Stil

Lagerfelds modisches Erbe

Die Chanel-Formel

Coco Chanel befreite die Frauen von Korsettschnüren, Spitzen und Volants. Aber erst Karl Lagerfeld machte die Marke zum Mythos.

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Karl Lagerfeld mit Chanel-Münze

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Donnerstag, 21.02.2019   20:59 Uhr

Zur Person

Die Kulturwissenschaftlerin und Mode-Expertin Barbara Vinken, (*1960), hat in Freiburg, Paris und an der Yale University studiert. Seit 2004 ist sie Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2018 wurde ihr der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Sie publiziert zu den Themen Mode, Feminismus und Pornografie.

Als Karl Lagerfeld 1983 Kreativdirektor von Chanel wurde, war die Ära der großen französischen Mode beendet. Dieses Imperium zu verteidigen, zog Kaiser Karl in die Schlacht - gegen jene, die es in der Mode nach der Mode zersetzten, auf den Arm nahmen und ironisierten. Das war ihm an der Wiege gesungen, trug er doch den Namen Karls des Großen und den des imperialen Kaiserhauses der Ottonen. Aber Karl Lagerfeld eroberte unter fremdem Namen, unter dem Namen einer ausgehaltenen Frau, die sich ihren Namen nicht erheiratet, sondern selbst gemacht hatte: Coco Chanel.

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Coco Chanel, 1935

Coco ist eine Abkürzung von cocotte. Nicht als Dame von Welt, sondern als Kind aus allerärmsten Verhältnissen, das nach dem Tod der Mutter im Waisenhaus erzogen wurde, ist Coco Chanel in den Modehimmel aufgestiegen. Den Heiratsantrag des Herzogs von Winchester, mit dem sie eine lange Affäre verband, lehnte sie ab: Herzoginnen von Winchester gäbe es mehrere, aber nur eine Chanel. Lagerfeld machte diesen fremden Namen der großen Mademoiselle endgültig unsterblich.

Herrenmode für Damen

Die bestimmenden Leitmuster der westlichen Mode waren die von Klasse und Geschlecht. Frauen zogen sich als Männer an, die Großbourgeoisie zog sich die Kleider der Matrosen und Fischer an, der Goldgräber und überhaupt, der arbeitenden Bevölkerung. Chanel wollte die natürliche Frau anziehen, sie von den Zurichtungen der Weiblichkeit, der Korsettschnüre, Spitzen, Volants und Riesenhüte befreien, unter denen man schwitzte und nicht vorankam.

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Coco Chanel, 1965

Aus diesen dreidimensionalen Stoffpaketen entstieg wie die Venus aus dem Meer Chanels neue Frau, die ein Junge war und sich frei bewegen konnte. In den weiten Hosen der Matrosen, in der Marinière, im Chanelkostüm, gedacht als Pendant des männlichen Anzugs, und dem "kleinen Schwarzen". Ihr ganzes Leben - soll Chanel von sich gesagt haben - habe sie nichts anderes getan, als das Männliche ins Weibliche zu übersetzen.

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Coco Chanel, um 1930

Der französische Philosoph Roland Barthes befand 1967, dass Chanel zum Klassiker der Klassiker geworden war, der erfolgreiche Frauen mit Vergangenheit und sehr viel Geld anzieht. Die Dynamik, die Chanels Mode vorangetrieben hatte, war erschöpft, als Lagerfeld 1983 Chanel übernahm. Mit dem Smoking von Yves Saint Laurent war die Übertragung der Herrenmode in die Damenmode abgeschlossen. Die Pariser Mode war von der konservativ reichen, großbürgerlichen rive droite auf die rive gauche, in die Studentenviertel gewandert. Sie holte sich ihre Inspirationen von der Straße, bubble up statt trickle down.

So wurde 1981 die Modewelt von einem Erdbeben erschüttert. Das Label Comme des Garçons hatte seine erste Pariser Modenshow, die einschlug wie eine Bombe: "The Empire wrote back", das postkoloniale Zeitalter war in der Mode angebrochen. Alle Parameter der großen Mode, die im Wesentlichen Pariser Mode geblieben war, stürzten ein. Eine Revolution der Formensprache hatte begonnen, die nicht mehr auf Schönheit, Perfektion, Passgenauigkeit und Eleganz setzte, sondern auf eine Ästhetik der Armut, der Fehlerhaftigkeit, ja der Hässlichkeit. Nicht das Verhältnis der Klassen und Geschlechter, sondern das Verhältnis von Körper und Stoff wurde neu gedacht.

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Comme des Garçons Ready to wear Frühjahrskollektion 1992

Alles das war auch eine Hommage an Chanel, denn schließlich setzte Rei Kawakubo von Comme des Garçons der großen Mademoiselle, die die Garçonne erfunden hatte, ein geheimes Denkmal. Kawakubo, die behauptete, weder Englisch noch Französisch zu verstehen, tat das mit einem Zitat des Schlagers von Françoise Hardy, "Comme des Garçons". Aus dem Erdbeben der japanischen "Big Three" Yamamoto, Myake, Kawakubo sind die "Belgian Five" um Martin Margiela, Dries van Noten, Anne Demeulemeester hervorgegangen. Wenig später würde Antwerpen - Belgien, in französischen Ohren ein Desaster - die Designer ausbilden, welche die Pariser Häuser mit den großen Namen übernahmen.

Selbst das Dirndl wurde Chanel

Und Lagerfeld? Karl Lagerfeld setzte nicht auf die Dekonstruktion der Mode, sondern auf ihre maßlose mythische Übersteigerung. Karl Lagerfeld war zu allererst und hauptsächlich ein Mythograf und wie alle Mythografen wurde er super-populär. Er kreierte den Look Chanel, machte ihn erkennbar und nachahmbar. Er brachte Chanel auf eine Formel. Das Jersey und die Bouclé-Wolle, die aufgesetzten Taschen und die goldenen Litzen und Knöpfe des Kostüms, das "kleine Schwarze" jetzt auch als Kostümjacke, Schuhe beige abgeschlossen mit einer schwarzen Kappe, welche die Beine verlängern, die gesteppten Handtaschen mit dem verschlungenen CC. Selbst das Dirndl wurde Chanel-Dirndl.

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Chanel Metiers d'Art Kollection 2014/15

Alle Kleider wurden der Formel Chanel angepasst, Chanel wurde allen Kleidern als die DNA der Mode überhaupt einverleibt. Kurz, unter Lagerfeld legte Chanel alles klassisch Elegante ab und wurde Pop, superpop. Noch nie wollten so viele Leute überall auf der Welt so einmütig Chanel. Karl Lagerfeld machte Mademoiselle zum Gesicht der Mode, ja zum Gesicht von Paris, zum weltweit exportierbaren Mythos. Paris, das ist der Eiffelturm, aber das ist seit Lagerfeld genauso Chanel.

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Chanel Ready to Wear Frühjahrskollektion 2016/17

Gegen elitäre, formdurchdachte, intellektuelle Dekonstruktion der Mode setzte er konsumierbaren Pop, einen Mythos, der sich verkaufte wie warme Semmeln. Gegen das postkoloniale Empire, das zurückschrieb, setzte er auf das alte Imperium der Pariser Mode, das er globalisierte, wie es globaler nie war. Das war wahrlich die imperiale Aufgabe eines imaginären Kaisers, den es so nie gab.

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