Sport

Cori Gauff und Serena Williams bei den US Open

Die Königin und ihre Erbin

Bei den US Open geht es für zwei US-Amerikanerinnen um viel. Tennissensation Cori Gauff, 15, steht noch ganz am Anfang ihrer Karriere, Serena Williams dagegen am Ende - und sie könnten unterschiedlicher kaum sein.

Emilee Chinn; Clive Brunskill/ Getty Images/AFP
Von , New York
Mittwoch, 28.08.2019   17:46 Uhr

Die eine ist 37 Jahre alt und hat schon alles erreicht, die andere ist erst 15 - hat aber (es sei denn, die meisten Experten liegen falsch) eine große Tenniskarriere vor sich. Bei den US Open bahnt sich in diesem Jahr eine Racketübergabe der US-Tennisgenerationen an.

Serena Williams ist eine Legende, doch nach ihrer traumatischen US-Open-Niederlage 2018 geht es für sie in New York noch um viel: Sie will den Grand-Slam-Rekord von Margaret Court (24 Titel) einstellen - und wenn es geht, sogar übertrumpfen. Derzeit steht Williams bei 23 Titeln.

Für Cori Gauff dagegen ist alles noch so neu.

"Go, Coco, go"

Gauff, 15, trat am Dienstag zum ersten Mal in ihrem Leben ins Louis Armstrong Stadium, den neuesten Court im New Yorker Stadtteil Queens. Obwohl es "nur" eine Day Session war und die erste Turnierrunde, waren fast alle 14.000 Sitzplätze belegt.

Der Spitzname des Teenagers ist bereits Schlachtruf: "Go, Coco, go!", skandierten sie, das Echo trug bis übers offene Stadiondach hinaus in den Himmel. "Go, Coco, go!"

"Cocomania" nennen sie das - und die Zeitung "USA Today" hat sie bereits zur "größten Tennissenation des Planeten" gekrönt.

Darren Anthony

"Go Coco, go!"

Dabei wurde Gauff erst vor zwei Monaten zum Begriff, als sie bei ihrer Wimbledon-Premiere Serenas Schwester Venus Williams bezwang, ihr Idol, und sich dann bis ins Achtelfinale vorkämpfte. Mit der Hoffnung der Jugend verkündete sie prompt: Sie wolle die größte Tennisspielerin aller Zeiten werden.

Doch dazu muss sie jetzt erst mal durch die US Open.

Und da stolperte sie erst, bei allem Spaß. Ihre Gegnerin am Dienstag war die 18-jährige Russin Anastasia Potapova, die schon seit Längerem von sich reden macht. "I'm Every Woman", Whitney Houstons Selbstverwirklichungshymne, dudelte zur Begrüßung aus den Lautsprechern. Dutzende Teleobjektive beäugten Gauff, aber man merkte schnell, dass sie noch ein Mädchen ist.

Eine Sportfamilie

Den ersten Satz verlor sie in einer halben Stunde 3:6, oft machtlos gegen Potapovas ächzenden Aufschlag. Mal aggressiv, mal fahrig, vertat sie Chancen und haute simple Bälle ins Netz.

Egal, die Menge war auf ihrer Seite. "You go, girl!", brüllten sie. "Come on!" Vater Corey, der sie schon trainierte, als sie sechs Jahre alt war, hockte im "Coco"-T-Shirt vorne und sprang immer wieder auf.

Clive Brunskill/AFP

Cori Gauff jubelt

Sport ist groß in dieser Familie. Der Vater spielte Basketball, der Großvater Baseball, die Mutter war Meisterin im Siebenkampf. In Delray Beach bei Miami sind sie eine Trainingsgemeinschaft, und leben doch den normalen Alltag: Shopping, Kino, Pizza.

Den zweiten Satz eroberte sich Gauff zurück. Selbstbewusster und stärker fand sie ihren Groove, als habe sie sich erst mal warmspielen müssen. Potapova wehrte sich lautstark, vergeblich, am Ende stand es 6:2. Gauff ballte die Fäuste.

"Alles so verschwommen"

Dabei muss sie ja noch nicht alles schaffen. "Ich glaube nicht, dass es toll für sie wäre, das Open zu gewinnen", sagte Chris Evert, die ihren ersten Open-Titel 1975 mit 20 holte, am Vortag: Besser wäre es, wenn Gauff "eine normale 15-Jährige" bliebe.

Zumindest jetzt verliert sie noch nicht. Der dritte Satz wurde zum Nervenkitzel, Gauff setzte sich schließlich 6:4 durch.

Darren Anthony

Cori "Coco" Gauff bei den US Open: Cocomania in New York

"Ich war nervös, als ich auf den Court kam", sagte sie anschließend. Doch das Publikum habe ihr "wirklich sehr geholfen". Die Sprechchöre, der Jubel, all das sei neu für sie gewesen und "cool" und "eine tolle Atmosphäre zum Spielen".

Sei das auch der Grund gewesen, dass sie sich im zweiten Satz berappelt habe? "Ehrlich gesagt, ich kann mich nicht gut an das Match erinnern", sagte sie und kicherte. "Es ist alles so verschwommen."

Williams wollte nach ihrem Sieg schnell zu ihrem Baby

Während Gauff noch mit nebulösen Emotionen rang, rang Serena Williams mit anderen Dämonen. Zwar fegte sie am Montag ihre ewige Rivalin Maria Sharapova aus Russland 6:1, 6:1 in 59 Minuten vom Platz. Doch der Schatten von 2018 hing weiter über ihr, allein weil sie hier jeder danach fragt.

DPA

Serena Williams bei ihrem Sieg in der ersten Runde der US Open

Vergangenes Jahr war es beim Finale zwischen Williams und der Japanerin Naomi Osaka zum Eklat gekommen: Ein Zank mit dem Schiedsrichter brachte sie um den Sieg, Osaka gewann unter Tränen, so einen Skandal hatten die US Open lange nicht.

Dem vorausgegangen waren Verletzungen, Psychostress, das fortschreitende Alter - und vor allem der Druck, dass für die Beste nur das Beste noch gut genug ist. Ihr erstes Open hatte Williams 1999 gewonnen, wie lässt sich das nur durchhalten?

"Ihr ahnt nicht, wie viel mir das bedeutet", strahlte sie nach dem Sieg am Montag. Und nun? "Ich will nur zu meinem Baby." Mit der Zeit ändern sich selbst die Ansprüche eines Champions, oder gerade deshalb.

insgesamt 2 Beiträge
jean-baptiste-perrier 28.08.2019
1. Ball flach halten!
Ich kann Chris Evert nur beipflichten. Gauff braucht die nächsten drei, vier Jahre vor allem eins: Schmerzhafte Niederlagen! An Niederlagen wachsen Menschen und entwickeln sich charakterlich weiter. Ein GS Titel in dem extrem [...]
Ich kann Chris Evert nur beipflichten. Gauff braucht die nächsten drei, vier Jahre vor allem eins: Schmerzhafte Niederlagen! An Niederlagen wachsen Menschen und entwickeln sich charakterlich weiter. Ein GS Titel in dem extrem jungen Alter verstärkt und zementiert den vorhandenen jugendlichen Größenwahn. Gauff wirkt jetzt schon optisch und inhaltlich auf dem Platz und bei Interviews wenig wie ein Teenager. 15? Oder doch 25 oder 31? Bei Kindern verwendet man den Begriff altklug. Coco Gauff scheint gar kein konkretes Alter zu haben. Sie braucht erstmal keine großen Titel, sondern Demut und Respekt. Und dafür sind Niederlagen am besten geeignet. Tennis-Wunderkinder hat es schon dutzende gegeben. Sehr viele sind dann aber auch schnell wieder verschwunden. Keine Frage dass Coco Gauff ein riesiges Talent für ihr Alter hat. Die mediale Sensationslust und der nationale Wahn der New Yorker Crowd können dieses Talent aber auch nachhaltig ruinieren. Deshalb: Ball flach halten.
Intelligenz? Wo? 28.08.2019
2. Stimmt schon
Ich bin nicht unbedingt der Meinung das sie jetzt unbedingt Niederlagen braucht, als wären sie das einzige was zählt. Es geht viel mehr darum das sie selber und ihr Umfeld richtig mit den unumgänglichen Niederlagen [...]
Zitat von jean-baptiste-perrierIch kann Chris Evert nur beipflichten. Gauff braucht die nächsten drei, vier Jahre vor allem eins: Schmerzhafte Niederlagen! An Niederlagen wachsen Menschen und entwickeln sich charakterlich weiter. Ein GS Titel in dem extrem jungen Alter verstärkt und zementiert den vorhandenen jugendlichen Größenwahn. Gauff wirkt jetzt schon optisch und inhaltlich auf dem Platz und bei Interviews wenig wie ein Teenager. 15? Oder doch 25 oder 31? Bei Kindern verwendet man den Begriff altklug. Coco Gauff scheint gar kein konkretes Alter zu haben. Sie braucht erstmal keine großen Titel, sondern Demut und Respekt. Und dafür sind Niederlagen am besten geeignet. Tennis-Wunderkinder hat es schon dutzende gegeben. Sehr viele sind dann aber auch schnell wieder verschwunden. Keine Frage dass Coco Gauff ein riesiges Talent für ihr Alter hat. Die mediale Sensationslust und der nationale Wahn der New Yorker Crowd können dieses Talent aber auch nachhaltig ruinieren. Deshalb: Ball flach halten.
Ich bin nicht unbedingt der Meinung das sie jetzt unbedingt Niederlagen braucht, als wären sie das einzige was zählt. Es geht viel mehr darum das sie selber und ihr Umfeld richtig mit den unumgänglichen Niederlagen umgehen, und daraus etwas Lernen, und über Zeit stärker daraus hervorgehen. Sie spielt jetzt als 15 Jährige das erste mal bei den großen mit (na gut das zweite mal). Sollte sie dieses Turnier gewinnen, tja dann weiß ich nicht genau ob das schlecht für Gauff oder schlecht für alle anderen wäre. Aber man hat in Wimbledon gesehen, das sie ein riesiges Talent hat, aber Talent allein gewinnt keine Turniere. Das heißt am anfang stehen immer wieder auch Niederlagen, die sind unvermeidbar war bei jedem/jeder am anfang so. Es ist aber auch wichtig zu gewinnen, und da kann ich bei ihrer Niederlagen Predigt nicht mitziehen. Ja die sind wichtig um zu reifen und daraus zu lernen. Aber Siege sind auch wichtig um zu sehen ob das gelernte etwas bringt. Wo ich allerdings 100% bei ihnen bin, ist bei der Tatsache das Fräulein Gauff von den Medien gerade so hoch gehoben wird, das sie ja nur noch nach unten fallen kann. Viel weiter hochheben kann man sie ja nicht mehr, wie ja schon der Titel dieses Artikels zeigt, wird sie schon als neue Königin des Tennis geführt. Und das tut einem Teenager mit 15 auch nicht gut, das mag für den moment ganz toll sein. Aber wenn sie in 3-4 Jahren dann die Erwartungen nicht erfüllt. Wird der Fall um so mehr schmerzen. Und so wie sie momentan gehandelt wird, wird sie Fallen egal was sie tut. Den Schuh den man ihr momentan anzieht, der kann niemand passen.

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