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PSG-Aus gegen Manchester United

"Grausam. Das haben wir nicht verdient"

Über 180 Minuten war Paris Saint-Germain das dominante Team im Achtelfinale der Champions League gegen Manchester United. Gescheitert ist PSG trotzdem, mal wieder. Was wird jetzt aus Thomas Tuchel?

REUTERS

PSG-Trainer Thomas Tuchel

Aus Paris berichtet
Donnerstag, 07.03.2019   11:09 Uhr

Als klar war, dass Manchester United einen Elfmeter erhalten würde und das überraschende Champions-League-Aus von Paris Saint-Germain damit plötzlich ganz nah, knickten Kylian Mbappé zum ersten Mal die Beine weg. Nachdem das Spiel wenig später vorbei war und mit ihm Paris' Hoffnung aufs Weiterkommen, ach was, auf den Titel, sank der junge Wunderstürmer auf den Boden und blieb dort liegen, minutenlang.

Wer ihn dort leiden sah, bekam eine Ahnung davon, was in ihm vorgehen musste. Man kann Spiele verlieren, man kann aus einem Wettbewerb ausscheiden, in der Champions League ohnehin. Aber so?

1:3 verlor PSG im eigenen Stadion, der entscheidende Treffer fiel per Strafstoß in der Nachspielzeit, und das, nachdem das Team zuvor 2:0 in Old Trafford gewonnen hatte. Dabei war Paris über 180 Minuten die dominante, die gefährlichere Mannschaft gewesen und hatte sogar Rückschläge weggesteckt.

Das Spiel hatte kaum begonnen, da unterlief Thilo Kehrer ein Fehlpass, der zum 0:1 durch Romelu Lukaku führte (2. Minute). United verteidigte fortan tief in der eigenen Hälfte, und doch wurde die massive Defensive von PSG auseinandergespielt. Juan Bernat traf nach Vorarbeit von Mbappé, zur Pause betrug das Torschussverhältnis 9:3. Trotzdem lag Manchester in Führung, wobei auch dem 2:1 ein schwerer individueller Fehler vorausging, diesmal von PSG-Torwart Gianluigi Buffon.

Tuchel wirkt erschüttert

"Manchester hatte eigentlich keine richtige Torchance und trotzdem zweimal getroffen", sagte PSG-Trainer Thomas Tuchel nach der Partie. Tuchel, 45 Jahre, tut alles dafür, das Chaos auf dem Fußballplatz zu kontrollieren. Wenige Trainer sind so akribisch wie er, wenige präparieren Partien so detailliert. Tuchel versucht, auf alles gefasst zu sein. Wie schwer es ihm fiel, die 90 Minuten gegen United zu akzeptieren, war ihm äußerlich nicht anzumerken. Im dunklen Rollkragenpullover saß er bei der Pressekonferenz, die Stimme ruhig, der Blick fest. Was er sagte, klang aber nach jemandem, dessen Weltbild gerade erschüttert worden war.

"Wenn der Gegner klar besser gewesen wäre, einem alles abgerungen hätte - dann hätten wir etwas in der Hand, um es zu analysieren", sagte er. Solch ein Spielverlauf komme in 100 Partien einmal vor. Grausam sei das gewesen, sagte Tuchel. "Wir sind draußen. Das haben wir nicht verdient."

Tuchel verglich das Aus sogar mit dem im französischen Ligapokal Anfang des Jahres. Dazu muss man wissen, dass PSG damals gegen EA Guingamp ausschied, Frankreichs Tabellenletzten. Dass United zwar harmlos war, aber eigentlich doch sehr gut verteidigt hatte, erwähnte Tuchel nicht.

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Champions League: Und wieder erwischt es Paris

Stattdessen versuchte er, dem Narrativ entgegenzuwirken, dass PSG nunmal eine dieser Mannschaften sei, die kollabieren, wenn es drauf ankommt. Sozusagen das Bayer Leverkusen der Champions League.

Seit Jahren investiert der Klub hohe Summen in die Mannschaft, mit dem Ziel, die Champions League zu gewinnen. Seit Jahren scheitert er. Siebenmal in Folge ist PSG nun schon spätestens im Viertelfinale ausgeschieden, teils auf dramatische Weise und meist gegen starke Gegner. Dass vor zwei Jahren gegen Barcelona ein 0:4 nicht reichte, weil Paris im Rückspiel drei Tore in den Schlussminuten kassierte und 1:6 verlor, wird auf ewig Teil der Fußballgeschichte sein.

Besteht ein Zusammenhang zwischen jener Nacht von Barcelona und der vom Mittwoch in Paris? "Wir Menschen suchen stets nach Mustern, nach Erklärungen", sagte Tuchel, was "nein" heißen sollte. Thilo Kehrer sei gegen Barcelona ja nicht dabei gewesen, das gelte auch für Gianluigi Buffon, die beiden Spieler also, die mit ihren Aussetzern die ersten beiden United-Tore ermöglichten. Und er selbst sei ja auch neu in Paris.

Tuchel dürfte seinen Job behalten

Diesmal aber hieß der Gegner nicht Barcelona, nicht Real Madrid oder Manchester City. Paris unterlag dem Tabellenvierten der Premier League, einer Mannschaft, der zehn Spieler fehlten, darunter Topstar Paul Pogba, und in der nicht Größen wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo spielten, sondern Fred und Scott McTominay. So gesehen ist Tuchel viel heftiger gescheitert als seine Vorgänger.

Trotzdem dürfte er kaum seinen Posten räumen müssen; Fragen nach seiner Zukunft wurden ihm an diesem Abend nicht gestellt. Dass auch PSG auf Schlüsselspieler verzichten musste, Neymar und Edinson Cavani, entlastet ihn etwas. Vor allem aber hat Tuchel Paris spielerisch erkennbar entwickelt. Mbappé ist als Mittelstürmer statt rechtsaußen viel effektiver, Marquinhos überrascht als starker Sechser, auch Spieler wie Bernat und Julian Draxler haben sich merklich verbessert. Eine Trennung von Tuchel wäre eine Überraschung. Zumal auch seine Vorgänger, Unai Emery und Laurent Blanc, nicht gleich bei ihrem ersten Aus in der Königsklasse entlassen wurden.

Diese Saison aber ist für Paris bereits jetzt, Anfang März, gelaufen. Die Meisterschaft kann PSG angesichts von 17 Punkten Vorsprung bei einer weniger absolvierten Partie kaum noch verspielen. Und ob das Team nun den französischen Pokal, den Coupe de France, gewinnt oder nicht, wird als Randnotiz in die Klubgeschichte eingehen.

Wie motiviert man eine Mannschaft in einer solchen Lage? Wie sich selbst? Tuchel schwieg einen Moment. Dann sagte er: "Ganz ehrlich, ich weiß es nicht". Er brauche nun ein paar Tage Ruhe, er wolle nicht viel nachdenken, nicht sprechen. "Wir müssen weitermachen", sagte Tuchel. "Aber nicht heute."

Paris Saint-Germain - Manchester United 1:3 (1:2)
0:1 Lukaku (2.)
1:1 Bernat (12.)
1:2 Lukaku (30.)
1:3 Rashford (90.+4)
Paris: Buffon - Kehrer (70. Meunier), Silva, Kimpembe, Bernat - Verratti, Marquinhos - Alves (90.+5 Cavani), Draxler (70. Paredes), di María - Mbappé
Manchester: de Gea - Lindelöf, Smalling, Bailly (36. Dalot) - Young (87. Greenwood), Shaw - McTominay, Fred - Pereira (80. Chong) - Rashford, Lukaku
Zuschauer: 46.500
Schiedsrichter: Skomina (Slowenien)
Gelbe Karten: di María, Parendes / Shaw

insgesamt 50 Beiträge
zauberer2112 07.03.2019
1. So ist Fußball
Mal verliert man, mal gewinnen die anderen. Niederlagen trotz Überlegenheit? Fragen Sie mal die Ungarn 1954 oder die Bayern beim "Finale dahoam". Mund a putzen, 500 Mio ausgeben und viel Glück nächste Saison.
Mal verliert man, mal gewinnen die anderen. Niederlagen trotz Überlegenheit? Fragen Sie mal die Ungarn 1954 oder die Bayern beim "Finale dahoam". Mund a putzen, 500 Mio ausgeben und viel Glück nächste Saison.
Wortschmied 07.03.2019
2. Fußball ist nicht Schach
Die jungen PSG-Millionäre sollen nicht heulen, denn im Fußball gibt es anders als im Schach oder Tennis ständig Zufallstreffer und vermeintlich ungerechte Niederlagen. Da kann ja sogar Griechenland Europameister werden. Ihr [...]
Die jungen PSG-Millionäre sollen nicht heulen, denn im Fußball gibt es anders als im Schach oder Tennis ständig Zufallstreffer und vermeintlich ungerechte Niederlagen. Da kann ja sogar Griechenland Europameister werden. Ihr Millionengehalt fürs Bolzen auf dem Rasen kriegen die PSG-Spieler trotzdem!
gammoncrack 07.03.2019
3. Ich hätte es Thomas Tuchel aúch gegönnt,
das Viertelfinale zu erreichen. Gerade deswegen, weil es wirklich eine unverdiente Niederlage war. Andererseits bin ich aber auch froh. Vielleicht hört jetzt endlich einmal auf, dass einige BVB-Fans immer wieder mit dem Spruch [...]
das Viertelfinale zu erreichen. Gerade deswegen, weil es wirklich eine unverdiente Niederlage war. Andererseits bin ich aber auch froh. Vielleicht hört jetzt endlich einmal auf, dass einige BVB-Fans immer wieder mit dem Spruch "Mit Tuchel wär' das nicht passiert" kommen. Denn auch mit Tuchel ist offensichtlich auch alles möglich.
charlybird 07.03.2019
4. Was soll man da auch sagen,
wenn selbst Geld nicht weiterhilft, nicht wahr. Man braucht offensichtlich 2 Neymars, Cavanis und Mpappès und wie sie alle heißen, ansonsten hilft aber vielleicht ein hübscher Urlaub im Sklaven-und Geberland dieses Vereins, [...]
wenn selbst Geld nicht weiterhilft, nicht wahr. Man braucht offensichtlich 2 Neymars, Cavanis und Mpappès und wie sie alle heißen, ansonsten hilft aber vielleicht ein hübscher Urlaub im Sklaven-und Geberland dieses Vereins, da kann man schön den pakistanischen Gastarbeitern beim Stadionbauen zugucken, die für ca. 1/100 des Wochengehaltes dieser Fußballgrößen ein ganzes Jahr schuften und wirklich einen Grund haben verzweifelt zu sein. Will damit aber auch sagen, dass es mir gar nicht Leid tut, dass PSG draußen ist und wenn sie noch so schön spielen sollten.
Mister Stone 07.03.2019
5. Gerecht ist das schon
Chancenverwertung! Auch andere große Clubs, wie z.B. der BVB, kennen das. Alle Mannschaften, die trotz Überlegenheit verlieren, weil sie ihre Chancen nicht verwerten, leiden. Grausame Realität: Wer öfter trifft, gewinnt. Das [...]
Chancenverwertung! Auch andere große Clubs, wie z.B. der BVB, kennen das. Alle Mannschaften, die trotz Überlegenheit verlieren, weil sie ihre Chancen nicht verwerten, leiden. Grausame Realität: Wer öfter trifft, gewinnt. Das ist gerecht. Der Elfer war nicht unberechtigt. Man kann ihn geben. Gratulation an Manchester United. Bayern München hatte Mitte der 70er Jahre auch mal diese beispiellose Effizienz, die ansonsten nur den italienischen Teams eigen war. Die anderen hatten mehr Chancen und schönere Spielzüge, aber Bayern hat eiskalt zugeschlagen und gewonnen. Damals haben wir uns mit Bayern gefreut. Heute leiden wir mit BVB und PSG, und kommenden Woche auch mit Schalke und vielleicht auch mit dem FC Bayern.

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Sieger Uefa Champions League

Jahr Verein
2019 FC Liverpool
2018 Real Madrid
2017 Real Madrid
2016 Real Madrid
2015 FC Barcelona
2014 Real Madrid
2013 FC Bayern München
2012 FC Chelsea
2011 FC Barcelona
2010 Inter Mailand
2009 FC Barcelona
2008 Manchester United
2007 AC Mailand
2006 FC Barcelona
2005 FC Liverpool
2004 FC Porto
2003 AC Mailand
2002 Real Madrid
2001 FC Bayern München
2000 Real Madrid
1999 Manchester United
1998 Real Madrid
1997 Borussia Dortmund
1996 Juventus Turin
1995 Ajax Amsterdam
1994 AC Mailand
1993 Olympique Marseille

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