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Mike, Oswald und Sigmar Gabriel:
"Wir wollen ihre Lügen hören"

Wer Mike und Oswald beim Auftritt von Sigmar Gabriel in Duisburg sieht, versteht sofort, wo das Problem der SPD liegt. Der Parteivorsitzende trägt Anzug und macht große Worte; die Stammwähler von einst schimpfen und tragen Plastiktüte. Eine Begegnung am Rande des Wahlkampfs.

Duisburg in Zahlen:
Leerstand, Armut und Verdruss

Wer kann, zieht weg. Wer kommt, ist meist arm. Manche sagen, Duisburg sei die Stadt der Verlierer. Von der Stahlindustrie ist nur der Mythos geblieben, Politik ist für viele weit weg. Zahlen und Eindrücke aus einer angeschlagenen Stadt.

Roma-Zuwanderung:
Armut, Angst und Bürgerwehr

Tausende Roma wohnen in Duisburg, teilweise unter schlimmsten Bedingungen. Ihre Nachbarn wiederum beklagen Unrat und Kriminalität. Extremisten versuchen, die brisante Situation weiter zu verschärfen. Auf dem Wochenmarkt in Rheinhausen patrouillieren selbsternannte Marktaufpasser zwischen den Ständen.

Von den Wänden schält sich die Farbe, die Teppiche sind steif vor Dreck, und im Badezimmer wuchert der Schimmel. So sieht also das Paradies aus, es liegt in Duisburg-Rheinhausen in einem achtstöckigen Backsteinbunker, in dem zwei ranzige Zimmer 300 Euro im Monat kosten, Uringestank im Hausflur inklusive. "Immer noch besser als zu Hause", sagen Radu und Ilena* aus Rumänien.

Mit seinen vier Kindern hat sich das Paar aus der Stadt Iasi auf den Weg nach Deutschland gemacht, in das gelobte Land, von dem in ihrer Heimat so viele reden. Die Familie gehört zu dem großen Roma-Treck, der bereits Zehntausende Menschen in die reicheren Mitgliedstaaten der Europäischen Union geführt hat. Vertrieben von Perspektivlosigkeit und Armut hoffen sie, dem Elend entgehen zu können. Sie kaufen sich für hundert Euro ein Ticket in einem Minibus und fahren zwei Tage und zwei Nächte. Dann stellen sie fest: Das Elend ist ihnen gefolgt.

Als EU-Bürger dürfen sich Rumänen und Bulgaren zwar ganz legal in der Bundesrepublik aufhalten, doch normal zu arbeiten ist ihnen verboten. Übrig bleiben meist Jobs als Tagelöhner, für drei, vier Euro die Stunde bieten sich die Männer am Straßenrand als selbständige Bauhelfer an, viele Frauen müssen sich prostituieren. Allerdings bekommen die Familien Kindergeld. Radu und Ilena kassieren demnächst für ihre Nachkommen 773 Euro im Monat, als Kranführer in Rumänien verdiente der 39-Jährige im selben Zeitraum etwa 110 Euro.

Doch da, wo die Roma sich in großer Zahl niederlassen, sind die Verhältnisse zumeist ohnehin schon schwierig. Der Dortmunder Norden, der Duisburger Westen sind gebeutelte Gegenden, geprägt von hoher Arbeitslosigkeit und sozialen Konflikten. Die Menschen, die hier leben, sind vielfach die Verlierer des Strukturwandels und haben schon "genug eigene Sorgen", wie einer sagt. Die Alteingesessenen lehnen die Fremden ab - auch weil sie laut Duisburger Polizei einen "deutlichen Anstieg der Kriminalitätsrate" verursacht haben. Auf dem Wochenmarkt im Stadtteil geht die Angst vor Taschendieben um. Inzwischen patrouillieren selbsternannte Marktaufpasser zwischen den Ständen.

Als wäre die Stimmung noch nicht explosiv genug, befeuern Extremisten beider Lager sie weiter: Rechte hetzen gegen die Zuwanderer, Linke verunglimpfen besorgte Anwohner als Neonazis und greifen sie mitunter sogar mit Eisenstangen und Reizgas an. Die wiederum versuchen sich inzwischen sogar zu bewaffnen, wie aus einem Ermittlungsbericht hervorgeht.

Ein Ladenbesitzer aus Duisburg berichtete demnach den Beamten, dass er inzwischen Schlagwerkzeuge und Pfefferspray in großen Mengen verkaufe. Zuletzt hätten "deutsche Männer" sich bei ihm nach Schusswaffen erkundigt, die sie "unter der Hand" kaufen wollten. "Insgesamt scheint das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung stark beeinträchtigt zu sein", schlussfolgerte ein Hauptkommissar. Wenn früher noch Verständnis für die Situation der Zuwanderer bestanden habe, seien sich die Bürger inzwischen einig: Die Fremden sollten "nur noch weg aus Rheinhausen".

*Namen von der Redaktion geändert.

Der enttäuschte Gewerkschafter:
Zu viel Klüngel, zu wenig Mut

Als Krupp-Betriebsrat hat Theo Steegmann Duisburgs größte Schlacht geschlagen - und doch verloren. Mit tausenden Stahlarbeitern besetzte er 1987 die Rheinbrücke, leistete 160 Tage Widerstand gegen die Schließung des Hüttenwerks Rheinhausen. Noch heute lobt er das Wir-Gefühl der Duisburger. Das Vertrauen in das Parteiensystem hat er dagegen längst verloren.

Der Mann in der Kneipe:
Entscheidend ist auf'm Platz!

Wohl nirgendwo sonst reden die Menschen so offen über Gott und die Welt, Leben und Politik wie beim Fußballgucken – auch im Hinterzimmer der Duisburger Sofien-Klause. In "Dieter’s Schalke-Arena" läuft das Champions-League-Qualifikationsspiel gegen Saloniki. Ein Abend mit viel Bier und bitteren Wahrheiten über Fußballer und Volksvertreter - nach Fotos gezeichnet.

Der Kampf an der Klingel:
Für eine Handvoll Wähler

Mit Werbung an der Haustür versucht die SPD, Nichtwähler zu motivieren, auch in Duisburg-Wanheim. Hartmut Ploum läuft und klingelt, klingelt und läuft. Hundert Wohnungen schafft er mit seinem Kollegen in zwei Stunden. Ein mühseliger Kampf um verloren gegangene Stimmen.

Das Produktionsteam

Konzept: Sara Maria Manzo
Illustrationen: Timo Zett
Videos: Benjamin Braden und Sara Maria Manzo
Texte: Jörg Diehl
Grafik: Hanz Sayami

Mike, Oswald und Sigmar Gabriel
"Wir wollen ihre Lügen hören"
Duisburg in Zahlen:
Leerstand, Armut und Verdruss
Roma-Zuwanderung
Armut, Angst und Bürgerwehr
Der enttäuschte Gewerkschafter
Zu viel Klüngel, zu wenig Mut
Der Mann in der Kneipe:
Entscheidend ist auf'm Platz!
Der Kampf an der Klingel
Für eine Handvoll Wähler
Das Produktionsteam
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