Stil

1000 Jahre Erklärbilder

Läuft nach Plan

Von aufgeschnittenen Körpern bis zum Innenleben von Flugzeugen oder Fahrplänen: Infografiken begegnen uns überall. Sogar für Außerirdische wurden sie vorsorglich schon angefertigt. Ein Buch beleuchtet die Geschichte.

Taschen
Von
Samstag, 05.10.2019   18:50 Uhr

Na, das fängt ja gut an! Glaubt man der ersten Abbildung in diesem Buch, dann ist die Infografik an sich eine "Unmöglichkeit in Reinform". Das Bild zeigt ein Penrose-Dreieck - eine unmögliche geometrische Figur, drei Balken, die jeweils im rechten Winkel zueinander zu stehen scheinen und dennoch ein Dreieck bilden. Auf die Balken hat der italienische Artdirector Francesco Franchi die Anforderungen an eine Infografik geschrieben. "Color", "Logic", Layout", aber auch "Journalism" "Simplicity" und "Objectivity". Übersetzt bedeutet das in etwa: Die Infografik hat eine eierlegende Wollmilchsau zu sein.

Verschiedenste Bände zum Thema wurden beim Taschen Verlag in den vergangenen Jahren veröffentlicht. Doch wo die sich vor allem mit aktuellen Strömungen beschäftigten, widmet sich die jüngste Ausgabe der Geschichte der visuellen Informationsvermittlung. Denn der Begriff der Infografik mag neu sein, die Darstellungsform ist es nicht.

Schon um 800 nach Christus zeichneten die Mönche des Klosters Reichenau am Bodensee den sogenannten "Plan von Sankt Gallen". Die aus fünf Pergamentblättern zusammengenähte Übersichtskarte zeigt die akkurat beschriftete Draufsicht einer Klosteranlage, die es so aber nie gegeben hat. Kein Bauplan, kein Arbeitsentwurf, sondern ein Werk, das die Idee des klösterlichen Lebens verständlich machen und Informationen visualisieren sollte: eine Infografik also.

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Infografiken damals und heute: Sehen und verstehen

Viele der Abbildungen aus dieser Zeit wirken heute noch aktuell, weil die gewählten Darstellungsprinzipien immer noch angewendet werden. So zeichneten bereits Astronomen im 9. Jahrhundert Linien zwischen zwei Achsen, um den Zusammenhang zweier Merkmale abzubilden - ihr Liniendiagram veranschaulichte Planetenbahnen am Firmament. Auch Kreisdiagramme und die heute noch übliche Art, einen Stammbaum zu zeichnen, finden sich bereits im Mittelalter.

Trotzdem: Die Infografik litt bisher häufig unter der Wahrnehmung einer gewissen Geschichtslosigkeit. Dieses Buch ändert das. Es nimmt den Leser mit in einen Zeitstrom, der sich vom Frühmittelalter bis in die Gegenwart zieht, der Meilensteine dokumentiert, aber auch Lust an Abseitigem beweist.

"Ich ertrinke in fantastischem Material"

Die Autorin Sandra Rendgen hatte zunächst Sorge, überhaupt nicht auf genug Ausgangsstoff zurückgreifen zu können. Doch das änderte sich rasch bei der Recherche: "Ich bin relativ schnell an einen Punkt gekommen, wo ich festgestellt habe: Ich ertrinke in fantastischem Material", sagt sie.

1000 Jahre Erklärbilder also auf 450 großformatigen Seiten, aufgelockert durch vier Kapitel, die von Sammlern kuratiert wurden und sich einzelnen Bereichen des Themas widmen. Von aufgeschnittenen Körpern bis zum Innenleben von Flugzeugen, von Karten des Meeresbodens bis zum Querschnitt der Erdkruste reicht die Spannbreite. Vieles ist auch Hunderte Jahre danach noch sehr gut lesbar, anderes führt zur sofortigen Reizüberflutung. Manches davon hat man bereits gesehen.

Albrecht Dürers nicht ganz akkurater Holzschnitt eines Panzernashorns von 1515, den der Künstler nur nach einer Skizze und Hörensagen erstellte und der trotzdem 200 Jahre lang verbreitet wurde. Die Abbildungen aus der Schedelschen Weltchronik, die in einer ähnlichen Zeit entstanden und die nicht weniger als den Anspruch vertraten, eine Universalgeschichte der Welt zu zeichnen. Oder die Tafeln aus Johann Wolfgang von Goethes umfangreichstem wissenschaftlichen Werk, der Farbenlehre von 1810.

Preisabfragezeitpunkt:
25.09.2019, 12:35 Uhr
Ohne Gewähr

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Sandra Rendgen
History of Information Graphics

Verlag:
TASCHEN
Seiten:
462
Preis:
EUR 50,00

Ein Jahrhundert später fällt im Buch auf, wie viel unserer Welt Infografiken mittlerweile erklären. Wenn wir in einem Skigebiet vor einer dieser Panorama-Karten stehen, die zeigen, wo die Bergbahnen und Lifte verlaufen, dann bewegen wir uns in einer Tradition, die 100 Jahre zurückreicht, etwa zum Österreicher Maler Henrich Caesar Berann, der schon in den Dreißigerjahren die atemberaubendsten Hybride aus Bergpanorama und Kartografie zeichnete.

Und wenn wir in irgendeiner Metropole der Welt mit der U-Bahn unterwegs sind und uns an den bunten Linien des Plans orientieren, haben wir vielleicht dem Designbüro Unimark zu danken: Das schuf 1972 den berühmten Plan der New Yorker U-Bahn, der in seiner Reduktion, in seiner Geometrie zunächst auf wenig Gegenliebe bei der Bevölkerung stieß und doch als Blaupause für Verkehrsunternehmen auf der ganzen Welt diente.

Sogar ins All wurden schon Infografiken geschickt. Die "Pioneer"-Plakette von 1972 stelle, so heißt es im Buch, "den bisher ehrgeizigsten Versuch dar, Informationen grafisch zu vermitteln". Die beiden mit Gold beschichteten Aluminiumplatten waren an Bord der Raumsonden Pioneer 11 und 12 angebracht. Ihre eingravierten Fakten und Abbildungen sollten möglichen außerirdischen Entdeckern Informationen geben über die Erde, ihre Bewohner und unser Planetensystem.

insgesamt 4 Beiträge
pescador 05.10.2019
1. Geometrische Abstraktion in Metro-Plänen ...
... ist schon wesentlich älter. Hier ein Link zum Berliner S-Bahn Plan von 1936 https://images.app.goo.gl/FrrbxnaP8bpkapGo9
... ist schon wesentlich älter. Hier ein Link zum Berliner S-Bahn Plan von 1936 https://images.app.goo.gl/FrrbxnaP8bpkapGo9
regulareader 05.10.2019
2. London Underground - the tube map
Wer schon mal in London war, erinnert sich wie stolz die Londoner darauf sind, dass Harry Beck weltweit zum ersten Mal einen solchen Plan entwickelt hat. Auch er stieß damals auf Skepsis bei den Verantwortlichen, der Plan wurde [...]
Wer schon mal in London war, erinnert sich wie stolz die Londoner darauf sind, dass Harry Beck weltweit zum ersten Mal einen solchen Plan entwickelt hat. Auch er stieß damals auf Skepsis bei den Verantwortlichen, der Plan wurde jedoch ein voller Erfolg bei den Fahrgästen - wie man nun weiß ;-) Wer will, wird bei Wikipedia fündig https://de.wikipedia.org/wiki/Tube_map
postit2012 05.10.2019
3. Eigentlich könnte man mindestens bis auf die
Peutingerschen Tafeln zurückgehen, das wären dann nicht nur 1000, sondern eher 1500 Jahre - und sie haben die gleiche Logik wie die S- und U-Bahn-Pläne von Berlin oder New York.
Peutingerschen Tafeln zurückgehen, das wären dann nicht nur 1000, sondern eher 1500 Jahre - und sie haben die gleiche Logik wie die S- und U-Bahn-Pläne von Berlin oder New York.
e_pericoloso_sporgersi 08.10.2019
4. London Underground
Ja, Harry Beck war der erste und beste. Lesenswert: "Mr. Beck's Underground Map" von Ken Garland...
Ja, Harry Beck war der erste und beste. Lesenswert: "Mr. Beck's Underground Map" von Ken Garland...

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