Stil

Dosenweine

Von wegen Tankstellengesöff

Was nach Plörre klingt, bietet auch Vorteile: Wein aus der Dose. In Amerika steigt der Absatz von Alugebinden seit Jahren, in Deutschland geht es gerade los. Trinkempfehlungen für Neugierige.

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Wer denkt, dass nur der Abfall aus der Kelter in die Dose kommt, irrt

Von Gerald Franz
Samstag, 07.09.2019   13:40 Uhr

Francis Ford Coppola war einer der ersten, der Wein in Dosen füllte. Schon 2003 verkaufte der Regisseur bestimmte Erzeugnisse seines kalifornischen Weinguts in Dosen - und bewies damit den richtigen Riecher.

Der Absatz von Dosenweinen in den USA steigt kräftig. Das Marktforschungsinstitut Nielsen verzeichnete für 2017 ein Umsatzplus von 54 Prozent. Seither sind die Wachstumsraten zweistellig. Auch der nach Coppolas Tochter benannte Schaumwein Sofia verkaufte sich blendend.

Nun mag das Ganze ein bisschen wie alkoholhaltige Brause wirken. Es geht aber auch nicht um die großen Weine. Der jungen Zielgruppe wird der unkomplizierte Trinkgenuss angepriesen. Konsequenterweise kleben an den Sofia-Dosen Strohhalme.

Keine großen Weine, aber auch keine Plörre

Angesichts des Erfolgs hat Coppola in der Folge aber auch normalen, sogenannten Stillwein in die Dose gefüllt. Wer denkt, dass dabei nur der Abfall aus der Kelter verwendet wird, irrt allerdings: Die Weine aus der so genannten Diamond Collection gibt es genauso in Flaschen zu kaufen. Billigheimer sind die schlanken, ziemlich peppig bedruckten Viertelliterdosen auch nicht: Ein Viererpack kostet um die 20 US-Dollar.

Und wie schmeckt nun das Ganze? Der Pinot Grigio verliert sich sensorisch in einem etwas größeren Weinglas. Am Gaumen erinnert er an gelbes Kernobst, hat Schmelz und schmeckt ziemlich mild: ein unkomplizierter Trinkwein.

Der fülligere Chardonnay riecht etwas buttrig, nach Honig und sehr reifer Gelbfrucht. Der Wein hat viel Schmelz, etwas Würze und ein Quantum Säure lassen ihn nicht zu sehr in die Breite gehen: ein recht mustergültiger kalifornischer Chardonnay.

Der transparente rubinrote Pinot Noir duftet nach Erde und roten Früchten, am Gaumen treten eine dezente Frische und feiner Gerbstoff hinzu.

Wenn das die Büchse der Pandora ist, öffnet man sie gern.

Wein aus der Coladose

Die Union Wine Company setzt bei ihrer Dosenweinserie Underwood auf Coladosenformat. Das Weingut liegt nördlich von Kalifornien in Oregon. Der Bundesstaat ist bekannt für seinen Pinot Noir, weil das Klima dort kühler ist.

Aus der 375-Milliliter-Dose gluckert der Pinot in hellem Rubinrot ins Glas. Zu riechen ist kaum etwas, doch am Gaumen überzeugt er durch kühle Rotfrucht und erinnert an nassen Stein, während der Gerbstoff ausreichend Struktur verschafft.

Etwas zum Picheln im Park ist der Underwood-Rosé mit leichter Rotfrucht und einem sehr milden Eindruck. Außerdem gibt es noch einen Pinot Gris. Sechs US-Dollar werden pro Dose fällig, egal von welcher Sorte. Alle Weine gibt es auch in Flaschen mit doppeltem Inhalt zum doppelten Preis.

Ebenfalls sechs Dollar pro Dose sind es bei der kalifornischen Weinserie Crafters Union des Getränkemultis Constellation Brands. Es gibt einen angenehm zu trinkenden Rosé sowie einen buttrig-balsamischen Pinot Grigio mit viel Schmelz, der allerdings eine Spur zu breit rüberkommt.

Ein Knaller ist der Red Blend, bei dem man über die Rebsorten zwar nichts erfährt, aber seine pralle Rotfrucht, das samtige Mundgefühl und der ausgewogene Körper überzeugen auf ganzer Linie.

In Zukunft sollen die Dosen auch in Deutschland zu kaufen sein. Angepeilt wird ein Dosenpreis um sieben Euro.

Dosenwein aus Deutschland

Jetzt schon hierzulande erhältlich ist die Wine+ genannte Dosenserie des Herstellers Finest Food Factory. Gründer Ingo Nassau setzte zunächst auf den boomenden US-Markt. Der Absatz seiner Weine aus "Rhinehessen - Germany", wie es auf der 250-Milliliter-Dose steht, gab ihm den Mut, es damit auch hier zu versuchen.

Die Weine lässt er von einem Winzer aus Rheinhessen keltern. Erhältlich sind die Dosen bislang aber nur im Onlineshop, da der Einzelhandel noch fremdelt. Es gibt: Red, White und Rosé.

Der Rosé aus Dornfelder riecht nach nahezu nichts und schmeckt ein wenig nach Erd- und Himbeeren. Er ist mild, minimal frisch und taugt sicher für ein Picknick.

Bei White auf die deutsche Vorzeigerebsorte Riesling zu setzen, weckt Erwartungen, die der Wein nicht erfüllen kann: Da ist nur oberflächliche Fruchtigkeit, der Wein wirkt dumpf. Alles, was am Gaumen bleibt, ist ein zitrischer Eindruck.

Der Rote aus Merlottrauben ist etwas unruhig und moussiert beim Einschenken ganz leicht. Kirsche, schwarze Beeren und minimal würzige Noten sind da, die merlottypische Samtigkeit sucht man vergebens. Auf einer Decke im Park sollte der Wein aber funktionieren.

Und der Trinkgenuss?

Das Süffeln aus der Dose fühlt sich lässig an. Schnüffeln und Schwenken fällt dann zwar aus, passt zu dieser Konsumart aber ohnehin nicht.

Allerdings sollte man überlegen, wo man die Dosen vor dem Verzehr auf Trinktemperatur bringt: Wenn die Dosenoberfläche nach Kühlschrank riecht, fördert das den Genuss nicht. Die Vorteile liegen dagegen auf der Hand: Korkenzieher, Glas, Gedöns - alles überflüssig.


Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog Weinsprech.

insgesamt 96 Beiträge
baladin 07.09.2019
1. Konträr
Dose: irgendwo "in der Fremde" - Durst - was gibt es Kaltes zu trinken? Wein: irgendwo - gutes Buch, gutes Essen oder gute Freunde - Genuss im GLAS Wein und Dose passt nicht zusammen.
Dose: irgendwo "in der Fremde" - Durst - was gibt es Kaltes zu trinken? Wein: irgendwo - gutes Buch, gutes Essen oder gute Freunde - Genuss im GLAS Wein und Dose passt nicht zusammen.
besim 07.09.2019
2. Konsequent
In Anbetracht dessen, wie ungezügelt wir Raubbau an der Natur treiben und selbst dann noch sehr engagiert das Wasser einheizen, in dem wir schon schwitzend sitzen, ist Wein in Dosen - auch noch garniert mit einem Plastikstrohhalm [...]
In Anbetracht dessen, wie ungezügelt wir Raubbau an der Natur treiben und selbst dann noch sehr engagiert das Wasser einheizen, in dem wir schon schwitzend sitzen, ist Wein in Dosen - auch noch garniert mit einem Plastikstrohhalm - nur konsequent. Gerade den dosenbefüllenden Winzern, deren Produkt ja nun extrem von guten klimatischen Bedingungen abhängen, wünsche ich da mehr Sachverstand und Mut zur Realität.
kmoreth 07.09.2019
3. Ökobilanz?
Na großartig! Jetzt wird ein weiteres Getränk in Behältnisse mit der mit Abstand schlechtesten Ökobilanz abgefüllt. Dazu noch der Plastikstrohhalm, voilá und dann in der Landschaft entsorgen. Hoffentlich ist wenigstens [...]
Na großartig! Jetzt wird ein weiteres Getränk in Behältnisse mit der mit Abstand schlechtesten Ökobilanz abgefüllt. Dazu noch der Plastikstrohhalm, voilá und dann in der Landschaft entsorgen. Hoffentlich ist wenigstens Dosenpfand drauf.
merk! 07.09.2019
4. 3-L-Box
Ich habe mir die typischen 1-Weg-Flaschen aus Umweltschutzgründen abgewöhnt und greife immer zur Bag-in-Box. Die sind vergleichsweise auch preisgünstiger, aber geschmacklich gleich.
Ich habe mir die typischen 1-Weg-Flaschen aus Umweltschutzgründen abgewöhnt und greife immer zur Bag-in-Box. Die sind vergleichsweise auch preisgünstiger, aber geschmacklich gleich.
UsuallyPositive 07.09.2019
5. Na ja, Öko ist weniger das Problem
Die Dosen kann man leicht recyclen. Aber Bier aus der Dose schmeckt schon nach Alu/Blech, das wird dann den Spitzenwein (der dann auch noch hierher geschippert werden muss) im Bouquet kaum weiter verbessern. Und welche Teenies [...]
Die Dosen kann man leicht recyclen. Aber Bier aus der Dose schmeckt schon nach Alu/Blech, das wird dann den Spitzenwein (der dann auch noch hierher geschippert werden muss) im Bouquet kaum weiter verbessern. Und welche Teenies trinken denn Sekt mit dem Strohhalm? Geht doch direkt in die Birne...

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