Sport

Indisches Ausnahmetalent Gukesh

Der Junge, der mit zwölf Jahren Schachgroßmeister wurde

Gukesh Dommaraju ist noch ein Kind. Trotzdem hält er den Titel des Großmeisters, als zweitjüngster Spieler in der langen Geschichte des Schachs. Über einen Wunderjungen und darüber, was ihn antreibt.

Georgios Souleidis

Wunderkind Gukesh: Die Mutter leidet mit

Von
Mittwoch, 24.04.2019   11:31 Uhr

Der Mann ist verwirrt, verzweifelt; der Junge ist ganz ruhig. Der Mann schaut wieder und wieder vom Schachbrett auf, dann auf den Jungen ihm gegenüber, atmet tief, schüttelt den Kopf. Die Spielzeit auf der Uhr zeigt 2:20 Minuten für den Mann, 2:15, 2:10. Jetzt steht der schmale, kleine Junge auf, guckt sich im großen Saal der Schwarzwaldhalle in Karlsruhe um, dann wieder entspannt auf das Brett. Er wirkt wie einer der Zuschauer, die sich die Partie mit leicht schräg geneigtem Kopf anschauen. Interessiert, aber emotionslos.

Zwei Minuten. Der Mann, Marin Bosiocic, Großmeister aus Kroatien und vor dieser letzten Partie der neunten Runde des Grenke Chess Open mit Chancen auf den Gesamtsieg, ahnt in diesem Moment wohl schon, dass er verloren hat. Denn der Junge hat ihm eine unlösbare Aufgabe gestellt. Entweder nimmt Bosiocic den schwarzen Turm des Gegners und dieser wandelt einen Bauern in eine Dame um. Oder er wählt den Bauern und verliert einen Läufer. Beides wird ihn die Partie kosten.

Der zweitjüngste Großmeister der Geschichte

Später wird der Junge sagen, dass er die Partie fürchterlich begonnen und dann glücklich gewonnen habe. Es ist eine sehr sachliche, selbstkritische, irgendwie erwachsene Analyse für einen Zwölfjährigen. Aber vielleicht ist der Eindruck auch nur eine Folge der Perspektive. Denn Gukesh Dommaraju aus Chennai in Indien mag zwar körperlich noch ein Kind sein, aber Schach spielt er längst wie ein Erwachsener: Seit Januar ist er der zweitjüngste Großmeister in der langen Historie des Schach. Nur Sergej Karjakin, 2016 WM-Herausforderer von Magnus Carlsen, erfüllte noch einen Monat früher die Norm.

Georgios Souleidis

Gukesh in Karlsruhe

Die Geschichte von Gukesh ist ein indisches Schachwunder, sie handelt von einem Jungen, der seit mehr als einem Jahr durch die Welt von Turnier zu Turnier reist. Immer an seiner Seite: sein Vater Rajini Kanth, 40, kurze graue Haare und die Statur eines Elitesoldaten. Rajini ist von Beruf Arzt, aber mittlerweile von Berufung Reisebegleiter seines einzigen Sohns. Seine Frau Padma, Gukeshs Mutter, ist ebenfalls Ärztin, sie arbeitet in Indien und kümmert sich nebenbei um die Organisation der Familie, also um alles. Ehemann und Sohn sieht sie maximal eine Woche im Monat. Auch das gehört zu dieser Geschichte - die Entbehrungen, die nötig sind, um es in der Schachwelt nach oben zu schaffen.

2013, vor einem halben Leben, ist Gukesh noch ein ganz normaler Schüler. Schach? "Hab' ich aus Spaß mit meinen Eltern gespielt", sagt er dem SPIEGEL. In der Schule lernt er das Spiel lieben, spielt irgendwann in Camps, aber ohne große Fortschritte. Noch heute kann sich der Zwölfjährige gut an den Wendepunkt erinnern. "Es war 2014. Bis zu diesem Jugendturnier hatte ich echt Probleme, ich wurde einfach nicht besser. Im Turnier habe ich mich um 200 Wertungspunkte verbessert. Davor hatte ich kein Selbstvertrauen, danach jede Menge."

"Seine Mutter leidet sehr"

Mit den Leistungssprüngen in den Jahren darauf wachsen auch die Herausforderungen für die kleine Familie. Der Sohn, den am Schach vor allem die Komplexität fasziniert, spielt immer mehr Turniere, wird in der Schule freigestellt. Aber um weiterzukommen, muss das Talent seine Heimat verlassen. "Ab 2016 machte er so große Fortschritte, dass viele sagten, er müsse nach Europa gehen, um dort um Meisternormen zu spielen", erzählt Vater Rajini. "Also habe ich meine Praxis aufgegeben, um für Gukesh da zu sein."

Die Mama kann nicht freinehmen, sie ist angestellt - und plötzlich Alleinverdienerin, die nicht nur arbeitet, sondern auch den höchsten Preis zahlt. "Sie leidet sehr, weil sie ihren Sohn so selten sieht", sagt Rajini, und wie er es sagt, ist es wohl noch untertrieben. Und Gukesh? "Während der Turniere vermisse ich sie eigentlich nicht", sagt er leise und lächelt. Sein Vater schaut nachgiebig. "Er würde es nie zugeben, aber natürlich vermisst er sie auch."

Zuletzt hat Gukesh seine Mutter noch seltener gesehen. Das Grenke Chess Open, das offen für jedermann ist und dessen Sieger sich für die Grenke Chess Classic im Folgejahr qualifiziert, ist "das fünfte oder sechste Turnier in den vergangenen zwei Monaten", erzählt Vater Rajini. Die vielen Reisen kosten viel Geld, mittlerweile wird Team Gukesh von einem kleinen Sponsoren unterstützt, auch der indische Schachverband beteiligt sich, seit Gukesh Großmeister ist. Das war nicht immer so. "Man braucht erst große Aufmerksamkeit und Erfolg, um in Indien eine Förderung vom Verband zu bekommen. Eigentlich sollte es doch andersrum sein", sagt Rajini.

"Das kommt alles aus ihm selbst"

Wenn man Gukesh nach seiner größten Stärke fragt, dann verweist der Junge auf seinen Trainer. "Der sagt, ich hätte einen besonderen Sinn für Strategie."

Wenn man Rajini nach der größten Stärke seines Sohnes fragt, dann klingt er bewundernd und erschrocken zugleich. "Er ist extrem fokussiert, und sein Erfolg ist vor allem harte Arbeit, kein riesiges Talent." Man müsse dem Sohn nicht dauernd erklären, dass der seine Zeit nicht verschwenden solle, "das kommt alles aus ihm selbst. Wir sind eher die, die ihn zwingen, zu essen oder zu schlafen. Das vergisst Gukesh nämlich immer." Seine eigenen Eltern hätten ihn immer antreiben müssen, hart zu arbeiten, erzählt der Vater. "Gukesh mussten wir nicht ein einziges Mal daran erinnern."

In Karlsruhe wird Gukesh zwar nicht Erster, aber er liegt am Ende punktgleich mit dem Sieger auf dem geteilten vierten Platz. In allen neun Partien bleibt er ohne Niederlage.

Redaktion: Wir haben den Namen von Marin Bosiocic korrigiert.

insgesamt 10 Beiträge
jesse01 24.04.2019
1. interessant
schöner Artikel. leider ist es in der Tat in allen Bereichen so, dass Eltern erstmal die Karriere selbst anschieben müssen anstatt der Verband selbst schon früh fördert. hier habe ich schon immer ein großes Problem in [...]
schöner Artikel. leider ist es in der Tat in allen Bereichen so, dass Eltern erstmal die Karriere selbst anschieben müssen anstatt der Verband selbst schon früh fördert. hier habe ich schon immer ein großes Problem in Deutschland gesehen. und in anderen Ländern ist es leider scheinbar genauso.
heissSPOrN 24.04.2019
2.
Muss ja nicht unbedingt ein Nachteil sein; die Eltern haben (in der Regel jedenfalls) vorrangig das Wohl des Kindes im Blick - bei den Verbänden liegt der Fokus woanders. Im Schach vielleicht nicht so gravierend wie in [...]
Zitat von jesse01schöner Artikel. leider ist es in der Tat in allen Bereichen so, dass Eltern erstmal die Karriere selbst anschieben müssen anstatt der Verband selbst schon früh fördert. hier habe ich schon immer ein großes Problem in Deutschland gesehen. und in anderen Ländern ist es leider scheinbar genauso.
Muss ja nicht unbedingt ein Nachteil sein; die Eltern haben (in der Regel jedenfalls) vorrangig das Wohl des Kindes im Blick - bei den Verbänden liegt der Fokus woanders. Im Schach vielleicht nicht so gravierend wie in anderen Sportarten: Das Doping-Problem, wenns mal nicht so klappt mit der erhofften Leistungssteigerung!
ts1 24.04.2019
3.
Der Deutsche Schachbund hat schon Millionen in die Frauenförderung und "die Prinzen" usw. gesteckt. Natürlich wurde in Jahrzehnten auch vereinzelt ein guter Spieler(in) heran "gezüchtet". Aber gut ist [...]
Zitat von jesse01schöner Artikel. leider ist es in der Tat in allen Bereichen so, dass Eltern erstmal die Karriere selbst anschieben müssen anstatt der Verband selbst schon früh fördert. hier habe ich schon immer ein großes Problem in Deutschland gesehen. und in anderen Ländern ist es leider scheinbar genauso.
Der Deutsche Schachbund hat schon Millionen in die Frauenförderung und "die Prinzen" usw. gesteckt. Natürlich wurde in Jahrzehnten auch vereinzelt ein guter Spieler(in) heran "gezüchtet". Aber gut ist noch kein Wunderkind und schon gar kein(e) WM-Kandidat(in). Geld half nicht: Der DSB hat niemanden, der Vishy Anand, Ding Liren & Co das Wasser reichen kann. Vielleicht sollte man auf Konkurrenz und Druck statt auf Geld setzen, um Spitzensportler zu generieren. Zur Abwerbung der fertig ausgebildeten Weltspitze ist Geld dann wieder praktisch, wie das US-Schach eindrucksvoll beweist.
cs01 24.04.2019
4.
Ist auch eine Frage, was jeder im DSB mehr an Beitrag zahlen möchte, damit das Spitzenschach weiter gefördert wird. Ich bin derzeit jedenfalls nicht unbedingt bereit, mehr Vereinsbeitrag zu zahlen.
Ist auch eine Frage, was jeder im DSB mehr an Beitrag zahlen möchte, damit das Spitzenschach weiter gefördert wird. Ich bin derzeit jedenfalls nicht unbedingt bereit, mehr Vereinsbeitrag zu zahlen.
krautrockfreak 24.04.2019
5. Spitzensportförderung ist immer verschwendetets Geld, weil die Gesell-
schaft im Prinzip nichts davon hat. Beim Sport muss sie dann höchstens noch für die Spätfolgen des Irrsinns (immer weiter, immer höher, immer schneller...) aufkommen. Immerhin, beim Schach wird das nicht so sein, trotzdem ist [...]
schaft im Prinzip nichts davon hat. Beim Sport muss sie dann höchstens noch für die Spätfolgen des Irrsinns (immer weiter, immer höher, immer schneller...) aufkommen. Immerhin, beim Schach wird das nicht so sein, trotzdem ist es Blödsinn, Geld zu investieren in die Einzelleistung einer Person. Das Geld wäre immer besser angelegt, z. B. Werbung für den Sport zu machen oder die kleinen Vereine zu fördern.

Schach-Glossar

  • Corbis
    Schach ist ein strategisches Brettspiel, bei dem zwei Spieler abwechselnd ihre Figuren auf dem Spielbrett bewegen. Weiß beginnt immer, es besteht Zugpflicht. Mit jeder Figur kann eine des Gegners geschlagen werden.

  • Jeder Spieler hat 16 Figuren, die nur nach bestimmten Regeln gezogen werden dürfen. Der König kann horizontal, vertikal oder diagonal auf das angrenzende Feld ziehen. Die Dame kann horizontal, vertikal oder diagonal beliebig weit ziehen, darf dabei jedoch keine anderen Figuren überspringen. Der Läufer kann diagonal beliebig weit ziehen, darf dabei jedoch keine anderen Figuren überspringen.

  • Der Springer zieht in beliebiger Richtung über zwei Felder: Erst vertikal oder horizontal, dann diagonal; oder erst diagonal und dann vertikal oder horizontal. Das erste Feld darf dabei besetzt sein. Der Turm kann horizontal und vertikal beliebig weit ziehen, darf aber keine anderen Figuren überspringen. Die acht Bauern dürfen immer einen Schritt nach vorne ziehen, wenn das Feld leer ist. Sie schlagen vorwärts diagonal.

Es gewinnt der Spieler, der den gegnerischen König schachmatt setzt. Das bedeutet, der König wird in jedem Fall geschlagen, egal, wie der bedrohte Spieler eine seiner Figuren zieht. Eine weitere Möglichkeit zum Spielgewinn ist die Aufgabe des Gegners. Dies ist während des Spiels jederzeit möglich.

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