Sport

Brasiliens Marta

Bühne für die Botschafterin

WM-Rekord-Torschützin und Kämpferin für Gleichberechtigung: Brasiliens Marta ist trotz der Suche nach ihrer Bestform ein Star dieser WM. Nun könnte es Deutschland mit ihr zu tun bekommen.

Phil Noble / REUTERS

Marta

Aus Valenciennes berichtet
Mittwoch, 19.06.2019   07:32 Uhr

Die Weltmeisterschaft hätte für Marta sehr enttäuschend enden können. Im ersten Spiel des brasilianischen Nationalteams fehlte sie verletzt. Im zweiten wurde sie ausgewechselt und musste mit ansehen, wie die Seleção gegen Australien verlor. Gegen Italien war Brasilien in der ersten Hälfte unterlegen, bei einer Niederlage hätte das Aus in der Gruppenphase gedroht. Am Ende stand ein 1:0-Sieg, dank eines Marta-Tores.

Und nun bekommt eine der besten Fußballerinnen der Geschichte noch mal die ganz große Bühne: Im Achtelfinale geht es für Brasilien gegen Gastgeber Frankreich oder gegen Deutschland.

17 Tore hat die 33 Jahre alte Offensivspielerin bei Weltmeisterschaften erzielt. Das sind drei mehr als die Zweitplatzierte Birgit Prinz und eins mehr als Miroslav Klose, der beste männliche WM-Torschütze. 2003 in den USA bestritt Marta ihr erstes WM-Spiel und prägte fortan den Fußball mit ihren Tricks, ihren Dribblings, ihrer Ballbehandlung und ihrer Abschlussstärke. Ein großer Titel blieb ihr mit Brasilien bisher verwehrt, 2007 wurde sie WM-Zweite und gewann mit ihrem Team 2004 und 2008 olympische Silbermedaillen.

Marta war aber stets viel mehr als eine Fußballerin. Sie ist, wie die ehemaligen US-Nationalspielerinnen Mia Hamm und Abby Wambach oder in der aktuellen Generation Alex Morgan, eine ausdrucksstarke Botschafterin. Marta kämpft für Gleichberechtigung, sie will Mädchen für den Fußball begeistern - und macht ihren großen Einfluss in Brasilien nicht nur mit Toren geltend.

Bei der WM trägt Marta keine Schuhe eines großen Herstellers, damit protestiert sie gegen die ungleiche Dotierung von Werbeverträgen. Gegen Italien lief sie mit einem dunkelroten Lippenstift auf. Als ihr nach dem Spiel nur sportliche Fragen gestellt wurden, und eben keine zu diesem modischen Akzent, gab sie sich ein bisschen enttäuscht.

Eigentlich war es nicht Martas Spiel

In den 83 Minuten zuvor auf dem Spielfeld wurde deutlich, dass Marta nach einer Muskelverletzung noch nicht in Bestform ist. Die bei Orlando Pride in der amerikanischen Profiliga unter Vertrag stehende Stürmerin spielt in der Seleção mittlerweile etwas zurückgezogen und kommt deshalb selbst nicht mehr in so viele Abschlusssituationen wie früher.

Gegen Italien war Marta zwischenzeitlich mehr damit beschäftigt, ihre Kapitänsbinde zu richten. Sie kommunizierte viel, ob mit ihren Mitspielerinnen oder mit Schiedsrichterin Lucila Venegas. In der 52. Minute übergab sie den Ball vor einem Freistoß an Andressinha, die mit einem sehenswerten Schuss die Latte traf. Ein paar ertraglose Tricks streute Marta auch ein, die von den 21.669 Zuschauern sofort honoriert wurden. Eigentlich war es nicht Martas Spiel.

Das war nach der Blessur auch nicht zu erwarten. "Wenn man aus einer Verletzung kommt, ist es immer etwas schwierig", sagte Marta. "Ich wurde ausgewechselt, weil wir keine Gefahr eingehen wollten." Vorher war aber noch Zeit für den spielentscheidenden Moment: Debinha, beste Brasilianerin auf dem Platz, wurde im Strafraum von Elena Linari geblockt und den anschließenden Elfmeter verwandelte Marta sicher (73. Minute). Sie braucht keine Bestform, um Spiele zu entscheiden.

Australien trifft auf Norwegen

In der engen Gruppe C entschied letztlich das Torverhältnis über den Gruppensieg. Kurioserweise war den Spielerinnen im Stade du Hainaut der Endstand des Parallelspiels nicht bekannt, denn mit dem Schlusspfiff war die Laune beim Tabellendritten Brasilien - natürlich auch beeinflusst durch den Sieg - deutlich besser als bei den Italienerinnen. Erst als das 4:1 Australiens gegen Jamaika auf der Anzeigetafel gezeigt wurde, realisierten Le Azzurre den ersten Gruppenplatz und wechselten in den Feiermodus.

Italien trifft im Achtelfinale auf Nigeria oder China und bekommt zusätzlich noch zwei Tage mehr zur Regeneration. Australien landete dank der vier Treffer von Samantha Kerr auf dem zweiten Platz und spielt nun gegen Norwegen. Und Brasilien wird sowohl gegen Frankreich als auch gegen Deutschland Außenseiter sein.

"Du kannst dir nicht aussuchen, gegen wen du spielst", sagte Marta - und man wusste nicht, wen sie damit meint.

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