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Coutinho-Wechsel nach München

Der Signaltransfer

Es wäre einer der größten Transfers der Bundesligageschichte: Der FC Bayern steht vor der Verpflichtung von Barcelonas Philippe Coutinho. Für Trainer Niko Kovac wird es allerdings nun knifflig.

Albert Gea/ REUTERS
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Samstag, 17.08.2019   16:09 Uhr

Fußball-Bundesliga

Den wohl größten Deal in der Geschichte des deutschen Fußballs verkündete Bayern München am späten Freitagabend nach dem 2:2 gegen Hertha BSC. "Wir sind glücklich, dass wir diesen Spieler zum FC Bayern holen werden", sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic live im ZDF. Medizincheck und Unterschrift stehen zwar noch aus, doch Philippe Coutinho dürfte zeitnah vorgestellt werden.

Der 27-Jährige kommt vom FC Barcelona, vorerst für ein Jahr. Dann können die Münchner eine Kaufoption ziehen. Die Ablöse dürfte im Bereich der 100-Millionen-Euro-Marke liegen. Barcelona selbst zahlte für Coutinho Anfang 2018 angeblich bis zu 160 Millionen Euro an Liverpool, der Brasilianer gehört zu den teuersten Fußballern der Geschichte.

Gehört er auch zu den besten?

Zu Coutinhos größten Stärken zählt, wie geschickt er sich ohne Ball verhält. Er bewegt sich herausragend in den gegnerischen Zwischenräumen, selbst wenn diese schmal sind, weil die Abwehr kompakt verteidigt. Coutinho macht sich anspielbar, dreht Richtung Tor und sucht den Abschluss. Im Münchner Ligaalltag kann das zur gefragten Fähigkeit werden, dort machen die Gegner meist dicht.

Eine viel offensichtlichere Stärke ist sein Schuss. Während seiner Liverpooler Zeit war er berüchtigt dafür, selbst dann abzuschließen, wenn die Entfernung groß, die Erfolgschancen gering waren. Doch mittlerweile belächelt man Coutinho nicht mehr für seine Versuche, spätestens seit seinem Traumtor in Brasiliens WM-Spiel gegen die Schweiz 2018.

Doch zuletzt wurden Coutinhos Tore seltener. Und er hat Defizite im Spiel gegen den Ball. Er lässt sich zu leicht aus der Ordnung locken, verfolgt unnötigerweise Gegenspieler. Er gilt als nicht besonders schnell und körperliches Leichtgewicht. Er braucht Nebenspieler, die das auffangen.

Warum gibt Barcelona ihn ab?

Coutinho war zu haben, weil er sich in Barcelona nicht durchgesetzt hat. Vergangene Saison stand er gerade ein Dutzend Mal über 90 Minuten auf dem Platz; ihm gelangen im Schnitt 0,43 Torbeteiligungen. In den Jahren davor waren es 1,09 und 0,82 pro 90 Minuten gewesen.

Bei den Katalanen hofften sie, er würde sich als Nachfolger von Vereinsikone Andrés Iniesta etablieren. Iniesta spielte zumeist auf einer Mischposition, als halb zentraler, halb offensiver Mittelfeldspieler. Er bestimmte den Spielrhythmus, ließ den Ball laufen. Iniesta nahm den Ball an und spielte ihn sofort weiter, dorthin, wo ihm die gegnerische Ordnung fragil erschien. Wenn Coutinho den Ball annimmt, schaut er, ob er abschließen kann.

Barcelonas Trainer Ernesto Valverde wählte im Mittelfeld daher häufig die stabilere Variante ohne ihn. Und in der Offensive lief ihm der dynamischere Ousmane Dembélé den Rang ab. Coutinho ist auch deshalb in Barcelona gescheitert, weil ihn die Katalanen offenbar falsch einschätzten.

Wie gut passt er zum FC Bayern?

Das ist nicht einfach zu beantworten. Als Linksaußen hat Coutinho in der Vergangenheit zwar überzeugt. Er interpretiert die Rolle aber ganz anders, als sie beim FC Bayern unter Kovac angelegt ist. Während Coutinho gern ohne Ball Richtung Zentrum schleicht, um dort Pässe zu erhalten und den Gegner zu überraschen, soll der Bayern-Linksaußen eigentlich das Eins-gegen-Eins suchen, in den Strafraum eindringen oder Flanken schlagen. So tat es Kingsley Coman gegen Hertha, so hätte es Wunschspieler Sané getan.

Als Zehner, hinter dem Sturm, wäre Coutinho ebenfalls sehr effektiv. Diese Position aber gibt es bei Kovac nicht. Auch deshalb dürfte der Vertrag mit dem eigentlich sehr guten James Rodríguez, seines Zeichens Zehner, nicht verlängert worden sein.

Bliebe die Position als halblinker Mittelfeldspieler in Bayerns 4-3-3-System. Das wäre die Iniesta-Rolle. Wenn Coutinho sie offensiv interpretieren darf, beherrscht er sie, das hat er im Nationaltrikot bewiesen. Nur: Da in München auf der halbrechten Seite mit Leon Goretzka oder Thomas Müller Spieler eingeplant sind, die selbst oft in den Strafraum vorstoßen, wäre Bayern wohl gefährlich offensiv aufgestellt. Auf dem Sechser, Thiago, würde dann große Defensivverantwortung ruhen.

Kovac könnte das taktisch auffangen, indem er die Außenverteidiger ins Mittelfeld einrücken lässt, als Absicherung. Oder er ändert sein System. So froh der Trainer über die Verpflichtung eines so guten Spielers wie Philippe Coutinho sein dürfte: Über die richtige Einbindung wird er zu grübeln haben.

Was heißt der Transfer für die Liga und den FC Bayern?

Für die Bundesliga ist die Coutinho-Verpflichtung ein großer Moment. Dass ein Spieler von Weltrang im idealen Fußballeralter nach Deutschland wechselt, ist in der langen Ligageschichte selten. Insofern haben die Bayern nun geschafft, was sie mit dem angedachten Sané-Transfer vollbracht hätten: Coutinho ist ein Signal an die Konkurrenz, national wie international. Die Bayern greifen an.

Dass sie es mit einem völlig anderen Spielertyp als Sané tun, wirkt einerseits planlos, denn Coutinho passt nicht ideal zu Kovacs Taktik. Trotzdem könnte es aus Bayern-Sicht positiv sein, dass er nun da ist - und nicht Sané. So blieb das Budget üppig, und statt eines Spielers wurden gleich mehrere verpflichtet. Der Kader als Ganzes scheint nun besser gewappnet für die bevorstehende Saison.

insgesamt 32 Beiträge
kaiservondeutschland 17.08.2019
1. Nur geliehen
Der Spieler wurde doch nur geliehen. Bayern kann mit C. ein bisschen experimentieren und wenn es nicht klappt, schickt man ihn wieder zurück und holt jemand passenderes.
Der Spieler wurde doch nur geliehen. Bayern kann mit C. ein bisschen experimentieren und wenn es nicht klappt, schickt man ihn wieder zurück und holt jemand passenderes.
blabliblupp 17.08.2019
2. Richtiger Mann
im richtigen Verein? So gerne ich PC in der Liga sehe, dass Transfergehampel von BM ist peinlich. Die kaufen einen Spieler, dessen Position, die in der er beim LFC glänzte, es in der Taktik nicht gibt? Nur weil Coutinho auf dem [...]
im richtigen Verein? So gerne ich PC in der Liga sehe, dass Transfergehampel von BM ist peinlich. Die kaufen einen Spieler, dessen Position, die in der er beim LFC glänzte, es in der Taktik nicht gibt? Nur weil Coutinho auf dem Markt ist! Eigentlich braucht BM Backups für die Flügel und mindestens noch einen Klasseverteidiger. Pavard ist ein Absteiger. Als Verteidiger sicher nicht Championsleague, wenn überhaupt Bundesliga geeignet. Gut im gestrigen Spiel zu sehen. Der gegen CR7 oder Salah? Aber Hauptsache das Ego der Chefchen mit Coutinho gestreichelt.
patsche2712 17.08.2019
3. Couthino...
...ist grundsätzlich eine Bereicherung für die Bundesliga, aber ich werde den Verdacht nicht los, dass der Transfer von Leroy Sanè zu den Bayern aufgrund dessen schwerer Knieverletzung nur aufgeschoben wurde. Anstatt sich in [...]
...ist grundsätzlich eine Bereicherung für die Bundesliga, aber ich werde den Verdacht nicht los, dass der Transfer von Leroy Sanè zu den Bayern aufgrund dessen schwerer Knieverletzung nur aufgeschoben wurde. Anstatt sich in Barcelona bei Guardiolas Leibarzt operieren zu lassen, wird das malade Knie von einem in Innsbruck ansässigen Chirurgen operiert, der schon mehrfach Spieler der Bayern operiert hat, das ist für mich mehr als nur ein Zufall. Ich bin mir ziemlich sicher, das in der nächsten Sommertransferperiode die Bayern das berühmtberüchtigte Festgeldkonto plündern, um dann Deutschlands derzeit besten und spektakulärsten Fussballer an die Säbener Straße zu holen.
bibabuzelmann 17.08.2019
4. Vorbereitungszeit ...
"Der Kader als Ganzes scheint nun besser gewappnet für die bevorstehende Saison." Das mag stimmen, aber die Saison hat bereits begonnen. Bis sich jetzt die ganzen Stars sortieren, einleben und auch Kovac weiss, wo sie [...]
"Der Kader als Ganzes scheint nun besser gewappnet für die bevorstehende Saison." Das mag stimmen, aber die Saison hat bereits begonnen. Bis sich jetzt die ganzen Stars sortieren, einleben und auch Kovac weiss, wo sie am besten spielen, wird es mindestens bis zur Winterpause dauern. Ich erwarte einen holprigen Herbst ...
der_ba_be 17.08.2019
5. @Nr.2
Genau. in München kennt man nur ein System mir nur einer Taktik. Steht alles im Artikel, man müsste ihn nur zuende lesen und versuchen noch ein bisschen eigene gedankliche Transferleistung zu erbringen. Goretzka kann auch [...]
Genau. in München kennt man nur ein System mir nur einer Taktik. Steht alles im Artikel, man müsste ihn nur zuende lesen und versuchen noch ein bisschen eigene gedankliche Transferleistung zu erbringen. Goretzka kann auch defensiver agieren. Hybride 3er/4er Kette mit einrückenden AV wurde bereits im Artikel genannt. Auch ein offensiv angelegtes 4-2-2-1-1 mit Coutinho und Müller als abwechselnden Spielern in den Räumen zwischen den Linien ist möglich. Kovac kann jetzt zeigen was er kann.

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