Sport

Bronze für Schwanitz im Kugelstoßen

"Mir fetzt das noch"

Babypause und Verletzungsprobleme, trotzdem Bronzemedaille: Christina Schwanitz bleibt das deutsche Gesicht des Kugelstoßens. Über eine besondere Sportart und eine fleißige Athletin.

Michael Kappeler / DPA

Christina Schwanitz ist bereits Welt- und zweifache Europameisterin

Aus Doha berichtet
Freitag, 04.10.2019   11:36 Uhr

Am Ende trug Christina Schwanitz über ihrem Pulli auch noch einen Umhang. Mit einer Deutschland-Fahne über der langen Wettkampfkleidung war sie in der Pressezone erschienen. "Mir war heute zu kalt", sagte die Kugelstoßerin. Die 33-Jährige war in den vergangenen Tagen nicht besonders glücklich darüber, wo und wie diese Leichtathletik-WM stattfindet, darüber, dass die Arena in der Hitze von Katar mit Klimaanlagen heruntergekühlt wird. Zur Not wolle sie eben im Pullover antreten, eine Art Pulli-Protest. Aber der war nur eine Randnotiz.

Am Ende war Christina Schwanitz vor allem "glücklich, stolz, zufrieden, zu Tränen gerührt". Feuchte Augen sah man bei ihr in diesem Moment nicht, nur ein ziemlich breites Grinsen im Gesicht; und wer nichts sehen konnte, weil so viele Journalisten von ihr etwas wissen wollten, der hörte wenigstens ihr kräftiges Lachen. Die 33-Jährige hatte es tatsächlich noch mal geschafft: Bronzemedaille im Kugelstoßen bei der Leichtathletik-WM von Doha.

Nach Verletzungsproblemen und einer Babypause hatte manch einer seine Zweifel, ob das wirklich klappen könne, und Schwanitz sprach dann auch selbst von der schwersten Arbeit, die sie jemals für eine Medaille leisten musste. Sie habe das ganze Jahr für den Sport gelebt, "der Physio musste mich mehrfach zusammenbasteln". Aber ihr bereite all das noch "sehr viel Spaß, mir fetzt das noch". Ihr Fazit: "Für mich ist das heute kleines Gold", sagte sie über ihren dritten Platz hinter Danniel Thomas-Dodd aus Jamaika und der Chinesin Lijao Gong, die sich mit einer Weite von 19,55 Metern den WM-Titel sicherte.

Das Kugelstoßen ohne Schwanitz, man kann sich das eigentlich nicht mehr vorstellen. So lange prägt sie schon diesen Sport, der in den Hochburgen in Leipzig oder im Erzgebirge von vielen Fans gefeiert wird, bei einer WM im großen Stadion aber neben anderen Wettbewerben manchmal etwas untergeht.

DIEGO AZUBEL/EPA-EFE/REX

Kugelstoßen ist zwar eine Kunst, aber schwer zu vermarkten

Das Kugelstoßen liefert weniger eindrucksvolle Bilder als der Stabhochsprung. Im Mehrkampf sind die Augen permanent auf die Könige der Leichtathletik gerichtet, aber den Athleten im Kugelstoßen gehört das Rampenlicht nur für einen Augenblick: Konzentration, Drehung, Stoß - und dann verfolgt die Kamera vor allem die Flugbahn der Kugel; die lässt sich aber nicht vermarkten, große Sponsoren stehen nicht Schlange. Die Kugel fliegt auch nicht so absurd weit wie ein Speer.

Es ist kein Sport, den man einfach so zu Hause nachmachen kann, jeder Bewegungsablauf muss über Jahre einstudiert werden. Da helfen auch keine Best-of-Videos auf YouTube.

Ihre Ruhe findet sie im Garten

Umso bemerkenswerter ist, wie Christina Schwanitz diese Sportart nun schon seit Jahren immer mal wieder in den Schlagzeilen unterbringt. Dass die Weltmeisterin von 2015 mit fast 34 Jahren noch immer auf Medaillenjagd geht. Dass auch die Geburt ihrer Zwillinge vor zwei Jahren sie nicht davon abgehalten hat, weiter Kugeln durch die Luft zu stoßen. Bis zu 1000 die Woche. Außerdem: Kraft- und Techniktraining. Kugelstoßen ist Schufterei, für Körper und Kopf.

Wie schafft sie das?

"Zum Ausgleich mähe ich den Rasen in meinem Garten", sagte Schwanitz später. Der sei sehr groß, manchmal "brauche ich fünf Stunden bis alles fertig ist". Wahrscheinlich ist das nur ein kleiner Teil ihres Erfolgsgeheimnisses.

Kugelstoßen ist eigentlich eine Sportart, bei der man für Laien den Hinweis versehen sollte: bitte nicht nachmachen. Oder wenigstens: Sie können das zwar versuchen nachzumachen, aber Achtung: Blamiergefahr! Wie tief die Athleten in die Kniebeuge gehen, wie sie wie Katapulte die Kugel nach vorne schleudern. Bei Schwanitz sieht das alles ganz einfach aus, und wenn die Kugel weit fliegt, dann grinst sie schelmisch. Das passierte an diesem Abend, als sie im fünften Versuch auf 19,17 Meter kam. Klar unter ihrer Bestweite (20,77 Meter), aber weit genug, um mit Edelmetall nach Hause zu fahren.

Matthias Hangst / Getty Images

Schwanitz konnte in Doha nicht an ihre Bestleistungen anknüpfen, glücklich war sie dennoch

Dort warten ihr Mann und die Krümel, so nennt sie ihre Zwillinge. Außerdem studiert Schwanitz mittlerweile auch, für Sozialpädagogik ist sie eingeschrieben. Ach ja: Sport gibts auch noch. Drei Jobs, ganz schön anstrengend. Aber Schwanitz klagt nicht, gut findet sie alles aber auch nicht.

WM in Katar? Das schmeckt Schwanitz nicht

Die Bierpreise in Katar zum Beispiel, 14 Euro kann eine Flasche kosten. "Die haben doch eine Meise und einführen darf man auch nichts. Sehr gemein", klagte sie vor dem Wettkampf. Es sei das erste Mal in ihrer Karriere, dass sie den Abend vor dem Wettkampf ohne Alkohol bestreite. "Fürchterlich." Und zur Wahl über den WM-Ort sagte sie: "Die Entscheidung wurde sicher getroffen, weil die Reibung zwischen Daumen und Zeigefinger gestimmt hat." Schwanitz sagt so etwas mit einem Augenzwinkern, aber sie sagt es auch aus Überzeugung. Sie hat ihre Meinung.

Und Schwanitz hat eine Karriere hingelegt, in der ihre Leistungskurve Jahr für Jahr lange nach oben ging. Deutsche Meisterin 2011, zwei Jahre später war sie schon Vizeweltmeisterin, 2015 Weltmeisterin, Europameisterin in den Jahren 2014 und 2016, im Vorjahr wurde sie noch einmal Vizeeuropameisterin in Berlin. Fehlt etwas? Eine Medaille bei Olympischen Spielen gewann sie nie.

Das soll sich in Tokio ändern. "Nächstes Jahr will ich noch leistungsfähiger sein."

insgesamt 5 Beiträge
keinKommentar 04.10.2019
1. Herzlichen Glückwunsch
...an eine in jeder Hinsicht starke Frau, die uns zeigt, was man mit Willen und Beharrlichkeit erreichen kann. Die noch fehlende olympische Medaille wünsche ich ihr von ganzen Herzen.
...an eine in jeder Hinsicht starke Frau, die uns zeigt, was man mit Willen und Beharrlichkeit erreichen kann. Die noch fehlende olympische Medaille wünsche ich ihr von ganzen Herzen.
cs01 04.10.2019
2. Wettkampf ohne Alkohol?
Wirlich zum ersten Mal, das sie den Wettkampf ohne Alkohol bestreitet, wie im Text beschrieben? Ich kann mir kaum vorstellen, dass man vor einem Wettkampf oder dabei Alkohol konsumiert. Eher dass man nach, dem Wettkampf sich einen [...]
Wirlich zum ersten Mal, das sie den Wettkampf ohne Alkohol bestreitet, wie im Text beschrieben? Ich kann mir kaum vorstellen, dass man vor einem Wettkampf oder dabei Alkohol konsumiert. Eher dass man nach, dem Wettkampf sich einen genehmigt.
recklette 04.10.2019
3. Stimm tatsächlich...
Ihr Trainer hatte es gestern Abend bestätigt, wobei man natürlich die Menge beachten sollte. Er sprach davon, dass sie vor jedem großen Wettkampf 1 Bier am Vorabend gönnt.
Zitat von cs01Wirlich zum ersten Mal, das sie den Wettkampf ohne Alkohol bestreitet, wie im Text beschrieben? Ich kann mir kaum vorstellen, dass man vor einem Wettkampf oder dabei Alkohol konsumiert. Eher dass man nach, dem Wettkampf sich einen genehmigt.
Ihr Trainer hatte es gestern Abend bestätigt, wobei man natürlich die Menge beachten sollte. Er sprach davon, dass sie vor jedem großen Wettkampf 1 Bier am Vorabend gönnt.
queensie 04.10.2019
4. Toll
einfach Prima. Das Lachen "goldwert" mach doch einfach weiter
einfach Prima. Das Lachen "goldwert" mach doch einfach weiter
cs01 04.10.2019
5.
Ach so, ein Bier am Abend vorher. Das kann natürlich sein. Aber da würde ich zur Not auch den Preis in Katar für ein Bier zahlen. Bei einem geht das.
Zitat von reckletteIhr Trainer hatte es gestern Abend bestätigt, wobei man natürlich die Menge beachten sollte. Er sprach davon, dass sie vor jedem großen Wettkampf 1 Bier am Vorabend gönnt.
Ach so, ein Bier am Abend vorher. Das kann natürlich sein. Aber da würde ich zur Not auch den Preis in Katar für ein Bier zahlen. Bei einem geht das.

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