Sport

WM-Niederlage gegen die USA

England. Elfmeter. Entsetzen.

England drohte gegen die USA unterzugehen. Dann kam Ellen White und machte mit ihrem Tor aus einem einseitigen ein grandioses WM-Halbfinale. Wäre sie doch auch die englische Elfmeterschützin gewesen.

Benoit Tessier / REUTERS

Torjägerin Ellen White und Steph Houghton

Von
Mittwoch, 03.07.2019   00:15 Uhr

In aller Frühe: Es soll Menschen geben, für die die Weltmeisterschaft 2019 nach dem Ausscheiden von Gastgeber Frankreich und Deutschland beendet ist. Das erste Halbfinale zwischen England und USA war ein rasanter Gegenbeweis. Beide Teams waren im bisherigen WM-Verlauf Spezialisten für frühe Tore, diesmal drohten die Engländerinnen im amerikanischen Angriffswirbel unterzugehen. Die Szene der Anfangsphase war der Tunnel von Rose Lavelle gegen Millie Bright, auch wenn der anschließende Schuss von der englischen Ersatztorhüterin Carly Telford pariert wurde. Noch erstaunlicher war eigentlich nur, wie das Team von Trainer Phil Neville zurück ins Spiel fand.

Das Ergebnis: Die USA siegten 2:1 (2:1) und stehen bei ihrer achten WM-Teilnahme zum fünften Mal im Finale. Hier lesen Sie den Spielbericht.

Fotostrecke

USA stehen im WM-Finale: Es geht auch ohne Megan Rapinoe

Rapinoe bleibt draußen: US-Trainerin Jill Ellis musste im Turnierverlauf einige Kritik einstecken, obwohl ihr Team vor diesem Halbfinale alle fünf Spiele mit einem Torverhältnis von 22:2 gewonnen hatte. Mal soll sie zu viel rotiert haben, dann wurde ihr die Ersatzrolle von Lindsey Horan vorgeworfen. Als vor der Partie gegen England bekanntgegeben wurde, dass Superstar Megan Rapinoe auf der Bank sitzen würde, war das Unverständnis erneut groß. Doch die Nominierung von Ersatzspielerin Christen Press für die am Oberschenkel verletzte Rapinoe war ein exzellenter Griff - nicht nur wegen ihres Tors.

Philippe DESMAZES AFP

Christen Press

Goldener Plan gegen Bronze: Press war es, die die druckvolle Anfangsphase der Amerikanerinnen mit ihrem Treffer zum 1:0 krönte (10. Minute). Vor allem aber sollte Press ihr Tempo und ihre Laufstärke in der Rückwärtsbewegung gegen die englische Rechtsverteidigerin Lucy Bronze zur Geltung bringen. Ellis' Plan ging doppelt auf, denn Press nutzte einen Stellungsfehler von Bronze für ihren wuchtigen Kopfball. Die Lionesses waren überhaupt nicht im Spiel - bis Ellen White dank eines wiederum schlechten Stellungsspiels von Abby Dahlkemper die erste englische Torchance zum überraschenden Ausgleich nutzte (19.).

Duell der Torjägerinnen: Für White war es der sechste Turniertreffer. Die neue Spielerin von Manchester City ist die herausragende Stürmerin dieser Weltmeisterschaft. White braucht wenig Torchancen, ist extrem sicher vor dem gegnerischen Tor und kann auch sehenswert treffen. Bei der Vorlage von Beth Mead hielt White einfach den Fuß rein und brachte den Ball via Innenpfosten im Kasten unter. Doch auch die USA haben eine Torjägerin, die ihre drei Spiele andauernde Flaute zum bestmöglichen Zeitpunkt abstellte: Alex Morgan erzielte an ihrem Geburtstag per Kopf - nach starker Vorarbeit der wieder in die Startelf gerückten Horan - den Siegtreffer (32.). Es war nach ihren fünf Toren gegen Thailand ebenfalls ihr sechster Erfolg. White und Morgan führen gemeinsam die Torschützinnenliste an.

Zweimal VAR, zweimal richtig: Wie sollte es anders sein, zu diesem grandiosen Halbfinale gehörte auch noch ein doppelter VAR-Einsatz. Und beide Male war wieder Ellen White beteiligt. Zunächst erzielte sie in der 67. Minute den vermeintlichen Ausgleich für England, als sie einen Pass von Jill Scott aufnahm und Torhüterin Alyssa Naeher mit einem Linksschuss keine Chance ließ. White stand allerdings wenige Zentimeter im Abseits und so nahm Videoassistent Carlos del Cerro Grande den Treffer zu Recht zurück. Noch etwas länger dauerte die Entscheidungsfindung in der Schlussphase. White kam im Strafraum zu Fall, eine Berührung von Becky Sauerbrunn war in der realen Geschwindigkeit kaum zu erkennen und doch entschied Schiedsrichterin Edina Alves Batista nach Ansicht der Bilder in der Review-Area richtigerweise auf Elfmeter.

Vierter Elfmeter, dritter Fehlschuss: Für die Engländerinnen war es der vierte Strafstoß bei dieser Weltmeisterschaft. Das Team hatte kaum Schwächen, das Verwandeln von Elfmetern gehört dazu. Nikita Parris hatte im Auftaktspiel gegen Schottland verwandelt, im weiteren Turnierverlauf dann gegen Argentinien und Norwegen verschossen und so trat nun Steph Houghton an. Die Kapitänin wählte die linke Ecke, schoss platziert, aber nicht allzu hart und so konnte Naeher den Ball parieren. Es war Englands große Chance auf den Ausgleich und eine Verlängerung - doch so feierten am Ende die Amerikanerinnen.

Finalgegnerinnen gesucht: Was sich beim Rekordsieg gegen Thailand angedeutet hatte, zieht sich durch die gesamte WM: Dieses amerikanische Team wird nur sehr schwer zu besiegen sein. Im zweiten Halbfinale am heutigen Mittwoch (21 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE) ermitteln die Niederlande und Schweden die Gegnerinnen für das Finale am Sonntag. Es geht wohl nur um den zweiten Platz.

England - USA 1:2 (1:2)
0:1 Press (10.)
1:1 White (19.)
1:2 Morgan (32.)
England: Telford - Bronze, Houghton, Bright, Stokes - Walsh (71. Moore), Parris, Scott, Daly (89. Stanway), Mead (58. Kirby) - White
USA: Naeher - O'Hara (87. Krieger), Dahlkemper, Sauerbrunn, Dunn - Lavelle (65. Mewis), Ertz, Horan - Heath (80. Lloyd), Morgan, Press
Schiedsrichterin: Edina Alves Batista (Brasilien)
Gelbe Karten: - / Horan
Gelb-Rot: Bright
Zuschauer: 53.512

insgesamt 20 Beiträge
Jimi 03.07.2019
1. Schade ....
Elfmeter kann man ja trainieren und das maue Schüsschen passte so gar nicht zum sonstigen Verve des Teams... hatten zu Nevilles aktiver Zeit die Männer nicht das gleiche Problem?
Elfmeter kann man ja trainieren und das maue Schüsschen passte so gar nicht zum sonstigen Verve des Teams... hatten zu Nevilles aktiver Zeit die Männer nicht das gleiche Problem?
merapeak75 03.07.2019
2. Tatsächlich
... war es ein grandioses Frauenfußballspiel. Deutschland brauchte es nicht, um begeistert zu sein. Die USA werden ein würdiger Titelverteidiger sein!
... war es ein grandioses Frauenfußballspiel. Deutschland brauchte es nicht, um begeistert zu sein. Die USA werden ein würdiger Titelverteidiger sein!
robien 03.07.2019
3. Unschlagbar sind die USA nicht
2:1 gegen Spanien 2:1 gegen Frankreich 2:1 gegen England Man kann nicht behaupten, die USA hätten auch nur eines dieser drei Spiele unverdient gewonnen, es ist schon ein gutes Team. Allerdings hätten sie auch jedes dieser [...]
2:1 gegen Spanien 2:1 gegen Frankreich 2:1 gegen England Man kann nicht behaupten, die USA hätten auch nur eines dieser drei Spiele unverdient gewonnen, es ist schon ein gutes Team. Allerdings hätten sie auch jedes dieser drei Begegnungen verlieren können, so souverän marschieren sie also nicht durch das Turnier. Die Niederlande oder Schweden mögen deshalb zwar als Außenseiter in das Finale gehen, chancenlos sind sie nicht. Alles ist möglich ...
DrStrang3love 03.07.2019
4.
Der britische Elfmeterfluch scheint auch die Frauen zu betreffen...
Der britische Elfmeterfluch scheint auch die Frauen zu betreffen...
zaunreiter35 03.07.2019
5. Bei Sven Voss im ZDF
war ja gestern Celia Sasic zu Gast, die schon mal dasselbe wie Steph Houghton durchleiden musste. Der Gegner der gleiche und auch ein WM-Halbfinale. Aber diesmal waren es nicht die Psycho-Mätzchen einer Hope Solo sondern die [...]
war ja gestern Celia Sasic zu Gast, die schon mal dasselbe wie Steph Houghton durchleiden musste. Der Gegner der gleiche und auch ein WM-Halbfinale. Aber diesmal waren es nicht die Psycho-Mätzchen einer Hope Solo sondern die lange Warterei auf den VAR. Und die ehemalige Turbinen-Keeperin Alyssa Naeher hat eine ruhige Ausstrahlung und ist ganz anders als ihre Vorgängerin. Und Steph Houghton? Die muss jetzt doppelt getröstet werden. Wieder einmal in einem Halbfinale gescheitert. Aber die "lionesses" haben ein ganzes Land für sich erobert. Ein Land, das seine Probleme mit Elfmeterschießen hat.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP