Sport

Deutschlands Sieg gegen China

Etliche Fehler und Blessuren

Zum WM-Auftakt hat das deutsche Team gewonnen - und gelitten. Zwar lief längst nicht alles nach Plan, doch die Spielerinnen sind mutig . Das zeigt der Fall der 19 Jahre alten Giulia Gwinn.

Aus Rennes berichtet
Sonntag, 09.06.2019   00:27 Uhr

Giulia Gwinn ist rastlos, das gilt zumindest für den Fußballplatz. Dort taucht die 19-Jährige überall auf; ihr ist nicht besonders wichtig, ob sie nun "links oder rechts" spielt, ob "vorn oder hinten". Wichtig ist ihr, dass sie ins Dribbling gehen kann. "Ich will ins Eins-gegen-eins", sagte Gwinn nach ihrer Premiere bei einer Fußballweltmeisterschaft und klang dabei schon sehr forsch: "Deswegen fühle ich mich auf der Außenbahn wohl."

Wie wohl sich Gwinn auf der Außenbahn fühlt, durfte sie beim deutschen 1:0-Sieg (0:0) im Auftaktduell gegen China gleich auf mehreren Positionen zeigen: Gwinn begann im rechten Mittelfeld, wechselte nach 30 Minuten auf die linke Seite und spielte ab der zweiten Hälfte auf links hinten in der Abwehr. Sie funktionierte zwar nicht überall gleich gut, aber dazu gleich mehr. Die ständigen Positionswechsel gehören jedenfalls zum deutschen Spiel, sie sind die Idee der neuen Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, und sie sollen den Gegner verunsichern.

Gwinn ist mit ihren ständigen Wechseln sozusagen das Gesicht dieser Taktik. Das wurde gegen China auch deswegen deutlich, weil sie es am Ende gewesen ist, die das einzige Tor erzielte. In der 66. Minute traf Gwinn mit einem sehenswerten Fernschuss aus knapp 18 Metern. "Es war ein schönes Gefühl, der Mannschaft zu helfen", sagte die WM-Debütantin nach ihrem neunten Länderspieleinsatz.

Bereit, Fehler zu machen

Aber dass Gwinn eines der Gesichter dieser Taktik ist, wurde auch deswegen deutlich, weil die Strategie noch längst nicht ausgereift ist - und Gwinn nicht nur einerseits Matchwinnerin war, sondern auch selbst viele Probleme hatte. In der ersten halben Stunde fand sie nicht ins Spiel. Danach fiel sie auf, weil sie zu oft zu stürmisch ins Dribbling ging und dabei viele Bälle verlor. Aber Gwinn ist bereit, Fehler zu machen, und am Ende wurde ihr Mut mit dem Siegtreffer und der Leistungssteigerung auf der dritten Position, in der Abwehr, belohnt. Es sei ein Spiel "mit Höhen und Tiefen" gewesen, sagte Gwinn, und die Bundestrainerin sagte: "Das Tor gibt ihr Sicherheit."

Nicht nur Gwinn wird der Treffer Sicherheit geben, sondern der gesamten deutschen Mannschaft, die nach guten 20 Minuten immer größere Probleme bekam: Im Angriff funktionierte das Kombinationsspiel zu selten, in der Abwehr leistete sich vor allem Sara Doorsoun schwere Fehlpässe im Aufbau. Ob die Unsicherheiten mit den ständigen Positionswechseln zusammenhängen? Ob Automatismen fehlen? Die Spielerinnen verneinten das.

Kurz vor der Halbzeit hatte das DFB-Team jedenfalls Glück, als China nach einem Abspielfehler der Wolfsburgerin Doorsoun nur den Pfosten traf. "Solche Fehler dürfen bei einer WM nicht passieren", sagte sie über die Szene: "Aber ich kann mit diesen Fehlern umgehen. Ich werde das abstellen."

Im Video: "Die Chinesinnen haben uns auf die Knochen gehauen"

Foto: Richard Heathcote/Getty Images

Dass das Tor am Ende durch eine Einzelaktion fiel, war bei den vielen Störungen im deutschen Spiel nicht überraschend. Wohl aber, dass China das DFB-Team so in Bedrängnis bringen würde. Dabei fiel vor allem ein Mittel auf: Härte in den Zweikämpfen, Fouls, "die grenzwertig" gewesen seien (Voss-Tecklenburg), man habe ordentlich "auf die Knochen" bekommen (Gwinn), das sei "schon sehr ekelhaft" gewesen (Svenja Huth). Raubein-Fußball.

Bangen um Marozsán

Das Resultat waren etliche Unterbrechungen, und die gute deutsche Anfangsphase wurde ausgebremst. Als Ausrede wollte die Bundestrainerin Chinas Stil nicht gelten lassen. Problematisch ist er aus DFB-Sicht aber womöglich trotzdem, denn einige Spielerinnen sind mit Blessuren aus der Partie gegangen. Es habe kaum jemanden gegeben, der unbeschadet sei, sagte Voss-Tecklenburg. Noch unklar ist, ob sich jemand ernsthaft verletzt hat - und vor allem, wie es mit Starspielerin Dzsenifer Marozsán weitergeht. Die Regisseurin und mehrfache Champions-League-Siegerin von Olympique Lyon musste nach einem Zweikampf schon früh im Spiel behandelt werden.

"Der Fuß sieht nicht toll aus", sagte die Bundestrainerin. Eine Diagnose gab es am Abend noch nicht; einen möglichen WM-Ausfall der 27-Jährigen könnte der junge DFB-Kader mit 15 WM-Debütantinnen aber spätestens ab der K.-o.-Phase kaum verkraften. Dafür ist das Spiel zu sehr auf seinen Topstar ausgerichtet. Gegen China blieb die Ideengeberin zwar meist unauffällig, vielleicht aber auch deswegen, weil sie angeschlagen spielte; normalerweise hätte sie dann aber ausgewechselt werden müssen.

Gegen Spanien dürfte es weniger harte Zweikämpfe geben. Der kommende Gegner am Mittwoch (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gilt als stärkster Gruppengegner und hat auch beim 3:1-Erfolg über Südafrika gezeigt, dass er vor allem spielerisch überzeugen möchte. Viele Profis stehen beim FC Barcelona unter Vertrag, der zuletzt mit temporeichen Angriffsfußball ins Champions-League-Finale eingezogen war. Das angriffslustige Spiel könnte den Deutschen gelegen kommen und Platz fürs eigene Angriffsspiel schaffen.

Sollte Marozsán ausfallen, könnte Lena Oberdorf in die Startelf rücken. Die 17-Jährige wurde bereits gegen China eingewechselt und ist nun die jüngste deutsche Spielerin der WM-Geschichte. Wie Gwinn ist auch sie eine Überall-Spielerin - gegen China kam sie in 45 Minuten gleich auf drei Positionen zum Einsatz. Der erste Eindruck: ziemlich souverän.

Deutschland - China 1:0 (0:0)
1:0 Gwinn (66.)
Deutschland: Schult - Hendrich, Hegering, Doorsoun-Khajeh, Simon (ab 46. Oberdorf) - Leupolz (ab 63. Magull), Däbritz, Gwinn , Marozsán, Huth (ab 85. Schüller) - Popp
China: Peng - Han, Wu, Lin, Liu - Zhang, Yao (ab 46. Wang), Lou (ab 33. Tan), Gu - Yang (ab 70. Duan), Wang
Schiedsrichterin: Marie-Soleil Beaudoin (Kanada)
Zuschauer: 15.283
Gelbe Karten: Oberdorf / Wang, Yang, Liu, Wang

insgesamt 8 Beiträge
Stäffelesrutscher 09.06.2019
1.
»"Es war ein schönes Gefühl, der Mannschaft zu helfen", sagte die WM-Debütantin nach ihrem neunten Länderspieleinsatz.« Sie hat damit leider schon den albernen, künstlichen Sprachgebrauch verinnerlicht, bei dem [...]
»"Es war ein schönes Gefühl, der Mannschaft zu helfen", sagte die WM-Debütantin nach ihrem neunten Länderspieleinsatz.« Sie hat damit leider schon den albernen, künstlichen Sprachgebrauch verinnerlicht, bei dem Mitglieder des Teams so tun, als seien sie keine Mitglieder des Teams, sondern: jemand im Büro, im Merchandising-Verkauf, bei der Rasenpflege.
grecco-el 09.06.2019
2. weiter so!!!
Hubresch und die jetzige Trainerin sind ein Glücksfall für die deutschen Fußballspielerinnen. Im Gegensatz zu der Vorgängerin Jones (Einzige, dafür ständige Anweisung von der Bank: "Tempo, Tempo usw." - versucht [...]
Hubresch und die jetzige Trainerin sind ein Glücksfall für die deutschen Fußballspielerinnen. Im Gegensatz zu der Vorgängerin Jones (Einzige, dafür ständige Anweisung von der Bank: "Tempo, Tempo usw." - versucht nachträglich ihre dürftige Leistung durch angebliches Mobbing zu rechtfertigen; äußerst lächerlich!) ist unsere jetzige Trainerin in der Lage von außen das Spiel zu bestimmen. Reagiert während des Spiels, stellt um, wechselt sinnvoll aus, hat einen und auch einen Plan B. Einfach spitze! Ich traue den deutschen Mädchen und Damen alles zu, und kann alle Aktiven nur ermuntern: WETER SO!
dirk.resuehr 09.06.2019
3. "Bereit, Fehler zu machen"
Toll. wenn das das Ziel ist, absolute Weltspitze! Ohne weiteren Kommentar.
Toll. wenn das das Ziel ist, absolute Weltspitze! Ohne weiteren Kommentar.
FABRICIUS3591 09.06.2019
4. Technisch schwächere Teams gehen dann halt auf die Knochen ...
DAS war schon oft so, und so erklärt sich auch die Spielweise der Chinesinnen .. "Dabei fiel vor allem ein Mittel auf: Härte in den Zweikämpfen, Fouls, "die grenzwertig" gewesen seien (Voss-Tecklenburg), man [...]
DAS war schon oft so, und so erklärt sich auch die Spielweise der Chinesinnen .. "Dabei fiel vor allem ein Mittel auf: Härte in den Zweikämpfen, Fouls, "die grenzwertig" gewesen seien (Voss-Tecklenburg), man habe ordentlich "auf die Knochen" bekommen" Habe gestern am Abend noch ein paar min die RSA-"Damen " gesehen ...Die versuchen auch mit übergroßerHärte spielerische Defizite zu kompensieren .. Aber wer Weltmeisterinnen werden will, die müssen sich auch gegen solche Gegner durchsetzen !
FABRICIUS3591 09.06.2019
5. Technisch schwächere Teams gehen dann halt auf die Knochen ...
DAS war schon oft so, und so erklärt sich auch die Spielweise der Chinesinnen .. "Dabei fiel vor allem ein Mittel auf: Härte in den Zweikämpfen, Fouls, "die grenzwertig" gewesen seien (Voss-Tecklenburg), man [...]
DAS war schon oft so, und so erklärt sich auch die Spielweise der Chinesinnen .. "Dabei fiel vor allem ein Mittel auf: Härte in den Zweikämpfen, Fouls, "die grenzwertig" gewesen seien (Voss-Tecklenburg), man habe ordentlich "auf die Knochen" bekommen" Habe gestern am Abend noch ein paar min die RSA-"Damen " gesehen ...Die versuchen auch mit übergroßerHärte spielerische Defizite zu kompensieren .. Aber wer Weltmeisterinnen werden will, die müssen sich auch gegen solche Gegner durchsetzen !

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