Stil

Stararchitekt Santiago Calatrava

Hoch im Kurs

Er entwarf den U-Bahnhof in New York und das Planetarium in Valencia. Die Entwürfe des Architekten Santiago Calatrava sehen dabei oft aus wie Ufos oder fliegende Vögel. Nun baut er am höchsten Gebäude der Welt.

Hufton + Crow/ Taschen
Von
Sonntag, 24.02.2019   10:43 Uhr

Santiago Calatrava, Jahrgang 1951, ist ein Architekt der alten Schule. Wo andere hauptsächlich mit Computerprogrammen arbeiten, nähert er sich vor allem über Zeichnungen seinen Entwürfen an. Skizze über Skizze über Skizze. Wie Proportionsstudien aus einer anderen Zeit wirken die Illustrationen. Abbildungen von Kugeln, Ovalen. Netzen, die sich in quadratischen Maschen über den Raum spannen. Seine Kunden erhalten von ihm immer ein Buch mit diesen Bildern, die den Designprozess seiner Bauwerke dokumentieren.

Einer davon, Joseph Seymour, früherer Direktor der Port Authority von New York, nannte ihn den " Da Vinci unserer Tage". Calatrava ist zwar auch Künstler, sieht sich aber selbst mehr als Ingenieur, als jemanden, der, wie er sagt, die "Kunst des Möglichen" umsetzt. All seine Kunstwerke und etliche Zeichnungen sind nun in einer aktualisierten Monografie im "Taschen"-Verlag erschienen: "Calatrava. Das vollständige Werk 1979 bis heute".

Angefangen hat für den gebürtigen Spanier alles in einem Schreibwarenladen in Valencia. In einem Regal fand Calatrava damals ein "kleines Buch mit wunderbaren Farben", sagte er einmal in einem Interview. Ellipsen in Orange auf blauem Untergrund: die "wunderbaren Farben" stammten vom Le Corbusier. Dessen "außerordentliches Formgefühl", diese fast mathematische Formstrenge faszinierten ihn.

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Fotostrecke: Schönheit mit Mathematik und Geometrie

Jahre später studierte Calatrava in Zürich Bautechnik und begriff: "Sämtliche Mysterien der allgegenwärtigen platonischen Körper sind im Polyeder versammelt." (Ein Polyeder ist im Prinzip eine Teilmenge des dreidimensionalen Raumes, welche ausschließlich von geraden Flächen begrenzt wird.) Bauwerke ließen sich für Calatrava aus Flächen von Vielecken einfach auf- und wieder zusammenfalten.

Calatrava zeichnete Skelette, Lamellen wie von Pilzen. Seine Impulse fand er in der Natur. Und die funktioniert streng nach Gesetz. Wie verändert sich ein Gebäude durch Bewegung und Zeit? Calatrava las Isaac Newton. Er fragte sich, von welchen Variablen Beschleunigung abhängt. Bei Albert Einstein fand er, was Zeit mit Masse macht. Eines seiner ersten Projekte war der Bahnhof Stadelhofen in Zürich: An den Pavillon am Eingang schloss Calatrava eine Halle, die wie ein prähistorisches Gerippe wirkt. Betonpfeiler umschließen die unterirdische Passage wie gigantische Dinosaurierknochen.

Jedes Gebäude folgt schon in seinem Konzept den strengen Gesetzen der Physik. Einstein sagte: Gott würfelt nicht. Und Calatrava tut es auch nicht. Calatrava untersucht, wie die Äste von Bäumen in den Himmel wachsen. Oder wie das funktioniert, dass ein Mensch seinen Körper auf der Fläche von zwei Fußsohlen balanciert, einfach so. Dieses Wissen kann er auch für sein aktuelles Projekt gebrauchen. Der Creek Tower in Dubai soll bis zu seiner Fertigstellung zur Expo 2020 mit beinahe 928 Metern das höchste Gebäude der Welt werden.

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Calatrava

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Die Anatomie half ihm schon auf früheren Baustellen: Für das Planetarium L'Hemisfèric in Valencia skizzierte Calatrava auf Papier ein menschliches Auge. Oben und unten die sichelförmigen Lider, zwei nahezu symmetrische Kreisbögen mit Wimpern, die wie Strahlen den Radius verlängern. In der Mitte schwebt die Pupille, rund wie ein Erdball. Calatrava überlegte, in welchem Winkel das Licht ins Auge fällt. Wie groß die Pupille sein muss, um die Strahlen optimal einzufangen. Am Ostrand Valencias blickt das Planetarium heute wie eine überdimensionale Sehkugel in den Himmel.

Das Planetarium ist Teil der Ciutat de les Arts i les Ciències. Der Gebäudekomplex ist die größte Ansammlung von Calatrava-Bauwerken weltweit - und war ein finanzieller Kraftakt für die Verwaltung der Hafenstadt. Am Ende waren die Kosten dreimal höher als geplant - allerdings gab es während der Bauphase auch einen Regierungswechsel im Regionalparlament, infolge dessen die Anforderungen an das Projekt geändert wurden. Calatrava ist umstritten, ja. Viele Kritiker verstummen allerdings, wenn sie eins seiner Gebäude betreten.

"Er hätte die Skulpturen besser in seinem Atelier gelassen"

Zu seinen Meisterwerken gehört der U-Bahnhof am World Trade Center in New York, gebaut für vier statt zwei Milliarden US-Dollar. 2016 wird der Verkehrsknotenpunkt am Ground Zero fertig. Calatrava beschrieb ihn als schlichte Kombination von Materie: "Glas, Stahl, Beton, Stein und Licht". Von drinnen sieht er allerdings mehr wie ein Sakralraum aus: Über die Halle ragen streng symmetrische Stahlrippen bis zu 49 Meter in Richtung Himmel. Über die Fensterfronten schwingen sich Kragdächer wie Flügel.

Stararchitekt Santiago Calatrava

Das Konzept gefällt nicht jedem. Zu einer Ausstellung von Calatravas Architektur im Metropolitan Museum schrieb die "New York Times" 2005: "Er hätte die Skulpturen besser in seinem Atelier gelassen." Keines seiner Bauwerke wirkt wie Gebrauchsarchitektur.

Im Torre de comunicacions de Montjuïc auf dem Olympiagelände in Barcelona windet sich die Konstruktion zum stilisierten Sportler mit olympischer Flamme. In Lissabon entwarf er für die Expo 98 den Bahnhof Oriente: Über die Schienen erstreckt sich das Dach mit seinen Streben wie ein Palmenwald. Calatrava nennt den Bahnhof oft einfach "Bäume auf einem Hügel".

Calatrava geht es vor allem um Einzigartigkeit. Das Prinzip "Form follows function" gilt bei ihm nur bedingt. Er würde es allerdings anders ausdrücken. Ihm geht es um "die perfekte Kombination von Eleganz und Schönheit mit Mathematik und Geometrie".

insgesamt 29 Beiträge
dasfred 24.02.2019
1. Architektur darf das
Gebrauchsarchitektur haben wir genug. Gebäude sind meistens für wenige Menschen drinnen und vielen draußen da. Da darf dann auch dem Auge etwas geboten werden. Es wundert mich nicht, dass diese Skulpturen teurer als kalkuliert [...]
Gebrauchsarchitektur haben wir genug. Gebäude sind meistens für wenige Menschen drinnen und vielen draußen da. Da darf dann auch dem Auge etwas geboten werden. Es wundert mich nicht, dass diese Skulpturen teurer als kalkuliert werden. Das passiert schon deshalb, weil zum realistischen Endpreise gar nicht erst mit dem Bau begonnen wird. Dazu gibt es zuviele Bedenkenträger. Solche Sachen wie fehlende Fluchttüren oder Behindertengerecht gebaute Aufzüge sollten seine Mitarbeiter gemeinsam mit dem Auftraggeber im Blick haben. Bauvorschriften müssen schon beim ersten Antrag erfüllt sein, sonst kommt ein BER dabei raus.
rubikon1a 24.02.2019
2. !
Großartige Archtiktur, die jedoch einen großen Bogen um Deutschland macht!
Großartige Archtiktur, die jedoch einen großen Bogen um Deutschland macht!
Uban 24.02.2019
3. Berichtigung:
Einer ohne Mathe- und Ingenieurwissen ist - möglicherweise - ein "Künstler", allerdings kein Architekt ... der sich wiederum auch als Künstler bezeichnen darf. Man braucht nicht explizit das Eine oder Amdere betonen [...]
Einer ohne Mathe- und Ingenieurwissen ist - möglicherweise - ein "Künstler", allerdings kein Architekt ... der sich wiederum auch als Künstler bezeichnen darf. Man braucht nicht explizit das Eine oder Amdere betonen - in der Architektur gehören die zusammen ...
Uban 24.02.2019
4. Berichtigung 2.
"....gebaut für zwei statt vier Milliarden US-Dollar.... " ? Vielleicht andersrum ?
"....gebaut für zwei statt vier Milliarden US-Dollar.... " ? Vielleicht andersrum ?
Emonk 24.02.2019
5. Wirtschaftlich unverantwortlich
Im Artikel wird angegeben die Station wurde für ‘zwei statt vier Milliarden’ gebaut. Ich denke es ist genau das Gegenteil. Zudem wurde es mit 6 Jahren Verspätung fertiggestellt. Untersuchungen laufen. Der Architekt hat für [...]
Im Artikel wird angegeben die Station wurde für ‘zwei statt vier Milliarden’ gebaut. Ich denke es ist genau das Gegenteil. Zudem wurde es mit 6 Jahren Verspätung fertiggestellt. Untersuchungen laufen. Der Architekt hat für sich selbst etwa 80M $ zur Seite geschafft, und etwa 405M $ für alle Designarbeit. Aber das ist nichts neues mit S. Calatrava. Man denke nur an das Disaster von Valencia, City of Arts and Sciences, das in etwa 4x soviel gekostet hat wie ursprünglich veranschlagt. Das hat eine ganze Stadt/Region in den Ruin getrieben, wobei der Architekt selbst über 100M € einkassiert hat. Von den ganzen planerischen Mängeln mal abgesehen (z.B. Fehlende Fluchttreppen, Aufzüge für Rollstuhlfahrer etc.), hat die Stadt Valencia noch heute grosse ‘Freude’ an den Bauwerken, für die sie immernoch bezahlt und lange bezahlen wird. Also ich verstehe das Lob von SPON an dieser stelle nicht, aber wahrscheinlich wurden die Hausaufgaben nicht richtig gemacht.

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