Sport

Skilanglauf

Wie groß ist der neue Dopingskandal?

Der Skilanglauf wird von einem Dopingskandal erschüttert. Mittendrin: ein deutscher Arzt. In seiner Praxis gingen offenbar auch Sportler anderer Disziplinen ein und aus - auch Deutsche?

DPA

Polizisten auf dem WM-Gelände in Seefeld

Von
Freitag, 01.03.2019   12:57 Uhr

Was ist passiert?

Österreichische und deutsche Ermittler haben bei Razzien mehrere Häuser im österreichischen Seefeld, wo derzeit die nordische Ski-WM stattfindet, und in der deutschen Stadt Erfurt durchsucht. Dabei wurden fünf Profi-Skirennläufer, der deutsche Arzt Mark S. sowie zwei mutmaßliche Helfer festgenommen. Der Einsatz trug den Namen "Operation Aderlass" und hatte das Ziel, ein laut Ermittlern "weltweit agierendes Netzwerk" zu zerschlagen.

Welche Sportler hat es erwischt?

Bei der Razzia am Rande der Ski-WM wurden fünf Athleten festgenommen, sie stammen aus Österreich, Kasachstan und Estland. Von dem Österreicher Max Hauke, einem 26 Jahre alten Langläufer, kursiert ein Video im Internet, das ihn bei der Razzia zeigt - noch mit einer Infusionsnadel im Arm, die zu einem Blutbeutel führt.

Auch sein Landsmann Dominik Baldauf, ebenfalls ein 26 Jahre alter Langläufer, wurde erwischt. Die weiteren Sportler waren Karel Tammjarv und Andreas Veerpalu aus Estland sowie der Kasache Alexej Poltoranin. Alle Sportler haben mittlerweile gestanden und sind inzwischen wieder auf freiem Fuß. Da nicht anzunehmen sei, dass sie die Ermittlungen beeinträchtigen, "liegen keine Gründe für eine Untersuchungshaft" vor, heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Wie sind die Ermittler auf den Dopingring aufmerksam geworden?

Das Ermittlungsverfahren wird von der Staatsanwaltschaft München I und der Staatsanwaltschaft Innsbruck durchgeführt. In München gibt es eine Schwerpunktabteilung, die sich mit Dopingfällen beschäftigt. Auslöser der Ermittlungen waren die Angaben des österreichischen Langläufers und Dopingsünders Johannes Dürr, der im Januar in der ARD-Sendung "Die Gier nach Gold - Der Weg in die Dopingfalle" ausführlich über Hintergründe der Dopingpraktiken im Leistungssport gesprochen hatte. Dem SPIEGEL hatte Dürr gesagt: "Das Problem besteht in dem System als solchem, in dem ich zum Täter geworden bin und das leider auch darüber hinaus sehr viele Täter generiert."

Wie funktioniert Eigenblut-Doping?

Einige Wochen vor dem Wettkampf lässt sich der Athlet Blut abnehmen. Dieses wird mithilfe einer Zentrifuge bearbeitet, damit sich die roten Blutkörperchen vom Plasma trennen. Dann wird das Material tiefgefroren und kurz vor dem Wettkampf in den Körper des Athleten zurückgeführt. Dadurch erhöht sich die Anzahl der roten Blutkörperchen des Sportlers - und damit seine Ausdauer. "Maßnahmen wie Blutdoping erhöhen die Mengen des für die Ausdauerleistung erforderlichen Sauerstofftransports zur Muskulatur und ermöglichen so den gegebenenfalls entscheidenden Leistungszuwachs", sagt Mario Thevis, Leiter des Dopingkontrolllabors in Köln. Das Problem für die Ermittler: Blutdoping ist nur sehr schwer nachweisbar.

Wer ist der Arzt Mark S.?

Mark S. ist ein deutscher Sportmediziner und der mutmaßliche Kopf des nun ausgehobenen Dopingrings. Er ist schon lange im Leistungssport tätig, zu Beginn seiner Karriere arbeitete er im Radsport. Dort war er für die Gerolsteiner-Mannschaft und später für die Radler des Teams Milram aktiv. Dopingvorwürfe gegen ihn gab es schon früher: Unter anderem hatten die des Dopings überführten Radprofis Bernhard Kohl und Stefan Schumacher den Arzt belastet, der jedoch stets alle Vorwürfe abstritt.

Laut seines Anwalts will S. nun mit den Behörden zusammenarbeiten. "Er wird in die Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim verbracht und kooperiert vollumfänglich mit den Ermittlungsbehörden", sagte der Anwalt von S. der "Bild"-Zeitung. Sollte ihm ein gewerbs- oder bandenmäßiges Delikt nachgewiesen werden, droht ihm eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren. Er könnte zudem seine ärztliche Zulassung verlieren.

Welche Spuren führen nach Deutschland?

Ein deutscher Arzt, der von Deutschland aus agiert, jahrelang für deutsche Radteams gearbeitet hat - und in der Vergangenheit von deutschen Sportstars belastet wurde: Da liegt der Schluss natürlich nahe, dass auch bis zuletzt noch deutsche Sportler unter den Kunden von S. waren.

Bislang sind das aber noch Spekulationen, die Ermittlungen könnten weitere Erkenntnisse liefern. DOSB-Präsident Alfons Hörmann hat jedenfalls schon einmal vorsorglich ausgeschlossen, dass auch deutsche Profisportler unter den Kunden sind: "Nach all dem, was mir bis zum jetzigen Zeitpunkt vorliegt, gibt es nicht einen deutschen Athleten, der von dieser Praxis betreut oder in irgendeiner Form untersucht wurde. Ich spreche jetzt von Kader-Athleten", sagte Hörmann im ZDF.

Jedoch waren der "Süddeutschen Zeitung" zufolge viele Nachwuchsathleten zu Gast in der Praxis des Arztes . Der Landessportbund Thüringen entzog der Praxis von Mark S. nach seiner Festnahme mit sofortiger Wirkung die Lizenz als "Sportmedizinische Untersuchungsstelle".

Laut "SZ" sollen im vergangenen Jahr 75 D-Kader-Athleten (Übergangskader von der Landes- zur Bundesförderung) aus den Sportarten Gewichtheben, Schwimmen und Radsport in der Praxis untersucht und ihre Eignung für die Aufnahme an einem Sportgymnasium bewertet worden sein. Der Landessportbund räumte ein, bei der Fortschreibung der ursprünglich bis 2018 laufenden Lizenz um weitere vier Jahre übersehen zu haben, dass S. in die Praxis eingetreten war.

Sind auch noch andere Sportarten betroffen?

Davon kann man wohl ausgehen. S. soll in seiner Praxis nicht nur Ski-Langläufer behandelt haben, sondern nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" auch Fußballer, Schwimmer, Radsportler, Handballer und Leichtathleten. "Es werden sicherlich auch noch andere Sportarten betroffen sein", hatte Dieter Csefan vom österreichischen Bundeskriminalamt bereits am Mittwoch bei der ersten Pressekonferenz gesagt.

Der Fall S. erinnert an den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes, der in seiner Praxis ebenfalls viele Sportler aus unterschiedlichen Sportarten behandelt hatte (die Aktionen der spanischen Polizei liefen damals unter dem Decknamen "Operación Puerto"). "Hinsichtlich der kriminellen Energie und der Organisation des Dopings kann man sicherlich vom deutschen Fuentes sprechen", sagte etwa Dopingexperte Werner Franke der "Welt".

Mit Material von dpa und sid

insgesamt 9 Beiträge
wetzer123 01.03.2019
1. Ohne Doping geht es nicht
So sagte es der Kronzeuge Johannes Dürr in der SZ, und das gilt mit Sicherheit nicht nur für Ski und Rad. Offenbar wurden ja so einige Blutbeutel gefunden, die man mittels DNA Analyse bekannten Sportlerprofilen wird zuordnen [...]
So sagte es der Kronzeuge Johannes Dürr in der SZ, und das gilt mit Sicherheit nicht nur für Ski und Rad. Offenbar wurden ja so einige Blutbeutel gefunden, die man mittels DNA Analyse bekannten Sportlerprofilen wird zuordnen können, mal sehen wer da so alles auffliegen wird. Und nein es sind nicht alles Einzeltäter, es ist das ganze System.
betzebub 01.03.2019
2. klare Sache
"DOSB-Präsident Alfons Hörmann hat jedenfalls schon einmal vorsorglich ausgeschlossen, dass auch deutsche Profisportler unter den Kunden sind" Man muss es einfach nochmal klar sagen. Deutsche Sportler dopen nicht! [...]
"DOSB-Präsident Alfons Hörmann hat jedenfalls schon einmal vorsorglich ausgeschlossen, dass auch deutsche Profisportler unter den Kunden sind" Man muss es einfach nochmal klar sagen. Deutsche Sportler dopen nicht! Grundsätzlich! Wir sind ja keine Russen! Der deutsche Sportler nimmt, aber auch nur wenn es gar nicht anders geht, Medikamente auf Rezept und unter ärztlicher Aufsicht. Daher kann es von Zeit zu Zeit vorkommen, dass aufgrund der ausgezeichneten Gesundheitsversorgung und des vielen harten Trainings ein deutscher Sportler, oder Sportlerin, hin und wieder Blutwerte eines hochgezüchteten Zuchtbullen aufweist, aber in einem solchen Fall handelt es sich dann eben um eine Anomalie
sh.stefan.heitmann 01.03.2019
3. Eigenblut-Behandlung
wo genau soll das überhaupt Doping sein?
wo genau soll das überhaupt Doping sein?
wetzer123 01.03.2019
4.
Lesen Sie mal hier https://de.wikipedia.org/wiki/Blutdoping
Zitat von sh.stefan.heitmannwo genau soll das überhaupt Doping sein?
Lesen Sie mal hier https://de.wikipedia.org/wiki/Blutdoping
steinbock8 01.03.2019
5. Es ist schon erstaunlich.
Wie kann man nur glauben, das bei so vielen Beteiligten, nichts an die Öffentlichkeit kommt. Welcher Sportarzt, ob die Bezeichnung in diesem Fall überhaupt richtig ist, braucht denn so einen Nervenkitzel? Sind die Strafen zu [...]
Wie kann man nur glauben, das bei so vielen Beteiligten, nichts an die Öffentlichkeit kommt. Welcher Sportarzt, ob die Bezeichnung in diesem Fall überhaupt richtig ist, braucht denn so einen Nervenkitzel? Sind die Strafen zu gering oder ist der Verdienst zu hoch. Was ist eigentlich aus den ganzen Asthmatikern geworden. Die Verlogenheit im sogenannten Sport nimmt kein Ende.

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