Stil

Architekturfotograf Shulman

Amerikanische Traumhäuser

Julius Shulman gilt als Meister der Architekturfotografie. Ein prächtiger Bildband feiert nun den Mann, der den Blick auf die Moderne entscheidend geprägt hat.

Julius Shulman Photography/ Research Library at the Getty Research Institute/ Taschen
Von
Dienstag, 15.11.2016   13:32 Uhr

Es ist Nacht geworden in Los Angeles. Vor der Dunkelheit hebt sich die strahlend weiße Smokingjacke eines Mannes ab, der an einem bodentiefen Fenster lehnt. Von den Hollywood Hills aus lässt er den Blick über das Lichtermeer schweifen, das sich unten im Tal erstreckt. Die Tür zur Terrasse ist offen, runde Lampen tauchen das geschmackvoll möblierte Wohnzimmer in sanftes Licht. Der Mann, vielleicht der Hausbesitzer, und sein Domizil scheinen hoch über der Stadt zu schweben, alle Grenzen zwischen außen und innen scheinen wie aufgehoben zu sein.

Julius Shulmans Bilder des 1960 von Pierre Koenig errichteten "Stahl House" gelten längst als ikonisch. Wer sie betrachtet, kann gleich zweierlei lernen: Einmal erkennt er hier das Wirkprinzip der sogenannten Midcentury-Architektur, wie sie vor allem in Kalifornien gepflegt wurde.

Oft sind die Räume weit und offen, fast immer scheint das Mobiliar entweder für das Haus entworfen zu sein oder ist so reduziert gehalten, dass es sich ihm unterordnet. Im Fokus dieses Stils stehen stets das Haus und seine Grundstruktur. Man erkennt die Einflüsse der Bauhaus-Schule und großer amerikanischer Architekten wie Frank Lloyd Wright. Ergänzt werden diese jedoch von der Leichtigkeit, die vielleicht automatisch in einem Landstrich herrscht, in dem das ganze Jahr über Sommer herrscht. Terrasse, Garten, Pool werden hier zu gleichberechtigten Wohnräumen.

"Modernism Rediscovered" - die drei Bände umfassende Werksammlung, mit der der Taschen Verlag nun Julius Shulman feiert - schließt endgültig die Beweisführung ab: Shulman ist nicht nur Botschafter des kalifornischen Lebensgefühls und umfangreicher Dokumentar der amerikanischen Architektur des 20. Jahrhunderts. Vor allem hat er mit seinen Arbeiten den Grundstein für die Architekturfotografie gelegt, die wir heute kennen. Er könne die Ideen und Entwürfe von Architekten besser verkaufen als diese selbst, sagte der 2009 im stolzen Alter von 98 Jahren verstorbene Shulman einmal über sich. Tatsächlich eifern ihm bis heute Fotografen aus aller Welt nach, wenn es darum geht, Architektur und Design für Wohnmagazine abzulichten.

Viele seiner Bilder finden sich in den nun vorliegenden drei Bänden, die eine umfangreiche Übersicht über Shulmans Schaffen geben und auf einer ausführlichen Auswertung des Privatarchivs von Benedikt Taschen basieren. Taschen war in den Neunzigerjahren Shulmans Nachbar in Hollywood und sichtete die unglaubliche Anzahl von 260.000 Bildern und Negativen höchstpersönlich.

Preisabfragezeitpunkt:
11.12.2019, 21:04 Uhr
Ohne Gewähr

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Drohojowska-Philp, Hunter, Edwards, Owen, Ethington, Philip J., Loughrey, Peter
Julius Shulman. Modernism Rediscovered (Three Volume Slipcase)

Verlag:
TASCHEN
Seiten:
1008
Preis:
100,00 €

Der Aufbau des Buches ist chronologisch. Die ersten Fotografien, aufgenommen 1939 in Los Angeles, zeigen das Scheyer House des Architekten Gregory Ain. Shulmans Fotografie ist noch rein dokumentarisch: Großzügige Schiebetüren, eine Treppe, die Kunstsammlung der Hauseigentümer mit Bildern von Klee und Feininger. Die jüngste Bilderstrecke zeigt einen brutalistischen Betonturm in Mexico City aus dem Jahr 1981. Aus verschiedenen Perspektiven fängt Shulman den grauen, wuchtigen Beton zwischen leuchtend grünen Baumkronen ein.

Dazwischen liegen fast 1000 Seiten, die etwa 400 Gebäude und gut 40 Jahre Architekturgeschichte abdecken. Der Schwerpunkt liegt auf den Fünfziger- und Sechzigerjahren, jener Zeit, in der einige der Meilensteine der amerikanischen Architektur entstanden. Viele der abgebildeten Häuser dürften Architekturfreunden bekannt sein: Neben Schlüsselwerken der modernen Wohnhausarchitektur von Koenig, Frank Gehry, John Lautner oder Richard Neutra ist aber auch Platz für Bauwerke, die eher selten Wertschätzung erfahren: Schulen, Apartements, Büro- und Produktionsgebäude fotografierte Shulman ebenso eindrucksvoll wie Wolkenkratzer.

Bild der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft

Scheinbar beiläufig wird so ein Bild der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft gezeichnet. Interessant auch Shulmans Umgang mit Menschen. Zwar spielt die Architektur in seinen Bildern stets die Hauptrolle, wird die Belichtung, aber auch der Bildausschnitt so angelegt, dass das Dreidimensionale maximal zur Geltung kommt. Alles andere hätte die Auftraggeber vermutlich auch verärgert, immerhin war Shulman ihr Dienstleister.

Doch dazwischen zeigt sich immer wieder Leben: Damen am Pool, auf dem Tisch ein Teller mit filetierten Grapefruits. Die Arbeiter in einer Fertighaus-Fabrik, die sich extra für den Fotografen in Stellung gebracht haben. Ein Herr mit Hut, der ins Wohnzimmer tritt, wahrscheinlich kommt er gerade von der Arbeit. Die Angestellten eines Finanzunternehmens, die in ihren topmodernen Großraumbüro-Zellen sitzen, alle mit Schlips und Anzug. Einmal sitzt Shulmans Hund neben einem Holzstuhl, der mit einem ganz ähnlichen Hund bemalt ist.

Bisweilen wirken diese Situationen gestellt. Manchmal verschwinden die Menschen aber auch fast in der Unschärfe, oft scheinen sie während einer Bewegung fotografiert worden zu sein. Sicher ist: Es ist diese Kombination, die Shulmans Werk so einzigartig und auch jenseits der reinen Architekturfotografie relevant macht.


Einen Überblick über sein Werk verschafft Ihnen unsere Bildergalerie.

insgesamt 20 Beiträge
mvdg 15.11.2016
1.
Das Tigerfell im Wohnzimmer - schrecklich!
Das Tigerfell im Wohnzimmer - schrecklich!
was-zum-teufel... 15.11.2016
2. Architektenhäuser.
Diese zeichnen sich gern durch exorbitanten Energieverbrauch aus. OK. 1970 kostete Heizöl auch nur 4 Pf./l. An den Häusern ist nichts schön. Gar nichts.
Diese zeichnen sich gern durch exorbitanten Energieverbrauch aus. OK. 1970 kostete Heizöl auch nur 4 Pf./l. An den Häusern ist nichts schön. Gar nichts.
fatherted98 15.11.2016
3. naja...
...jetzt müsste SPON nur noch erklären was an den Bildern bzw. den abgildeten Häusern so doll ist?
...jetzt müsste SPON nur noch erklären was an den Bildern bzw. den abgildeten Häusern so doll ist?
k70-ingo 15.11.2016
4.
Da ein Großteil der besagten Gebäude in Kalifornien und Arizona steht, ist das Thema Energieverbrauch auch heute noch vernachlässigbar. Hierzulande sieht es natürlich anders aus. Da ist so ein Architektenhaus der 50er [...]
Zitat von was-zum-teufel...Diese zeichnen sich gern durch exorbitanten Energieverbrauch aus. OK. 1970 kostete Heizöl auch nur 4 Pf./l. An den Häusern ist nichts schön. Gar nichts.
Da ein Großteil der besagten Gebäude in Kalifornien und Arizona steht, ist das Thema Energieverbrauch auch heute noch vernachlässigbar. Hierzulande sieht es natürlich anders aus. Da ist so ein Architektenhaus der 50er und 60er Jahre nur ganz schwer verkäuflich, wenn es sich noch im Originalzustand befindet. Der Architekturfreund mag sich an der unverbastelten zeit- und architekturhistorisch bedeutsamen Substanz erfreuen, schreckt aber zurück, wenn es um den Aufwand für Erhaltung und Sanierung geht. Da geht es nämlich immer in den sechsstelligen Bereich. Ich habe einschlägige Erfahrungen, da meine Großeltern sich als Architekten in dieser Zeit ihr Haus selber kreiert haben, durchaus mit stilistischen Anleihen zu den hier gezeigten Ikonen der modernen Architektur.
adal_ 15.11.2016
5.
Zwecklos. Grund: Versuch mal einem Banausen zu erklären, was ein Banause ist.
Zitat von fatherted98...jetzt müsste SPON nur noch erklären was an den Bildern bzw. den abgildeten Häusern so doll ist?
Zwecklos. Grund: Versuch mal einem Banausen zu erklären, was ein Banause ist.

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