Sport

Englands Gruppensieg

Manchmal aufregend, nie souverän

England hat das Potenzial für den WM-Titel, keine Frage. Doch selbst gegen deutlich schwächere Gegnerinnen gerät das Team immer wieder unter Druck. Wird das zum Problem?

DPA/Claude Paris

Englands Georgia Stanway (links) und Japans Kumi Yokoyama kämpfen um den Ball.

Aus Nizza berichtet
Donnerstag, 20.06.2019   07:28 Uhr

England hat alle drei Gruppenspiele bei der Fußball-WM 2019 gewonnen. Dabei musste das Team von Trainer Phil Neville nur ein Gegentor hinnehmen. Phasenweise spielten die Löwinnen begeisternden Fußball. Und doch sind sie die am schwersten einzuschätzenden Titelaspirantinnen.

Die USA werden in Normalform schwer zu schlagen sein. Die Französinnen haben die Souveränität des ersten Spiels verloren, aber den Heimvorteil auf ihrer Seite. Das deutsche Team, so man es denn zum engsten Kreis dazuzählen möchte, hat sich gesteigert und könnte das im weiteren Turnierverlauf weiter tun. England aber hat drei sehr ähnliche Spiele gezeigt - mit vielen starken Passagen, aber auch Schwierigkeiten in den Schlussphasen.

Der 2:0-Sieg gegen Japan klingt souveräner, als er letztlich war. Die Weltmeister von 2011 kamen am Ende auf mehr Torschüsse (16:14) und die eingewechselte Yuika Sugasawa hatte in der zweiten Hälfte drei große Torchancen: Englands Kapitänin Steph Houghton grätschte der Stürmerin gerade noch den Ball vom Fuß (64. Minute), nach einer Flanke von Aya Sameshima spitzelte Sugasawa den Ball knapp am Tor vorbei (83.) und als es bereits 0:2 stand, parierte Torhüterin Karen Bardsley einen Schuss der freistehenden Stürmerin (89.).

England spielt ohne Parris und Mead

Neville hatte sich nach den Erfolgen gegen Schottland (2:1) und Argentinien (1:0) dafür entschieden, seine Startelf umzubauen. Acht neue Spielerinnen brachte der englische Nationaltrainer, auf die Ersatzbank rotierten unter anderem die bisher so starken Nikita Parris, Alex Greenwood und Beth Mead. Von einer B-Elf wollte Neville jedoch nichts wissen. "Es war das stärkste Team, das am besten zu Japan passt", sagte er nach dem Spiel. "Wir haben bewusst eine kraftvolle, zweikampfstarke Mannschaft aufgestellt."

Dabei zeigten die Lionesses, dass sie in der Lage sind, verschiedene Systeme zu spielen. Ging es in den ersten beiden Spielen noch häufig über die Flügel, stärkte Neville mit Keira Walsh, der 20 Jahre alten Georgia Stanway und Rachel Daly das Zentrum. England spielte mehr lange Pässe, wagte häufiger Abschlüsse außerhalb des Strafraums und schaffte es, Japans ruhigen Spielaufbau kontinuierlich zu stören.

Genau so fiel dann auch der frühe Führungstreffer (14.). England eroberte im Mittelfeld den Ball, schaltete schnell um, und Stanway spielte in ihrem neunten Länderspiel einen tollen Pass in den Lauf von Ellen White. Die Stürmerin mit der Vorliebe für Anthony Modeste stand frei vor Torhüterin Ayaka Yamashita und lupfte den Ball an ihr vorbei über die Torlinie. Stanway spielt bei Manchester City und kann dort in der kommenden Saison noch mehr solcher Pässe auf White spielen. Sie wechselt von Birmingham zum englischen Vizemeister.

Erst verwaltet, dann die Kontrolle verloren

Mit dem Führungstor im Rücken dominierte England das Spiel. Es gab weitere Chancen, doch Jill Scott (18.), Stanway (19.), White (24.) und Daly (34.) verpassten den zweiten Treffer. Doch statt weiter konsequent die Entscheidung herbeiführen zu wollen, schaltete Nevilles Team noch vor dem Pausenpfiff in den nüchternen Verwaltungsmodus. Nach vorne ging nicht mehr viel, aber Japan schaffte es zunächst nicht, die Passivität auszunutzen.

Bis zur Einwechslung von Sugasawa (61.). Dann begann die dritte Phase in Englands Spiel: kurzzeitiger Kontrollverlust. Den hatte es so auch schon gegen Schottland gegeben, als selbst eine 2:0-Führung nicht ausreichte, um souverän zu gewinnen. Gegen Japan dauerte es bis zur 84. Minute, ehe erneut White nach einem Pass der eingewechselten Karen Carney das Tor zum Endstand erzielte und die Nerven beruhigte. "Obwohl wir unter Druck geraten sind, war es ein gutes Spiel von uns", wollte Neville keine zu kritischen Töne hören. "Wir haben wieder zu null gespielt."

England muss wie das deutsche Team noch bis zum Abend warten, ehe die Gegnerinnen für das Achtelfinale feststehen. In Valenciennes wird es am kommenden Sonntag (17.30 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen einen Tabellendritten gehen. Dann gilt es, mal ein Spiel über 90 Minuten zu dominieren.

Japan - England 0:2 (0:1)
0:1 White (14.)
0:2 White (84.)
Japan: Yamashita - Shimizu, Kumagai, Ichise, Sameshima - Nakajima, Sugita, Kobayashi (61. Miura), Endo - Yokoyama (61. Sugasawa), Iwabuchi
England: Bardsley - Bronze, Houghton, Bright, Stokes- Walsh (72. Moore), Scott, Stanway (74. Carney) - Daly, White, Duggan (83. Parris)
Schiedsrichterin: Claudia Umpierrez (Uruguay)
Gelbe Karten: keine

insgesamt 1 Beitrag
pjotrmorgen 20.06.2019
1. Overrated
Das überschätzte England hat sich durch die Vorrunde geqäult mit mageren Siegen gegen unterklassige Teams - Japan stagniert in den letzten 5 Jahren. Das wird nichts mehr mit einem unkreativen Fussball ohne Spielidee. [...]
Das überschätzte England hat sich durch die Vorrunde geqäult mit mageren Siegen gegen unterklassige Teams - Japan stagniert in den letzten 5 Jahren. Das wird nichts mehr mit einem unkreativen Fussball ohne Spielidee. Spätestens im Viertelfinale ist Schluss.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP