Sport

Dopingskandal um Lauftrainer Salazar

Im Zeichen des Totenkopfs

WM-Akkreditierung: entzogen. Kontakt zu seinen Läufern: verboten. Die Dopingsperre des Trainers Alberto Salazar überschattet die Titelkämpfe in Katar. Was wird aus seinen Athleten im Nike-Eliteprojekt - und was wusste der Konzern?

Phil Noble REUTERS

Bei der WM 2015 durfte er noch ins Stadion: Alberto Salazar

Aus Doha berichtet
Mittwoch, 02.10.2019   19:59 Uhr

Wo sich Alberto Salazar aktuell aufhält, ist nicht bekannt.

Wenn er noch im Lande sein sollte, dürfte er es mittlerweile schwer haben, die aktuellen Vorstellungen seiner Athleten aus seinem Nike Oregon Project (NOP) zu verfolgen. Die Leichtathletik-Weltmeisterschaft wird nicht im nationalen Fernsehen von Katar übertragen. Und seit Dienstag hat der 61-Jährige in Doha Stadionverbot.

Am Dienstag hatte der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF dem Chefcoach des NOP die Akkreditierung für die Titelkämpfe entzogen. Wenig später setzte die Athletics Integrity Unit (AIU) die Läufer des US-Eliteprojekts per Brief in Kenntnis, dass der Kontakt zu Salazar sofort einzustellen sei. Keine Telefonate, kein Rat, keine aufmunternden Gespräche mehr. Wie in einer Isolierungszelle, er soll vom Sport ferngehalten werden. Bei Verstoß: Bestrafung der Athleten nach den Möglichkeiten der Anti-Doping-Agenturen.

Damit die Botschaft auch ganz sicher ankommt, ließ die AIU Boten in die Athletenhotels in Doha schicken.

Aber nochmal einen Schritt zurück. Die am Dienstag bekannt gewordene Dopingsperre gegen den Leichtathletiktrainer und früheren Marathonläufer hat ein Beben ausgelöst. Sie hat den Sturz Salazars eingeleitet, und es ist noch nicht klar, wo er landet - und wen er mit in den Abgrund reißen wird. Die Ermittlungen deuten darauf hin, dass auch Funktionäre bei Nike von Dopingexperimenten gewusst haben könnten. Was genau wusste also der Sportartikelhersteller? Auf eine SPIEGEL-Anfrage äußerte sich der Konzern bisher nicht.

NOP-Läufer Brazier gewinnt Gold - aber kaum einer fragt danach

Wenn ein Trainer in Verbindung mit Dopingpraktiken gebracht wird, dann rückt nicht nur der Sponsor ins Visier. Dann bleiben auch Fragen nach den Schülern nicht aus. Auch wenn sie bislang nicht Gegenstand der aktuellen Ermittlungen waren: Der Fall hat längst auch die Athleten des NOP erreicht.

David J. Philip AP

Salazar-Schützling und 800-Meter-Weltmeister Donovan Brazier

In 1:42.34 Minuten und nationaler Rekordzeit war der US-Amerikaner Donavan Brazier am Dienstag zum WM-Sieg über 800 Meter gesprintet. Am Mittwochnachmittag zeigte dann die Niederländerin Sifan Hassan im Vorlauf über 1500 Meter, warum man ihr zutraut, einmal den Weltrekord auf dieser Strecke zu knacken. Und Konstanze Klosterhalfen will über 5000 Meter eine Medaille gewinnen.

Die drei Athleten sind besondere Talente im Laufsport, so gut, dass sie seit einigen Monaten einer insgesamt zwölfköpfigen Trainingsgruppe im Nike Oregon Project angehören. Ein Elitecamp, das die hoffnungsvollsten Talente der Laufwelt unter anderem in Höhenkammern schuften und auch schlafen lässt. Ein Projekt des Sportartikelherstellers Nike, mitten auf dem Firmengelände, das Olympiasieger produzieren und Weltrekorde knacken soll. Das Logo der Laufgruppe ist ein Totenkopf.

Seit 2015 gibt es Anschuldigungen gegen Salazar

Die drei Athleten eint auch, dass ihre sportlichen Höchstleistungen aktuell fast nebensächlich geworden sind. Als Brazier am Dienstag durch den Pressebereich ging und er erst nach einigen Minuten die erste Frage zu seinem WM-Sieg gestellt bekam, antworte der Läufer: "Hat also doch einer das Rennen gesehen. Danke!" Wenn sie in die vielen Mikrofone bei der WM sprechen müssen, sollen sie Fragen zum Chefcoach des Nike Oregon Project beantworten. Wie reagieren sie auf die Suspendierung von Salazar?

Karim Jaafar AFP

Salazar-Schützling und 10.000-Meter-Weltmeisterin Sifan Hassan

Beim Dopingskandal um den früheren Marathon-Weltrekordhalter geht es um verbotene Substanzen, unerlaubte Infusionen, Vertuschungsversuche, Gesundheitsgefährdung von Athleten. Ein Fass ohne Boden. Aber nochmal: Weder Brazier, Hassan oder Klosterhalfen sind in dem aktuellen Fall involviert, das vorläufige Urteil ist ein Ergebnis jahrelanger Ermittlungen, die ersten Anschuldigungen wurden bereits 2015 von einem ehemaligen Trainer des Projekts, Steve Magness, erhoben. Ehemalige Sportler des Projekts bestätigen seine Vorwürfen.

US-Mittelstreckler Clayton Murhpy trainiert wie Brazier, Hassan und Klosterhalfen erst seit knapp einem Jahr unter Salazar, und nach seinem WM-Lauf über 800 Meter sagte er: "Ich habe nie etwas unerlaubtes im Oregon Project gesehen." Die nationalen Verbände verweisen ebenfalls auf die vielen Dopingtests, die die Läufer in einer Saison abgeben müssen. "Wir haben vollstes Vertrauen in die Integrität von Sifan Hassan als Athletin", teilte der niederländische Leichtathletik-Verband mit.

Reaktionen von Wut bis Erleichterung

Ähnlich klingen die Reaktionen aus dem deutschen Lager zu Klosterhalfen.

"Wir fokussieren uns voll auf den Sport", sagte Bundestrainer Alexander Stolpe. Klosterhalfen selbst äußerte sich nach ihrem Vorlauf über 5000 Meter am Mittwochabend zu dem Thema nur kurz und nannte die Salazar-Sperre "eine schockierende Nachricht". In den vergangenen Monaten sagte die 22-Jährige aber, sie könne zwar die Skepsis um das US-Camp verstehen, aber es würde alles sauber ablaufen. Ihr Leistungssprung sei die Folge harter Arbeit. Wer es nicht glaubt, soll ihr in Oregon beim Schwitzen zusehen.

Ihr Manager Dany Biegler sagte am Dienstag auf Anfrage, Klosterhalfen würde in den USA unter der Leitung von Pete Julian trainieren, einer von Salazar unabhängigen Trainingsgruppe. Wie unabhängig diese Gruppen aber sind, darf man infrage stellen. Die langen Ausläufe am Samstag, die Long Runs, sollen Klosterhalfen und Hassan, die unter Salazar trainiert, schon mal zusammen bestreiten.

Andreas Rentz Getty Images

Deutschlands Mittelstreckenstar Konstanze Klosterhalfen

Auch Brazier betonte am Dienstag, er trainiere unter Julian. Und er sagte, "wenn Pete das Trainingscamp nun übernimmt", würde er beim Oregon Project bleiben. Von den seit Jahren öffentlich bekannten Vorwürfen gegen Salazar habe er vor Dienstag noch nie etwas gehört. Auch Klosterhalfen habe vor, in Oregon zu bleiben. "Ich freue mich schon auf die neue Saison", sagte sie nach ihrem Vorlauf.

Bei anderen Athleten reichen die Reaktionen von Wut bis Rückendeckung. Die US-Marathonläuferin Jordan Hasay nannte Salazar eine "Vaterfigur". Er habe als ihr Coach immer "die höchsten ethischen Coaching-Standards erfüllt". Der US-Hürdenläufer Andy Bayer dagegen sagte: "Ich trainiere mir den Arsch ab, dass es mich einfach sehr ärgert, wenn betrogen wird." Er sei froh, dass der Fall so intensiv aufgerollt wurde. Und US-Mittelstrecklerin Jenny Simpson wurde noch deutlicher: "Jeder, der sich auch nur ein bisschen in diesem Sport auskennt, weiß, dass ein Schatten über dieser Gruppe liegt", sagte die Olympiadritte und Ex-Weltmeisterin über 1500 Meter: "Warum sich jemand dieser Gruppe anschließt? Keine Ahnung."

Wie der Fall endgültig ausgeht, das bleibt erstmal unklar. Salazar wird Berufung einlegen, und Nike hat ihm dabei die volle Unterstützung zugesagt.

Das ist bemerkenswert, denn die Anschuldigungen gegen ihn wiegen schwer. Es ist aber auch nicht wirklich überraschend: Nike fördert dieses Projekt seit Jahren mit Millioneninvestitionen, und Salazar war seit der Gründung im Jahr 2001 der Kopf des Projekts.

insgesamt 18 Beiträge
-su- 02.10.2019
1.
Sollte der Konzern bescheid gewusst haben, sollte ein Ausschluß von Nike und deren Athleten geprüft werden. Erst wenn die Athleten und Nike dann glaubhaft belegen können, dass ein systematisches Doping nicht erfolgt ist [...]
Sollte der Konzern bescheid gewusst haben, sollte ein Ausschluß von Nike und deren Athleten geprüft werden. Erst wenn die Athleten und Nike dann glaubhaft belegen können, dass ein systematisches Doping nicht erfolgt ist bzw. mehr erfolgt, kann über eine Rückkehr verhandelt werden. Hier steht im Raum, dass Nike und deren Athleten die ehrlichen Sportler betrogen hat.
aliof 02.10.2019
2. Ok, Herr Salazar
.. Herr Salazar .. hat es mittlerweile schwer , ".. die aktuellen Vorstellungen " SEINER" Athleten aus dem .. Nike Oregon Oroject zu verfolgen." .. weil die WM nicht im dortigen Fernsehen übertragen wird. - Wie [...]
.. Herr Salazar .. hat es mittlerweile schwer , ".. die aktuellen Vorstellungen " SEINER" Athleten aus dem .. Nike Oregon Oroject zu verfolgen." .. weil die WM nicht im dortigen Fernsehen übertragen wird. - Wie bitte? Ich gabe schon etliche Zuschauer im Stadium mit Handy gesehen .. was machen die denn damit? - Offline Fotos ihrer Liebsten scrollen? ____ Gehört solch ein Stil jetzt auch zum "Faß ohne Boden" , wie die aufgestellte Behauptung :: "Seit 2015 gibt es Anschuldigungen gegen Salazar" ____ Meinen mir bislang vorliegenden Informationen nach geht es um Anschuldigungen gegen Salazar (und einen Arzt) von 2012 (?) BIS 2015. Nochmal : ob SEIT oder BIS 2015 macht mir einen , den , gewaltigen Unterschied!
hansfrans79 02.10.2019
3.
Es ist doch reiner Populismus, wenn Sie fordern, die Beweislast umzukehren.
Zitat von -su-Sollte der Konzern bescheid gewusst haben, sollte ein Ausschluß von Nike und deren Athleten geprüft werden. Erst wenn die Athleten und Nike dann glaubhaft belegen können, dass ein systematisches Doping nicht erfolgt ist bzw. mehr erfolgt, kann über eine Rückkehr verhandelt werden. Hier steht im Raum, dass Nike und deren Athleten die ehrlichen Sportler betrogen hat.
Es ist doch reiner Populismus, wenn Sie fordern, die Beweislast umzukehren.
aggro_aggro 02.10.2019
4. So hart gearbeitet!
Ich finde es immer etwas lächerlich, wenn Profisportler ihre Leistung damit erklären, dass sie so hart trainiert haben. Das ist nichts Besonderes. Jeder Profisportler, und sogar der Großteil der Hobbysportler trainieren hart [...]
Ich finde es immer etwas lächerlich, wenn Profisportler ihre Leistung damit erklären, dass sie so hart trainiert haben. Das ist nichts Besonderes. Jeder Profisportler, und sogar der Großteil der Hobbysportler trainieren hart und oft sogar zu hart. Damit erklären sich keine Spitzenleistungen und erst Recht keine Leistungssprünge. Selbe Sache übrigens auch bei Musikern und Geschäftsleuten.
HuFu 02.10.2019
5. PR-Super-GAU für Klosterhalfen....
Ich an ihrer Stelle würde da schleunigst raus... ich glaube absolut Null, dass sie auch nur derart in die Nähe von Doping gerät / geraten ist, aber PR-technisch ist das IMHO nicht zu verantworten.
Ich an ihrer Stelle würde da schleunigst raus... ich glaube absolut Null, dass sie auch nur derart in die Nähe von Doping gerät / geraten ist, aber PR-technisch ist das IMHO nicht zu verantworten.

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