Stil

Lagerfeld-Fotoausstellung

Das Bild als Bühne

Warum war Modeschöpfer Karl Lagerfeld auch ein faszinierender Fotograf? Eine neue Ausstellung zeigt es: Er arrangierte Bilder wie Stoffe - so exakt und fantasievoll wie möglich.

Karl Lagerfeld/ Ernst Barlach Museum
Von Trisha Balster
Sonntag, 15.09.2019   17:00 Uhr

Karl Lagerfeld wusste, wie man Momente inszeniert. Seine Modenschauen für Chanel waren hollywoodreife monothematische Sets, in die zufällig auch ein Laufsteg integriert schien. Die Themen reichten von einer Mondreise bis zum Strandausflug. Zuletzt ließ er tonnenweise Sand verteilen - im Grand Palais, mitten in Paris. Nur, um die Illusion perfekt zu machen. Nichts überließ er dem Zufall, alles war penibel geplant. Der Designer wollte Scheinwelten erschaffen, die doch immer auf die Realität anspielten. Und das nicht nur durch Mode, sondern auch mit der Kamera.

Das verdeutlicht die Ausstellung "Karl Lagerfeld - Visions", die an diesem Sonntag im Ernst Barlach Museum in Wedel bei Hamburg eröffnet. Es ist die erste Schau, die dem gebürtigen Hamburger seit dessen Tod im Februar gewidmet ist. "Visions" stellt Lagerfelds Schaffen als Fotograf in den Mittelpunkt. Kuratiert wurde die Werkschau von zwei langjährigen Arbeitskollegen Lagerfelds, die beide maßgeblich an seiner Karriere als Fotograf beteiligt waren.

Das Beste war gerade gut genug

Zum einen Gerhard Steidl, mit dem er über 60 Bild- und Fotobände rausbrachte, den ersten 1993. Die meisten der rund 150 Exponate in Wedel stammen aus Steidls Besitz. Besonders mit seinem Wissen über Papier konnte der Verleger den Designer beeindrucken - "Papier-Freaks" nannte er sich und Steidl. 2010 gründeten sie L.S.D. (Lagerfeld Steidl Druckerei Verlag), Lagerfeld war Cheflektor, Steidl Drucker und Verleger. "Papier ist mein bevorzugtes Material auf der Welt. Es ist der Ausgangspunkt für die Zeichnung und der krönende Abschluss eines Fotos", sagte Lagerfeld einmal.

Fotostrecke

Fotografien der Modelegende: Kameramann Karl

Der zweite Kurator ist Eric Pfrunder, Art Director von Chanel. Er war es, der Lagerfeld 1987 entnervt vorschlug, der Designer könnte doch selbst die Bilder für die neue Pressemappe von Chanel aufnehmen, nachdem Lagerfeld mal wieder unzufrieden gewesen war mit dem, was andere abgeliefert hatten. Genau das tat der Modemacher dann auch, getrieben von Neugierde und Perfektionismus, wie bei allem, was er anpackte. Das Beste war gerade gut genug.

An seine Fotos stellte er dabei denselben Anspruch wie an seine Kollektionen: Nicht bloß abbilden, sondern erzählen. Ob in Stoff oder auf Film, alles so fantasievoll wie exakt. Kunst- und Modegeschichte wurden für Lagerfeld zum unerschöpflichen Fundus, der Designer selbst zum Regisseur, der mal den Laufsteg, mal das Fotostudio zur Bühne machte.

"Lüstern aber schüchtern"

Auch die Kampagnen, die Lagerfeld für Fendi fotografierte und von denen eine Auswahl im Ernst Barlach Museum hängt, zeigen diesen Ansatz. Immer wieder konzipierte er die Werbebilder als Hommagen an Künstler, an die New Yorker Malerin Florine Stettheimer etwa, oder den Bauhaus-Pionier Lyonel Feininger. Stets waren die Originalgemälde Inspiration für die Kulisse, die Models Teil einer Szene. Der Feininger-Serie verpasste Lagerfeld 1998 provokante Namen: "Parade", "Lüstern aber schüchtern" oder "Auf dem Weg zum Freudenhaus". So unmittelbar bilden nur die wenigsten Werbekampagnen ein Narrativ ab.

Außerdem ist da Lagerfelds Serie zum Roman "Das Bildnis des Dorian Gray". In der Erzählung von Oscar Wilde altert ein Porträt des jungen Mannes, der Abgebildete selbst aber nicht. Lagerfelds Adaption: Das Model Eva Herzigová wurde älter geschminkt, fotografiert, und dann als Bild im Hintergrund eines zweiten Fotos platziert. Davor: Models, eines von ihnen Herzigová, die ihrer eigenen Jugend frönen. Lagerfeld sagte: "Wir wollen eine Geschichte erzählen, und deshalb müssen wir den Modellen eine individuelle, erzählerische Persönlichkeit verleihen."

Die stetige Weiterentwicklung seiner Arbeit war Lagerfeld wichtig: "Ich mag das Flüchtige: Mode ist mein Beruf. Aber das Flüchtige eines Fotos vollzieht sich auf einer anderen Ebene als bei der Mode. Es ist ebenso gefährlich, ein Bild noch einmal machen zu wollen, wie es gewagt ist, sich von vorhergehenden oder vergangenen Kollektionen inspirieren lassen zu wollen."

Lediglich bei der Eigendarstellung blieb der Designer einem Schema treu. 117 Selbstporträts zeigt die Ausstellung, kachelartig gehängt. Sie bilden den Designer in ähnlichen Posen und gleichbleibender Aufmachung ab - schwarze Sonnenbrille, weißer Zopf, Vatermörderkragen. Auch sich selbst verstand und inszenierte Lagerfeld vor allem als Charakter, auf Bildern und in der Realität. Er würde Welt und Mode durch das Auge der Kamera betrachten, sagte er mal. Dieser Blickwinkel ist noch bis zum 24. Februar 2020 im Ernst Barlach Museum zu sehen.

insgesamt 6 Beiträge
brooklyner 15.09.2019
1.
Ja und zeichnen konnte er obendrein ziemlich gut. Neulich wurde mir in Helsinki gesagt, dass Lagerfelds wirkliche Mutter Finnin war, stimmt das eigentlich? Würde so einiges an seiner Wesensart erklären.
Ja und zeichnen konnte er obendrein ziemlich gut. Neulich wurde mir in Helsinki gesagt, dass Lagerfelds wirkliche Mutter Finnin war, stimmt das eigentlich? Würde so einiges an seiner Wesensart erklären.
damp2012 15.09.2019
2. Natürlich immer noch ...
... was die Welt nicht braucht... Aber ich guck mir die Ausstellung dann mal an ;-) ...
... was die Welt nicht braucht... Aber ich guck mir die Ausstellung dann mal an ;-) ...
Papazaca 16.09.2019
3. Abbildung eigener Welten, Selbstinszenierung und Privates
Den Begriff Fotograf würde ich einschränken, weil Lagerfeld in erster Linie seine inszenierten Welten abbildete (Feininger, Japan, bzw. sich selbst). Als wirklich fotografisch interessant empfinde ich das verwischte Foto mit [...]
Den Begriff Fotograf würde ich einschränken, weil Lagerfeld in erster Linie seine inszenierten Welten abbildete (Feininger, Japan, bzw. sich selbst). Als wirklich fotografisch interessant empfinde ich das verwischte Foto mit Giabioni aus der Serie Beauty and Violence. Und wirklich privat wird es, wenn Lagerfeld homoerotische Vorstellungen zum Besten gibt (römischer Jüngling posiert in der Villa Adriana). Kaiser Hadrian läßt grüßen. Formal sind die Bilder perfekt, Lagerfeld zeigt Mode in Vollendung. Trotzdem empfinde ich zuviel Dekor, Menschen eher als Objekte und Kunst entstand eher beiläufig. Wahrscheinlich eine Ausstellung, die durch ihre Widersprüche Mode in Ihrer Bandbreite abbildet: Von Kunst über Handwerk bis zu dekorativer Leere.
ichbindannmalfort 16.09.2019
4. Grossartige Ausstellung
Wir waren gestern dort und sehr angetan. Und das Museum ist klasse, vor allem nicht zu groß und für so eine Ausstellung perfekt geeignet.
Wir waren gestern dort und sehr angetan. Und das Museum ist klasse, vor allem nicht zu groß und für so eine Ausstellung perfekt geeignet.
Deep Thought 16.09.2019
5. Als Fotograf gnadenlos überschätzt....
KL mag ja im Modebereich einer der besseren Couturiers gewesen sein, ok.... aber als Fotograf war er bestenfalls Durchschnitt! Es gab und gibt soooo viele WIRKLICH grandiose Modefotografen, die bereits Jahrzehnte vor ihm [...]
KL mag ja im Modebereich einer der besseren Couturiers gewesen sein, ok.... aber als Fotograf war er bestenfalls Durchschnitt! Es gab und gibt soooo viele WIRKLICH grandiose Modefotografen, die bereits Jahrzehnte vor ihm hochgradig innovativ waren, eine eigene, mit einer in den Bann ziehende Art der Fotografie neue Türen und Fenster aufstießen ...und vor allem: Models nicht als Kleiderständer, sondern als Menschen darstellten. Sie erzählten eigene Geschichten, in der oftmals die zu präsentierende Mode scheinbar nebensächlich war, jedoch durch einen spannenden Kontext perfekt zur Geltung kam. Was ist schon ein Lagerfeld gegen Irving Penn, Helmut Newton, peter Lindbergh, Herb Ritts, F.C. Gundlach, um nur spontan einige WIRKLICH Große zu nennen? KL fällt dagegen völlig unter den Tisch - NIEMAND würde seine Fotos und ihn ernsthaft unter die Besten zählen, wenn er nicht von seiner perfekten Selbstinszenierung und hohem Bekanntheitsgrad als Modedesigner als "Modefotograf" massiv profitiert hätte.... er war als Fotograf weder besonders originell, noch handwerklich oder konzeptionell überzeugend. Wer sich die Fotoikonen der o.a. ECHTEN Weltgrößen im Vergleich zu den Fotos von KL anschaut und Ahnung von Fotografie hat, wird zustimmen.

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