Sport

Interview mit Gerd Müller

"Ronaldo gönne ich den Rekord"

Gerd Müller hält viele Rekorde, auch den des besten WM-Torschützen. Beim Turnier in Deutschland könnte er jedoch von einem Brasilianer überflügelt werden. Im Interview spricht Müller über den Rivalen, den Sturm der Deutschen und Gewichtsprobleme. 

Dienstag, 23.05.2006   19:44 Uhr

Frage: Herr Müller, Ronaldo hat schon 12 Treffer. Knackt er Ihren Rekord von 14 Toren bei Weltmeisterschaften?

Müller: Was, der Bursche hat schon 12 Stück?

Frage: Bei drei Weltmeisterschaften, Sie haben zwei Turniere gespielt.

Müller: Spaß beiseite. Das weiß ich natürlich. Dem Ronaldo gönne ich den Rekord. Das ist ein richtig Guter. Auch wenn er ein bisschen übergewichtig erscheint, ist er immer brandgefährlich. Zu mir haben sie ja früher auch "kleines, dickes Müller" gesagt. Ich habe trotzdem die Kiste getroffen.

Frage: Macht es Ihnen wirklich nichts aus, den WM-Rekord zu verlieren?

Müller: Nein, wenn es so ein guter Kicker wie Ronaldo ist, dann ist es mir sogar lieb, dass er die Nummer eins wird. Von einem Brasilianer abgelöst zu werden, ist nun wirklich keine Schande. Und zwei Kisten macht der bei der WM locker. Den Burschen kannst du nie ganz ausschalten. Keine Sekunde darfst du den aus den Augen verlieren. Eine Drehung, eine Wendung - rums, und das Ding ist drin. Wenn ich den sehe, das macht mir richtig Spaß vor dem Fernseher.

Frage: Sie schwärmen ja regelrecht.

Müller: Ja. Weil er für mich trotz aller Kritik noch immer der beste Stürmer der Welt ist. Auch mit ein paar Pfunden zuviel.

Frage: Wie viel Gewicht hatten Sie zu Spitzenzeiten?

Müller: Als ich zu den Bayern kam, schlug der Zeiger gleich mal bis 82 Kilo aus. Unter dem Tschik (Cajkovski, Anm. d. Red.) bin ich zwar unter die 80er-Grenze gekommen. Rank und schlank wurde ich aber erst unter Branko Zebec. Was war das für ein Schleifer! Wenn die anderen schon längst in der Kabine oder beim Essen waren, musste ich Zusatzschichten schieben. Bis auf 68 Kilo bin ich runtergekommen. Geschadet hat es mir nicht.

Frage: Sehen wir bei der WM viele deutsche Tore?

Müller: Das würde ich mir von Herzen wünschen. Aber bis auf den Klose haben wir ja nix im Sturm. Gut, der Podolski, glaube ich, wird noch mal einer. Nur, seine Spielposition ist aus meiner Sicht noch nicht genau definiert. Mal spielt er ganz vorn, dann wieder hängend. Aber dem "Poldi", dem traue ich noch einiges zu. Ansonsten sieht es aber echt nicht gut aus, um es mal diplomatisch auszudrücken.

Frage: Auch Miroslav Klose haben Sie während seiner Zeit in Kaiserslautern früher scharf kritisiert.

Müller: Stimmt! Ich habe gesagt, der hat nur einen Schädel (Kopfballspezialist, Anm. d. Red.). Aber der Klose hat in Bremen das Fußballspielen gelernt. Er hat sich technisch stark verbessert, setzt seine Sturmkollegen gut ein, schirmt den Ball gut ab. Respekt, der hat eine Bombenentwicklung genommen. Wenn der jetzt noch ein bisschen körperlich zulegt, seinen Körper richtig einsetzt, dann wird er ein ganz Großer.

Frage: Kann Klose einmal Ihren Bundesliga-Torrekord von 40 Treffern knacken?

Müller: Wenn mir jetzt schon der Ronaldo den WM-Rekord wegnimmt, dann bitte lasst mir wenigstens noch den in der Bundesliga. Obwohl: Dem Klose würde ich es auch vergönnen.

Frage: Wie viele Tore würde Gerd Müller heute in der Bundesliga schießen?

Müller: Der Franz (Beckenbauer, Anm. d. Red.) hat mal gesagt, dass ich auf 70 Stück kommen würde. Gut, ganz so viele würden es nicht werden, aber die 40 würde ich mir schon noch einmal zutrauen. Schauen Sie sich doch mal die Abwehrreihen in der Bundesliga an. Die spielen alle mit Viererkette. Das ist doch ein Eldorado für einen Vollblutstürmer. Früher sind mir das gesamte Spiel über immer zwei, drei Leute auf den Füßen rumgestanden. Heute ist es aus meiner Sicht einfacher. Mein Aktionsradius wäre zwischen den beiden Innenverteidigern. Wenn die sich nicht zu 100 Prozent abstimmen, kannst du durch die Lücke wie durch eine offene Türe gehen. Du musst dann aber auch die Kiste treffen.

Die Fragen stellte Christian Ortlepp

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