Sport

Spielabsagen bei Rugby-WM

Italien kann und darf nicht gewinnen

Japan erwartet den wohl stärksten Sturm des Jahres. Das hat auch Folgen für die Rugby-WM. Italien schied durch eine Spielabsage kampflos aus. Warum wird die WM ausgerechnet in der Taifunsaison ausgetragen?

Peter Cziborra/REUTERS

Italiens Sergio Parisse (l.) wird wohl kein WM-Spiel mehr bestreiten dürfen

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Donnerstag, 10.10.2019   20:16 Uhr

Stellen Sie sich vor, das letzte Gruppenspiel einer Fußball-Weltmeisterschaft stünde bevor und das Ergebnis entschiede über Weiterkommen oder Ausscheiden. Doch zwei Tage vor dem Spiel wird die Partie abgesagt und als Unentschieden gewertet. Das vor der Partie favorisierte Team kommt weiter, der vermeintliche Außenseiter scheidet aus, ohne eine Chance gehabt zu haben.

Undenkbar? Nicht bei der Rugby-WM in Japan.

Wegen des wohl stärksten Taifuns des Jahres, "Hagibis", wurde unter anderem das Spiel zwischen Italien und Neuseeland an diesem Samstag abgesagt. Mit einem Sieg hätten die Italiener den Rekordweltmeister noch von den ersten beiden Plätzen verdrängen und weiterkommen können. Alle Informationen und Ergebnisse zum Turnier lesen Sie hier.

Es ist eigentlich ausgeschlossen, dass Italien den großen Titelfavoriten hätte schlagen können, alle 14 bisherigen Aufeinandertreffen verloren die Italiener. Dennoch fühlen sie sich ungerecht behandelt. "Es ist schwierig zu verstehen, warum wir nicht die Chance bekommen, gegen eines der besten Teams zu spielen", sagte der italienische Spieler Sergio Parisse. "Hätte Neuseeland vier oder fünf Punkte gegen uns gebraucht, wäre das Spiel niemals abgesagt worden."

Novum in der WM-Geschichte

Die Absage ist ein Novum in der Geschichte der Rugby-WM. Noch nie zuvor war ein Spiel abgesagt, geschweige denn war eine sportliche Entscheidung dadurch getroffen worden. In anderen Sportarten kommt dies dagegen vor:

In diesen Sportarten werden Wettkämpfe meist kurzfristig abgesagt, die Veranstalter sind aber bemüht, Ersatztermine zu finden. In Japan, wo die Taifunsaison von Juli bis November geht, dürften Stürme wie "Hagibis" jedoch nicht überraschend kommen. Dementsprechend kritisiert Italiens Parisse, dass die WM in Japan angesetzt worden sei, ohne dass die Organisatoren einen Plan B hatten, sollte es tatsächlich einen Sturm geben. "Wenn du eine WM organisierst, solltest du einen haben", sagte Parisse, der nach dem Turnier wohl seine Länderspielkarriere beenden wird.

Der einzig mögliche Plan B wäre wohl eine Verlegung auf einen Wochentag gewesen. Das scheiterte offenbar daran, dass zu große Verzögerungen, insbesondere beim Transport, erwartet wurden. Bereits am folgenden Wochenende starten die Viertelfinals.

"Es ist halt die Zeit, in der wir spielen"

Das erklärt aber nicht, warum das Turnier überhaupt in die Taifunsaison gelegt wurde. Neuseelands Trainer Steve Hansen zeigte zwar Verständnis für die Italiener, versuchte aber auch die Entscheidung der Turnierorganisatoren zu rechtfertigen: "Es ist immer ein Risiko, in dieser Jahreszeit zu spielen. Es ist aber halt die Zeit, in der wir die Weltmeisterschaft austragen."

Charly Triballeau/AFP

Neuseelands Coach Steve Hansen zeigte Verständnis für die Italiener

Im Sommer herrschen in Japan extrem hohe Temperaturen. Unklar ist, warum das Turnier nicht nach hinten verlegt wurde. Andere Sportarten haben ihren Turnierzeitraum an die klimatischen Bedingungen im Gastgeberland angepasst. Die Leichtathletik-WM 2019 in Katar wurde beispielsweise in den Herbst verlegt, um noch höhere Temperaturen zu umgehen. Und auch die Fußball-WM 2022 in Katar findet deswegen im Spätherbst statt.

Turnierdirektor Alan Gilpin verteidigte die Entscheidung, die erste WM auf asiatischem Boden wie üblich im September und Oktober auszutragen. "Wir wussten, dass es ein Risiko gibt. Es ist aber selten, dass es einen so großen Taifun zu diesem Zeitpunkt im Jahr gibt", sagte Gilpin. "Wir bereuen es nicht."

Das dürfte die italienische Nationalmannschaft anders sehen. "Wir hatten die Chance, uns zu qualifizieren", sagte Italiens Nationaltrainer Conor O'Shea. "Ich will nicht sagen, dass wir sie geschlagen hätten, aber du willst das Turnier immer auf dem Platz beenden."

Mit Material von Reuters

insgesamt 6 Beiträge
swandue 10.10.2019
1.
Wer sich dafür entscheidet, Wintersport zu betreiben, der kennt das Risiko witterungsbedingter Absagen. Das betrifft in der Regel einzelne von ziemlich vielen Wettkämpfen, die auch nicht nachgeholt werden können. Hier geht [...]
Wer sich dafür entscheidet, Wintersport zu betreiben, der kennt das Risiko witterungsbedingter Absagen. Das betrifft in der Regel einzelne von ziemlich vielen Wettkämpfen, die auch nicht nachgeholt werden können. Hier geht es um eines von nur vier Spielen. Das sollte man einige Tage später nachholen..
binibona 10.10.2019
2. @swandue
Ich gebe Ihnen recht, nur ist es so, daß das Team was weiterkommt entscheidend weniger Tage zur Erholung hat. Und wir sprechen hier von einem Kollisonssport. Ich denke hier gibt es keine andere Möglichkeit als das Spiel wie in [...]
Ich gebe Ihnen recht, nur ist es so, daß das Team was weiterkommt entscheidend weniger Tage zur Erholung hat. Und wir sprechen hier von einem Kollisonssport. Ich denke hier gibt es keine andere Möglichkeit als das Spiel wie in den Statuten vorgesehen zu bewerten.
Korken 10.10.2019
3.
Dieses Jahr hatte man dort mit den Taifunen wirklich Pech. Normalerweise ist es so, dass diese weit im Süden des Landes ankommen und sich im Norden nur noch als Tropensturm bemerkbar machen. Auch heftig aber eben nur noch als [...]
Dieses Jahr hatte man dort mit den Taifunen wirklich Pech. Normalerweise ist es so, dass diese weit im Süden des Landes ankommen und sich im Norden nur noch als Tropensturm bemerkbar machen. Auch heftig aber eben nur noch als Sturm. Dieses Jahr gab es einen Taifun, dessen Auge mitten durch die Buch von Tokyo ging und in Chiba tagelange Stromausfälle mit allen Folgen brachte. Nun naht ein noch größerer Sturm (das Ding ist gewaltig) und wiederum wird er wohl im Großraum Tokyo auf Land treffen, nachdem er zuvor an der Küste entlang schliff. Zweimal direkt im Tokyoter Gebiet kurz nacheinander ist absolut selten. Schade natürlich trotzdem, dass deswegen Spiele abgesagt werden mussten.
winnietwo57 11.10.2019
4. ärgerlich
Dass die Spiele wegen des Sturms abgesagt wurden ist für die Teams und die Fans ärgerlich. Die Vergabe - vor allem - der Fußball-WM nach Katar ist und bleibt ein Skandal. Dass nachträglich die WM in den November/Dezember [...]
Dass die Spiele wegen des Sturms abgesagt wurden ist für die Teams und die Fans ärgerlich. Die Vergabe - vor allem - der Fußball-WM nach Katar ist und bleibt ein Skandal. Dass nachträglich die WM in den November/Dezember verschoben wurde, ist der nächste Skandal, was wir alle im Sommer 2022 mit Bundesliga-Fußball ab Mitte Juli und Temperaturen um die 40 Grad erleben werden. Dass Spiegel online die Termin-Verschiebung der Fußball-WM (und der Leichtathletik-WM) als positiven Lösungsansatz darstellt, ist schlichtweg peinlich. Wie es bei der Leichtathletik-WM für die Marathon-Läuferinnen war, um Mitternacht bei über 32 Grad Celsius, hoher Luftfeuchtigkeit und praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu laufen, konnte man am 28. September übrigens hier lesen.
robert_sven 13.10.2019
5. @binibona
Rugby ist doch keine Kollissionssportart. American-, Arena- und Canadian Football ist eine, aber Rugby ist nur eine Vollkontaktsportart.
Rugby ist doch keine Kollissionssportart. American-, Arena- und Canadian Football ist eine, aber Rugby ist nur eine Vollkontaktsportart.

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