Sport

42,195 Kilometer unter zwei Stunden

Die Mondlandung des Marathons

Die Bedingungen waren dank Millioneninvestitionen ideal: Eliud Kipchoge hat die letzte Stundengrenze im Marathonsport geknackt. Ein Rennen zwischen Marketingcoup und sportlicher Höchstleistung.

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Samstag, 12.10.2019   12:05 Uhr

Manchmal konnte man ihn fast gar nicht sehen. Wenn die vielen TV-Kameras von vorne auf die Läufergruppe um Eliud Kipchoge gerichtet waren, ging der Kenianer selbst in seiner weißen Rennkleidung fast unter, so dicht liefen die Tempoläufer vor dem Weltrekordhalter im Marathon. Sie schützten Kipchoge vor dem Wind, er wurde abgeschirmt wie ein Sprinter bei der Tour de France. Eine Eskorte für den schnellsten Langstreckenläufer der Welt.

Den Geleitschutz gab es für Kipchoge auf den kompletten 42,195 Kilometern durch den Wiener Prater. Etwa alle vier Kilometer wechselten sich die Pacemaker ab, für eine Runde auf dem 9,6 Kilometer langen Rundkurs liefen die Ingebrigtsen-Brüder vor Kipchoge. Immer wieder: frische und prominente Beine an der Seite von Kipchoge. 41 Unterstützer mit 55 Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften waren zu dieser Challenge angereist - für viel Geld eingekauft. Sie sollten mithelfen, dieses Projekt zum "Mond zu führen", wie Kipchoge den Versuch bezeichnet hatte.

Kipchoge ist nun das, was Neil Armstrong in der Welt der Raumfahrer ist. Er hat Grenzen verschoben, Neuland betreten. Der 34-Jährige ist der erste Mensch, der einen Marathon in unter zwei Stunden gesprintet ist. Er hat es geschafft, 100 Meter in 17 Sekunden zu laufen, 422 Mal in Folge. Kipchoge hielt die erforderliche Renngeschwindigkeit von über 21 Kilometern pro Stunde durch und lief im Schnitt 1000 Meter in 2:50 Minuten. Das Endergebnis: 1:59,40 Stunden.

Fotostrecke

Marathon in 1:59,40 Stunden: Eliud Kipchoge schreibt Geschichte

Manchmal versuchten Fans an der Strecke mitzuhalten, sie scheiterten schon nach wenigen Metern. Selbst Radfahrer hatten es schwer, das Tempo zu halten. Und sogar die Tempoläufer ließen ihn auf den letzten 500 Metern allein ins Ziel schweben.

Ineos' Marketing-Coup ist geglückt

Die letzte Stundengrenze im Marathonsport existiert nicht mehr, zumindest inoffiziell. Der Lauf in Wien hatte nicht die Anforderungen des internationalen Leichtathletikverbands IAAF für einen offiziellen Rekordlauf im Marathon erfüllt. Immer wieder neu eingewechselte Tempoläufer, Verpflegung zu jedem Zeitpunkt, überall entlang der Strecke - das ist im Regelbuch der IAAF verboten; eine extra für diesen Lauf neu asphaltierte Straße - so etwas kann sich eigentlich kein Stadtmarathon-Veranstalter leisten. Der Sponsor, der hinter diesem Laborversuch und den Ausgaben steckt, war rund um den Kurs nicht zu übersehen: "Ineos Challenge 1:59" stand auf den vielen Absperrgittern, dort, wo die vielen Zuschauer standen.

Der britische Chemiekonzern Ineos hat für den Lauf eine Millionensumme ausgegeben. Ein Projekt von Nike auf der Rennstrecke von Monza 2017, bei dem Kipchoge 2:00,25 Stunden benötigte, soll 30 Millionen Euro gekostet haben, dieser Versuch dürfte noch teurer gewesen sein. Ineos entdeckt gerade den Sport für sich und hofft dadurch auf ein neues, positives Image. Das Unternehmen hat die Radsportmannschaft Sky übernommen und hält damit das Gewinnerteam der Tour de France, der OGC Nizza aus der französischen Fußballliga Ligue 1 gehört neuerdings ebenfalls zum Portfolio.

Da durfte die magische Zweistundengrenze im Marathonsport nicht fehlen. Und mit Kipchoge gibt es eben auch diesen einen Läufer, der so berühmt ist, dass sich dieses Projekt auch vermarkten lässt. Er ist der eine Läufer, dem man diese Zweistundengrenze zutraut.

CHRISTIAN BRUNA/EPA-EFE/REX

Kipchoge (r.) im Windschatten seiner Tempoläufer

Wie macht er das? Von Doping distanziert sich Kipchoge, nie fiel ein Test positiv bei ihm aus. Wenn er über seine Leistungen spricht, hält er sich immer wieder an seine Überzeugung: "Menschen haben keine Grenze." Genau diese Botschaft wollte er mit seinem Lauf in die Welt tragen.

Hinter dem Slogan steckt viel Arbeit: Über 220 Trainingskilometer legt der Olympiasieger von 2016 pro Woche zurück, ein großer Teil seiner Vorbereitung findet in den höheren Gebieten von Kenia statt; wo es einen Standortvorteil für Ausdauersportler gibt. In mehr als 2000 Meter Höhe produziert der Körper mehr rote Blutkörperchen. Das treibt den Sauerstofftransport an, und wirkt auf flacheren Ebenen wie in Wien im besten Fall wie ein versteckter Elektromotor.

Niemals müde Eliud Kipchoge

Im Rennen selbst sieht man, was ihn noch ausmacht: die besondere Technik zum Beispiel. Kipchoge kann pro Minute bis zu 180 Schritte zurücklegen, drei pro Sekunde. Der Mittelfuß berührt die Strecke nur für einen kurzen Augenblick. Wer nicht genau hinsieht, verpasst den Moment. Man muss auch genau hinsehen, um bei Kipchoge überhaupt einen Hauch von Müdigkeit im Gesicht zu entdecken; wenn bei einem Hobbyläufer ab Kilometer 35 der "Mann mit dem Hammer" kommt und der große Einbruch beginnt, läuft Kipchoge in diesen Phasen oft seine stärksten Zwischenzeiten. Das war auch vor einem Jahr in Berlin der Fall, als er ab der Hälfte des Rennens ohne Tempoläufer zum Weltrekord sprintete.

Solche Leistungen erfordern mentale Stärke, die er mit seinem Lauf in Wien erneut bewiesen hat. Die Bedingungen waren natürlich ideal, selbst das in diesem Sport so gefürchtete Wetter ließ die Läufer nicht im Stich. Aber der Druck mit all den Werbeterminen und Millioneninvestionen im Rücken dürfte enorm gewesen sein. Kipchoge hat auch dem standgehalten. Wer die Bilder im Zieleinlauf gesehen hat, all die Tempoläufer und Unterstützer, die ihn auf den Schultern trugen, der konnte fast nur zu diesem Schluss kommen: Der Marathonsport hat seinen König gefunden.

Und dennoch: Einen Weltrekord hat Kipchoge nicht aufgestellt. In den Geschichtsbücher bleiben die 2:01:39 Stunden vom Berlin-Marathon 2018 stehen. Aber neben dieser Zeit taucht eben auch sein Name auf. Ist seine Jagd nach Bestleistungen nun vorbei? Mit 34 Jahren muss Eliud Kipchoge noch nicht am Ende seiner Karriere angekommen sein. Der nächste, offizielle Marathon kommt für ihn bestimmt.

insgesamt 62 Beiträge
C. V. Neuves 12.10.2019
1.
Verwerflicher Unsinn!
Verwerflicher Unsinn!
M. Vikings 12.10.2019
2. Mondlandung? Sternschnuppe!
Ist das für Sportler und Fans interessant? Also, für mich nicht. Wenn der Erste unter Wettkampfbedingungen so eine Zeit läuft, ist der Mann vergessen. Und selbst dann läuft der Verdacht auf Doping mit. Die Kohle hätte [...]
Ist das für Sportler und Fans interessant? Also, für mich nicht. Wenn der Erste unter Wettkampfbedingungen so eine Zeit läuft, ist der Mann vergessen. Und selbst dann läuft der Verdacht auf Doping mit. Die Kohle hätte der Konzern besser gespendet. Wie hieß der noch? Schon vergessen.
spiegel101 12.10.2019
3. Hirnloses
Wieder mal ein Rekord den keiner braucht aber die Presse liebt. Einem der schlimmsten Chemiekonzerne ein positives Image verschaffen soll. Eigentlich zeigt es nur wie unverantwortlich der Konzern mit dem von Mitarbeitern hart [...]
Wieder mal ein Rekord den keiner braucht aber die Presse liebt. Einem der schlimmsten Chemiekonzerne ein positives Image verschaffen soll. Eigentlich zeigt es nur wie unverantwortlich der Konzern mit dem von Mitarbeitern hart erarbeiteten Geld umgeht. Es geht nicht um Sport sondern um das Ego eines einzelnen der das Geld hat, sich selbst wichtig zu machen und seine Minderwertigkeitskomplexe auszuleben.
Marvel Master 12.10.2019
4. Doping in Kenia
https://youtu.be/rfcMt_hcCPY Empfehle ich jedem interessierten
https://youtu.be/rfcMt_hcCPY Empfehle ich jedem interessierten
tubolix 12.10.2019
5. Der Titel
Wie auch immer: eine sportliche Leistung ist es allemal.
Wie auch immer: eine sportliche Leistung ist es allemal.

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