte: Beide Teams erspielten sich gute Chancen. Im Verlauf des zweiten Abschnitts wirkte Australien gefährlicher, auch weil die Norwegerinnen müde schienen. Kurz vor Schluss erzwangen die Matildas dann doch den Ausgleich - und wie.

Ecke des Spiels (und des Turniers): Mit einem Mario-Basler-Gedächtnis-Tor traf Australiens Ellise Kellond-Knight zum 1:1. Linksfuß Kellond-Knight brachte die Ecke von rechts halbhoch und mit Effet und in die Mitte. Dort verpassten alle Mit- und Gegenspielerinnen den Ball, der sich nach einmaligem Aufsetzen ins lange Eck drehte.

Die Verlängerung: In der 105. Minute sah Alanna Kennedy glatt Rot, nachdem sie als letzte Verteidigerin die eingewechselte Lisa-Marie Utland festgehalten hatte. Schiedsrichterin Hussein entschied nach Absprache mit Videoassistent Felix Zwayer auf Notbremse und Platzverweis - wieder eine strittige Entscheidung. Ob Utland den Ball vor Australiens Torhüterin Lydia Williams erreicht hätte, schien unklar. Norwegen drängte in Überzahl auf das Siegtor, mehr als ein Lattentreffer von Vilde Bøe Risa sprang aber nicht heraus (106.).

Das Elfmeterschießen: Kerr und Emily Gielnek vergaben gleich die ersten beiden Elfmeter für Australien, alle anderen Schützinnen trafen vom Punkt. Das war's.

Eric Gaillard / REUTERS

Caroline Graham Hansen (l.): Nicht zu stoppen

Spielerin des Spiels: War Caroline Graham Hansen. Die 24-Jährige war an fast allen Angriffen ihres Teams beteiligt. Sie zog meist mehrere Gegenspielerinnen auf sich, legte Chancen auf und kam immer wieder selbst zum Abschluss. Zudem übernahm sie Verantwortung und verwandelte den ersten Elfmeter. Mit ihrer Wucht und ihren Dribblings sorgte sie für eine der auffälligsten Einzelleistungen dieses Turniers. Graham Hansen spielte fünf Jahre beim VfL Wolfsburg, nun wechselt sie nach Barcelona. Sie wird der Bundesliga fehlen.

Und jetzt? Im Viertelfinale bekommen es die Norwegerinnen mit dem Sieger der Partie England gegen Kamerun zu tun, also entweder mit den "Drei Löwinnen" oder den "Unbeugsamen Löwinnen". Da haben die Norwegerinnen, Spitzname: Die Grashüpfer, gute Chancen auf den Sprung ins Halbfinale.

Norwegen - Australien 5:2 (1:1, 1:0) n.E.
1:0 Herlovsen (31.)
1:1 Kellond-Knight (83.)
Elfmeterschießen:
1:0 Graham Hansen
Kerr verschießt
2:0 Reiten
Gielnik verschießt
3:0 Mjelde
3:1 Catley
4:1 Engen
Norwegen: Hjelmseth - Moe Wold (102. Hansen), Mjelde, Thorisdottir, Minde - Saevik (72. Maanum), Bøe Risa, Engen, Reiten - Graham Hansen, Herlovsen (77. Utland) Australien: Williams - Carpenter (120. Harrison), Kennedy, Catley, Kellond-Knight (94. Polkinghorne) - Logarzo, Van Egmond (116. Roestbakken), Yallop - Raso (74. Gielnik), Kerr, Foord
Schiedsrichterin: Hussein (Deutschland)
Gelbe Karten: Minde, Utland, Bøe Risa / -
Rote Karte: Kennedy (104.)
Zuschauer: 12.229

insgesamt 25 Beiträge
DorianH 23.06.2019
1.
Warum ist eine weitere strittige Enttscheidung hier unter den Tisch gefallen? Etwa in der 85. Minute wurde eine Australierin im gegnerischen Strafraum klar gefoult. Auch nach "Überprüfung" ohne Folgen. Manchmal fragt [...]
Warum ist eine weitere strittige Enttscheidung hier unter den Tisch gefallen? Etwa in der 85. Minute wurde eine Australierin im gegnerischen Strafraum klar gefoult. Auch nach "Überprüfung" ohne Folgen. Manchmal fragt man sich schon, womit so manche Schiris bzw. VAR eigentlich hinschauen. Mit den Hühneraugen?
hausfeen 23.06.2019
2. Zwei klare Elfmeter wurden Australien verweigert.
Trotz Videobeweis und Superslowmotion. Es liegt nicht an der Technik, sondern am Menschen, der eben fehlerhaft interpretiert. Den Norwegerinnen wurde gerade mal eine berrechtigte Ecke nicht gegeben. Im Spiel hätten die [...]
Trotz Videobeweis und Superslowmotion. Es liegt nicht an der Technik, sondern am Menschen, der eben fehlerhaft interpretiert. Den Norwegerinnen wurde gerade mal eine berrechtigte Ecke nicht gegeben. Im Spiel hätten die Australia-Girls bestimmt nicht bede Elfer vergeigt. Am Ende war es wohl die Frustration, die Demütigung, die sie versagen ließen. Man sah es in ihren Gesichtern.
Orthoklas 23.06.2019
3.
Mehr durch Zufall als absichtlich habe ich das Spiel ab der 80. geschaut. Man kann über Frauen-Fußball sagen, was man will, aber es war wirklich spannend. Zwei Teams auf Augenhöhe haben sich einen tollen Fight geliefert!
Mehr durch Zufall als absichtlich habe ich das Spiel ab der 80. geschaut. Man kann über Frauen-Fußball sagen, was man will, aber es war wirklich spannend. Zwei Teams auf Augenhöhe haben sich einen tollen Fight geliefert!
blue_surfer77 23.06.2019
4. Meine diversen Anmerkungen zum Thema
Einige Entscheidungen waren strittig, vielleicht sogar ungerecht. Aber: Wer in so einem WM-Spiel gewinnen will, der muss es auch schaffen, trotz und gegen Fehlentscheidungen zu gewinnen. Grundsätzlich zum VAR: Scheint grober [...]
Einige Entscheidungen waren strittig, vielleicht sogar ungerecht. Aber: Wer in so einem WM-Spiel gewinnen will, der muss es auch schaffen, trotz und gegen Fehlentscheidungen zu gewinnen. Grundsätzlich zum VAR: Scheint grober Unfug zu sein, insbesondere, wenn sich die VARs eine Szene tausendmal ansehen, und dann doch eine fragwürdige Entscheidung treffen. Dann kann man es genausogut bei den ebenfalls gelegentlich fragwürdigen "Tatsachenentscheidungen" des Feld-Schiedsrichters belassen. Das Schlimmste aber: Die z. T. extrem langen Wartezeiten, die den Spielfluss total behindern. Zumindest muss man die Kontrollzeit auf max. 1 Minute begrenzen. – Auch sollte zwischen VAR und Schiedsrichter nicht endlos diskutiert werden, sondern SOFORT die Anweisung kommen: Sieh dir das selber auf dem Monitor an! Und entscheide dann. Und noch was: Der sich diese unsinnige neue Handspiel-Regel ausgedacht hat, muss ja wirklich ein Hirni sein, der noch nie Fußball gespielt hat. Ansonsten: ein Klasse-Spiel gestern. Übrigens, ich würde gern mal ein Spiel Frauen (Top-Mannschaft) gegen Männer (vielleicht 2. Bundesliga-Niveau) sehen! Und der Rest der Welt vermutlich auch.
spon-facebook-10000394802 23.06.2019
5. Australien wurde klar benachteiligt.
Erst wurde ein klares Tor nicht anerkannt. Die angeblich im Abseits stehende Spielerin hat überhaupt nicht ins Spiel eingegriffen. So war es auch bei dem deutschen Kopfballtor von Popp. Da stand auch eine deutsche Spielerin [...]
Erst wurde ein klares Tor nicht anerkannt. Die angeblich im Abseits stehende Spielerin hat überhaupt nicht ins Spiel eingegriffen. So war es auch bei dem deutschen Kopfballtor von Popp. Da stand auch eine deutsche Spielerin normalerweise im Abseits. Das Tor zählte trotzdem, weil sie nicht ins Spiel eingegriffen hat. Auch hätte Australien 2 bis 4 Elfmeter haben müssen. Und die rote Karte, eine Frechheit. Da muß man sich nur einige Spielerinnen von Nigeria ansehen, dann hat man einen guten Vergleich. Der brutale Tritt gegen das Knie der deutschen war eine klare rote Karte, aber die hatte die Schiedsrichterin wohl nicht dabei. Im Elfmeterschießen waren die Norwegerinnen aber klar besser.

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