Sport

Mary Cain gegen das Nike Oregon Project

Stimme der Geschädigten

Das Nike Oregon Project verschwand über Nacht, doch die Probleme für den Konzern fangen jetzt erst an: Mit den Aussagen von Mary Cain wird klar, wie übel Ex-Trainer Salazar seinen Schützlingen mitgespielt hat.

Christopher Morris/ Getty Images

Mary Cain wurde 2014 Juniorenweltmeisterin über 3000 Meter: "Was sie nun durchmachen muss"

Von
Montag, 11.11.2019   15:56 Uhr

Manchmal lacht Mary Cain in dem sieben Minuten langen Video sogar. Der Beitrag zeigt die 23-Jährige mit Pokalen und Trophäen auf der Laufstrecke. Doch der Schein trügt, die schönen Bilder sind mit grausamen Sätzen unterlegt: Cain erzählt in dem Video der "New York Times" aus der vergangenen Woche von Missbrauch und Demütigungen. Sie berichtet, wie das Nike Oregon Project (NOP) und Cheftrainer Alberto Salazar ihre Karriere ruiniert haben. Die US-Amerikanerin könnte mit ihren Enthüllungen die Symbolfigur geworden sein, die es während der jahrelangen Ermittlungen gegen das NOP so noch nicht gegeben hat. Die Symbolfigur, die gebraucht wird.

Mitte Oktober war das NOP von seinen Betreibern eingestellt worden. Wer an jenem Morgen die Website der bekanntesten Laufgruppe der Welt im Internet aufsuchte, stieß lediglich auf Fehlermeldungen. Mit ihr waren auch der Instagram-Account des NOP und der Online-Fanshop verschwunden. Dafür, dass die deutsche Athletin Konstanze Klosterhalfen kürzlich noch schwärmte, das NOP sei "super-cool" und sie könne ihre Rückkehr in die USA kaum noch abwarten, war der Totenkopf, das Logo der Läufer, ziemlich schnell ausgelöscht worden.

All das wirkte, als wolle Nike am liebsten nichts mehr mit seinem Prestigeprojekt zu tun haben. Als hätte es die Experimente mit Hormonen nie gegeben, die dem Projekt vorgeworfen werden; als könne man die Zeit unter Salazar einfach so vergessen. Doch die Vergangenheit hat das NOP nun eingeholt.

Von Knochenbrüchen bis Selbstverletzungen

Lange Jahre hatte Cain geschwiegen. Aus Angst, aus Scham, sagt sie. Doch nach der aufsehenerregenden Dopingsperre gegen Salazar und dem Aus des NOP ging die frühere Athletin des Projekts an die Öffentlichkeit.

In dem Interview mit der "New York Times" hat die heute 23-Jährige von einem System gesprochen, in dem sie "geistig und körperlich misshandelt" wurde. Die einstige Wunderläuferin erzählte von Knochenbrüchen, dem Ausbleiben der Periode über drei Jahre, Selbstverletzungen. Sie sagte, sie sei gedrängt worden, immer weiter an Gewicht zu verlieren. Man habe sie öffentlich vor der Gruppe gewogen - um sie zu demütigen.

Im Video: Mary Cain spricht über das NOP

Foto: New York Times

Schon seit Jahren gab es ein kräftiges Raunen in der Szene, das NOP würde mit unerlaubten Mitteln arbeiten und fragwürdige Methoden an Athleten austesten, dabei Grenzen überschreiten. Nur Beweise gab es keine. Aus Oregon hörte man nur Zurückweisungen oder gar nichts. Solange es ging, feierte man dort die vielen Titel und Weltrekorde; erfreute sich an seinen innovativen Trainingsmethoden, die Millionen Dollar gekostet haben.

Doch während der Leichtathletik-WM in Katar Anfang Oktober waren aus den Verdächtigungen plötzlich Strafen geworden, die Suspendierungen von Salazar und einem langjährigen Teamarzt des Projekts waren bekannt geworden. Im Kern geht es um verbotene Substanzen, unerlaubte Infusionen, Vertuschungsversuche, Gesundheitsgefährdung von Athleten.

Man könnte Cains Vorwürfe also als Bestätigung der bisherigen Ermittlungsergebnisse einordnen. Doch sie sind mehr: Die geschädigten Athleten des NOP haben mit Cain ein Gesicht bekommen, eine Stimme. Aus der unkonkreten Feststellung "Gesundheitsgefährdung von Athleten" ist nun etwas sehr Konkretes geworden, eine Geschichte mit persönlichen Schilderungen einer jungen Frau. Ein Missbrauchsfall an einer Frau, die noch minderjährig war, als sie sich 2013 dem NOP anschloss.

ADRIAN DENNIS / AFP

Alberto Salazar war einst selbst Marathonläufer

Für Nike ist die Lage auch deswegen so bedrohlich, weil Cains Geschichte kein Einzelfall zu sein scheint. Cains Vorwürfe werden von anderen ehemaligen Beteiligten des Projekts bestätigt.

Salazars Ex-Assistent Steve Magness sagte, er habe Athletinnen systematisch zum Abnehmen drängen müssen. Magness schrieb auf Twitter, der Umgang mit Cain sei "Teil der Kultur" gewesen. Selbst wenn Cain gute Leistungen gebracht habe, soll Salazar laut Magness entgegnet haben: "Ihr Hintern ist so groß, dass sie ihre Knie kaum hochkriegt." Solche Äußerungen habe es gegenüber anderen Athletinnen des Projekts immer wieder gegeben, schrieb Magness. In einem Instagram-Post der ehemaligen NOP-Athletin Jackie Areson heißt es, dass genau dieser Spruch auch ihr gegenüber gefallen sei.

Cain sagt in dem Video, die vielen Männer auf Trainerpositionen seien ein Problem gewesen. Es müsse für Athletinnen mehr Trainerinnen geben: "Ich war in einem System gefangen, das von Männern für Männer konzipiert war. Es zerstört die Körper junger Frauen." In der Vergangenheit hatte sich bereits die frühere NOP-Athletin Kara Goucher ähnlich in diese Richtung geäußert.

Warum Magness und Goucher mit ihren Beobachtungen nicht schon viel früher an die Öffentlichkeit gegangen sind? Genau das sind sie. Bereits vor sieben Jahren hat Magness erste Anschuldigungen gegen das NOP gegenüber der Usada erhoben. Er schrieb seine Beobachtungen auch für das US-Medium "ProPublica" auf, das tat auch Goucher. Doch in der breiten Öffentlichkeit blieben beide lange ungehört. Es sei eine frustrierende Zeit gewesen, sagte Magness. Er sei aber froh, "dass die Öffentlichkeit endlich aufwacht".

Cain will ihre Erfahrungen nutzen und Sportlern helfen

Den Anstoß dafür hat vor allem Cain gegeben, und die Welle der Anschuldigungen dürfte noch an Kraft gewinnen. Der kanadische Langstreckler und ehemalige NOP-Athlet Cameron Levins sagte, er habe miterlebt, wie "besessen unser Trainerstab war", Cain dazu zu bringen, weiter abzunehmen. Die frühere Athletin Amy Begley schrieb, sie sei 2011 aus dem NOP geflogen, weil sie in einem Rennen Sechste geworden war. "Ich sei zu dick und hätte den größten Hintern an der Startlinie", soll die Begründung gewesen sein. Die inzwischen 41-Jährige schrieb bei Twitter in Richtung von Cain: "Ich habe großen Respekt vor ihr. Sie ist noch so jung und ich kann mir gar nicht vorstellen, was sie nun durchmachen muss."

Nike reagierte inzwischen mit Schutzbehauptungen, die Anwälte wollen Cains Glaubwürdigkeit in Zweifel ziehen. Die Athletin und ihre Eltern hätten während der Zeit im NOP nie Beschwerden vorgebracht, hieß es. Von einer möglichen Aufarbeitung der Vorwürfe gibt es kein Wort in der Stellungnahme des Konzerns. Auch Salazar bestreitet die Vorwürfe und will vor dem Sportgerichtshof Cas Berufung einlegen, eine erste Anhörung soll es im kommenden Jahr geben.

Die Aufarbeitung wird nun zur Aufgabe der Anti-Doping-Agenturen und des Internationalen Olympischen Komitees. Auch der Internationale Leichtathletik-Verband wird sich beteiligen müssen, zumal die nächste Weltmeisterschaft der Leichtathletik im Nike-Bundestaat Oregon stattfindet. Aber die Verbände müssen auch aktiv werden, um ein Zeichen an Geschädigte wie Cain zu senden: Schweigt nicht aus Angst und Scham, wir unterstützen euch.

Mary Cain setzt genau dort an. Sie will eine Plattform für Sportler und deren Eltern gründen, die ihnen ein besseres Training ermöglichen soll. Ein besseres Training als sie bekommen hat.

insgesamt 44 Beiträge
kirfatal 11.11.2019
1. Das hat aber mit der Suspendierung nichts zu tun
Goucher&Co haben sich schon vor Jahren recht dezidiert zu Salazars Methoden und zum Medikamentenmissbrauch geäußert. Was Cain jetzt vorbringt, ist (leider) im Verhältnis Trainer/Athletin bei manchen Trainingsgruppen [...]
Goucher&Co haben sich schon vor Jahren recht dezidiert zu Salazars Methoden und zum Medikamentenmissbrauch geäußert. Was Cain jetzt vorbringt, ist (leider) im Verhältnis Trainer/Athletin bei manchen Trainingsgruppen üblich, und zwar weltweit. Hat aber mit den Vorwürfen gg Salazar und NOP nichts zu tun. Deswegen ist der Coach ja auch nicht suspendiert worden.
lukasw 11.11.2019
2. Und der konkrete Vorwurf ...
… ist jetzt der, dass der Trainer ihren Hintern als zu dick bezeichnet hat? Das ist physische und emotionale Missbrauch? Ich denke auch, dass das NOP am Rande der Legalität operierte. Aber so ein Vorwurf ist lächerlich.
… ist jetzt der, dass der Trainer ihren Hintern als zu dick bezeichnet hat? Das ist physische und emotionale Missbrauch? Ich denke auch, dass das NOP am Rande der Legalität operierte. Aber so ein Vorwurf ist lächerlich.
LuPy2 11.11.2019
3. eine moralische Verurteilung
trifft alle Beteiligten, Täter, Mittäter und Opfer: die Gier nach Erfolg, Anerkennung, Ruhm und Geld hat hier einige Köpfe ausgeschaltet. Der Sportartikelhersteller hat profitorientiert gearbeitet. Das ist Kapitalismus pur, [...]
trifft alle Beteiligten, Täter, Mittäter und Opfer: die Gier nach Erfolg, Anerkennung, Ruhm und Geld hat hier einige Köpfe ausgeschaltet. Der Sportartikelhersteller hat profitorientiert gearbeitet. Das ist Kapitalismus pur, über alle Bedenken hinweg, auch danach keinerlei Entschuldigung. Der Skandal ist, dass die Leichtathletik WM nach Oregon vergeben wurde, obwohl man von den Missständen wusste. Ein triumphaler Sieg für Nike, obwohl - , die Vergabe der WM nach Katar war ja auch eine Frage des Geldes und nicht der Vernunft. Ich rate allen Beteiligten, die WM in Oregon zu boykottieren, um ein Zeichen zu setzen, um den Opfern des Nike Oregon Project Genugtuung und ein Denkmal zu setzen. Habt keine Angst und steht auf!
bstendig 11.11.2019
4. Ach Gottchen jetzt!
Da ging es ihr aber schlecht. Dicker Hintern hat er gesagt. Wie schrecklich. Gegenfragre: sie ist eine erwachsene Frau. Wieso hat sie den Bettel nicht hingeworfen? Meine Güte!
Da ging es ihr aber schlecht. Dicker Hintern hat er gesagt. Wie schrecklich. Gegenfragre: sie ist eine erwachsene Frau. Wieso hat sie den Bettel nicht hingeworfen? Meine Güte!
Nonvaio01 11.11.2019
5. beweise
sind gefragt, sonst steht es aussage gegen aussage. Von daher kann man Nike verstehen, es war wohl hart und nicht nett, aber die einzige frage ist ob es illegal war was dort vorgefallen ist und ob es beweise gibt.
sind gefragt, sonst steht es aussage gegen aussage. Von daher kann man Nike verstehen, es war wohl hart und nicht nett, aber die einzige frage ist ob es illegal war was dort vorgefallen ist und ob es beweise gibt.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP