Sport

Bundestrainerin Voss-Tecklenburg

"Es muss auch mal Widerstände geben"

Deutschland hat seinen Vorteil verspielt - inzwischen sind andere Länder an der Nationalmannschaft vorbeigezogen. Bei der WM setzt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg auf Jugend, Glück und schnelle Köpfe.

DPA

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg

Ein Interview von und
Freitag, 07.06.2019   18:08 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Frau Voss-Tecklenburg, was muss passieren, damit das deutsche Nationalteam der Frauen in diesem Sommer Weltmeister wird?

Martina Voss-Tecklenburg: Wir müssen alle Spiele gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Ach so.

Voss-Tecklenburg: Das ist natürlich ein hoch gegriffenes Ziel, weil die Konkurrenz wirklich gut ist. In so einem Turnier müssen viele Dinge zusammenkommen: Es dürfen sich keine Spielerinnen verletzen, es darf keine Ausfälle durch Sperren geben, wir brauchen auch mal Spielglück. Es muss auch mal Widerstände geben, damit das Team mehr zusammenzuwächst.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Fußball der Frauen hat sich in den vergangenen zehn Jahren stark weiterentwickelt. An der internationalen Spitze ist es enger geworden. Worauf wird es ankommen, um gegen die USA, England, Japan oder Frankreich zu bestehen?

Voss-Tecklenburg: Für mich sind es acht, zehn oder sogar zwölf Teams, die an einem guten Tag jeden schlagen können. Aber es geht darum, auch außerhalb des Platzes gut zu funktionieren. Wer steckt die Reisestrapazen mit ständig wechselnden Spielorten am besten weg? Wie läuft es im Team hinter dem Team? Das wird die Leistung auf dem Platz beeinflussen - sowohl positiv als auch negativ. Erst einmal wollen wir in der Gruppe Erster werden, um einem vermeintlich schweren Achtelfinale aus dem Weg zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso gibt es inzwischen so viele Spitzenteams?

Voss-Tecklenburg: Deutschland war über viele Jahre die Nation, neben den USA und den skandinavischen Ländern, auf die alle geschaut haben. Dann haben die Spielerinnen in vielen Ländern eine höhere Wertschätzung bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Länder meinen Sie?

Voss-Tecklenburg: In Spanien hat sich viel entwickelt, auch weil das einen gesellschaftspolitischen Hintergrund hat. In England ist man bereit, viel Geld in den Fußball der Frauen zu investieren. In Schottland wurde die Ausbildung massiv verbessert. Größere Vereine im Ausland bekennen sich deutlicher zu Frauen- und Mädchenfußball. Damit hatten wir in Deutschland schon viel früher angefangen. Jetzt sind einige Nationen mindestens auf dem gleichen Level oder haben in anderen Bereichen andere Voraussetzungen als wir.

Die Weltspitze ist enger zusammengerückt

SPIEGEL ONLINE: Was muss beim DFB passieren, damit die Konkurrenz nicht dauerhaft vorbeizieht?

Voss-Tecklenburg: Wir müssen schon im U15-Bereich oder noch früher schauen, wo die Toptalente sind. Wir hinterfragen uns, ob die Sichtungsturniere in dieser Form noch passend sind. Wir müssen gute Rahmenbedingungen schaffen: mit guten Trainern, mit Absprachen in den Schulen, mit Synergien zu den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten im Männerfußball.

SPIEGEL ONLINE: Welche taktischen Trends erwarten Sie bei der WM in Frankreich?

Voss-Tecklenburg: Es wird nicht so viele Neuerungen geben. Aber durch die Regeländerung, den Ball beim Abstoß der Torhüterin im Strafraum annehmen zu dürfen, wird sich der Spielaufbau und auch das gegnerische Zustellen verändern. Das birgt auf beiden Seiten Chancen. Es wird darum gehen, in verschiedenen Pressingvarianten zu agieren und in Umschaltphasen gut zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es für Ihr Team ein System, das am besten passt?

Voss-Tecklenburg: Wir haben mit dem 4-4-2 eine Formation, in der sich die Spielerinnen wohlfühlen und in das wir immer zurückkehren können. Da sind wir defensiv sehr kompakt. Offensiv wollen wir variabel sein. Wir haben klare Ideen, wie wir uns auf dem Platz besser positionieren.

SPIEGEL ONLINE: Setzen Sie mehr auf Taktik als Ihre Vorgängerinnen und Vorgänger?

Voss-Tecklenburg: Das müssen andere beantworten. Fakt ist, dass wir Spielerinnen haben, die die taktische Arbeit gut finden und mittragen. Sie wissen, dass wir Gegnerinnen auch mal überraschen können. Wir im Trainerteam beziehen die Spielerinnen ein.

SPIEGEL ONLINE: Wie denn?

Voss-Tecklenburg: Wir geben eine Eckenvariante vor. Wenn eine Spielerin aber eine andere Möglichkeit erkennt und die Ecke anders ausführt, werden wir das immer mittragen. Das sind Entscheidungen, die wir auf dem Platz haben möchten. Wenn es dann nicht funktioniert, musst du als Trainer trotzdem dahinterstehen. Es geht darum, handlungsschneller als die Gegnerinnen zu sein.

Michael Dalder REUTERS

Das deutsche Team im Test gegen Chile

SPIEGEL ONLINE: Im WM-Kader sind auch junge, international wenig erfahrene Spielerinnen. Ist das nicht riskant?

Voss-Tecklenburg: Wir trauen den jungen Spielerinnen zu, dass sie eine WM spielen können. Wir sind aber auch in einem Prozess, der mit dieser Weltmeisterschaft beginnt. Deshalb sind wir in der Verantwortung, diesen Spielerinnen die Turniererfahrung zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie die 17-Jährige Lena Oberdorf und die 18-Jährige Klara Bühl nominiert?

Voss-Tecklenburg: Klara Bühl hat viel Tempo, ist unbekümmert, beidfüßig, kann gut abschließen. Deshalb kann sie Gegnerinnen vor Probleme stellen, wenn wir sie reinwerfen. Lena Oberdorf hat in ihrem ersten Bundesliga-Jahr sofort Akzente gesetzt. Wir sehen sie in der Zentrale auf sämtlichen Positionen, denn sie hat jetzt schon eine enorme Präsenz und Ruhe in ihrem Spiel.

SPIEGEL ONLINE: Was erhoffen Sie sich von Birgit Prinz, die als Teampsychologin zur WM mitfährt?

Voss-Tecklenburg: Ich weiß seit meiner Zeit in der Schweiz, dass es wichtig ist, mit Sportpsychologen zusammenzuarbeiten. Wir haben viele Einzelgespräche geführt und wissen, dass die Spielerinnen Fragen haben. Es gibt Themen, die sie nicht mit einem Trainerteam besprechen wollen. Birgit ist top ausgebildet, aber sie hat eben auch viele Situationen erlebt, in denen die Spielerinnen nun stecken.

SPIEGEL ONLINE: Welche Situationen meinen Sie?

Voss-Tecklenburg: Es geht darum, dass die Spielerinnen sicherer werden, sich mehr zutrauen, sich nicht von 30.000 Zuschauern beeinflussen lassen. Was erwarte ich von mir? Was erwarten andere von mir? Wie gehe ich mit der öffentlichen Aufmerksamkeit um? Das sind alles Themen, die die Spielerinnen beschäftigen und dort bearbeitet werden.

SPIEGEL ONLINE: Durch die WM steht der Fußball der Frauen in Deutschland wieder im Fokus, wie man beim Testspiel in Regensburg gegen Chile gesehen hat. Ansonsten war der Trend bei Zuschauerzahlen aber eher rückläufig. Wie erklären Sie sich das? In anderen Nationen werden doch Rekorde vermeldet.

Voss-Tecklenburg: Das Thema beschäftigt uns im DFB und hat vielfältige Gründe. Sicherlich sind zum Beispiel die Anstoßzeiten nicht immer optimal. In Frankreich wird etwa immer abends gespielt. Da ist es leichter, mehr Zuschauer in die Stadien zu bringen. Auf der anderen Seite haben wir auch anders als viele Sportarten das Privileg, dass alle Spiele von uns live ausgestrahlt werden.

SPIEGEL ONLINE: Diese Kritik richtet sich an die TV-Sender ARD und ZDF.

Voss-Tecklenburg: Wir müssen erstmal wieder mit sportlichen Leistungen überzeugen, dann können wir auch leichter Dinge einfordern. Was man auch sagen muss: Die Aktionen in den anderen Ländern liefern noch keine Nachhaltigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Torhüterin Almuth Schult hatte zuletzt öffentlich den DFB kritisiert. Glauben Sie, im DFB sind alle bereit, den Fußball der Frauen in den kommenden Jahren zu stärken?

Voss-Tecklenburg: Ich spüre die Bereitschaft überall. Ich habe vor kurzem mit Oliver Bierhoff telefoniert. Wir sind in einer guten Kommunikation und ihm ist bewusst, wo wir ansetzen müssen. Es ist schon sehr viel angeschoben worden. Es gibt die Direktion Nationalteams, wir haben Synergien in der Trainerausbildung geschaffen, wir profitieren von der DFB-Akademie. Ich kann auf alles zurückgreifen. Ich habe mich mit Joachim Löw ausgetauscht, wir können auf die Expertise des Analysten des A-Teams der Männer zurückgreifen. Ich fühle mich im Moment sehr gut aufgehoben.

Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP