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José Mourinho

Spitzentrainer im Präteritum

Er wurde vom Übersetzer ohne Profierfahrung zum gefragtesten Trainer der Welt. Doch inzwischen hat der Fußball José Mourinho überholt. Die Entwicklung begann schon in seiner Zeit bei Real Madrid.

DPA
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Mittwoch, 19.12.2018   19:30 Uhr

Frank Lampard war gerade unbekleidet aus der Dusche gestiegen, als plötzlich José Mourinho vor ihm auftauchte. Der erst kürzlich zum FC Chelsea gewechselte Portugiese sah seinem damaligen Schützling fest in die Augen und sagte: "Du bist der beste Spieler der Welt." Lampard, bis dahin eher als braver Antreiber bekannt, war die Situation gleich doppelt unangenehm.

Doch er verspürte, wie in ihm nach jener splitternackten Audienz im Herbst 2004 ein ungeahntes Selbstbewusstsein erwuchs. "Ich schwebte wie auf einer Wolke", erinnert sich der Mittelfeldmann. Er sollte bald darauf viele Titel mit den West-Londonern gewinnen und unter Mourinhos genialischer Anleitung tatsächlich zur international anerkannten Koryphäe aufsteigen.

Gut vierzehn Jahre später endete die Coaching-Karriere des 55-Jährigen auf der Insel mit einem einsamen Mittagessen im Lowry Hotel in Manchester. 895 Nächte lang hatte er in der grünlich-grauen Luxusunterkunft seine Suite bezogen, Frau und Familie waren in London geblieben. Am Dienstagmorgen wurde Mourinho von United-Geschäftsführer Ed Woodward entlassen.

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Manchester United: Das System Mourinho ist überholt

Den spielerischen Anschluss verpasst

Der Check-out dürfte ein endgültiger sein. Es ist schwer vorstellbar, dass der selbsternannte "Special One" noch einmal einen Job bei einem Premier-League-Verein bekommt. Zu dröge waren die Leistungen seines Teams, zu gering die Punkteausbeute, zu kaputt das Verhältnis zu weiten Teilen der Mannschaft. Dass Mourinho mit Stars wie Paul Pogba oder Anthony Martial im Dauerclinch lag, hätte man ihm im Erfolgsfall noch nachgesehen.

Aber United, aktuell Tabellensechster der Premier League mit acht Punkten Rückstand auf die Top fünf, drohte unter seiner zunehmend verbitterten Regentschaft neben der Champions League dauerhaft den spielerischen Anschluss an die sehr viel ansprechender auftretende Konkurrenz zu verpassen. Mehrere potenzielle Verstärkungen hatten zuletzt diskret ausrichten lassen, dass sie für Mourinhos trüben Zerstörungsfußball nicht zur Verfügung stünden. Aus Rücksicht auf die kommerzielle Strahlkraft des Rekordmeisters konnte Woodward die Kündigung nicht mehr länger hinauszögern.

Mourinhos Verwandlung - vom spitzbübischen Spielerflüsterer, dem Kicker und Medienvertreter reihenweise aus der Hand fraßen, in einen wortkargen, latent übellaunigen Kabinentyrann - erklärt das im Vornherein absehbare Scheitern seiner 30-monatigen Mission im Old Trafford. Schon bei seiner Rückkehr zum FC Chelsea im Juni 2013 hatte er eine mit sich und der Welt ständig unzufriedene Figur abgegeben. Mourinho gewann zwar seinen dritten englischen Meistertitel an der Stamford Bridge, wirkte aber stets seltsam unerfüllt.

Mourinho hat in Spanien die Liebe zum Fußball verloren

Vom Charme und Witz, die seine zynischen Polemiken gegen reelle und imaginäre Feinde früher erträglich gestaltet hatten, war nichts geblieben. Auch im Umgang mit seinen Spielern fand er nur noch harte Töne. Binnen drei Spielzeiten hatte er es sich mit dem Gros der Mannschaft komplett verscherzt. Chelsea geriet vor seiner Demission im Dezember 2015 kurzzeitig sogar in Abstiegsgefahr.

Rückblickend liegt der Verdacht nahe, dass Mourinho die Liebe zum Fußball - und damit vielleicht auch zu sich selbst - zuvor in Spanien abhanden gekommen war. Im Sommer 2010 war er auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, nach dem zweiten Triumph in der Champions League, von Inter Mailand zu Real Madrid gewechselt. In der Primera División traf er auf einen Kontrahenten, der nicht nur erfolgreicher, sondern in den Augen des Publikums auch viel anmutiger spielen ließ: Pep Guardiola. Der Katalane lief ihm in vielerlei Hinsicht den Rang ab, während einige gestandene Madrid-Spieler Mourinhos Kratz-und-Beiß-Fußball als unter ihrer Würde betrachteten.

Von einem ehemaligen Übersetzer beim FC Barcelona ohne Profi-Hintergrund, von einem Portugiesen noch dazu, wollten sich die spanischen Welt- und Europameister nichts erzählen lassen. Als der Coach Sergio Ramos nach einem verlorenen Kopfballduell maßregelte, entgegnete der Verteidiger, Mourinho verstünde aufgrund mangelnder Erfahrung nicht, wie sich die Dinge auf dem Platz zutrügen. Real wurde zwar Meister, schied aber dreimal in Folge in der Champions League im Halbfinale aus. Mourinhos Siegertyp-Aura war beschädigt, niemand glaubte ihm, als er sich bei seiner Vorstellung in Chelsea als "The Happy One" bezeichnete, und siebenmal das Wort "stability" in den Mund nahm. Er sah weder glücklich aus, noch wirkte er stabil.

Das Ende des Großmeisters der Negation

In Manchester hellte sich die Stimmung nicht mehr auf. Zur seiner ersten Pressekonferenz erschien Mourinho mit einer Liste von 49 jungen Spielern, denen er angeblich zum Debüt verholfen hatte. Er wollte sich damit gegen den Eindruck wehren, Nachwuchsspieler hätten bei ihm keine Chance. Ähnlich defensiv und vergangenheitsbezogen argumentierte er nach Pleiten. Seine drei Premier-League-Titel erforderten "Respekt", erklärte er im Anschluss an die 0:3-Heimniederlage gegen Tottenham Hotspur im August.

Aber als Spitzentrainer im Präteritum gewann er zu wenige Spiele und verlor schnell den Rückhalt der Spieler. Der teure, theoretisch offensivstarke Kader und Mourinhos ganz auf Fehlervermeidung und Effizienz ausgerichteter Underdog-Stil, der sich aus seiner eigenen Außenseiterbiografie speist, passten nie zusammen. Das Ergebnis waren viele beschämend passive, konfuse Vorstellungen, während ein paar Kilometer weiter östlich Guardiola mit Manchester City neue Punkte- und Ästhetik-Maßstäbe setzte. Aus Ärger über diesen Statusverlust attackierte Mourinho öffentlich seine Spieler.

Irgendwo wird sich schon noch ein Eliteverein finden, der für die Aussicht auf kurzfristigen Erfolg rüde Menschenführung und lieblose Spielverderber-Taktik in Kauf nimmt, aber die Liste der möglichen Arbeitgeber ist seit Dienstag bedeutend kleiner geworden. Gefragt sind heute Entwickler und Bessermacher, die kreative Lösungen mit dem Ball aufzeigen, den Großmeister der Negation hat die Entwicklung des Sports überholt. Die besten Vereinsteams sind offensiv schlichtweg zu gut geworden, um sich von destruktiven Maßnahmen mourinhoscher Prägung dauerhaft aus dem Konzept bringen zu lassen.

insgesamt 8 Beiträge
answercancer 19.12.2018
1. Den Coach
perfekt als Mensch und Trainer analysiert ,das unterschreibe ich .Gute Arbeit ,weiter so.
perfekt als Mensch und Trainer analysiert ,das unterschreibe ich .Gute Arbeit ,weiter so.
widower+2 19.12.2018
2. Nein!
Mourinho hat niemals irgendwo als Übersetzer gearbeitet. Wann lernt Ihr endlich den Unterschied zwischen Dolmetschern und Übersetzern? Ist doch gar nicht so schwierig.
Mourinho hat niemals irgendwo als Übersetzer gearbeitet. Wann lernt Ihr endlich den Unterschied zwischen Dolmetschern und Übersetzern? Ist doch gar nicht so schwierig.
joes.world 19.12.2018
3. Sein Abgang - eine Freude für jeden, der Fußball liebt!
Er ist ein Berti Vogts auf International. Ergebnisfußball auf Kosten der UNterhaltung. Auf Kosten der Ästhetik. AUf Kosten der Freude zuzusehen. Wieso bitte, soll man Geld für pay tv oder Eintritt in Stadien zahlen, um dann [...]
Er ist ein Berti Vogts auf International. Ergebnisfußball auf Kosten der UNterhaltung. Auf Kosten der Ästhetik. AUf Kosten der Freude zuzusehen. Wieso bitte, soll man Geld für pay tv oder Eintritt in Stadien zahlen, um dann destruktive 90 Minuten erleben zu müssen? Da ist mir doch ein Ausscheiden der deutschen Fußball Nationmannschaft in der Vorrunde lieber, als ein Weiterkommen a la Berti Vogts. WIr lieben das Spiel, den Moment. Wenn der Ball Stafetten läuft, Spannung kreiert wird, man merkt wie sehr die Spieler ihr Spiel lieben, über sich hinaus wachsen können. Mourinho ist einer von denen, der dem Fußball die Freude nehmen wollten. Vergleichbar mit einem der grauen Männer aus Michael Endes Momo, die einem die Zeit stehlen. Gut, dass dieser dunkle Fürst der Fußballwelt seinen Kampf gegen das attraktives Spiel nicht länger weiter führen kann. Die Freunde und Lebenslust einer der schönsten Nebensachen der Welt, kann so wieder wachsen. Talentierte Fußballästehten bekommen so wieder Luft um freier zu atmen!
Klaus-PeterSchumann 19.12.2018
4. Ein Fußballspiel ist auch eine Sache des Glücks.
Ein Fußballspiel ist auch eine Sache des Glücks. Gestern noch Trainer beim Absteiger, heute Trainer beim Aufsteiger. Das alles ist maßlos überzogen und wird von den Medien in einer hysterischen Art und Weise hochgepuscht.
Ein Fußballspiel ist auch eine Sache des Glücks. Gestern noch Trainer beim Absteiger, heute Trainer beim Aufsteiger. Das alles ist maßlos überzogen und wird von den Medien in einer hysterischen Art und Weise hochgepuscht.
sh.stefan.heitmann 20.12.2018
5.
Definition Dolmetscher: Person, die berufsmäßig Äußerungen in einer fremden Sprache übersetzt. Ergo ein Übersetzer...
Zitat von widower+2Mourinho hat niemals irgendwo als Übersetzer gearbeitet. Wann lernt Ihr endlich den Unterschied zwischen Dolmetschern und Übersetzern? Ist doch gar nicht so schwierig.
Definition Dolmetscher: Person, die berufsmäßig Äußerungen in einer fremden Sprache übersetzt. Ergo ein Übersetzer...

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