Sport

200-Meter-Weltmeister Lyles

Party ohne Gäste

Als Noah Lyles seinen Triumph über 200 Meter mit einer Ehrenrunde feiern will, sind die Zuschauer in Doha schon auf dem Heimweg. Kein Problem, findet der US-Sprinter: "Wichtig ist Social Media."

AP / David J. Philip

Noah Lyles feiert seinen WM-Titel über 200 Meter - die ohnehin wenigen Fans sind schon weg

Aus Doha berichtet
Mittwoch, 02.10.2019   07:30 Uhr

Die Zahl der Zuschauer während der Ehrenrunde von Noah Lyles erinnerte eher an eine Bezirksmeisterschaft. Der 22-Jährige hatte erst vor wenigen Augenblicken die Ziellinie überquert, da verließen die ohnehin nur wenigen Besucher im Khalifa Stadium bereits die Arena. Das Finale über 200 Meter der Männer war der letzte Wettbewerb am fünften Tag der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Katar, und als Lyles mit einer US-Flagge um den Hals auf seine Siegerrunde ging, musste er beinahe allein über seine erste Goldmedaille bei einer WM jubeln. Immerhin verfolgten ihn noch etliche Fotografen und hielten den Moment fest.

Die Bilder von einsamen Ehrenrunden hatte man bereits bei den 100-Meter-Finals der Männer und Frauen an den Abenden zuvor gesehen. Die Leichtathletik-WM und Katar, der Beziehungsstatus ist mindestens kompliziert, noch ist der Funke nicht übergesprungen, die Zündung dürfte auch in den verbleibenden Tagen nicht erfolgen. Was man aber bislang noch nicht gesehen haben dürfte: wie Lyles mit dieser Situation umging. Wo noch ein paar Fans standen, blieb er stehen, der Sprinter machte Fotos und unterhielt sich kurz. Szenen, als würde Lyles alle beim Vornamen kennen, Grundschulfreunde wiedersehen. Habt ihr euren alten Kater Charlie noch?

David J. Phillip/AP

Noah Lyles feiert sein 200-Meter-Gold ausgelassen, aber allein

So harmonisch das alles wirkte, so sehr drängte sich aber auch die Frage auf: Will ein kommender Superstar wie Lyles nicht lieber von eingefleischten Leichtathletik-Fans gefeiert werden, mit Laola-Welle und Sprechchören? Immerhin hatte er sich doch gerade vor Andre de Grasse aus Kanada und dem Ecuadorianer Alex Quinonez durchgesetzt, zwar in einem eher langsamen Rennen (19.86 Sekunden, der Weltrekord von Usain Bolt liegt bei 19.19 Sekunden), aber mit über einer Zehntelsekunde Vorsprung doch recht souverän. Lyles gilt als Hoffnungsträger in der Leichtathletik, er soll die Strahlkraft zurückbringen, die dem Sport mit dem Abschied von Bolt abhanden gekommen ist.

Social Media wichtiger als Zuschauer im Stadion

Und nun also hatte dieser Lyles ein erstes Ausrufezeichen gesetzt. In Doha, weit weg von den traditionellen Bühnen der Leichtathletik, vor einer gefühlten Geisterkulisse. Nervt es, dass nur so wenig hier sind? Auch hierauf hatte Lyles eine bisher eher selten gehörte Antwort, klagten doch zuletzt immer wieder Athleten über die geringe Unterstützung von den Rängen. "Wie viele hier heute hergekommen sind, ist doch nebensächlich", sagte Lyles, und ergänzte: "Wichtig ist doch nur, dass wir in Social Media im Gespräch sind. Und das sind wir! Es ist egal, ob die WM in Doha oder sonst wo stattfindet."

Die IAAF und ihre Disziplinen sollen künftig vor allem für ein jüngeres Publikum wieder interessanter werden, man will weg vom staubigen Image, künftig heißt die IAAF "World Athletics", sie bekommt ein neues Logo. Ein neuer Anstrich.

Die Veranstaltung in Katar sollte dafür schon einmal schöne TV-Bilder liefern - eine spektakuläre Stadionshow vor dem 200-Meter-Finale durfte da nicht fehlen: Als kurz vor dem Startschuss das Flutlicht ausging, jeder Teilnehmer einzeln vorgestellt und von einem Scheinwerfer angestrahlt wurde, dürfte sich Lyles wohlgefühlt haben. In seiner Jugend spielte er am Theater, als er nach seinem Rennen die Pressezone betrat, krähte er, wie man es von der Filmfigur Peter Pan kennt. Er mag die Rolle im Rampenlicht, auch abseits der Rennstrecke, Lyles war bereits als Modell auf der Pariser Fashion Week im Einsatz, bald will er ein eigenes Rap-Album veröffentlichen.

Lyles und Coleman wird das Duell der nächsten Jahre

Viel davon mag bloß Show sein, Inszenierung, um eben im Social Web ein Thema zu sein. Aber wenn Lyles auf seiner Ehrenrunde für einen Plausch bei Fans anhält, dann nimmt man ihm schon ab, dass er das auch gerne tut. Sein Weg in die Weltspitze war nicht selbstverständlich: Als Kind soll Lyles unter chronischem Husten gelitten haben, irgendwann diagnostizierten die Ärzte Asthma, in der Schule verlor er immer mehr den Anschluss, bis er sich irgendwann "komplett isoliert" fühlte. "Ich habe in meinem Leben mit so vielen Problemen zu kämpfen gehabt", sagte Lyles am Abend: "Ich bin einfach nur froh, wo ich heute stehe."

US-Journalisten bezeichnen ihn als geerdet, authentisch und witzig. Es sind all die Eigenschaften, die aktuell nur die wenigsten Christian Coleman zuschreiben würden. Der zweite Sprintstar aus den USA wäre wegen drei verpasster Dopingtests beinahe für die WM gesperrt worden, aber als er dann zu Beginn der WM die Goldmedaille über 100 Meter gewann, sagte er nur: "Ich habe nichts falsch gemacht." Das kam in den USA schlecht an.

Coleman gegen Lyles, das könnte auf und neben der Bahn ein spannendes Duell werden. Lyles zählt den US-Kollegen nicht zu seinen besten Freunden, auf Twitter gibt es regelmäßig Sticheleien, auch bei Rennen provozieren sie schon mal. Natürlich auch das: viel Show. Deswegen sollte man vor allem das sportliche Duell im Auge behalten, nach seinem Triumph in Doha kündigte Lyles bereits den Doppelstart über 100 und 200 Meter bei den kommenden Sommerspielen an - und auch das Ziel: "Tokio? Double Gold!", sagte er.

Bleibt noch eine offene Frage: Wird Lyles der neue Usain Bolt? "Ich bin kein neuer Bolt. Ich bin ich. Das hier ist meine Zeit", sagte Lyles. Und Bolt auf einer Ehrenrunde mit nur wenigen Fans kann man sich tatsächlich kaum vorstellen.

insgesamt 16 Beiträge
Tom77 02.10.2019
1. Sport ist nur noch Geld
Beim Sport geht es nur noch ums Geld. Anstatt Veranstaltungen wie WMs dort auszutragen, wo auch die Fans sind, werden sie in Ländern ausgetragen, in denen diese Sportarten noch nicht einmal populär sind und dann werden sinnlos [...]
Beim Sport geht es nur noch ums Geld. Anstatt Veranstaltungen wie WMs dort auszutragen, wo auch die Fans sind, werden sie in Ländern ausgetragen, in denen diese Sportarten noch nicht einmal populär sind und dann werden sinnlos Stadien in Wüsten oder Urwäldern hochgezogen, die danach sowieso keiner mehr nutzt. Siehe auch Fußball-WM in Südafrika oder Brasilien. Es geht am Ende nur ums Geld und den Ländern um internationale Selbstdarstellung, um den eigenen Ruf aufzupolieren und durch die Berichterstattung ggf. noch mehr Investoren ins Land zu locken. Der Sport ist nur noch Mittel zum Zweck.
missourians 02.10.2019
2.
Wann reagiert endlich mal die Politik und Öffentlichkeit ernsthaft gegen diesen Wahnsinn? Egal ob FIFA, DFB, OIC oder viele andere Sportverbände. Sie arbeiten nur noch Gewinnorientiert, nicht mehr für Ihre Landesverbände, [...]
Wann reagiert endlich mal die Politik und Öffentlichkeit ernsthaft gegen diesen Wahnsinn? Egal ob FIFA, DFB, OIC oder viele andere Sportverbände. Sie arbeiten nur noch Gewinnorientiert, nicht mehr für Ihre Landesverbände, Vereine und Sportarttreibende, udn erst recht nicht mehr für die Allgemeniheit. Daie sind sie ale meist e.V., also eingetragene Vereine oder ähnle geführt, und geniesen die stattliche Förderung der "Gemeinnützigkeit" ohne Gewinne machen zu wollen! Sie haben Steuervorteile und sollten eigentlich keine Gewinne machen dürfen, bzw. nachweisen, dass es für die Vereinszwecke schnell und direkt wieder verbraucht nud eingestezt wird. Jeder "Normalo" - Verein bekommt schnell Probleme mit dem Finanzamt, wenn er Geld anhäuft. Es ist offensichtlich, es geht nur noch um Geld udn Gewinnoptimierung, dann sollen Sie aber auch als Firma geführt, versteuert und überwacht werden. D.h., die Gelder die sich die Funktionäre in ihre Taschen schieben, sollten dann auch transparent über die Bilanzen laufen und normal versteuert werden. Dann ist wenigstens alles offen und ehrlich.
crunchy_frog 02.10.2019
3. Jubeln in leerem Stadion
Das ist im Grunde DAS Bild dieser WM und Sinnbild des Reinfalls dieser Veranstaltung.
Das ist im Grunde DAS Bild dieser WM und Sinnbild des Reinfalls dieser Veranstaltung.
dickidoro 02.10.2019
4. LL - WM in Doha
Ein Trauerspiel, das sich da in Doha abspielt. Seit Helsinki 1983 die trostloseste WM unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und man stelle sich auch die Sportler vor, die nicht angefeuert werden. Man denkt mit Wehmut an frühere [...]
Ein Trauerspiel, das sich da in Doha abspielt. Seit Helsinki 1983 die trostloseste WM unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und man stelle sich auch die Sportler vor, die nicht angefeuert werden. Man denkt mit Wehmut an frühere Weltmeisterschaften, z.b. Stuttgart, Berlin oder London, wo ein fachkundiges Publikum in vollen Stadien anfeuerte. Jeweils Feste der LL, während Doha schon in wenigen Wochen aus der Erinnerung gelöscht wird. Und dieses Desaster wirkt sich auch auf die Leistungen aus. Viele Athleten spülen ihre Wettbewerbe lustlos runter; das fällt besonders bei den deutschen Sportlern auf, die "mutig" hinterherlaufen. Viele Leistungen sind übrigens schlechter als vor 10 Jahren in Berlin oder vor 2 Jahren in London. Doha war eine Entscheidung für den Mammon und gegen die Sportler.
mantrid 02.10.2019
5. Money, Money, Money
Da wird der Sport dem Profit geopfert. In einem Land, das aus klimatischen Gründen keinerlei Tradiotion in der Leichtathletik hat. Was kommt als Nächstes? Winter-Olympiade in der Halle in Saudi-Arabien? Jemand, der noch sauber [...]
Da wird der Sport dem Profit geopfert. In einem Land, das aus klimatischen Gründen keinerlei Tradiotion in der Leichtathletik hat. Was kommt als Nächstes? Winter-Olympiade in der Halle in Saudi-Arabien? Jemand, der noch sauber tickt, würde niemals auf die Idee kommen, die nächste WM in Rugby, Cricket usw. nach Deutschland zu vergeben.Bei den aktuellen Sportfuntkionären wäre ich mir da nicht so sicher, wenn nur die Kohle stimmt. Miese Stimmung, kollabierende Athleten, wen Stört es, wenn nur die Kohle stimmt?

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