Sport

Paralympics-Star Schaffelhuber

"Der Berg war mein Büro"

Nach sieben Goldmedaillen bei paralympischen Spielen beendet Anna Schaffelhuber ihre Karriere. Sie spricht über fehlende Herausforderungen, Probleme im deutschen Para-Sport und Vergleiche mit Laura Dahlmeier.

Simon Hofmann/ Laureus/ Getty Images

Anna Schaffelhuber reizt ein Start bei den Spielen in Peking 2022 überhaupt nicht

Ein Interview von
Mittwoch, 13.11.2019   19:15 Uhr

SPIEGEL: Frau Schaffelhuber, warum beenden Sie im Alter von 26 Jahren Ihre Karriere?

Schaffelhuber: Bei mir hat sich im vergangenen Jahr ein neues Gefühl eingestellt. Es hat sich komplett angefühlt. Ich habe das nie öffentlich gesagt, aber ich hatte immer das Ziel, bei allen Großereignissen in jeder Disziplin die Goldmedaille zu gewinnen. Als ich das geschafft hatte und bei den Spielen in Pyeongchang sogar noch mal bestätigen konnte, fehlte mir die Herausforderung.

Zur Person

SPIEGEL: Trotzdem haben Sie noch eine weitere Saison absolviert.

Schaffelhuber: Während der Saison habe ich aber schon eine Veränderung gespürt. Mich hat es manchmal woanders hingezogen. Ich habe es dann bewusst durchgezogen und die Entscheidung reifen lassen. Im Sommer hat es sich dann schon gut angefühlt und das hat sich nicht mehr verändert.

SPIEGEL: Spielten noch andere Dinge eine Rolle?

Schaffelhuber: Ich habe im Frühjahr mein Studium beendet, später folgte meine Hochzeit. So haben sich andere Ziele und Herausforderungen ergeben.

SPIEGEL: Die nächsten paralympischen Winterspiele in Peking 2022 - es wären ihre vierten Spiele - üben demnach keinen Reiz mehr aus?

Schaffelhuber: Es ist bestimmt nett in Peking, aber es reizt mich überhaupt nicht mehr, dort am Start zu stehen.

SPIEGEL: Vor den Spielen in Pyeongchang sprachen Sie wegen ihrer fünf Goldmedaillen in Sotschi 2014 von einer besonderen Drucksituation. Spielte das bei Ihrer Entscheidung eine Rolle?

Schaffelhuber: Wenn es um den Druck gegangen wäre, hätte ich schon vor den Spielen 2018 aufhören müssen. Ich wollte mich auch nie beschweren. Ich wollte ja in dieser Drucksituation sein.

SPIEGEL: Bei den Rücktritten der Biathletinnen Magdalena Neuner oder Laura Dahlmeier war die mediale Aufmerksamkeit ungleich höher als bei Ihnen. Ärgert Sie das?

Schaffelhuber: Das ist normal. In der medialen Berichterstattung merkt man den Unterschied. Wir sind aber auf einem guten Weg, das habe ich im Laufe meiner Karriere gemerkt. Die Berichterstattung ist häufiger und besser geworden. Trotzdem: Wir sind noch nicht gleichgestellt, egal ob es um die Förderung, die Strukturen oder die Berichterstattung geht. Daher hätte es mich gewundert, wenn es anders gewesen wäre.

SPIEGEL: Bekommen Para-Sportler und S-portlerinnen genug Anerkennung?

Schaffelhuber: Es kommt darauf an. In der Bevölkerung und auch von anderen Sportlern bekommen wir sehr viel Anerkennung. Es geht eher um die äußeren Rahmenbedingungen, bei denen man merkt, dass wir nicht die gleiche Anerkennung erfahren.

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SPIEGEL: Möchten Sie dem Para-Sport in Deutschland etwas mit auf den Weg geben?

Schaffelhuber: Die Nachwuchsstrukturen müssen deutlich verbessert werden. Und in Sachen Förderung müssen wir endlich gleichgestellt werden. Sonst wird der deutsche paralympische Sport im internationalen Vergleich ganz schnell überholt werden.

SPIEGEL: Wie sieht es in Sachen Nachwuchs in Ihrer Disziplin Ski alpin aus?

Schaffelhuber: Der Nachwuchs ist eine große Baustelle, vor allem bei den Männern gibt es große Versäumnisse. Bei den Frauen gibt es mit Andrea Rothfuss und Anna-Lena Forster zwei Athletinnen, die die Kohlen aus dem Feuer holen werden. Aber dahinter fehlt die breite Basis.

SPIEGEL: Was werden Sie persönlich vermissen?

Schaffelhuber: Es sind die Menschen, mit denen ich zwölf Jahre unterwegs war und die ich fast das gesamte Jahr gesehen habe. Und bisher war der Berg mein Büro, das werde ich sehr vermissen.

SPIEGEL: Gibt es etwas, das Ihnen nicht fehlen wird?

Schaffelhuber: Ich bin sehr froh, dass ich aus dem Anti-Doping-System raus bin und mich nicht mehr ständig rückmelden muss. Außerdem verbindet man Skifahren immer mit Sonne und Traumwetter, aber es gibt so viele Tage mit Schnee und Regen - und jetzt habe ich endlich die Freiheit, nur rauszugehen, wenn mir danach ist.

SPIEGEL: Wie wird Ihre Zukunft konkret aussehen?

Schaffelhuber: Ich bin Lehrerin für Mathematik, Wirtschaft und Recht, und nebenher denke ich darüber nach, als Beraterin, als Trainerin oder als Expertin zu arbeiten. Das muss sich aber erst noch ergeben. Zudem möchte ich mich intensiver auf mein Grenzenlos Camp konzentrieren, wo Jugendliche in den Schwerpunkten Sport, Medien und Persönlichkeit geschult werden.

SPIEGEL: Sie wollen dem Sport erhalten bleiben?

Schaffelhuber: Ich will auf keinen Fall von heute auf morgen weg sein. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, als hauptamtliche Trainerin zu arbeiten, denn dann wäre ich wieder nur unterwegs. Ich möchte aber meine Erfahrungen weitergeben.

SPIEGEL: Was halten Sie von der Idee, paralympische und Olympische Spiele gemeinsam auszutragen?

Schaffelhuber: Für den paralympischen Sport wäre es super, dann wären wir gleichgestellt. Es würde in Sachen Anerkennung, Struktur und Förderung schneller vorangehen. In der praktischen Umsetzung wäre es aber nicht möglich, schon allein von der Logistik her.

insgesamt 1 Beitrag
robeuten 13.11.2019
1. schade!
Interessantes Interview, aber warum "Trotzdem: Wir sind noch nicht gleichgestellt, egal ob es um die Förderung, die Strukturen oder die Berichterstattung geht." Die Dame ist mit ihrer hervorragenden Ausbildung - pöses [...]
Interessantes Interview, aber warum "Trotzdem: Wir sind noch nicht gleichgestellt, egal ob es um die Förderung, die Strukturen oder die Berichterstattung geht." Die Dame ist mit ihrer hervorragenden Ausbildung - pöses MINT - absolut unabhängig von ihrer physischen Beeinträchtigung; insofern kluger Entschluß, auf der Schiene weiterzufahren. Aber: warum muß ich mir verordnen lassen, paralympics-Sport so zu schätzen, wie olympischen Sport? Das ist so, als wolle man mich zwingen, Seifenkistenrennen so spannend wie die F1 zu finden (die ja leider eine Groteske, gar contradictio in adjecto zur ursprünglichen Idee geworden ist. Ich würde eine "no limits" F1 wieder lieben, und ich liebe es, wenn Leute, mit denen ich mich formal vergleichen kann (ergo: 2+2 leidlich gesunde Extremitäten, große Lunge, starkes Herz) , im Wettkamp antreten)). Menschen, die Großes leisten, aber eben funktional a priori anders sind als ich, können mich emotional nicht packen - und, nein, das ist nicht wie beim Frauenfußball, wo man immer wieder nach der "Zeitlupe"-Taste sucht, weil das so langsam ist - es ist einfach so, daß z.B. ein Unterschenkel-amputierter Sporter mit carbon blades deutlich schneller als ich sprintet - aber das ist eben Mensch + Maschine; ich bin "natur pur".

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