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WM-Viertelfinale zwischen den USA und Frankreich

Kollision der Kontinentalplatten

Es war wohl das beste Spiel des Turniers - obwohl noch nicht einmal die Halbfinals gespielt sind: Das WM-Viertelfinale zwischen Titelverteidiger USA und Gastgeber Frankreich war mitreißend. Was wird bleiben?

Franck Fife / AFP

Rücken an Rücken: US-Spielerin Megan Rapinoe (hinten) im Zweikampf mit Marion Torrent

Aus Paris berichtet
Samstag, 29.06.2019   09:27 Uhr

Erlauben Sie uns eine Frage: Wo waren Sie, als der amtierende Weltmeister USA den Gastgeber Frankreich aus dem WM-Turnier geworfen hat? Nein, das ist dann vielleicht doch ein bisschen zu hoch gegriffen. Aber diese Frage können Sie beantworten: Was hat Ihnen in diesem denkwürdigen Viertelfinale am besten gefallen?

Die Geschichte von Megan Rapinoe, die sich in den vergangenen Tagen mit dem US-Präsidenten Donald Trump angelegt hatte - und dann am Freitagabend, völlig unbeeindruckt von ihrem streitbaren Kontrahenten, zwei Tore gegen Frankreich schoss?

Oder die technisch überragenden Aktionen von Frankreichs Kadidiatou Diani, die einen US-Spielerin nach der nächsten düpierte, sie reihenweise ausspielte, als ob sie Kinder wären? Die mit dem Zidane-Kreisel die Fans verzückte - und danach ins Aus lief (was aber niemanden störte, Applaus gab es trotzdem).

Oder doch die Stimmung auf den Rängen? Mindestens 10.000 US-Fans hatten ihre "USA, USA"-Sprechchöre durch den Parc des Princes gedonnert, die dann nahtlos von "Allez les Bleues"-Rufen abgelöst wurden. 45.595 Zuschauer waren insgesamt da und die Choreographie der Frankreich-Fans, die "Marseillaise", aber auch die US-Hymne "Star-Spangled Banner", trugen ihr Übriges zur fantastischen Atmosphäre bei.

Ein vorgezogenes Finale

Dieses Spiel, das die USA 2:1 (1:0) gewannen, wird aller Voraussicht nach in seiner Gesamtheit als das beste Spiel dieser WM in Erinnerung bleiben. Es war nur ein Viertelfinale, aber eigentlich war es das vorgezogene Finale. Die USA und Frankreich hatten sich wie zwei Kontinentalplatten unaufhaltsam durch das Turnier geschoben und waren nun in Paris aufeinandergetroffen, um einen brodelnden Vulkan zu erzeugen, der dann ausbrach.

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US-Erfolg über Frankreich: Nicht zu stoppen

"Es war soviel Energie im Stadion", sagte US-Doppeltorschützin Rapinoe. Starangreiferin Alex Morgan pflichtete ihr bei und sagte: "Man hätte sich nichts Besseres wünschen können, als gegen Frankreich zu spielen - in Paris - vor einem ausverkauften Stadion, dazu mit Zuschauern überall auf der Welt." Und selbst Frankreichs Kapitänin Amandine Henry sagte: "Wir haben dieses Stadion noch nie voll gesehen. Es ist gut für den Frauensport."

Was wird von diesem Spiel bleiben? Vielleicht eine ganze Menge: Die Bedeutung des Frauenfußballs nimmt europaweit zu, das ist bei diesem Turnier zu beobachten, wo David Beckham die Engländerinnen anfeuert, die Italienerinnen die Skepsis in ihrer Heimat abbauen und die Bundeskanzlerin Nachrichten mit der deutschen Bundestrainerin austauscht. Auch auf Vereinsebene wird überall Geld in den Ausbau der Frauenabteilungen gesteckt, selbst Real Madrid will nun einsteigen.

"Die Spielerinnen haben sich in die Herzen der Zuschauer gespielt"

In diese Atmosphäre des Aufbruchs fiel nun ein Spiel, dass der Begeisterung weiteren Auftrieb geben wird. "Es war eine unglaubliche Stimmung, von der der Fußball der Frauen profitieren wird", sagte Frankreichs Trainerin Corinne Diacre: "Die Fans haben heute ein großartiges Spiel von uns gesehen. Die Spielerinnen haben sich in die Herzen der Zuschauer gespielt."

Die Tragik des Ganzen: Der Höhepunkt des Turniers war gleichzeitig der Schlusspunkt der Reise des französischen Teams. Dabei hatte Wendie Renard den zehntausenden Frankreich-Fans mit ihrem Anschlusstreffer per Kopf neue Hoffnung gegeben. Selbst Rapinoe musste den Dauerdruck der Franzosen anerkennen: "Sie hatten so viel den Ball. Es war eine große defensive Leistung von uns."

Den Sieg retteten die USA über die Zeit, sie treffen nun im Halbfinale am Dienstag auf England (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Als die Schiedsrichterin das Spiel abpfiff, rannten die US-Spielerinnen von der Bank auf Feld und fielen sich jubelnd um den Hals. Die Französinnen blieben einfach stehen, bewegten sich einige Minuten kaum von der Stelle. Zu Boden sank keine, sie blieben erhobenen Hauptes stehen.

Zwar hatte Frankreich verloren. Aber es dämmerte den Spielerinnen wohl, dass sie Teil eines denkwürdigen WM-Spiels gewesen waren.

Frankreich - USA 1:2 (0:2)
0:1 Rapinoe (5.)
0:2 Rapinoe (65.)
1:2 Renard (81.)
Frankreich: Bouhaddi - Torrent, Mbock Bathy, Renard, Majri - Henry, Thiney, Bussaglia - Diani, Gauvin (Cascarino 76.), Le Sommer (Asseyi 82.)
USA: Naeher - O'Hara, Dahlkemper, Sauerbrunn, Dunn - Lavelle (Horan 63.), Ertz, Mewis (Lloyd 82.) - Heath, Morgan, Rapinoe (Press 88.)
Schiedsrichterin: Monzul (Ukraine)
Gelbe Karten: Mbock Bathy, Bussaglia / -
Zuschauer: 45.595

insgesamt 29 Beiträge
mallangsam 29.06.2019
1. Ich verstehe ja den Hype
angesichts der Konstellation, Gastgeber vs. Weltmeister, enormes Zuschauerzahlen, Rapinoe vs. Trump. Viel Stoff für die Medien. Fußballerisch haben nur die USA überzeugt, und die nur defensiv. Die vielen Räume, die die [...]
angesichts der Konstellation, Gastgeber vs. Weltmeister, enormes Zuschauerzahlen, Rapinoe vs. Trump. Viel Stoff für die Medien. Fußballerisch haben nur die USA überzeugt, und die nur defensiv. Die vielen Räume, die die Französinnen ihnen gelassen haben, könnten sie nicht, bzw. viel zu selten nutzen, die unglaublich vielen Abspiel- und Stoppfehler der Französinnen nicht in Konter umwandeln. Und dabei hat ihnen das frühe Tor noch so richtig in die Karten gespielt. Die Blauen haben mich ehrlich gesagt enttäuscht, das technisch schlecht und taktisch hochriskante. Ich werde das Spiel also vergessen und mich lieber an die perfekten Spielzüge der Japanerinnen gegen die Niederlande erinnern, ein Spiel mit zwei unterschidlichen Hälften, eine niederländische Power, eine japanisches TikiTaka, ein deutliches besseres Spiel, leider mit einem zu frühen Ende, das gelesen an der gestrigen Hanspielauslegungen es. in die Verlängerung gegangen wäre.
p.aichinger 29.06.2019
2. Völlig übetrieben
Das Spiel war nicht sonderlich spannend. Bis auf die letzten 10 Minuten hatte man nie das Gefühl, dass die Führung der USA in Gefahr war. Frankreich hat sich abgemüht, die USA souverän verwaltet. Das war kein Duell auf [...]
Das Spiel war nicht sonderlich spannend. Bis auf die letzten 10 Minuten hatte man nie das Gefühl, dass die Führung der USA in Gefahr war. Frankreich hat sich abgemüht, die USA souverän verwaltet. Das war kein Duell auf Augenhöhe. Eni guter Standard am Ende hat die Hoffnung ganz unerwartet noch einmal für Frankreich aufflammen lassen, danach war Feuer drin. Aber 10 Minuten Hektik am Ende reichen nicht um eine solche Darstellung wie in diesem Beitrag zu rechtfertigen. Bestes Spiel bis jetzt: Niederlande - Japan
August R. 29.06.2019
3.
Sagt Ihnen der Begriff "Auslosung" etwas?
Sagt Ihnen der Begriff "Auslosung" etwas?
peter-11 29.06.2019
4. guter Kommentar
Spannend, tolle Atmosphäre, sehr gute Werbung für den Frauenfußball. Man sollte den Frauenfußball ja nicht mit dem der Herren vergleichen, aber ich finde das Verhalten der Spielerinnen wohltuend bemerkenswert. Kaum [...]
Spannend, tolle Atmosphäre, sehr gute Werbung für den Frauenfußball. Man sollte den Frauenfußball ja nicht mit dem der Herren vergleichen, aber ich finde das Verhalten der Spielerinnen wohltuend bemerkenswert. Kaum Diskussionen mit der Schiedsrichterin und wenn, nur kurz. Ebenso fehlt bei einem Foul dieses lächerlich, theatralisch männliche Herumgewälze. So mancher SpielER scheint das ja sogar zu trainieren. Eben einfach lächerlich. Also ein wohltuend normales Verhalten bei den Damen.
romtomtom 29.06.2019
5. wieder Elfmeterentscheidung
Was genau war eigentlich der Unterschied zwischen dem nicht gegebenen Elfmeter gegen die USA und dem gegebenen für England gegen Japan im ersten Viertelfinale? In beiden Faellen wird die Spielerin angeschossen und zieht den Arm, [...]
Was genau war eigentlich der Unterschied zwischen dem nicht gegebenen Elfmeter gegen die USA und dem gegebenen für England gegen Japan im ersten Viertelfinale? In beiden Faellen wird die Spielerin angeschossen und zieht den Arm, der unterhalb der Schulterlinie ist, eindeutig weg.

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