Sport

Nationalspielerin Doorsoun

"Und es gibt immer noch etwas zu meckern"

Stammspielerin im Nationalteam, in Wolfsburg nur auf der Bank: DFB-Star Sara Doorsoun ist unzufrieden mit der Situation im Klub. Sie spricht über ihre Fehler bei der WM - und die Ansprüche in Deutschland.

Foto: SPIEGEL ONLINE
Ein Interview von
Freitag, 30.08.2019   18:24 Uhr

Für Sara Doorsoun und das DFB-Team steht am Samstag das erste Länderspiel seit dem Viertelfinal-Aus bei der WM 2019 an. In der EM-Qualifikation (12.30 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) heißt der Gegner Montenegro - mit einem Pflichtsieg will Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg die bei der Weltmeisterschaft begonnene Entwicklung fortführen.

Doorsoun, eine der wenigen Spielerinnen mit Migrationshintergrund im Nationalteam (Mutter Türkin, Vater Iraner), gehört wieder zum Kader, obwohl sie in ihrem Verein VfL Wolfsburg stockend in die Saison gestartet ist. Am ersten Spieltag wurde sie gar nicht eingesetzt, am vergangenen Wochenende immerhin eingewechselt. VfL-Trainer Stephan Lerch sieht bei Doorsoun Stärken in der Schnelligkeit und im Abwehrverhalten, aber auch Schwächen in der Spieleröffnung. Im Interview spricht Doorsoun über den Start in Wolfsburg - und zieht eine selbstkritische WM-Bilanz.

SPIEGEL ONLINE: Frau Doorsoun, hat Sie die Weltmeisterschaft den Stammplatz beim VfL gekostet?

Sara Doorsoun: Ich bin im vergangenen Jahr nach Wolfsburg gewechselt und wollte erst mal die Philosophie des Trainerteams kennenlernen. Da war es völlig ok, wenn ich ab und zu mal nicht gespielt habe. Jetzt haben sich meine Ansprüche aber geändert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen diese Ambitionen aus?

Doorsoun: Ich komme aus einer Weltmeisterschaft, bei der ich jedes Spiel gespielt habe. Ich weiß, dass man die Nationalmannschaft nicht mit Wolfsburg vergleichen darf, aber grundsätzlich habe ich den Anspruch, auch beim VfL Wolfsburg jedes Spiel zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lief die Vorbereitung in Wolfsburg nach der zweiwöchigen Pause im Anschluss an die WM?

Doorsoun: Zunächst dachte ich: Oh Gott, ich muss mich wieder auf den Trainingsplatz stellen? Die erste Woche war für den Kopf sehr hart. Ich gönne mir deshalb viele Ruhephasen. Trotzdem kann es sein, dass ich irgendwann ein Tief haben werde.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit dem VfL in dieser Saison möglich?

Doorsoun: Wir haben uns in der Breite des Kaders noch mal verstärkt. Der Konkurrenzkampf ist wahnsinnig groß. Mit dieser Mannschaft sind alle drei Titel möglich.

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Doorsouns WM-Fazit: "Das Tor darf so niemals fallen"

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie vom Engagement vieler europäischer Topklubs aus dem Männerbereich?

Doorsoun: Es ist natürlich attraktiv, wenn Manchester United oder Real Madrid Frauenmannschaften haben. Und es ist toll, dass Lyon und Paris Saint-Germain so erfolgreich sind, aber der Rest der französischen Liga klingt nicht so reizvoll. Wenn ich am Ende des Jahres in der Liga drei, vier Topspiele habe und - ich will keinem Team zu nahe treten - der Rest läuft wie Trainingsspiele, würde mich das nicht reizen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist doch in der Bundesliga mit Wolfsburg und Bayern nicht anders.

Doorsoun: Wir haben in der vergangenen Saison gegen Essen nur Unentschieden gespielt. Potsdam ist immer unangenehm. Freiburg hat vor zwei Jahren über 40 Punkte (bei zwölf Teams in der Bundesliga, d. Red.) geholt. Klar, es gibt immer zwei, drei Mannschaften, die nicht gut genug sind, aber die Bundesliga ist kein Selbstläufer.

Sara Doorsoun spricht darüber, was Spielerinnen in der Öffentlichkeit besser machen können:

Foto: Thomas Eisenhuth/ Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat angekündigt, gemeinsam mit den Spielerinnen das WM-Fazit ziehen zu wollen, und sie wünscht sich explizit Kritikpunkte von den WM-Fahrerinnen. Haben Sie sich schon etwas überlegt?

Doorsoun: Es ist nicht meine Aufgabe, Entscheidungen des Trainerteams zu kommentieren. Das muss der Mannschaftsrat machen. Wir sollten deshalb intern ehrlich und kritisch darüber beraten, und die Spielerinnen des Mannschaftsrats sollten das dann weitergeben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?

Doorsoun: Ich bin relativ schwer ins Turnier gekommen. Ich fand meine Leistung gegen China (1:0-Sieg im ersten Gruppenspiel) insgesamt ok, aber es blieben natürlich meine Fehler hängen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso verlief Ihr Start so schleppend?

Doorsoun: Ich war sehr nervös. Es war mein erstes großes Turnier, bei dem ich in der Startelf stand. Im Verein habe ich vor der WM nicht so viel gespielt. Das ist keine Ausrede, aber in den späten Spielen gegen Nigeria und Schweden war meine Leistung so, wie sie schon zu Beginn des Turniers hätte sein müssen.

SPIEGEL ONLINE: In der Innenverteidigung hat die Bundestrainerin nicht gewechselt. Wie bewerten Sie Ihr Zusammenspiel mit Marina Hegering?

Doorsoun: Wir verstehen uns sehr gut. Sportlich ergänzen wir uns eigentlich auch gut. Marina ist kopfballstark, und ich kann mit meiner Schnelligkeit dahinter absichern. Das hat dann gegen Schweden nicht funktioniert, als Marina vor dem 1:1 das Kopfballduell verloren hat und ich zu weit aufgerückt war. Dieses Tor darf so niemals fallen.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat dieses erste Gegentor des Turniers das Team so verunsichert?

Doorsoun: Als das Spiel losging, war ich mir absolut sicher, dass wir nicht verlieren würden. Die ersten 20 Minuten gegen Schweden waren unsere beste Leistung des Turniers. Nach dem Ausgleich hatten wir dann viel Ballbesitz, haben uns aber keine Torchancen mehr erarbeitet. Warum uns das Tor so rausgebracht hat, kann ich nicht beantworten.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die mediale Berichterstattung während der WM wahrgenommen?

Doorsoun: Die war gut - es gab ja sehr viel Interesse an uns. Wir haben ein sehr junges Team. Ich war mit Lena Oberdorf, der jüngsten Spielerin im Kader, auf einem Zimmer und habe versucht, ihr zu helfen: Was kann man in Interviews sagen, was sollte man besser nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Berichterstattung im Frauenfußball insgesamt zu unkritisch?

Doorsoun: Das finde ich nicht. Gerade in Deutschland ist man schon sehr kritisch mit uns. Da gewinnen wir 3:0 gegen Nigeria, und es gibt immer noch etwas zu meckern. Kritik gehört dazu, aber wir müssen immer etwas ganz Besonderes schaffen. Die Niederländerinnen sind ein gutes Gegenbeispiel: Die gewinnen nur 1:0 oder 2:1, spielen dabei keinen guten Fußball, und trotzdem wird total positiv berichtet. Und bei uns habe ich das Gefühl, dass man erst zufrieden ist, wenn wir 7:0 gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Im November bestreitet Deutschland ein Testspiel im Wembleystadion gegen England. Mehr als 50.000 Karten wurden bereits verkauft. In der EM-Qualifikation gegen Montenegro in Kassel (Samstag 12.30 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) droht dagegen wieder eine spärliche Kulisse. Sorgt das frühe WM-Aus für einen Abwärtstrend im Frauenfußball?

Doorsoun: Ich war vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft dabei. Da hatte ich nach dem Aus im Viertelfinale ein schlechtes Gefühl. In diesem Jahr war die Aufmerksamkeit viel größer. Die Leute wollen gerne an dem Prozess, in dem wir stecken, teilhaben.

Sara Doorsoun erzählt im Video, wie sie zum Fußball gekommen ist:

Foto: SPIEGEL ONLINE
insgesamt 8 Beiträge
Andrea Nxxx. 30.08.2019
1. Chapeau!
Hochachtung - ehrliches unprätentiöses Interview, klar auf den Punkt und komplett authentisch. Freue mich schon auf das nächste Spiel mit Sara.
Hochachtung - ehrliches unprätentiöses Interview, klar auf den Punkt und komplett authentisch. Freue mich schon auf das nächste Spiel mit Sara.
ArmeOhren 30.08.2019
2. Sehe ich auch so
Vielleicht ist auch das mit ein Grund, dass Frauenfussball von einigen als langweilig angesehen wird, weil einem die hitzkoepfigen Jungens und grossen Spruecheklopfer fehlen, die mit dem, was sie nach dem Spiel atemlos und [...]
Zitat von Andrea Nxxx.Hochachtung - ehrliches unprätentiöses Interview, klar auf den Punkt und komplett authentisch. Freue mich schon auf das nächste Spiel mit Sara.
Vielleicht ist auch das mit ein Grund, dass Frauenfussball von einigen als langweilig angesehen wird, weil einem die hitzkoepfigen Jungens und grossen Spruecheklopfer fehlen, die mit dem, was sie nach dem Spiel atemlos und manchmal etwas naiv aber immer souveraen ins Mikro stammeln, dem Fussballabend erst die richtige Wuerze geben. Vielleicht lernt man dafuer dann aber die Chance, mal ab und zu etwas Vernuenftiges und Selbstreflektiertes zu hoeren, in der Zukunft mehr zu schaetzen. Bei den Maennern geht der Trend ja auch schon in die Richtung. Die ganz grossen Checker sind ja schon lange nicht mehr dabei oder nur noch als Trainer aktiv.
Lankoron 30.08.2019
3. Aber wenn das team
7:0 gewinnt, spricht alles von einem nicht ernstzunehmenden Abschussgegner...das is also auch wieder falsch. Es ist wahrscheinlich ein Teil unserer identität, immer zu meckern, und anderen den Erfolg zu missgönnen.
7:0 gewinnt, spricht alles von einem nicht ernstzunehmenden Abschussgegner...das is also auch wieder falsch. Es ist wahrscheinlich ein Teil unserer identität, immer zu meckern, und anderen den Erfolg zu missgönnen.
ArmeOhren 30.08.2019
4. Ich glaube schon
Ich bin Auswanderer und hatte frueher eigentlich immer geglaubt, der pessimistisch-skeptische Deutsche, der immer was zu meckern hat und sich selbst und andere die ganze Zeit runterzieht, sei nur ein voelliges Klischee. Aber [...]
Zitat von Lankoron7:0 gewinnt, spricht alles von einem nicht ernstzunehmenden Abschussgegner...das is also auch wieder falsch. Es ist wahrscheinlich ein Teil unserer identität, immer zu meckern, und anderen den Erfolg zu missgönnen.
Ich bin Auswanderer und hatte frueher eigentlich immer geglaubt, der pessimistisch-skeptische Deutsche, der immer was zu meckern hat und sich selbst und andere die ganze Zeit runterzieht, sei nur ein voelliges Klischee. Aber es ist schon was dran - natuerlich nicht bei allen und jedem. Aber ich hab zum Beispiel selbst oft grosse Probleme, das aus mir rauszukriegen und nicht anzuecken damit. Man sieht es ja schon oft genug im SpOn-Forum: Wenn ein Expertenteam eine neue Idee vorstellt, an der es jahrelang und mit Herzblut gearbeitet hat, wissen gleich 10 Hansel, warum das Schwachsinn ist und niemals klappen wird. Und am liebsten meckern wir natuerlich, so wie ich jetzt, ueber die anderen Deutschen, die immer meckern muessen ;) Aber es hat auch sein Gutes: Wenn es in einem Projekt eher darum geht, skeptisch zu sein, gleich alle Schwachstellen und Probleme vorauszusehen und zu vermeiden als darum, es schnell auf die Beine zu stellen, kann ich meine "Deutschen Tugenden" immer gut ausspielen. Ups, sorry, das war jetzt gar nicht ueber Fussball...
kajoter 31.08.2019
5.
Ich fand sie noch unter dem Durchschnitt der sowieso schon schlechten deutschen Frauschaft. Und trotzdem spricht sie von höheren Ansprüchen im Verein, nur weil sie an einer WM teilgenommen hat - Respekt! Auch in dieser Richtung [...]
Ich fand sie noch unter dem Durchschnitt der sowieso schon schlechten deutschen Frauschaft. Und trotzdem spricht sie von höheren Ansprüchen im Verein, nur weil sie an einer WM teilgenommen hat - Respekt! Auch in dieser Richtung sollte sie sich ein Beispiel an den Amerikanerinnen nehmen. Dort stand selbst die große Carli Lloyd nicht in der Startformation und begnügte sich ohne Murren mit der Rolle als Joker. Es war unübersehbar, dass die USA, Frankreich, England und Spanien große Schritte nach vorne gemacht haben, während die deutsche Frauschaft fast hoffnungslos stehengeblieben ist. Es mag am jungen Alter liegen, es mag auch etwas mit der Verletzung von Marozsan zu tun haben. Aber wenn die gesamte Elf von einer einzigen Spielerin abhängig ist, dann gehört sie eben nicht in die Weltspitze. Mit anderen Worten: Die deutsche Frauschaft entsprach genau dem Stereotyp, das häufig über Frauenfußball gesagt wird: zu langsam, zu ungenaue Pässe, viel Zufall und insgesamt langweilig. Dagegen macht es Spaß, den genannten 4 Frauschaften zuzuschauen, vor allem natürlich den Amerikanerinnen. Deren Energie und positive Ausstrahlung ist einfach mitreißend. Dagegen wirkten die deutschen Mädels bieder und kraftlos.

Deutsche Meister bei den Frauen

Jahr Verein
2019 VfL Wolfsburg
2018 VfL Wolfsburg
2017 VfL Wolfsburg
2016 FC Bayern München
2015 FC Bayern München
2014 VfL Wolfsburg
2013 VfL Wolfsburg
2012 1. FFC Turbine Potsdam
2011 1. FFC Turbine Potsdam
2010 1. FFC Turbine Potsdam
2009 1. FFC Turbine Potsdam
2008 1. FFC Frankfurt
2007 1. FFC Frankfurt
2006 1. FFC Turbine Potsdam
2005 1. FFC Frankfurt
2004 1. FFC Turbine Potsdam
2003 1. FFC Frankfurt
2002 1. FFC Frankfurt
2001 1. FFC Frankfurt
2000 FCR Duisburg
1999 1. FFC Frankfurt
1998 FSV Frankfurt
1997 Grün-Weiß Brauweiler
1996 TSV Siegen
1995 FSV Frankfurt
1994 TSV Siegen
1993 TuS Niederkirchen
1992 TSV Siegen
1991 TSV Siegen

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