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Ralf Kellermann vom VfL Wolfsburg

Gefordert wie noch nie

Ralf Kellermann formte den VfL Wolfsburg als Trainer und Sportdirektor zu einem internationalen Topklub im Fußball der Frauen. Doch die Konkurrenz holt auf. Kann der VfL das Niveau halten?

Marcel Kusch/ DPA

Ralf Kellermann, 50, war früher Fußballtorwart in der zweiten Liga

Von und
Sonntag, 18.08.2019   08:58 Uhr

Es kommt selten vor, dass Ralf Kellermann, so wie an diesem Nachmittag, auf dem Trainingsgelände am Elsterweg seinen Spielerinnen vom VfL Wolfsburg zusieht. Auch wenn das ein erklärter Anspruch des sportlichen Leiters ist und sein Büro nur wenige Minuten Fußweg vom Platz entfernt liegt. Doch während sich der Deutsche Meister auf die neue Fußballsaison vorbereitet, muss sich der 50-Jährige schon mit der nächsten Spielzeit beschäftigen. Die Weichen für den Erfolg wollen früh gestellt sein, besonders, weil die Konkurrenz immer größer wird. Aber der Reihe nach.

Der Fußball der Frauen hat sich in den elf Jahren professionalisiert, so lange arbeitet Kellermann bereits für den VfL. "Tempo, Physis und taktische Variabilität haben sich rasant weiterentwickelt", sagt Kellermann und erinnert sich dabei noch einmal an seine Anfänge als Trainer, 2008. Die gestiegene Spielqualität ließ sich kürzlich auch bei der WM in Frankreich beobachten.

Der VfL ist den Weg der Professionalisierung früh mitgegangen - und wenn es eine Konstante dabei gibt, dann heißt sie Ralf Kellermann. Das war nicht unbedingt vorauszusehen, als er als Unbekannter im Fußball der Frauen anfing. Auch der VfL war damals noch dabei, sich zu etablieren; stets begleitet von der Skepsis der Liga, ob es der Lizenzklub wirklich ernst meint mit den Frauen. Die spielten damals vor 150 Zuschauern in der Bundesliga, Saisonziel: Lücke zur Spitze schließen.

Kellermanns Bilanz ist bis heute herausragend: 2013 gewann Wolfsburg das Triple bestehend aus DFB-Pokal, Meisterschaft und Champions League. 2014 gelang die Titelverteidigung in Königsklasse und Bundesliga, er wurde Fifa-Trainer des Jahres.

Nur noch Sportdirektor, die Herausforderungen werden größer

Sieben Jahre lang war Kellermann Trainer und Sportlicher Leiter in Personalunion. Neun der bislang 13 VfL-Titel fallen in diese Phase - es war eine erfolgreiche Zeit, aber für ihn auch eine am Limit. "Es hätte in Doppelfunktion allein aufgrund der zeitlichen Anforderungen nicht mehr funktioniert", beschreibt er rückblickend seinen 2017 verkündeten Entschluss, den Trainerposten abzugeben und allein Sportdirektor zu bleiben.

Dennis Grombkowski/ Getty Images

Die Triple-Saison: Der Klub jubelt über den DFB-Pokal-Sieg 2013

Ruhiger ist es für Kellermann damit nicht geworden, denn längst entdecken in ganz Europa Klubs den Fußball der Frauen. "Heute haben wir mindestens acht Mannschaften auf Augenhöhe, die um den Titel in der Champions League mitkämpfen wollen. Wir haben uns in den letzten Jahren kontinuierlich weiterentwickelt, aber die anderen Ligen haben mit Unterstützung der Verbände insgesamt aufgeholt", sagt er, und dürfte damit auch die wachsende Begeisterung in anderen Ländern sowie den umkämpften Transfermarkt meinen.

Mit Transfers hat Kellermann oft ein gutes Händchen bewiesen, doch mittlerweile buhlen auch die englischen Vereine aus der Premier League um Topspielerinnen; in Spanien arbeitet Real Madrid aktuell an einem Traumteam, das ab der Saison 2020/2021 an den Start geht; Paris Saint-Germain will Frankreichs Seriensieger Olympique Lyon Konkurrenz machen und rüstet schon jetzt kräftig auf. Weitere Vereine dürften folgen - für Wolfsburg und Kellermann wird es schwerer, zumal andere Klubs über größere Mittel verfügen.

Aber Geld zähle nicht allein, sagt Kellermann. "Die Spielerinnen kommen zu uns, weil sie wissen, dass der Verein über Jahre den Frauenfußball sehr professionell gefördert und Erfolge vorzuweisen hat. Sie wissen, dass sie mit dieser Mannschaft die Champions League gewinnen können." Absolute Topstars hat der VfL Wolfsburg in diesem Sommer nicht verpflichtet.

"Die Bundesliga kann aktuell in der Breite das Niveau nicht halten"

Es kamen unter anderem die deutsche Nationalspielerin Svenja Huth (Potsdam), Fridolina Rolfö vom FC Bayern sowie Arsenals Niederländerin Dominique Bloodworth. Die Vizeweltmeisterin und Europameisterin kehrte der boomenden englischen Liga den Rücken. Sie sagt, Wolfsburg sei ein "Riesenklub und in Europa immer ein Titelfavorit". Leistungsträgerin Caroline Graham Hansen zog nach fünf Jahren beim VfL weiter zum FC Barcelona.

imago images/ foto2press

Dominique Bloodworth kam in allen sieben WM-Spielen von Oranje zum Einsatz

Mit solchen Abgängen müssen Kellermann, aber auch Titelkonkurrent Bayern München künftig weiter rechnen. Noch härter könnte es aber die Vereine hinter den Topklubs treffen, deren Etat deutlich kleiner ist. "Die Bundesliga kann aktuell in der Breite das Niveau nicht halten, weil viele Spielerinnen die Liga verlassen. Die Vereine können nicht mehr aus dem Spielerinnenpool auswählen wie früher", sagt Kellermann, der immer mal wieder öffentlich auf negative Entwicklungen hinweist. Zuletzt hatte er sich kritisch zum Viertelfinal-Aus des DFB-Teams bei der WM in Frankreich geäußert. "In den vergangenen Jahren hat man sich zu sehr auf den Erfolgen ausgeruht und den Prozess, der sich schon länger angedeutet hat, nicht wirklich ernst genommen", schrieb der Wolfsburger Sportchef damals im "Kicker".

Auf den Erfolgen ausgeruht hat sich der VfL in der Vergangenheit nicht. Zuletzt feierte der Verein drei Meistertitel und fünf Pokalsiege in Serie, in den vergangenen vier Jahren stand er zweimal im Champions-League-Finale. Härtester Konkurrent im nationalen Titelrennen wird in der neuen Spielzeit wieder der FC Bayern, der hat sich unter anderem mit DFB-Shootingstar Giulia Gwinn verstärkt.

Wie gut Kellermann in diesem Jahr gearbeitet hat, liest sich am Ende auch am Abschneiden in der Königsklasse ab. In der Vorsaison war für den VfL bereits im Viertelfinale Schluss. Damals traf der Klub auf Spitzenteam Olympique Lyon. Gegen den späteren Sieger wirkte Wolfsburg beinahe chancenlos.

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Jahr Verein
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2016 FC Bayern München
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2014 VfL Wolfsburg
2013 VfL Wolfsburg
2012 1. FFC Turbine Potsdam
2011 1. FFC Turbine Potsdam
2010 1. FFC Turbine Potsdam
2009 1. FFC Turbine Potsdam
2008 1. FFC Frankfurt
2007 1. FFC Frankfurt
2006 1. FFC Turbine Potsdam
2005 1. FFC Frankfurt
2004 1. FFC Turbine Potsdam
2003 1. FFC Frankfurt
2002 1. FFC Frankfurt
2001 1. FFC Frankfurt
2000 FCR Duisburg
1999 1. FFC Frankfurt
1998 FSV Frankfurt
1997 Grün-Weiß Brauweiler
1996 TSV Siegen
1995 FSV Frankfurt
1994 TSV Siegen
1993 TuS Niederkirchen
1992 TSV Siegen
1991 TSV Siegen

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