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WM-Halbfinaleinzug der USA

Sie ist hier der Boss

Megan Rapinoe legt sich mit Präsident Donald Trump an - und schießt die USA mit zwei Toren gegen Frankreich ins WM-Halbfinale. Ihr Jubel erinnert an ein historisches Vorbild.

Franck Fife / AFP

Megan Rapinoe

Von
Samstag, 29.06.2019   00:15 Uhr

Vorweggenommenes Finale: Ein beliebtes Vorurteil verblendeter Kritiker lautet, jedes U15-Team männlicher Bundesligisten würde gegen jedes WM-Team der Frauen locker gewinnen. Wenn die Chance auf Einsicht bestehen würde, müsste diese Partie als Gegenbeweis in Dauerschleife gezeigt werden. Spieltempo, Athletik, Defensivverhalten, Aggressivität, taktisches Verständnis - es war ein absolut beeindruckendes Fußballspiel zwischen WM-Gastgeber Frankreich und Rekordweltmeister USA.

Das Ergebnis: Die USA zog mit einem 2:1 (1:0)-Sieg ins WM-Halbfinale ein, hier lesen Sie den Spielbericht.

Erste Hälfte: Das Spiel begann für die Französinnen so, wie sie es unbedingt vermeiden wollten: mit einem frühen Gegentor. Megan Rapinoe brachte einen Freistoß von der linken Seite flach und hart vor das Tor, der Ball rutschte durch die Beine von Frankreichs Kapitänin Amandine Henry und so konnte Torhüterin Sarah Bouhaddi auf der Linie nicht mehr reagieren (5. Minute). Von diesem Rückstand erholten sich die Gastgeberinnen nur schwer, sie rannten zwar unermüdlich an, kamen jedoch zu keinen zwingenden Torchancen. Und die USA? Verpassten es, konsequenter nach vorne zu spielen, was auch an der mäßigen Form von Topstürmerin Alex Morgan lag.

Ellis' Plan geht auf: Grant Wahl ist einer der profiliertesten Fußballjournalisten in den USA. Zwei Stunden vor Spielbeginn twitterte er über die Aufstellung und schrieb, Lindsey Horan sitze auf der Ersatzbank. Solche Leaks sind nicht selten, in diesem Fall löste es unter amerikanischen Experten eine Diskussion über Trainerin Jill Ellis aus. Vertreterin Julie Ertz sei nicht spielstark genug, Horan müsse als eine der besten Mittelfeldspielerinnen der Welt grundsätzlich spielen. Bedingt durch das frühe Führungstor ging die Spielidee der Trainerin jedoch auf. Ertz, bekannt als exzellente Pressingspielerin, stand sehr tief und hatte großen Anteil an der defensiven Übermacht der Amerikanerinnen im ersten Durchgang.

Sie ist hier der Boss: In den Tagen vor diesem Viertelfinale bestimmte eine Spielerin die Schlagzeilen. Megan Rapinoe hatte ihre Meinung zu US-Präsident Donald Trump und den politischen Verhältnissen in den USA schon häufiger kundgetan, doch selbst eine Wiederholung ("Ich gehe nicht ins fuckin' Weiße Haus.") eines der wichtigsten Gesichter der LGBTQ-Bewegung und Kämpferin für Gleichberechtigung findet große Beachtung. Trump antwortete wenig später und forderte ihren Respekt ein. An Rapinoe scheint diese Diskussion spurlos vorbeizugehen - denn sie avancierte mit ihrem zweiten Treffer zur Matchwinnerin. Und ihr ikonischer Jubel dürfte wie der von Brandi Chastain beim WM-Titel der USA 1999 in die Geschichte eingehen.

AP

Brandi Chastain nach dem WM-Sieg 1999

Zweite Hälfte: Bis Rapinoe zum zweiten Mal zuschlagen konnte, musste das US-Team seine erste schwierige Phase des Spiels überstehen. Frankreichs Trainerin Corinne Diacre ließ die Französinnen mehr über die linke Seite angreifen, zudem unterliefen dem Favoriten einige Abspielfehler, die es so in der ersten Hälfte nicht gegeben hatte. Die beste Chance zum Ausgleich vergab Eugénie Le Sommer, die einen Nachschuss aus kurzer Distanz an das Außennetz setzte (58.). US-Trainerin Ellis reagierte ihrerseits und brachte die verschmähte Horan (63.). Nur drei Minuten später fiel das 2:0: Morgan passte in ihrer besten Szene in den Lauf von Tobin Heath, die Außenstürmerin zog in den Strafraum und passt in den Rücken der Abwehr zu Rapinoe, die freistehend einschoss.

Hoffnungsträgerin Renard: Auf französischer Seite war im Laufe des Turniers Wendie Renard in eine ähnliche Rolle wie Rapinoe gewachsen: Topstar, Torschützin, Anführerin. Renard hatte im Auftaktspiel gegen Südkorea doppelt getroffen und so für eine Aufbruchstimmung gesorgt. Es wunderte nicht, dass die Abwehrspielerin in der 81. Minute mit einem Kopfballtor Frankreich zurück ins Spiel brachte. Es war noch genug Zeit für einen Ausgleichstreffer und den Einzug in die Verlängerung - doch die USA hatten ihre defensive Stabilität wiedergefunden und ließen keine weitere Großchance mehr zu. Mit Renard verabschiedet sich nun ein großer Star dieser WM.

Wie geht es bei der WM weiter? Die Gastgeberinnen sind raus - sowas kann bei einer Weltmeisterschaft schon mal auf die Stimmung schlagen. Doch das ist nicht zu erwarten, denn die meisten Eintrittskarten außerhalb Frankreichs wurden in die USA verkauft. Im Halbfinale wartet am kommenden Dienstag England (21 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE), dann wieder mit Heimspielatmosphäre für die Titelverteidigerinnen.

Frankreich - USA 1:2 (0:2)
0:1 Rapinoe (5.)
0:2 Rapinoe (65.)
1:2 Renard (81.)
Frankreich: Bouhaddi - Torrent, Mbock Bathy, Renard, Majri - Henry, Thiney, Bussaglia - Diani, Gauvin (Cascarino 76.), Le Sommer (Asseyi 82.)
USA: Naeher - O'Hara, Dahlkemper, Sauerbrunn, Dunn - Lavelle (Horan 63.), Ertz, Mewis (Lloyd 82.) - Heath, Morgan, Rapinoe (Press 88.)
Schiedsrichterin: Monzul (UKR)
Gelbe Karten: Mbock Bathy, Bussaglia / -
Zuschauer: 45.595

insgesamt 49 Beiträge
vernunft ist anstrengend 29.06.2019
1. mhm...
Zitat: "Ein beliebtes Vorurteil verblendeter Kritiker lautet, jedes U15-Team männlicher Bundesligisten würde gegen jedes WM-Team der Frauen locker gewinnen." das ist kein vorurteil. es ist einfach nur die wahrheit.
Zitat: "Ein beliebtes Vorurteil verblendeter Kritiker lautet, jedes U15-Team männlicher Bundesligisten würde gegen jedes WM-Team der Frauen locker gewinnen." das ist kein vorurteil. es ist einfach nur die wahrheit.
bauklotzstauner 29.06.2019
2.
Leute, es nervt einfach nur! Keine Fußballübertragung von einem Spiel der US-Damen kommt ohne mehrfaches Lobhudeln von Rapinoe aus, SPON erhebt sie in den Heiligenstand... was soll das? Es ist doch so: Hätte Rapinoe [...]
Leute, es nervt einfach nur! Keine Fußballübertragung von einem Spiel der US-Damen kommt ohne mehrfaches Lobhudeln von Rapinoe aus, SPON erhebt sie in den Heiligenstand... was soll das? Es ist doch so: Hätte Rapinoe Obama kritisiert (zum Beispiel wegen der tausenden Drohnentoten) - KEIN Reporter und kein "Journalist" würde das auch nur am Rande für erwähnenswert halten! Und wenn doch, so würde man sie dafür kritisieren. Aber weil sie gegen Trump ist, wird sie angehimmelt. Leute, das ist SPORT!!! Da hat politische Propaganda nichts zu suchen! Also laßt sie still protestieren - und gut! Aber macht nicht solch eine Hype drum! Ganz nebenbei... ich würde gern mal sehen was Ihr schreiben würdet,. wenn eine deutsche Spielerin der Hymne (bekanntlich die 3. Strophe von "Deutschland Deutschland über alles", wieder eingeführt von Kanzler Adenauer mit seinem Alt-Nazi-durchsetzen Kabinett) öffentlich die Ehre verweigern würde. Gell? Da wäre die Hölle los!? Ja, Protest ist halt nur erwünscht, wenn es den Richtigen trifft...
markniss 29.06.2019
3. U15 wohl nicht...
...aber jede Frauen-National-Mannschaft, die -- ansonsten unverändert -- einfach nur einen männlichen 3.Liga-Torwart in ihren Reihen hätte, würde Weltmeister, da bin ich mir sicher. Technisch und athletisch finde ich den [...]
...aber jede Frauen-National-Mannschaft, die -- ansonsten unverändert -- einfach nur einen männlichen 3.Liga-Torwart in ihren Reihen hätte, würde Weltmeister, da bin ich mir sicher. Technisch und athletisch finde ich den Frauen-Fußball durchaus ansehnlich, aber die Torwartleistungen sind und bleiben wirklich erbärmlich.
radino 29.06.2019
4. Sport, Kommentare sollten unpolitisch sein
In der WM Fußball Frauen USA:Frankreich (28.06.2019), leichtes Spiel, emotional, da in Frankreich - das war's schon. Megan Rapinoe kämpfte hart und fair, motiviert durch eine Aufforderung und immer andauerndes Anspiel. [...]
In der WM Fußball Frauen USA:Frankreich (28.06.2019), leichtes Spiel, emotional, da in Frankreich - das war's schon. Megan Rapinoe kämpfte hart und fair, motiviert durch eine Aufforderung und immer andauerndes Anspiel. Trotzdem finde ich es falsch, gegen die USA Regierung und das Weiße Haus permanent Front zu machen, ob hier oder im ZDF (live). Sport sollte unpolitisch sein. Immer wieder störend, ZDF Politik im Fußball. Was der Kommentator, abgelassen hatte, ist äußerst unpassend. So ähnlich: "Schönen Gruß ans Weiße Haus!" etc.,und vorausgehende Kommentare. Ob am Anfang oder zwischen der 60. und 67. Minute nach dem 2:0 der USA. So etwas brauche ich als Zuschauer nicht. Bis zu der o.g. 67. Minute mehrere Kommentare dazu. Egal ob gegen Trump, dessen Regierung, dass gehörte nicht in die live Übertragung hinein.. Solche Politischen Spielchen kann das ZDF gerne weiter in anderen Sendungen praktizieren. Da sind wir gewohnt. Hier aber bitte NICHT im ZDF! Ich sehe die auch nicht nur das ZDF, sondern auch den DFB und die FIFA in Verantwortung für das übertragende, direkte Wort. Der hier geschriebene Artikel leitet ein, ein typisches Beispiel. Ist aber ein Artikel, daher anders zu betrachten.
ulrichskubowius 29.06.2019
5. Es war ein Genuss
diesem Spiel zuzuschauen, abgesehen auch von der tollen Stimmung im Stadion. Ich war begeistert nicht nur von den technischen Fähigkeiten, dem Tempo, aber besonders, und da sollten sich die männlichen Grossverdiener einmal eine [...]
diesem Spiel zuzuschauen, abgesehen auch von der tollen Stimmung im Stadion. Ich war begeistert nicht nur von den technischen Fähigkeiten, dem Tempo, aber besonders, und da sollten sich die männlichen Grossverdiener einmal eine dicke Scheibe abschneiden, bei einem Foul wälzte sich keine der Spielerinnen 35m schreiend über den Rasen und markierte die Schwerstverletzte, es gab keine Rudelbildung und kaum Diskussionen mir der Schiri obwohl es doch um Einiges ging. Einfach toll.

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