Sport

USA im Halbfinale der WM

Wer soll die noch stoppen?

Die USA überrollten bislang ihre Gegner, doch gegen Frankreich ruhte die Dampfwalze um die überragende Megan Rapinoe. Der Viertelfinalsieg gegen den WM-Gastgeber war ein Zeugnis von Variabilität und Spielintelligenz.

Francois Mori / AP

Kelley O'Hara (links) jubelt mit Alex Morgan

Aus Paris berichtet
Samstag, 29.06.2019   11:05 Uhr

Im Fußball können 20 Sekunden viel über eine Mannschaft aussagen. Die US-Fußballerinnen sind das beste Team der Weltmeisterschaft in Frankreich, genau das ist die Aussage einer 20 Sekunden langen Szene aus dem Viertelfinal-Duell der USA gegen den WM-Gastgeber. Der Moment ereignete sich in der 65. Minute, einer Phase, als Frankreich drängte und dem Ausgleichstreffer näher war als der Titelverteidiger der Vorentscheidung. Aber dann kam der Befreiungsschlag, eine Antwort geprägt von hoher Spielintelligenz.

Einwurf USA in der eigenen Hälfte, Kelley O'Hara schlug den Ball lang in Richtung Alex Morgan, sie ließ ihn zurück auf Tobin Heath prallen. Es folgte ein direkter Rückpass auf Morgan, Heath sprintete direkt los bis an die Grundlinie und bekam dort den Ball von Morgan zurück. Weiter: Heath schob den Ball in den Rückraum des Strafraums zu Megan Rapinoe. Die Bahn war frei, weil Samantha Mewis in der Mitte zwei Gegenspielerinnen auf sich zog und den Ball durchließ. Und Rapinoe? Die erzielte das 2:0. Beschreibungen von Fußballszenen können zäh sein, doch diese ist es wert: Es ist ein Spielzug wie aus einem Lehrbuch, jede Spielerin wusste um ihre Aufgabe, die Abläufe waren perfekt einstudiert.

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US-Erfolg über Frankreich: Nicht zu stoppen

Dass Frankreich später noch den Anschlusstreffer durch die kopfballgewaltige Wendie Renard erzielen sollte (82. Minute), erhöhte die Dramatik dieses packenden Fußballspiels. Das ohnehin schon laute Publikum im Pariser Parc des Princes wurde nochmal lauter, das "Allez les bleues" wieder kräftiger. Doch an der Kernaussage änderte auch das Tor zum 1:2-Endstand nichts: Die US-Fußballerinnen stellen das beste Team der Welt.

Weltmeister sind sie zwar noch nicht, auch wenn man beinahe das Gefühl haben musste, als die komplette Ersatzbank mit Schlusspfiff auf das Spielfeld rannte, um den Erfolg gemeinsam zu bejubeln. "Wir haben ganz schön gefeiert. Aber wir feiern uns erst warm. Das war noch nicht der WM-Sieg", sagte US-Coach Jill Ellis.

Aber die USA sind auf einem guten Weg zur Titelverteidigung. Im Halbfinale am kommenden Dienstag wartet England (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), erneut ein starker Gegner, gegen die USA in dieser Verfassung allerdings Außenseiter.

Von der Dampfwalze zum Betonmischer

Aber um das Außergewöhnliche an den US-Amerikanerinnen zu verstehen, muss man einen Schritt zurückgehen. Erinnern Sie sich noch an das 13:0-Spektakel gegen Thailand, als die USA gar nicht müde wurden, den Gegner weiter zu demontieren? Oder an das 3:0 über Chile, als die Topstars geschont wurden und die Spielerinnen aus der zweiten Reihe mit einem tiefstehenden Gegner keine besonderen Mühen hatten?

Beides passierte bei dieser WM und ist kaum zwei Wochen her. Nun haben die US-Stars eine weitere Facette gezeigt. Sie sind nicht nur eine alle Gegner überrollende Dampfwalze, sie können auch Betonmischer, wenn es sein muss. Und bei einer Weltmeisterschaft kommt es auf beides an, auf Offensive und Defensive.

Nach dem frühen Führungstor durch Rapinoe per Freistoß (6.) sah man ein tiefstehendes US-Team, das vor allem gegen den Ball arbeitete. Die USA sind aus diesem Viertelfinale nicht ohne Probleme gegangen. Mitte der zweiten Hälfte wurde der Druck der Französinnen so groß, dass die USA auf eine Fünferkette umstellten. Frankreichs Nationaltrainerin Corinne Diacre sagte nach der Partie, zu solch einer Umstellung habe noch nie ein Gegner die USA genötigt, US-Coach Ellis bestritt diese Auffassung nicht.

Franck Fife / AFP

Das US-Starensemble

Aber die USA gingen nicht zu Boden. Und man muss sich schon fragen: Gegen welches Team sollen die US-Amerikanerinnen eigentlich scheitern, wenn nicht gegen das begeisternde Frankreich vor dieser Kulisse? Die spielerische Klasse und die Variabilität zwischen den Taktiken ist die eine Qualität. Die andere ist das enorme Selbstbewusstsein dieser Truppe. Superstar Rapinoe hatte sich in dieser Woche selbst unter Druck gesetzt, als sie eine mögliche Einladung ins Weiße Haus mit deutlichen Worten ausschlug.

Ellis lässt Mittelfeldstar Horan auf der Bank - weil sie es kann

Rapinoe ist politisch (mehr lesen Sie hier), aber die 33-Jährige ist eben auch eine großartige Fußballerin. Gegen Frankreich traf sie völlig unbeeindruckt von all dem Lärm doppelt, sie steht nun bei 14 Torbeteiligungen (acht Treffer, sechs Vorlagen) bei den vergangenen drei Weltmeisterschaften - niemand anderes hat in diesem Zeitraum mehr erreicht. Es war ihr Abend. "Die Fans waren großartig. Frankreich war großartig, wir waren es auch. Das, was wir heute geschafft haben, ist außergewöhnlich. Diesen Abend von Paris wird niemand vergessen", sagte Rapinoe nach dem Spiel und man möchte dieses Fazit unterschreiben. Die 90 Minuten im Parc des Princes waren Werbung für den Fußball der Frauen.

Aber der Abend lieferte noch eine weitere Erkenntnis. Die USA sind eben nicht nur Rapinoe oder Alex Morgan, der Stürmerstar, der gegen Frankreich in der Offensive eigentlich nur bei der Vorarbeit zum 2:0 in Erscheinung trat, und sonst viel in der Defensive mithelfen musste. Nein, das Team ist größer: Nationalcoach Ellis hatte mit Lindsey Horan eine der besten Mittelfeldspielerinnen der Welt zunächst auf der Bank gelassen, US-Journalisten hatten die Maßnahme vor Anpfiff heftig kritisiert. Nach Abpfiff sprach keiner mehr über die Personalie. Weil die USA keine elf Einzelkämpferinnen stellen, sondern mit 23 starken Spielerinnen angereist sind. "Jede kann aufs Feld, jede hilft", sagte Rapinoe, und wahrscheinlich hat sie recht.

insgesamt 34 Beiträge
Provinzposse 29.06.2019
1. Welch ein spannendes Spiel
Werbung für den Fußball. Das war die Art von Spielen, für die man sich in der Hoffnung auf was Tolles 8 Grottenkicks anschaut. Schade für die Französinnen, das schon im Viertelfinale Schluss ist.
Werbung für den Fußball. Das war die Art von Spielen, für die man sich in der Hoffnung auf was Tolles 8 Grottenkicks anschaut. Schade für die Französinnen, das schon im Viertelfinale Schluss ist.
pjotrmorgen 29.06.2019
2. Glücklich und nur halbwegs verdient
Natürlich kann der Artikelschreiber Jan Göbel nicht falsch liegen, wenn er den Sieger der Partie und amtierenden Weltmeister über den grünen Klee lobt. Früher hiess es sogar die USA würden wie ein Guardiolateam spielen. [...]
Natürlich kann der Artikelschreiber Jan Göbel nicht falsch liegen, wenn er den Sieger der Partie und amtierenden Weltmeister über den grünen Klee lobt. Früher hiess es sogar die USA würden wie ein Guardiolateam spielen. Nichts könnte falscher sein. Die USA sind ein athletisches, läuferisch und kämpferisch starkes Team, aber voller technischer Defizite. Frankreichreich war an der Zahl der Anspielstationen und Passgenauigkeit deutlich überlegen und angesichts der Chancen in der 2. HZ, wäre zunächst mal ein Unentschieden (mit Verlängerung) mehr als gerecht gewesen. 60% Ballbesitz mit 79% Passgenauigkeit zeigen die hohe Qualität des farnzösischen Spiels, bei 40% und nur 66% Passgenauigkeit der USA. Das sind unterirdische Werte für einen Weltmeister. Die USA spielten letzlich nur eine Art Kick-and-Rush einschliesslich erschrecken schneller Ballverluste. Das erste Tor war pures Glück, denn die französische Torhüterin hätte denn Ball zu 99% gehalten, wenn sie freie Sicht gehabt hätte. Was den USA besonders half, war das Nichtvergeben von gelben Karten, bei häuufigeren taktischen Fouls (11), während Frankreich für 8 Fouls immerhin 2 geleb Karten bekam- Auffällig war auch das wiederholte Ausschimpfen der Französinnen durch die Schiedsrichterin, während das den USA nicht passierte. Insgesamt war somit eine erkennbar Bevorzugung der "Supermannschaft" USA vorhanden. Tatsächlich war die Defensive der USA in der letzten Viertelstunde (nicht mehr in der verschleppten Nachspielzeit) ein einziger Hühnerhaufen und es ist ein Übermass an Glück, dass kein zweites oder gar drittes Tor für Frankreich fiel. Die Analyse von Herrn Göbel lässt viele dieser wichtigen Details aus. Doch wie gesagt, man kann nie so ganz falsch liegen, wenn man mit dem Sieger geht ...
deho0209 29.06.2019
3. Überschrift
In ein paar Jahren wird es denke ich mal anders aussehen. Denn die Amerikanerinnen sind was die professionellen Strukturen in ihrer Liga angehen, den Europäern ja noch um einiges voraus. In Europa wird seid ein paar Jahren ja [...]
In ein paar Jahren wird es denke ich mal anders aussehen. Denn die Amerikanerinnen sind was die professionellen Strukturen in ihrer Liga angehen, den Europäern ja noch um einiges voraus. In Europa wird seid ein paar Jahren ja erst richtig viel Geld in den Frauenfußball reingepumpt. Ich denke mal das in einigen Jahren viele Mannschaften mit den Amerikanerinnen auf Augenhöhe sein werden. Der DFB hatte es in den 2000er Jahren nach den WM Titeln und dem Hype der dadurch entstanden ist, einfach verpasst die Frauen BL noch ein Tick Professioneller zu gestalten.
spon_7302413 29.06.2019
4. Eine Klasse für sich.
Das Team der USA wirkt in jeder Beziehung stärker als alle anderen Teams der WM. Sie sind athletischer, robuster, ballsicherer, schneller - sowohl körperlich, wie auch geistig/mental, haben enorme Kondition und sind als Team [...]
Das Team der USA wirkt in jeder Beziehung stärker als alle anderen Teams der WM. Sie sind athletischer, robuster, ballsicherer, schneller - sowohl körperlich, wie auch geistig/mental, haben enorme Kondition und sind als Team sehr homogen besetzt. Etwas effizienter in der Verwertung der Möglichkeiten könnten sie noch werden. Wes sie stoppen will, muss erst einmal die körperlichen Voraussetzungen entwickeln, um dagegen halten zu können. Ich habe kein anderes Team gesehen, das auch nur annähernd diese kompakte Bündelung von Positivmerkmalen und Dynamik aufweist. Ich gehe daher davon aus, dass die US-Damen sich diesen WM-Titel nicht nehmen lassen werden.
kopi4 29.06.2019
5.
Tja,Trump kann die Einladung ans Team schon mal drucken bzw. Twittern. Weder England noch der Gegner im Finale wird eine Chance haben. Selbst der Videobeweis ist ein Ami, das Handspiel in der Schlußphase muß man nicht geben aber [...]
Tja,Trump kann die Einladung ans Team schon mal drucken bzw. Twittern. Weder England noch der Gegner im Finale wird eine Chance haben. Selbst der Videobeweis ist ein Ami, das Handspiel in der Schlußphase muß man nicht geben aber bei anderen (kleineren) Teams wurde,auch in diesem Turnier, schon auf den Punkt gezeigt.

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