Sport

Eishockey-Legende Peter Draisaitl

"In Deutschland wird alles vom Fußball erschlagen"

Wenn Deutschland gegen Kanada ums Halbfinale der Eishockey-WM kämpft, steht Leon Draisaitl im Mittelpunkt. Vater Peter spricht über den Hype um seinen Sohn - und einen möglichen Eishockey-Boom.

imago/CTK Photo

Peter Draisaitl

Ein Interview von
Donnerstag, 18.05.2017   17:28 Uhr

Zur Person

Der Puck rutschte durch die Beine des Goalies in Richtung Torlinie - und blieb kurz davor liegen. Vor 25 Jahren, beim Olympia-Viertelfinale in Albertville, sorgte Peter Draisaitl mit seinem Fehlversuch im Penaltyschießen gegen Kanada für einen bleibenden Moment in der deutschen Eishockey-Historie.

Am Abend trifft die deutsche Nationalmannschaft erneut in einem Viertelfinale auf Kanada, diesmal bei der Eishockey-WM (20.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Erneut sind alle Augen auf einen Draisaitl gerichtet - Sohn Leon.

Hier spricht Peter Draisaitl über seinen historischen Penalty, wie es ist, seinem Sohn zuzusehen und die Probleme im deutschen Eishockey.

SPIEGEL ONLINE: Herr Draisaitl, vor 25 Jahren leisteten Sie sich den legendären Fehlschuss, der Sie um eine mögliche Olympia-Medaille gebracht hat. Haben Sie Ihren Frieden mit dem vergebenen Penalty gegen Kanada gemacht?

Peter Draisaitl: Selbstverständlich. Der Schuss gehört zur Geschichte des deutschen Hockeys. Ich werde den Teufel tun und etwas Negatives darin sehen. Aber natürlich hätte ich das Gummi lieber reinkullern sehen und um eine Medaille gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch konkrete Erinnerungen an die Szene?

Draisaitl: Ich weiß noch genau, dass ich abgedreht bin, zurückschaute und dachte: 'Das Ding wird es ja wohl noch schaffen.' Aber das tat es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mal darüber nachgedacht, was Sie anders hätten machen können? Härter schießen? Besser zielen? Eine ganz andere Bewegung?

Draisaitl: Heute wüsste ich ungefähr 28 bessere Varianten. Damals ist mir leider keine eingefallen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie haben für Ihren Sohn Leon einen Rat, für den Fall, dass er am Abend zum Penalty antreten muss?

Draisaitl: Um Gottes Willen. Bei einem Eins-gegen-eins kann ich keinem Spieler sagen, was er tun soll. Das muss jeder selber wissen und sich eine Bewegung überlegen.

SPIEGEL ONLINE: Aber generell holt er sich Tipps bei Ihnen?

Draisaitl: Früher, ja. Als er jünger war, habe ich ihm schon erklärt, wie Eishockey funktioniert. Aber mittlerweile sprechen wir nicht mehr jeden Tag über den Sport.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem wollte er Sie in den Playoffs der NHL an seiner Seite haben. Sie waren über Wochen bei ihm in Edmonton und haben den Hype um Ihren Sohn hautnah erlebt. War das aufregender als Ihre eigene Karriere?

Draisaitl: Nichts ist besser, als selber auf dem Eis zu stehen. Zugucken ist deutlich unangenehmer, gerade wenn du emotional involviert bist, weil dein Sohn auf dem Eis rumfährt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie das Eishockey aus Ihrer Zeit mit dem vom heute vergleichen: Wie hat sich der Sport in den 25 Jahren verändert?

Draisaitl: Einiges ist heute noch genau wie vor 25 oder sogar 50 Jahren. Etwa wie sich die Jungs in der Kabine unterhalten, und was in Pausen oder Auszeiten gesagt wird. Das wird sich auch nie ändern. Aber grundsätzlich hat der Sport in den vergangenen Jahren ganz schön Fahrt aufgenommen. Das Fitnesslevel, die Schnelligkeit und die Regeländerungen haben dazu beigetragen, dass sich der Sport neu erfunden hat.

SPIEGEL ONLINE: Der Deutsche Eishockey-Bund verspricht sich von der WM einen Boom. Das Geld, das verdient wird, soll in die Zukunft fließen. Kann ein einzelnes Turnier ein Startschuss sein?

Draisaitl: Alle, die sich für das deutsche Hockey interessieren, hoffen das. Aber wir haben auch schon bei der Heim-WM 2010 gedacht, dass sie dem Eishockey in Deutschland einen Schub geben würde. Ein paar Wochen später waren Frankfurt und Kassel pleite und bekamen keine DEL-Lizenz mehr. Man kann also hoffen, aber eine Garantie gibt es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegt das Problem?

Draisaitl: In Deutschland wird alles vom Fußball erschlagen. Eishockey hat nicht den Stellenwert, um Gelder zu generieren, mit denen man Top-Trainer und mehr Eiszeiten bezahlen kann. Trotzdem lässt sich etwas tun. Alles steht und fällt mit der Ausbildung. Aber wenn du nicht in der Lage bist, den Kindern Top-Trainer und Trainingsbedingungen anzubieten, wird es schwer, in die Weltspitze vorzudringen.

insgesamt 35 Beiträge
miho42 18.05.2017
1. ohne Überschrift
Ich würde nicht sagen "erschlagen", sondern "erdrückt". Das Ergebnis ist aber leider das Gleiche. Da werden inzwischen, zumindest hier beim RBB, Spiele der vierten Liga in epischer Länge und Breite live [...]
Ich würde nicht sagen "erschlagen", sondern "erdrückt". Das Ergebnis ist aber leider das Gleiche. Da werden inzwischen, zumindest hier beim RBB, Spiele der vierten Liga in epischer Länge und Breite live übertragen und auch bei der Sportberichterstattung ist kilometerweit nur Fussball und fast nix anderes. Tragisch für alle sog. Randsportarten und den Breitensport. Aber solange die verantwortl. Redakteure in den regionalen Funk- und Fernsehanstalten kein Interesse an Programmvielfalt haben, wahrscheinlich nicht zu ändern. Schönen Tag noch.
Belle 18.05.2017
2. Fehlschuss ?
Ein vergebener Penalty im Hockey ist keinesfalls mit einem vergebenen Elfmeter im Fußball zu vergleichen. Wenn das Ding nicht reingeht, sollte man erst garnicht von einem "Fehlschuss" reden. Is halt so. Aber sehr schön [...]
Ein vergebener Penalty im Hockey ist keinesfalls mit einem vergebenen Elfmeter im Fußball zu vergleichen. Wenn das Ding nicht reingeht, sollte man erst garnicht von einem "Fehlschuss" reden. Is halt so. Aber sehr schön von Peter Draisaitl was zu hören ! Mannem vorne !
Crom 18.05.2017
3.
Andere Sportarten, wie z.B. Handball, schaffen es auch neben den Fußball zu bestehen und gute Jugendarbeit zu leisten. Allerdings sind die vornehmlich in Städten tätig, wo Fußball nicht so stark vertreten ist. Beim Eishockey [...]
Andere Sportarten, wie z.B. Handball, schaffen es auch neben den Fußball zu bestehen und gute Jugendarbeit zu leisten. Allerdings sind die vornehmlich in Städten tätig, wo Fußball nicht so stark vertreten ist. Beim Eishockey ist dies dagegen häufig anders (Ausnahmen wie Straubing oder Iserlohn bestätigen die Regel). München, Wolfsburg, Köln, Berlin - da gibt es auch BL-Fußball, selbst in Augsburg. Oder es gibt entsprechende BL-Vereine in der Umgebung.
niska 18.05.2017
4.
Ich finde es schön, dass Sport 1 inzwischen diese bedauerliche Lücke im öffentlich rechtlichen Programm versucht nach bestem Gewissen zu schließen. Handball, Basketball, Frauenfußball etc. Und die Quoten, z.B. beim Eishockey [...]
Ich finde es schön, dass Sport 1 inzwischen diese bedauerliche Lücke im öffentlich rechtlichen Programm versucht nach bestem Gewissen zu schließen. Handball, Basketball, Frauenfußball etc. Und die Quoten, z.B. beim Eishockey jetzt, geben ihm recht. Doch wenn analog jetzt abgeschaltet wird, stehen viele wieder bei Null da, es sei denn sie bezahlen zu den Rundfunkgebühren noch zusätzlich an die Privaten. Das kann und will sich nicht jeder leisten. Anstatt wochenendnachmittags Schnulzen zu wiederholen, die die Schnulzenklientel eh schon gesehen hat, könnte man sicher auch günstig eigekauften Sport zeigen. Vor allem wenn jetzt die Championsleague-Millionen eingespart wurden.
thorsten35037 18.05.2017
5.
Absolut! Wobei hochbezahlte "Kloppersportarten" wie Eishockey und Handball noch vergleichsweise gut davonkommen. Als Kind der 70er erinnere ich mich noch lebhaft an die vielfältigen und interessanten [...]
Absolut! Wobei hochbezahlte "Kloppersportarten" wie Eishockey und Handball noch vergleichsweise gut davonkommen. Als Kind der 70er erinnere ich mich noch lebhaft an die vielfältigen und interessanten Berichterstattungen von vielen anderen (heute würde man Außenseitersportarten sagen) wie Trial, Radball, Tischtennis, Tanzen, Hockey und vieles mehr. Es ist ein Jammer, dass alles, was keine Kohle bringt, so unter den Tisch fällt. Die Sportwelt verarmt mit dem ausschließlichen Blick auf Fußball, Fußball, Fußball...

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