Sport

Skandal-Marathon in Katar

Versuchskaninchen im Namen des Kommerzes

Nur 40 von 68 Starterinnen im Ziel: Die Leichtathletik-WM hat für den Verband und Katar mit einem Debakel begonnen. Verlierer sind aber die Sportlerinnen und Sportler - das darf sich nicht wiederholen.

Ali Haider/EPA-EFE/REX

28 Läuferinnen mussten den Marathon in Katar vorzeitig abbrechen

Ein Kommentar von
Samstag, 28.09.2019   18:41 Uhr

Schlechte Vorbereitung, vielleicht zu schnell in der frühen Rennphase angelaufen oder einfach nicht ausreichend während des Wettkampfs ernährt: Es gibt diese Tage, an denen selbst die besten und trainiertesten Sportler der Welt das Ziel bei einem Marathon nicht erreichen. Das ist dann ein persönliches Drama. Aber das ist auch ziemlich alltäglich: Es ist sind nun mal 42,195 Kilometer, bei Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 20 Kilometern pro Stunde - Marathon auf Spitzenniveau ist kein Gesundheitssport.

Was aber nicht alltäglich ist: Wenn - wie bei der Leichtathletik-WM in Katar - bei einem Marathon mit 68 Starterinnen gleich 28 Läuferinnen kollabieren und viele von ihnen sogar mit Rollstühlen von der Strecke geführt werden, ist das ein verheerendes Bild. Dann ist der Marathonsport nicht nur kein Gesundheitssport mehr, dann ist er lebensgefährlich.

Weit weg von Idealbedingungen

Wie konnte der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF dieses Rennen unter den gegebenen Bedingungen zulassen? Die extreme Hitze um Mitternacht (32,7 Grad Celsius) und die hohe Luftfeuchtigkeit (73,3 Prozent) dürften niemanden überrascht haben. Ein Blick in die historischen Wetterdaten Katars hätte genügt, um dieses Vorhaben schnell wieder zu verwerfen. Vielleicht hätte auch ein Blick in eins der vielen Marathonbücher genügt: Wo werden eigentlich Topzeiten gelaufen, und warum?

Die bedeutendsten Marathons der Welt finden in New York oder Berlin, Boston oder London statt. Hier starten die schnellsten Läufer der Welt, hier sind auch Hunderttausende Amateurläufer auf der Strecke. Die Läufe in New York und Berlin finden im Herbst statt, London und Boston im Frühjahr - bei gemäßigten Temperaturen um die 20 Grad Celsius. Bei solchen Bedingungen rast der Puls nicht direkt in die Höhe, die maximale Leistungsfähigkeit kann über einen gewissen Zeitraum konstant gehalten werden.

Doch bei Temperaturen über 25 Grad wird es gefährlich, und die hohe Luftfeuchtigkeit in Katar sorgt zusätzlich für einen enormen Wasserverlust, der selbst durch regelmäßige Verpflegung beim Wettkampf kaum kompensiert werden kann. Als hätte man ein Loch im Tank, das Benzin geht irgendwann aus. Auch aus diesem Grund haben viele Topathleten ihren Start beim Marathon in Doha abgesagt, dazu gehört auch der deutsche Marathonläufer Philipp Pflieger. Er hielt eine persönliche Topzeit in Katar für unwahrscheinlich (lesen Sie hier das gesamte SPIEGEL-Interview), und das Rennen der Frauen dürfte ihn bestätigt haben - es war das langsamste der WM-Geschichte.

Wie die IAAF reagieren kann

Sollte es noch einen Nachweis benötigt haben, dass die Vergabe der Titelkämpfe nach Katar nicht im Interesse der Sportlerinnen und Sportler geschehen ist, dann hat der Marathon der Frauen ihn geliefert. Ohnehin ein heikles Thema: Die Vergabe nach Katar steht unter Korruptionsverdacht, das berichtet der SPIEGEL in seiner neuesten Ausgabe. Auch für das Ausrichterland ist der WM-Start ein Debakel, will man sich doch vor der Fußball-WM 2022 als idealer Ausrichter für Sportveranstaltungen ins Schaufenster stellen.

Am letzten Wettkampftag (6. Oktober) soll der Marathon der Männer stattfinden. Es bleiben nun zwei Optionen: Die Veranstaltung ins Stadion zu verlegen; die Arena ist auf etwa 25 Grad Celsius herunter"gekühlt" und es herrscht eine deutlich geringere Luftfeuchtigkeit. Auch das wäre weit weg von Idealbedingungen, aber immerhin ein richtiger Schritt für die Gesundheit der Sportler.

Die zweite Option: den Wettkampf absagen. Erneute Bilder von kollabierenden Spitzensportlern kann sich dieser Verband bei all den anderen Negativschlagzeilen kaum erlauben. Beide Optionen dürften den Marathonläufern kaum gefallen. Weil 400-Meter-Rundenlaufen in einem Stadion in der Kopfsportart Marathon extrem zermürbend sein kann; und weil die harten Vorbereitungsstrapazen bei einer Absage äußerst bitter wären.

Dass die Marathonläuferinnen diese Tortur bereits mitmachen und wie Versuchskaninchen für weitere Wettkämpfe dienen mussten, darf aber in keiner WM-Bilanz fehlen.

insgesamt 59 Beiträge
*Querdenker* 28.09.2019
1. Marathon für Entscheidungsträger
Man hätte die Verantwortlichen, die diesen Mist beschlossen haben, erst einmal selbst den Marathon laufen lassen sollen. Dann hätte die Leichtathletik-WM vermutlich nicht in Katar stattgefunden und die Entscheidungsträger [...]
Man hätte die Verantwortlichen, die diesen Mist beschlossen haben, erst einmal selbst den Marathon laufen lassen sollen. Dann hätte die Leichtathletik-WM vermutlich nicht in Katar stattgefunden und die Entscheidungsträger lägen unter Beatmungszelt. Deppen!
schehksbier 28.09.2019
2. "Versuchskaninchen"
trifft es nicht so ganz, wenn in einem Wüstenländchen ohne jegliche Bindung zur Leichtathletik oder auch zum Fußball entsprechende Werbeveranstaltungen durchgeführt werden. Geld, um protzige Wettkampfstätten zu errichten, [...]
trifft es nicht so ganz, wenn in einem Wüstenländchen ohne jegliche Bindung zur Leichtathletik oder auch zum Fußball entsprechende Werbeveranstaltungen durchgeführt werden. Geld, um protzige Wettkampfstätten zu errichten, stellt kein Problem dar. Ebenfalls kein Problem sind luxuriöse Unterkünfte für schmierige Funktionäre, denen rechtzeitig die Konten aufgehübscht wurden. Die Menschen, die unter indiskutablen Bedingungen Stadien usw. errichteten bzw. errichten, sind ebenso wie die Sportler, mit deren Gesundheit leichtfertig umgegangen wird, als unvermeidliche Kollateralschäden zu sehen. Allerdings verstehe ich nicht, warum sich Sportler in Kenntnis der Umstände für soetwas hergeben...
Fußballfan123 28.09.2019
3. 100% Zustimmung
Schrecklich, dieser Lauf hätte nicht stattfinden dürfen. Und in Katar zu dieser Jahreszeit darf es keinen Marathon geben. Wer das entschieden hat, kann niemals einen Marathon gelaufen haben. Gesundheitsgefährdung hoch drei. [...]
Schrecklich, dieser Lauf hätte nicht stattfinden dürfen. Und in Katar zu dieser Jahreszeit darf es keinen Marathon geben. Wer das entschieden hat, kann niemals einen Marathon gelaufen haben. Gesundheitsgefährdung hoch drei. Unverantwortlich.
bananenrep 28.09.2019
4. Selber schuld........
jeder weiß, dass Katar, Saudi Arabien etc. NUR an Spiele durch Korruption kommen. Wer weiß das die Bedingungen so schlecht sind und mitmacht, darf sich nicht beschweren. So einfach. Korruption ist doch mittlerweile allenthalben [...]
jeder weiß, dass Katar, Saudi Arabien etc. NUR an Spiele durch Korruption kommen. Wer weiß das die Bedingungen so schlecht sind und mitmacht, darf sich nicht beschweren. So einfach. Korruption ist doch mittlerweile allenthalben salonfähig, Politik, Ministerialbeamte, Richter. wer da mitmacht macht sich mitschuldig. Und wenn es schiefgeht MIMIMI. Hut ab vor Herrn Pfleger. Ansonsten trägt der Sport nicht wirklich etwas zur Gesellschaft bei. Das machen Pfleger und Arbeiter. Huch, dass darf man ja nicht öffentlich sagen. Aber ich habe mir den HH Marathon ca. 10 Min angesehen. So ein Unsinn , so ein Hype. Ich bin selber Halbmarathon gelaufen, schön durch den Wald, Ich weiß was ich kann und muss mich nicht bewundern lassen.
juergen haecker 28.09.2019
5. Warum nur zwei Optionen?
Zitat aus dem Artikel: "Es bleiben nun zwei Optionen: Die Veranstaltung ins Stadion zu verlegen; die Arena ist auf etwa 25 Grad Celsius herunter"gekühlt" und es herrscht eine deutlich geringere Luftfeuchtigkeit. [...]
Zitat aus dem Artikel: "Es bleiben nun zwei Optionen: Die Veranstaltung ins Stadion zu verlegen; die Arena ist auf etwa 25 Grad Celsius herunter"gekühlt" und es herrscht eine deutlich geringere Luftfeuchtigkeit. Auch das wäre weit weg von Idealbedingungen, aber immerhin ein richtiger Schritt für die Gesundheit der Sportler. Die zweite Option: den Wettkampf absagen. Erneute Bilder von kollabierenden Spitzensportlern kann sich dieser Verband bei all den anderen Negativschlagzeilen kaum erlauben." Es gibt mindestes noch eine dritte Option. Den Marathon durchziehen und die negativen Bilder sperren. Allerdings wuerde das meinem Bild von den Veranstaltern, Verantwortlchen und Funktionaeren im Hochleistungssport entsprechen. Zum Glueck war ich mangels Begabung nie deren Gefaehrdung ausgesetzt.

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