Sport

Wiederwahl von Fifa-Boss Infantino

Geld, noch mehr Geld

Gianni Infantino bleibt Fifa-Präsident. Er hat vier Jahre Zeit, um seine umstrittenen Reformpläne voranzutreiben. Der Schweizer ist schwer aufzuhalten - auch weil sich der DFB in seine Machtspiele einfügt.

Franck Fife/AFP

Gianni Infantino bleibt bis mindestens 2023.

Aus Paris berichtet
Mittwoch, 05.06.2019   17:50 Uhr

Als Gianni Infantino nach seiner Wiederwahl zum Fifa-Präsidenten die Bühne betrat, wurde "Seven Nation Army" von The White Stripes angespielt. Ein Song, der seit Jahren in vielen Stadien dieser Welt zu hören ist und dessen Gitarrenriff von vielen Fans mitgesungen wird. Die Botschaft war eindeutig: Infantino ist einer aus der Mitte des Fußballs, er gehört dazu, er kümmert sich - und wird das nun vier weitere Jahre tun.

"Ich liebe den Fußball, und ich werde weiter hart arbeiten, um dem Fußball zu dienen", sagte Infantino in seiner Schlussansprache des 69. Fifa-Kongresses. Er stockte ein paar Mal, wirkte angefasst. "Ich bin überwältigt von Ihrem Vertrauen", ließ er die Mitglieder wissen. Es war die perfekte Show. Denn der 49-Jährige wusste im Vorfeld längst, dass er gewählt wird. Es gab keinen Gegenkandidaten. Die Fifa macht sich mittlerweile nicht mal mehr die Mühe, ihren Präsidenten ordentlich wählen zu lassen. Infantino wurde durch Applaus, per Akklamation wie es offiziell heißt, im Amt bestätigt.

Misstöne sind beim Fußball-Weltverband unerwünscht. Er, Infantino, habe zwar "Fehler gemacht", aber es spreche im Zusammenhang mit der Fifa "niemand mehr über eine Krise, über Skandale oder Korruption". Tatsächlich hätte es keine oder nur ganz wenige Gegenstimmen bei einer ordentlichen Wahl gegeben. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte am Vortag angekündigt, für Infantino stimmen zu wollen. Und so klatschten die DFB-Vertreter, die Übergangspräsidenten Reinhard Rauball und Rainer Koch sowie Generalsekretär Friedrich Curtius, brav mit, als Infantino zur Wahl stand.

Der DFB will mitspielen

Der DFB hätte Infantinos Wiederwahl nicht verhindern können. Das Präsidium hatte sich laut Rauball dazu entschieden, "den DFB nicht weiter ins Abseits zu stellen". Seit dem Rücktritt des ehemaligen Präsidenten Reinhard Grindel ist der deutsche Fußball weder im Fifa-Council noch im Exekutivkomitee des europäischen Verbands Uefa vertreten. Das mag nach Abseits aussehen - doch auf dem Fifa-Platz steht mit Infantino nur ein Spieler, und deshalb gibt es überhaupt kein Abseits.

Infantino hat sich das positive Votum vieler der insgesamt 211 Mitgliedsverbände gesichert, weil er mit der Sprache spricht, die von Anguilla bis zur Zentralafrikanischen Republik am besten verstanden wird: Geld. Von 2015 bis 2018 nahm die Fifa, vor allem dank der WM 2018 in Russland, 5,7 Milliarden Euro ein. Davon werden laut Infantino in den kommenden Jahren 1,55 Milliarden Euro an die Verbände ausgezahlt. "Bei der Fifa geht es nicht um Geld", sagte Infantino vor den Delegierten, "es geht um die Entwicklung des Fußballs. Dafür brauchen wir Geld." Was mit den Mitteln dann in den Verbänden passiert, ist für Infantino zweitrangig. Hauptsache, er wird gewählt.

Wie es sich für einen Alleinspieler gehört, hat Infantino in seinem Umfeld - sprich in den kontrollierenden Fifa-Gremien - Leute um sich geschart, die vom Spielfeldrand aus applaudieren und seinen Weg mitgehen. Oder er steht in sehr engem Kontakt zu einem Oberstaatsanwalt in seiner Heimat.

"Die Aufgabe der Fifa ist, dass es dem Fußball weltweit gutgeht"

Der DFB hat es verpasst, sich in den Machtspielen des Fifa-Präsidenten klar zu positionieren. Widerstand scheint ohnehin zwecklos, wäre aber zumindest symbolisch von hoher Wichtigkeit. Denn der Weltfußball steuert auf einen offenen Konflikt zwischen Uefa und Fifa zu. Hier die europäischen Vertreter, die den Klubfußball auf dem Kontinent mit einer Reform der Champions League stärken möchten, und dort Infantino, der den Fußball global vermarkten will. "Ich kenne die Details der Uefa nicht", sagte der Schweizer in den Messehallen von Paris. "Die Aufgabe der Fifa ist, dass es dem Fußball weltweit gutgeht. Wir wollen keine Elite kreieren."

Wenn es nach Infantino geht, wird es dem Fußball gutgehen, wenn es zwei neue Wettbewerbe gibt: die auf 24 Teams aufgestockte Klub-WM steht bereits fest, eine weltweite Nations League soll hinzukommen. An diesen Plänen arbeitet der Fifa-Präsident im Hintergrund weiter, für die Vermarktung soll eine immer noch nicht näher benannte Investorengruppe 25 Milliarden US-Dollar zu zahlen bereit sein - und dafür umfangreiche weitere Rechte aus dem Fifa-Kosmos erhalten. Fortsetzung folgt.

Gescheitert war Infantino mit seinen Plänen, die WM 2022 in Katar auf 48 Teilnehmer aufzustocken. Auf der Kongress-Tagesordnung stand das Thema trotzdem noch, doch selbst Niederlagen lächelt Infantino gekonnt weg. Die Absage hatte politische Gründe, das verstehen die kleinen Verbände schon, die gern vier Jahre vor der 48er WM in Nordamerika einen Platz auf der Weltbühne gehabt hätten.

"Everyone knows about it" heißt es in "Seven Nation Army". Alle wissen, wohin der Fußball unter Infantino steuert. Aber niemand will etwas dagegen tun.

insgesamt 6 Beiträge
weem 05.06.2019
1. Ganz ehrlich?
Ich dachte, die Methode Blatter sei nicht mehr zu toppen. Nun werde ich eines besseren belehrt. Infantino bügelt wie eine Dampfwalze alles nieder was sich ihm entgegenstellt. Er verkauft gnadenlos den Fußball auch durch [...]
Ich dachte, die Methode Blatter sei nicht mehr zu toppen. Nun werde ich eines besseren belehrt. Infantino bügelt wie eine Dampfwalze alles nieder was sich ihm entgegenstellt. Er verkauft gnadenlos den Fußball auch durch Zuhilfenahme vom Ländern, denen aufgrund ihrer desolaten Infrastruktur und finanzieller Mittel gar nichts anderes übrig bleibt, als alles, was Infantino in den Ring wirft, begeistert zuzustimmen (auf die Rolle des feigen DFB will hier gar nicht näher eingehen). Was jedoch von der FIFA vollkommen übersehen wird, ist die zunehmende Unzufriedenheit, die sich angewiderte Zurückgezogenheit und die aufkeimende Ablehnung von dieser FIFA aus sämtlichen Strukturen der organisierten und auch nicht organisierten Fußballfans. Eines Tages wird auch Infantino merken, dass für Einnahmen im Fußball immer noch der Fußballfan ganz allein zuständig ist.
midnightswim 05.06.2019
2. mal sehen
ob mein sohn mal Fussball spielen will. dann werde ich auch Mitglied im DFB. Und werde im Sinne einer Vorbildfunktion dafür auf allen Ebenen kämpfen, dass der größte Breitensportverein aus der FIFA austritt. Eine Schande, dass [...]
ob mein sohn mal Fussball spielen will. dann werde ich auch Mitglied im DFB. Und werde im Sinne einer Vorbildfunktion dafür auf allen Ebenen kämpfen, dass der größte Breitensportverein aus der FIFA austritt. Eine Schande, dass der Verein mit vielen jungen Mitgliedern dieses korrupte Etwas noch unterstützt. der DFB sollte endlich eine Vorbildfunktion einnehmen. Stattdessen lässt er sich korrumpieren von teuren Hotels undnoch teureren Flügen.Shame on you!
sekundo 05.06.2019
3. Ach, du meine Güte!
Durch 5 Sterne-Hotels und Flüge in der 1. Klasse lässt sich der gewöhnliche Funktionär heutzutage nicht mehr korrumpieren. Die sind Standard. Nein, da müssen schon ganz andere Dinge geliefert werden!
Zitat von midnightswimob mein sohn mal Fussball spielen will. dann werde ich auch Mitglied im DFB. Und werde im Sinne einer Vorbildfunktion dafür auf allen Ebenen kämpfen, dass der größte Breitensportverein aus der FIFA austritt. Eine Schande, dass der Verein mit vielen jungen Mitgliedern dieses korrupte Etwas noch unterstützt. der DFB sollte endlich eine Vorbildfunktion einnehmen. Stattdessen lässt er sich korrumpieren von teuren Hotels undnoch teureren Flügen.Shame on you!
Durch 5 Sterne-Hotels und Flüge in der 1. Klasse lässt sich der gewöhnliche Funktionär heutzutage nicht mehr korrumpieren. Die sind Standard. Nein, da müssen schon ganz andere Dinge geliefert werden!
tissi 05.06.2019
4.
Die Kommerzialisierung des Fußballs ist wie Krebs. Alle Beteiligten zeigen, dass sie käuflich sind oder kein Rückgrat haben und klatschen den eigenen Untergang wohlwollend und oportunistisch herbei. Eine wirkliche Schande. [...]
Die Kommerzialisierung des Fußballs ist wie Krebs. Alle Beteiligten zeigen, dass sie käuflich sind oder kein Rückgrat haben und klatschen den eigenen Untergang wohlwollend und oportunistisch herbei. Eine wirkliche Schande. Besonders das Verhalten des DFBs. Wir wissen alle, wie das enden wird...
dt1700744 05.06.2019
5. Der geneigte Fußballinteressierte ist sprach- und machtlos
Entsetzen - Gestern kam die Meldung, dass der DFB die Wiederwahl Infantinos unterstützt. Ich frage mich, wie so etwas sein kann. Eine Person, die alle Kontroll-Gremien innerhalb seiner ersten Amtszeit ausschaltete, alle [...]
Entsetzen - Gestern kam die Meldung, dass der DFB die Wiederwahl Infantinos unterstützt. Ich frage mich, wie so etwas sein kann. Eine Person, die alle Kontroll-Gremien innerhalb seiner ersten Amtszeit ausschaltete, alle Compliance-Regeln hintergeht, ausschließlich hinter verschlossenen Türen agiert, wieso wird diese Person vom DFB und wohl einer Reihe von UEFA-Verbänden wiedergewählt? Infantino unterhält und fördert mafiose Strukturen, anders kann man es nicht nennen. Er verkauft den Fußball an eine geheime Organisation (Klub-WM und Nations-League). In der Schweiz beschenkt er einen Staatsanwalt. Ermittlungen werden seitens der Justiz behindert (vom Justizministerium?). Das kann doch alles nicht sein. Diese Person gehört abgesetzt und wenn es die Damen und Herren der Fußballverbände nicht schaffen, muss die Politk handeln. Und das heißt, offizielle und juristische Untersuchungen seitens der EU. So muss Druck aufgebaut werden. Warum können die Verbände der UEFA nicht einmal gemeinsam eine Front gegen die Fifa aufbauen? Und generell gilt es einmal darüber nachzudenken, wieso jeder Mini-Verband, oft ohne eine einzige Liga im Spielbetrieb, die selben Stimmrechte hat, wie die Verbände, die seit einem Jahrhundert bestehen. Oh ja, darüber muss diskutiert werden. Jeder dieser Mini-Verbände erhält von der Fifa eine große Summe Bares, doch was geschieht damit? Wird das Geld tatsächlich in den Nachwuchs gesteckt oder steckt sich der Verbandsvorsitzende dieses in die eigene Tasche? Das ist doch alles Schmu. Theoretisch kann nie wieder ein Veto, eine Entscheidung gegen einen Fifa-Präsidenten gefällt werden, wenn dieser "Subventionen" an die kleinen Verbände verspricht. Da fragt man sich schon, was denn das für eine Form der Demokratie ist - so viel zu dem Gegenargument, dass nicht alle Mini-Verbände die selben Stimmrechte wie die "Großen" haben sollten. Der Fußball wird in den nächsten Jahren endgültig verkauft, siehe die Planungen zu Champions League Spielen am Wochenende. Die nationalen Ligen sind die Deppen.

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