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DFB-Star Giulia Gwinn

Theatralik? - "Gibt es im Fußball der Frauen kaum"

Giulia Gwinn wurde bei der WM zum Star der deutschen Fußballerinnen. Hier spricht Bayern Münchens Toptransfer über die neue Rolle im Rampenlicht, ihren Verdienst - und Unterschiede zum Männerfußball.

Catherine Ivill/ FIFA via Getty Images
Ein Interview von und
Samstag, 17.08.2019   09:51 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Frau Gwinn, Sie sind bei der Weltmeisterschaft in Frankreich als beste junge Spielerin ausgezeichnet worden. Das DFB-Team war zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeschieden. Wie haben Sie von der Auszeichnung erfahren?

Giulia Gwinn: Ich habe das gar nicht mitbekommen. Ich lag zu Hause auf dem Sofa und habe mir das Endspiel zwischen den USA und den Niederlanden angesehen. Bei der Siegerehrung muss meine Ehrung dann verkündet worden sein. Etwas später habe ich dann bei Instagram gesehen, dass ich dort auf dem Profil der offiziellen WM-Seite in einem Beitrag verlinkt worden bin. Und jetzt warte ich noch auf den Pokal, den es geben soll.

SPIEGEL ONLINE: Die deutschen Spiele waren nicht pokalwürdig und oft eher holprig. Warum?

Gwinn: Wir befinden uns in einem Entwicklungsprozess. Dadurch lässt sich vielleicht die Unsicherheit in einigen Spielphasen erklären. Obwohl es nicht immer perfekt lief, haben wir trotzdem die Spiele für uns entschieden. Ich gebe aber selbstkritisch zu: Es war aber nicht immer klar zu sehen, was wir können.

SPIEGEL ONLINE: Das zu vermitteln, ist die Aufgabe von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg.

Gwinn: Wir müssen unser Können auf dem Platz zeigen. Da kann uns die Trainerin nicht helfen.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundestrainerin hat permanent, auch während des Spiels, immer wieder Spielerinnen verschoben. Sie spielten in der Offensive und Defensive, auf der linken und rechten Außenbahn. Haben die vielen Wechsel geschadet?

Gwinn: Eine gewisse Flexibilität tut gut, die macht es dem Gegner schwerer, sich auf uns einzustellen. Im Nachhinein lässt sich leicht behaupten, dass uns eine gewisse Routine vielleicht gutgetan hätte. Aber sind wir deswegen ausgeschieden? Ich glaube eher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Nun beginnt die neue Saison. Warum sind Sie zum FC Bayern und nicht zu einem Topklub ins Ausland gewechselt?

Gwinn: Auch der FC Bayern ist ein Topklub in Europa. Hier spiele ich um Titel. Das Trainingsgelände am neuen Campus ist überragend. Außerdem fahre ich gern mal nach Hause, und München liegt in der Nähe meiner Heimat am Bodensee. Ich bin auch erst 20 geworden, mir wäre ein möglicher Schritt ins Ausland zu früh gekommen. Meine Karriere geht hoffentlich noch einige Jahre, das Ausland bleibt sicherlich eine Option. Ich merke natürlich, dass sich gerade in England, Frankreich oder Spanien viel tut und sich der Frauenfußball in diesen Ländern rasant entwickelt. Das reizt mich irgendwann schon.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie heute schon vom Profifußball leben?

Gwinn: Ja, ich kann davon leben, aber ich kann für später nicht viel auf die Seite legen.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie neben dem Platz für Ihre Zukunftsplanung?

Gwinn: Ich mache ein Fernstudium Sportmanagement und möchte dann nach meiner Karriere in den Management-Bereich einsteigen. Vielleicht in einem Verein oder Verband - wo die Reise genau hinführt, weiß ich aber noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Fußballfeld geht es für Sie meist an den gegnerischen Strafraum.

Gwinn: Ich spiele gern offensiv. Wenn wir dem Gegner unser Spiel aufdrücken können und ich mich auf der Außenbahn im Angriff einschalten kann, ist das für mich perfekt. Kombinationsspiel über die Flügel mit Flanken - das gefällt mir.

SPIEGEL ONLINE: Gehört zum perfekten Fußball auch der Verzicht auf Theatralik?

Gwinn: Ja. Ich würde sagen, dass es so etwas im Fußball der Frauen kaum gibt. Wir stehen für ehrlichen Fußball, gehen fair miteinander um, greifen die Schiedsrichterin nicht an. Wenn mal eine Spielerin gefoult wird und es nicht so schlimm war, dann steht sie schnell wieder auf. Das unterscheidet uns vom Männerfußball, das wurde mir nach der WM auch oft gesagt.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Vergleichen zwischen Männer- und Frauenfußball?

Gwinn: Das sind zwei Dinge, die man nicht miteinander vergleichen kann. Wir spielen zum Beispiel langsamer. Wir verdienen auch weniger, aber darüber möchte ich mich jetzt nicht aufregen, das ist der falsche Weg.

SPIEGEL ONLINE: Der Deutsche Fußball-Bund ist ein gemeinnütziger Verband, nicht gewinnorientiert. Theoretisch hat er die Möglichkeit, beiden Geschlechtern auch dieselben Prämien zu bezahlen.

Gwinn: Wir können versuchen, spielerisch zu überzeugen und hoffentlich nähern sich dadurch die Prämien in der Zukunft an. Aber mehr können wir nicht machen.

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DFB-Toptalent Gwinn: Das ist Deutschlands neuer Superstar

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie den Kampf von Megan Rapinoe und anderen amerikanischen Nationalspielerinnen für Gleichberechtigung wahrgenommen?

Gwinn: Ich fand extrem cool, dass sie so viele Titel abgeräumt und mit ihrer Meinung so ein Ausrufezeichen gesetzt hat. Wir haben in Deutschland auch Spielerinnen, die für ihre Meinung stehen, sie aber öffentlich nicht so preisgeben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben bei Instagram inzwischen über 165.000 Follower, mehr als jede andere deutsche Nationalspielerin. Können Sie sich vorstellen, auch mal so laut zu werden wie Rapinoe?

Gwinn: Im Moment noch nicht. Diese Followerzahlen sind neu für mich, daran muss ich mich erstmal gewöhnen. Aber in der Zukunft irgendwann, wenn es einen Punkt oder ein Thema gibt, für das ich wirklich stehe.

SPIEGEL ONLINE: Die Fragen nach Rapinoe und den eher leisen deutschen Spielerinnen kommen immer wieder. Fühlen Sie sich dadurch unter Druck gesetzt?

Gwinn: In erster Linie geht es um Fußball, wir wollen auf dem Platz laut sein.

SPIEGEL ONLINE: Der DFB war zuletzt mit einer missglückten Werbekampagne im Stil einer Vermisstenanzeige kurz vor dem Bundesligastart in die Kritik geraten. Am Tag des deutschen Ausscheidens bei der WM war die Schweizer Nationalspielerin Florijana Ismaili bei einem Badeunfall am Comer See für vermisst erklärt worden und wenig später tot aufgefunden. Der FC Bayern hat sich an der Kampagne nicht beteiligt.

Gwinn: Wir vom FC Bayern waren zu dem Zeitpunkt in Toulouse zu einem Freundschaftsspiel und haben uns drüber unterhalten. Ich habe mich von Anfang an davon distanziert, weil ich es für keine gute Sache hielt. Und die anderen Teamkollegen von mir auch nicht. Wir haben uns damit nicht wohlgefühlt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das dem DFB im Vorfeld mitgeteilt?

Gwinn: Manche haben ihre Bedenken geäußert. Auch ich.

SPIEGEL ONLINE: Der DFB hat es trotzdem durchgezogen.

Gwinn: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Es wurde auch ein Mannschaftsfoto gepostet. Wie finden Sie es, dass Ihr Gesicht für die Kampagne verwendet wurde, obwohl Sie dagegen waren?

Gwinn: Mich hat das schon geärgert, weil ein Posting für mich zu keiner Zeit in Frage kam. Der DFB ist dafür bekannt, umsichtig und verantwortungsvoll zu agieren. In diesem Einzelfall wurde die Aktion leider nur sportlich betrachtet und nicht über den Tellerrand hinausgeschaut. Man hat schnell gemerkt, dass es ein Fehler war, dann auch umgehend reagiert und sich öffentlich entschuldigt.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Verantwortung beim DFB oder bei den Spielerinnen selbst?

Gwinn: Jede Spielerin ist selbst dafür verantwortlich, was sie auf Social Media preisgibt. Das ist keine Spielwiese. Man wurde ja nicht gezwungen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihr Social-Media-Verhalten mit der WM verändert?

Gwinn: Think before you post. Man muss sich bewusst sein, dass das Internet nichts vergisst. Ich persönlich poste, was ich für richtig halte oder was ich auch teilen möchte. Und das mache ich auch weiterhin so.

Stephane Mahe/ REUTERS

Siegtreffer beim 1:0 gegen China: Giulia Gwinn erzielte Deutschlands erstes Tor bei der WM in Frankreich

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie eigentlich zum Fußball gekommen?

Gwinn: Ich habe zwei ältere Brüder und wir hatten damals neben unserem Haus einen Fußballplatz. Und da habe ich von klein auf immer mit meinen Brüdern gespielt. Anfangs war meine Mama dagegen, weil sie wollte, dass ich andere Sportarten ausprobiere, weiblichere Sportarten.

SPIEGEL ONLINE: Was waren das für Sportarten?

Gwinn: Kunstradfahren, Handball, Taekwondo, was ich jetzt auch nicht als weiblicher empfinde. Das hat mir aber nicht so viel Spaß gemacht wie der Fußball und dann bin ich irgendwann heimlich mit einer Freundin zum Training gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Wie alt waren Sie da?

Gwinn: Zwischen fünf und sieben. Und dann bin ich mit acht Jahren in einen Fußballverein gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es weiter?

Gwinn: Ich habe immer mit Jungs gespielt, bis ich dann mit 16 direkt zu den Frauen nach Freiburg gewechselt bin.

SPIEGEL ONLINE: Es ist ja weiter normal, lange in gemischten Teams zu spielen.

Gwinn: Ich würde jeder jungen Spielerin empfehlen, so lange wie möglich bei den Jungs mitzuspielen. Da wird einem im Training schon alles abverlangt. Die Jungs sind größer, kräftiger, schneller. Da muss man auch im Kopf schon zwei Schritte weiter sein. Das hat mich extrem gefördert.

SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie sich in diesen Mannschaften besonders durchsetzen?

Gwinn: Ich musste mir Respekt verschaffen, clever spielen. In meiner Mannschaft war das aber nie ein Problem, ich wurde gut aufgenommen. Bei den Gegnern war es dann schon so, dass hinter dem Rücken getuschelt wurde. Ich habe die Antwort dann auf dem Platz gegeben.

insgesamt 4 Beiträge
jujo 17.08.2019
1. ...
Da können die Männer sich noch einiges abschauen vom Frauenfußball was das Benehen auf dem Platz angeht. Da bedarf es einiges an Regeländerungen. Z.B. ist abgepfiffen und wird der Ball nicht sofort(!) freigegeben 5 Min. [...]
Da können die Männer sich noch einiges abschauen vom Frauenfußball was das Benehen auf dem Platz angeht. Da bedarf es einiges an Regeländerungen. Z.B. ist abgepfiffen und wird der Ball nicht sofort(!) freigegeben 5 Min. Zeitstrafe. Das Spiel würde wesentlich schneller werden. Spielverzögerndes reklamieren dito!
pseudotaken 17.08.2019
2. Bravo
Sehr reif und intelligent für ihr Alter das haben die Frauen sowieso den Männern Voraus. Sie ist in keine Falle des Reporters getappt und hat sehr diplomatisch und klug geantwortet außerdem hat sie mir sehr gut gefallen als [...]
Sehr reif und intelligent für ihr Alter das haben die Frauen sowieso den Männern Voraus. Sie ist in keine Falle des Reporters getappt und hat sehr diplomatisch und klug geantwortet außerdem hat sie mir sehr gut gefallen als Spielerin. Ich wünsche ihr viel Glück für die Zukunft sie hat es verdient
FrankDunkel 17.08.2019
3.
Sterbende Schwäne gibt es nur beim Männerfußball und das anzuschauen ist immer wieder erbärmlich. Solche unwürdigen und unfairen Mätzchen müßten per Regelwerk drastisch bestraft werden. Das wäre doch mal ein lohnendes [...]
Sterbende Schwäne gibt es nur beim Männerfußball und das anzuschauen ist immer wieder erbärmlich. Solche unwürdigen und unfairen Mätzchen müßten per Regelwerk drastisch bestraft werden. Das wäre doch mal ein lohnendes Betätigungsfeld für diverse Regelkommissionen und Schiedsrichter-Funktionäre.
kgmjack 20.08.2019
4. Alle wollen Spektakel...
...aber wer würde denn Bundesliga gucken, wer würde denn heute EM, WM, CL und Co. gucken, wenn auf dem Platz zwischen 22 Männern und 1 Schiedsrichter nicht etwas los wäre? Sterbende Schwäne, Schwalben, kräftige Sprüche, [...]
...aber wer würde denn Bundesliga gucken, wer würde denn heute EM, WM, CL und Co. gucken, wenn auf dem Platz zwischen 22 Männern und 1 Schiedsrichter nicht etwas los wäre? Sterbende Schwäne, Schwalben, kräftige Sprüche, Ausraster, ein Olli Kahn, der andere in den Hals beisst... das alles ist es doch, was den Fußball, also den echten Männerfußball (Fussball ist ein Kampfsport!), am Ende des Tages für hunderte Millionen so spannend, unkalkulierbar und unfassbar genial macht. So etwas nennt man dann "Emotionen pur", und das Spektakel um simulierte Schwerstverletzungen oder Diskussionen über seltsame Schiedsrichterentscheidungen gehören dazu! Echte Fans können damit gut leben, wir echte Fans können prima damit umgehen und so muss es einfach sein. Allein schon der eingeführte VAR ist eine echte Beschränkung und brutale Gefühlsbremse für den Fußball, ungerechte Entscheidungen auf dem Platz gehören dazu! Wenn z.B. heute die US-girls ihren Sport politisieren, dann schaden sie m.E. dem Image ihres Frauensports mehr als es ihm hilft. Und wisst ihr noch was: Genau aus all den Gründen gucken ich (und viele, viele andere) keinen Frauenfußball...

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