Sport

3000-Meter-Hindernis-Bronze für Krause

Der lange Atem

Monatelang im Höhentrainingslager, seit Oktober 2018 keinen freien Tag: Gesa Krause hat für WM-Bronze hart gearbeitet. Vor allem aber zeigte der Hindernislauf in Doha, wie abgezockt die 27-Jährige ist.

KARIM JAAFAR/AFP

Gesa Krause sichert dem DLV die erste Medaille bei der WM in Doha

Aus Doha berichtet
Dienstag, 01.10.2019   06:29 Uhr

Die Verlockung muss groß gewesen sein. Als Gesa Krause beim Hindernislauf über 3000 Meter die ersten Schritte unterwegs war, hätten bei ihr gut ein Engel auf der linken und ein Teufel auf der rechten Schulter sitzen können. Der Engel hätte Krause geflüstert, beim Tempo jetzt bloß nicht zu übertreiben; der Teufel dagegen: "Lauf schneller, sonst bist du ganz weit weg vom Podium."

Wenn ein Rennen so temporeich wie das am Montagabend bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Katar beginnt, dann kann man schon mal in eine Zwickmühle geraten. Die spätere Gold-Gewinnerin Beatrice Chepkoech aus Kenia hatte sich schon kurz nach dem Start klar vom Feld abgesetzt und dahinter eine schnelle Jagd um die Medaillenplätze eröffnet. Und Krause blieb da nur die Frage: voll mitgehen oder eher abwarten?

MUSTAFA ABUMUNES/AFP

Gesa Krause fühlte sich zu Beginn schlecht, doch ihr Bronze-Plan ging auf

Krause sagte später, sie habe sich in dieser Rennphase "wirklich schlecht gefühlt". Aber die 27-Jährige sagte auch: "Manchmal darf man nicht zu früh übertreiben." Krause widerstand also der schnellen Startgeschwindigkeit, ordnete sich ans Ende der Verfolgergruppe ein, und sie lauerte bis zur Schlussrunde auf einen Einbruch ihrer Konkurrentinnen. Der Plan ging auf, das Resultat: WM-Bronze für sie und damit die erste deutsche Medaille bei diesen Titelkämpfen, Verbesserung ihres bisherigen deutschen Rekords um knapp vier Sekunden auf 9:03:30 Minuten, und sie ist nun hinter Russlands Ex-Weltrekordlerin Gulnara Galkina (8:58:81 Minuten) die zweitschnellste Europäerin der Geschichte.

180 Trainingskilometer die Woche, neun Monate Höhentrainingslager

Eine historische Leistung, Krause nannte es "Willensleistung". Dass ihre Renneinteilung auch eine taktisch brillante Vorführung war, ging dabei fast unter. Aber je länger man Krause zuhörte, desto klarer wurde auch, welche Willensleistung sie eigentlich noch meint: Es war nicht allein dieser Abend, nicht nur dieses eine Medaillenrennen mit dem starken Schlussspurt.

Es ist ihre Entwicklung, die sich in Zahlen abliest, seit Jahren ist nur sie selbst in der Lage, ihren deutschen Rekord zu knacken. Ihr Werdegang erzählt auch von der stetigen Optimierung ihres Rennens: Wie läuft man auf ein Hindernis zu? Krause hält gerne etwas Abstand zu ihren Konkurrentinnen, lauert auch hier, und macht dann oft trotzdem Meter gut. "Um das Hindernis besser im Auge zu haben", erklärt sie das eher zögerliche Anlaufen, und so ein Satz erzählt auch davon, wie sehr ihr die Rolle der Jägerin gefällt.

Aber vor allem steckt hinter ihrer "Willensleistung" der enorme Aufwand, den sie für den Anschluss an die Weltspitze betreibt. Seit Oktober 2018 will Krause nicht einen einzigen Tag im Training geruht haben, betonte sie nach dem Rennen. Zwischen 160 und 180 Trainingskilometer läuft sie die Woche, das ist selbst für Langstreckenläufer eine ambitionierte Marke. An dieser Stelle wird die Handschrift ihres Trainers Wolfgang Heinig sichtbar, der einst als Bundestrainer für die deutschen Marathonläufer tätig war.

Außerdem: kein Alkohol, keine Süßigkeiten. "Ich habe in den vergangenen Monaten immer das Richtige für meinen Körper getan", sagte Krause. Zu diesem Programm gehören auch bis zu neun Monate Höhentrainingslager im Jahr, etwa wie zuletzt in Südafrika, weit weg von Freund und Familie. Das Training in der Höhe soll den Sauerstofftransport im Körper ankurbeln, auch die Topkonkurrenz aus Kenia setzt darauf.

Sturz in London 2017 machte sie zur tragischen Figur - und Bekanntheit

Und dieses Training scheint sich bei Krause auszuzahlen. Trainer Heinig sagte nach dem Rennen im ZDF: "Das war nicht die Arbeit von einem Jahr, sondern von zehn Jahren." Die einstige Jugend-Leichtathletin des Jahres 2011 prägt nun beinahe seit einem Jahrzehnt den deutschen Laufsport, und der 68 Jahre alte Heinig hat daran seinen Anteil. Der frühere Sprinter wurde später von Krause als "Genie, was Training betrifft" gewürdigt, sie erzählte von einem Vierjahresplan, den Heinig vor längerer Zeit für sie angefertigt habe. Ob dieser eine Olympiamedaille in Tokio 2020 vorsehe? "Es ist auf jeden Fall ein Traum, den ich mir erfüllen will", sagte Krause. Ihre bisher beste Platzierung bei Olympia war der sechste Platz in Rio 2016.

Wirklich bekannt dürfte Krause erst ein Jahr später geworden sein: Ihr unglücklicher Sturz bei der WM 2017 in London, aber vor allem, wie kämpferisch sie das Rennen zu Ende lief, wird vielen in Erinnerung geblieben sein. Der frühere DLV-Präsident Clemens Prokop nannte Krause damals "ein Vorbild im Sport". Längst hat sie auch über den Sport hinaus Strahlkraft, bei Instagram folgen ihr inzwischen 115.000 Fans. Krause ist eines dieser Gesichter, das dem DLV gut tut, hat der Verband doch seit Jahren eine Ergebniskrise im Laufsport auf Weltniveau.

Mit der Olympia-Vorbereitung will Krause in drei Wochen beginnen. Die Laufschuhe dürfte sie aber schon in den kommenden Tagen wieder schnüren. Krause sagte, sie werde noch vier Tage in Doha bleiben und nach den Auftritten im klimatisierten Stadion wolle sie nun "unbedingt noch mal in der Hitze" bei 42 Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit laufen. Stichwort: Willensleistung.

insgesamt 33 Beiträge
norgejenta 01.10.2019
1. Großes Kino
Gratuliere. Ein hervorragend eingeteiltes Rennen . Mehr braucht man nicht zu sagen.
Gratuliere. Ein hervorragend eingeteiltes Rennen . Mehr braucht man nicht zu sagen.
Mark8839 01.10.2019
2.
Sehr gut, herzlichen Glückwunsch für diese Leistung
Sehr gut, herzlichen Glückwunsch für diese Leistung
wiesenflitzer 01.10.2019
3. Herzlichen Glückwunsch!
160-180 km pro Woche!! Bin selbst Freizeitlangläufer (auch schon mal nen Marathon), aber 180 km pro Woche; das ist einfach Wahnsinn. Das sind Belastungen für den Körper, die schafft der nur wenige Jahre. Überhaupt, wenn ich [...]
160-180 km pro Woche!! Bin selbst Freizeitlangläufer (auch schon mal nen Marathon), aber 180 km pro Woche; das ist einfach Wahnsinn. Das sind Belastungen für den Körper, die schafft der nur wenige Jahre. Überhaupt, wenn ich lese welche Entbehrungen es braucht (monatelang weg von Freund, Familie, Zuhause etc.), um auf dieses Niveau zu kommen, was da geleistet wird. Und wenn du dann nicht wirklich Medallien holst und gute Werbeverträge abschließen kannst (was den wenigsten in der Leichtathletik gelingt) kommste finanziell trotzdem zu nix. Ehrlich, und dann schaue ich mir unsere Fußballmillionarios an, die viermal die Woche zum Training gehen und am WE ein Spiel haben. Hut ab, vor dieser Leistung!! Und viel Glück nach dem Sport!
aliof 01.10.2019
4. Super gelaufen,
.. super gelaufen, und .. im Vorspann stimmungsvoll auf die sympathische Sportlerin eingestimmt, .. trainierend im fernen Süden, auf Kenias unbefestigten Landstraßen. Wir erfahren, wie anstrengend es zu Beginn war, dort [...]
.. super gelaufen, und .. im Vorspann stimmungsvoll auf die sympathische Sportlerin eingestimmt, .. trainierend im fernen Süden, auf Kenias unbefestigten Landstraßen. Wir erfahren, wie anstrengend es zu Beginn war, dort in der großen Höhe zu laufen. Wir erfahren nicht direkt, daß das Laufen in großer Höhe dazu dient, das körpereigene Erythropoetin zu erhöhen. Das vom Körper vermehrt gebildet wird, um den geringeren Sauerstoffgehalt in der Höhe auszugleichen .. .. und dann im Flachland zu vermehrtem Sauerstoff für die Muskeln beim Lauf führt, zu größerer Kraft und Ausdauer. ____ Der kurz auch EPO genannte Blutwachstumsfaktor kann natürlich auch per Spritze in den Körper einer Athletin gebracht werden. Das wäre dann Doping. Tja, aber gerade in Kenia wurde diese Form des Blutdoping oft und oft nachgewiesen. Seit 2015 dokumentiert in Reportagen von ARD und ZDF, zuletzt vor 10 Tagen :: https://www.youtube.com/watch?v=rfcMt_hcCPY Seltsamerweise diesmal kein Wort zu diesem Thema, obwohl doch die Siegerin aus Kenia stammt, und unsere Athletin seit vielen Jahren dort trainiert.
Neandiausdemtal 01.10.2019
5. "DLV-Krise im Laufsport"
Ja klar! Solange man in Deutschland nicht wieder zu alten Methoden zurückfindet ( Marita Koch ist immer noch 400 m Weltrekordlerin, seit über 30 Jahren) wird das auch so bleiben. Ich hoffe sehr, dass junge Frauen wie [...]
Ja klar! Solange man in Deutschland nicht wieder zu alten Methoden zurückfindet ( Marita Koch ist immer noch 400 m Weltrekordlerin, seit über 30 Jahren) wird das auch so bleiben. Ich hoffe sehr, dass junge Frauen wie Klosterhalfen und Krause sauber so gut laufen. Aber wer mehr will, sollte offen für Doping eintreten. Mit ist allerdings ein sauberer 5. Platz lieber. Andererseits ist es mir auch egal, wenn sich erwachsene Menschen freiwillig! mit Doping die Gesundheit ruinieren. Das Dopen von. Minderjährigen sollte hingegen unter harte Strafe gestellt werden.

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