Sport

Marathonläufer Philipp Pflieger

"Die WM hätte mir nur einen feuchten Händedruck gebracht"

Die Leichtathletik-WM in Katar startet, doch Philipp Pflieger will dort nicht laufen. Hier erklärt er, warum - und was er von Konstanze Klosterhalfen und der Jagd nach der magischen Zwei-Stunden-Grenze hält.

Malte Christians/ DPA

Philipp Pflieger beim Hamburg-Marathon 2018 - seine Zeit: 2:13:39 Stunden

Ein Interview von
Freitag, 27.09.2019   09:27 Uhr

Zur Person

SPIEGEL: Herr Pflieger, sind Sie ein ganzer oder doch eher ein halber Marathon-Profi?

Philipp Pflieger: Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Ich kenne diese Sprüche aus meiner Trainingsgruppe in Regensburg, und ich kann diesen Spaß gut vertragen.

SPIEGEL: Bei Ihren bisherigen sechs Marathonstarts sind Sie drei Mal ins Ziel gekommen, drei Mal mussten Sie aufgeben. Ankommquote: 50 Prozent. Ärgert Sie das?

Pflieger: Die Quote ist ausbaufähig, und am Sonntag beim Marathon in Berlin will ich damit anfangen. Ich habe aber nie bereut, dass ich vielleicht mal zu viel gewollt habe - und am Ende nicht ins Ziel kam. Ich lerne mit diesen Erfahrungen: Bei meinem Marathondebüt 2014 in Frankfurt lief ich ziemlich schnell an, musste aber wegen eines Kreislaufkollapses aufgeben. Ein Jahr später lief ich in Berlin noch schneller an und erreichte meine bisherige Bestzeit. 2017 war ich eigentlich für eine erneute Steigerung perfekt vorbereitet, aber am Wettkampftag war das Wetter miserabel. Wenn äußere Einflussfaktoren nicht stimmen, dann kann das gravierende Auswirkungen auf mein Rennen haben. Ich bin dann machtlos.

SPIEGEL: Sie wollen sich in Berlin für die Olympischen Sommerspiele in Tokio 2020 qualifizieren. Welche Zeit müssen Sie dafür erreichen?

Pflieger: Die aktuelle Qualifikationsnorm liegt bei 2:11:30 Stunden. Ich muss also auf jeden Fall eine neue persönliche Bestzeit laufen, um jetzt schon sicher die Teilnahme für Tokio zu haben. Es gibt zwar die Hintertür, sich über die neu geschaffene Weltrangliste zu qualifizieren, aber das ist für mich erst mal nebensächlich. Ich fühle mich gesund, fit und so gut vorbereitet, wie ich sein kann.

Andreas Gora/ imago images

Berlin 2017: Zwischen Kilometer 39 und 40 muss Pflieger auf dramatische Weise aufgeben

SPIEGEL: Warum starten Sie nicht bei der Leichtathletik-WM in Katar?

Pflieger: Mir als Sportler erschließt sich nicht, warum dort eine WM stattfinden muss. Katar hat keine Leichtathletik-Kultur, auf uns warten keine eingefleischten Fans. Und wenn ich auf das Rennen dort sehe: Ein Marathon um Mitternacht bei immer noch heißen Temperaturen, entlang eines Wüsten-Highway, wahrscheinlich kaum Zuschauer? Da gibt es für mich als Marathonläufer einfach geilere Veranstaltungen. In Berlin werden uns jetzt wieder rund eine Million Menschen entlang der Strecke anfeuern. Als Sportler will ich dort laufen, wo ich ein besserer Marathonläufer werden kann.

SPIEGEL: Ist für Sie der Berlin-Marathon finanziell lukrativer als der WM-Start?

Pflieger: Auf jeden Fall, so ehrlich muss man sein. Die WM hätte mir nur einen feuchten Händedruck gebracht, wenn überhaupt. Ich gehöre keinem Kader mehr an, bekomme nichts vom Verband oder einer staatlichen Organisation. Wäre ich jetzt in Katar gelaufen und hätte mir das Nationaltrikot angezogen, dann nur, weil ich mein Land gerne vertreten möchte. Finanziell bringt mir eine WM nichts. Ich muss die Kleidung des Verbands tragen und kann meine privaten Sponsoren deswegen nicht zeigen, ich hätte höchstens eine gesponserte Sonnenbrille aufsetzen können, aber die wäre bei einem Nachtrennen in Katar auch überflüssig.

SPIEGEL: In Berlin kassieren Sie ein Startgeld. Müssen Sie das zurückzahlen, wenn Sie nicht ins Ziel kommen?

Pflieger: Da müsste ich im Vertrag nachlesen, wie das genau geregelt ist. Aber ich habe in Berlin 2017 ja bereits wenige Kilometer vor dem Ziel aufgeben müssen, deswegen kann ich über den damaligen Fall sprechen: Das sind keine Unmenschen! Wenn der Veranstalter sieht, dass ich kämpfe und fast bis zum Schluss starke Kilometerzeiten laufe, kann man mir nicht unterstellen, ich hätte nicht alles gegeben. Natürlich musste ich damals nichts zurückzahlen. Aber bei einer Aufgabe kassiere ich auch keine leistungsbezogenen Prämien, für eine Bestzeit zum Beispiel. Das ist fair.

SPIEGEL: Können Sie vom Laufen leben?

Pflieger: Zu Beginn meiner Karriere war das schwierig. Mittlerweile machen bei mir Start- und Preisgelder aber nur noch 25 Prozent meines Einkommens aus. Die anderen 75 Prozent verdiene ich über Sponsoring, und aktuell habe ich die komfortable Situation, dass meine Verträge langfristig ausgerichtet sind. Eine Verletzung bringt mich nicht gleich in Existenznot.

SPIEGEL: Sie organisieren sich unabhängig vom Deutschen-Leichtathletik Verband (DLV). Sind Kader-Strukturen überhaupt noch zeitgemäß?

Pflieger: Bei manchen Sportarten sicherlich, bei vielen Wintersportarten benötigt man entsprechende Trainingsanlagen. Aber in der Leichtathletik gibt es in beinahe jeder Stadt die Möglichkeit, seinen Sport auszuüben. Dafür brauchst du nicht zwangsweise in einem Olympiastützpunkt zu leben und zu trainieren, insofern bin ich kein Freund von Zentralisierung um jeden Preis. Das ist kompletter Humbug.

SPIEGEL: Ist die Aufregung um Konstanze Klosterhalfen, die derzeit reihenweise Rekorde bricht, deswegen so groß, weil sie in den USA im Nike Oregon Project trainiert?

Pflieger: Klosterhalfen ist für den Verband Fluch und Segen zugleich. Einerseits ist dort dieses junge und hoffnungsvolle Toptalent. Andererseits ist sie einen bisher unorthodoxen Weg gegangen, als sie Deutschland und ihren Olympiastützpunkt verlassen hat. Ihre Entwicklung zeigt ziemlich eindrucksvoll, dass sich deutsche Athleten außerhalb des üblichen Systems verbessern können. Worüber man aber streiten kann: Warum hat sie sich der Trainingsgruppe von Alberto Salazar angeschlossen? Die Dopingermittlungen gegen ihn und im Nike Project sind bekannt. Dass es dann auch Gegenwind für Klosterhalfen gibt, ist nachvollziehbar, trotzdem muss man sie erstmal neutral betrachten.

Olivier Morin/ AFP

Olympia in Rio 2016: Die heißen Temperaturen machen Pflieger zu schaffen - er erreicht das Ziel als bester deutscher Läufer in 2:18:56 Stunden

SPIEGEL: Eliud Kipchoge ist Weltrekordhalter im Marathon und er will als Erster die Zwei-Stunden-Grenze knacken. Warum sind Läufer so vernarrt, diese Zeitmarke zu brechen?

Pflieger: Selbst in tausend Jahren wird niemand unter einer Stunde einen Marathon laufen können, das steht außer Frage. Es ist also die letzte Stundengrenze, die gebrochen werden kann. Wer das schafft, ist für immer ein Gigant. Das ist der sportliche Gedanke. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Unternehmen diese Stundengrenze für sich entdeckt haben. Für sie ist es ein Marketing-Coup, wenn ihr Athlet die Marke knackt.

SPIEGEL: Vor zwei Jahren hatte der Sportartikelhersteller Nike mit Kipchoge auf der Rennstrecke von Monza einen ersten Laborversuch durchgeführt, der Kenianer benötigte 2:00:25 für die 42,195 Kilometer. Nun wird im Oktober die "Ineos 1:59 Challenge" stattfinden - wieder jagt Kipchoge die Zwei-Stunden-Grenze.

Pflieger: Und viele Zuschauer werden das natürlich verfolgen - weltweit. Ich habe mich 2017 auch gefragt: Schafft er das jetzt? Das war total krass. Aber dahinter stecken eben auch Firmen, die sich davon etwas versprechen, einen höheren Absatz ihrer Produkte oder ein besseres Markenbild zum Beispiel. Jetzt unterstützt dieser Chemiekonzern das Projekt, der übrigens auch das Radsport-Team Sky übernommen hat. Er nutzt den Sport für seine Zwecke; karrt viele Tempoläufer und Experten nach Wien, die Kipchoge unterstützen sollen, das kostet viel Geld. Aber klar: Wenn es klappt, dann ist es ein geiler Marketingstunt.

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13.12.2019, 19:26 Uhr
Ohne Gewähr

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SPIEGEL: Warum werden Zeiten aus solchen Versuchen nicht offiziell anerkannt?

Pflieger: Bei einem normalen Rennen unterstützen dich Tempoläufer im Elitefeld. Im Idealfall ist es so, dass sie bis Kilometer 30 Windschatten geben und so helfen, das Tempo hochzuhalten. Aber dann steigen die Pacemaker aus, sonst würden sie ja auch bis zum Schluss laufen wollen. Aber bei diesen Laborversuchen werden ständig neue, frische Tempoläufer eingesetzt und eingewechselt, oft werden sie schon nach wenigen Kilometern wieder ausgetauscht. Das ist ein riesiger Vorteil, denn Windschatten spart Energie und Kraft. Es gibt auch keine festgelegten Verpflegungspunkte wie beim gewöhnlichen Rennen, Kipchoge kann sich verpflegen, wann und wo er will. Das hat dann nicht mehr viel mit dem klassischen Marathonwettbewerb zu tun, wie ihn der internationale Weltverband definiert hat.

SPIEGEL: Sie sind genauso wie Kipchoge Profiläufer im Marathon. Aber laufen Sie auch in derselben Liga?

Pflieger: Nein, verglichen mit einem Eliud Kipchoge, Weltrekordhalter und Olympiasieger, laufe ich in einer anderen Liga. Da bin ich auch ganz ehrlich. Man kann sich das als Amateurläufer vielleicht schwer vorstellen, der Breitensportler kann von einem Marathon zum nächsten Wettkampf schon mit mehr Trainingskilometern ordentliche Leistungssprünge erzielen. Aber wenn ich mich als Profi nur um eine Minute verbessern will, muss ich einen enormen Mehraufwand im Training betreiben, ins Trainingslager reisen oder Höhentraining absolvieren. Irgendwann sind die individuellen Leistungsgrenzen einfach erreicht und man muss akzeptieren, dass Fortschritt endlich ist.

insgesamt 20 Beiträge
aliof 27.09.2019
1. Schön zu lesen,
Schön zu lesen, .. daß heutzutage sogar talentierte Leistungssportler mit ihrer Passion (Hobby) ihren Lebensunterhalt verdienen können. Klar, wenn jeder der 40.000 Hobby-Läufer beim Berlin-Marathon 100 Euro einzahlt .. [...]
Schön zu lesen, .. daß heutzutage sogar talentierte Leistungssportler mit ihrer Passion (Hobby) ihren Lebensunterhalt verdienen können. Klar, wenn jeder der 40.000 Hobby-Läufer beim Berlin-Marathon 100 Euro einzahlt .. braucht man auch ein paar Deutsche , die vorn mitlaufen. .. auch wenn es eben nicht zur absoluten Spitze reicht, .. in der Frau Klosterhalfen seit zwei Jahren mitmischt … also ein Jahr bevor sie sich der Portland-Laufschule in Oregon bei Nike angeschlossen hat .. und damit , nach Hörensagen , neben optimalen Trainingsbedingungen , eine jährliche finanzielle Zuwendung von 200.000 Tausend Euro erhält. ____ Herr Pflieger gehört also nicht zur wirklichen Spitze , erklärt aber trotzdem , was seiner Meinung nach für ein optimales Training in der Leichtathletik ausreicht .. Zitat .. : " .. Das ist kompletter Humbug. " Sorry , das entspricht fast genau der altbekannten Geschichte des Fuchses , der die ihm zu hoch hängenden Trauben eh als 'sauer' also ungenießbar bezeichnet .. mit zusätzlicher Abwertung und Verdächtigung einer der aktuell ca. 10 Topathleten in Deutschland , en passant. Zitat ".. Die Dopingermittlungen gegen ihn [ Alberto Salazar ] und im Nike Project sind bekannt .." Bekannt , ach ja? Wann und von wem kamen denn Verdächtigungen ? Wie ist denn der Sachstand? Und wer mit wem? Und mit bzw. bei wem trainiert Frau K.? .. ach so , ist ja noch nicht einmal bei der vor 5 Jahren verdächtigten Person [ Alberto Salazar ] .. aber doch da drüben in Nike-Oregon, den U.S.A..
so-long 27.09.2019
2. Bravo!
Seine Zeit ist für deutsche Verhältnisse sehr sehr gut, international leider unter ferner liefen. Dass er sich die Kräfte einteilen muss, ist beim Marathonlauf normal. Warum soll er bei einer WM starten, die von zweifelhaften [...]
Seine Zeit ist für deutsche Verhältnisse sehr sehr gut, international leider unter ferner liefen. Dass er sich die Kräfte einteilen muss, ist beim Marathonlauf normal. Warum soll er bei einer WM starten, die von zweifelhaften Funktionären aus monetären Gründen vergeben wurde. Bin gespannt, ob er Sanktionen des DLV befürchten muss. Dasselbe gilt auch für die Fussballer.
rsl1411 27.09.2019
3.
"...dass sie bis Kilometer 30 Windschatten geben und so helfen, das Tempo hochzuhalten. Aber dann steigen die Pacemaker aus, sonst würden sie ja auch bis zum Schluss laufen wollen." Die Frauen lassen sich von Männern [...]
"...dass sie bis Kilometer 30 Windschatten geben und so helfen, das Tempo hochzuhalten. Aber dann steigen die Pacemaker aus, sonst würden sie ja auch bis zum Schluss laufen wollen." Die Frauen lassen sich von Männern bis ins Ziel ziehen. Trotzdem wird ihre Zeit anerkannt. Das alleine kann also kein Argument sein.
der_beste 27.09.2019
4. Den Eindruck
dass der Läufer hier nicht nach höheren Werten wie in die Geschichte eingehen oder sein Vaterland vertreten wollen, sondern ausschließlich finanzielle Interessen hat. Ein extrem guter Läufer muss auch mal sein Können um [...]
dass der Läufer hier nicht nach höheren Werten wie in die Geschichte eingehen oder sein Vaterland vertreten wollen, sondern ausschließlich finanzielle Interessen hat. Ein extrem guter Läufer muss auch mal sein Können um Mitternacht in der Wüste beweisen können.
flaffi 27.09.2019
5. Fragwürdig
Es wäre wohl sinnvoller, wenn die Läufer ohne Windschatten laufen müssten, wie beim Zeitfahren auf dem Rad. Organisatorisch müsste das machbar sein.
Es wäre wohl sinnvoller, wenn die Läufer ohne Windschatten laufen müssten, wie beim Zeitfahren auf dem Rad. Organisatorisch müsste das machbar sein.

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