Stil

Marktfrauen in Abidjan

Auf den Kopf gestellt

Die Marktfrauen von Abidjan vollbringen jeden Tag Meisterleistungen. Als wandelnde Kaufhäuser bewegen sie sich durch die Menschenmassen, auf dem Kopf mehrere Kilo Ware. Der Fotograf Eddie Wrey hat sie getroffen.

Eddie Wrey
Von
Donnerstag, 21.03.2019   11:05 Uhr

Der Adjamé-Markt ist der größte in der Stadt Abidjan im Süden der Elfenbeinküste. Und er wäre nicht denkbar ohne die starken Frauen der Stadt. Alles, was es hier zu kaufen gibt, können sie auf ihren Köpfen balancieren. In Schüsseln und auf Tabletts transportieren sie alles, von der Ananas über Büstenhalter bis hin zu riesigen Holzkochlöffeln.

Die Produkte sind sorgfältig gestapelt oder nebeneinander arrangiert, damit nichts herunterfällt. Denn das, so beobachtete der Fotograf Eddie Wrey, passiert so gut wie nie. Egal wie voll der überdachte Markt ist, die Miniaturkaufhäuser auf zwei Beinen gelangen immer unbeschadet zu ihren Kunden.

So fasziniert von den beladenen Damen war Wrey, dass er kurzerhand beschloss, seinen Flug nach Hause zu verpassen. Lieber wollte er die Frauen mit ihren Produkten auf dem Kopf im Bild festhalten. Vor Ort richtete er sich ein provisorisches Fotostudio ein, klebte auf eine freie Mauer einen schwarzen und einen türkisfarbenen Hintergrund - und suchte nach geeigneten Kandidatinnen.

Fotostrecke

Melonen, Stoff und Salatköpfe: Das tragen Abidjans starke Frauen auf dem Kopf

Statt den Frauen Geld zu geben, bot er an, ihnen Waren abzukaufen. Die Nachricht verbreitete sich schnell, und bald hatte der Fotograf eine Schlange von Teilnehmerinnen, die fotografiert werden wollten oder verkaufen oder beides. Insgesamt 40 Frauen porträtierte Wrey. Sie tragen lange Burkas, T-Shirts oder bunt bedruckte Blusen. Wer sie sind, bleibt allerdings unbekannt. Wrey gibt keine weiteren Infos über sie, er zeigt die Verkäuferinnen sogar nur von hinten.

Die Fotos nahm er am helllichten Tag auf, was er normalerweise wegen der großen Hitze vermeiden würde. Aber zu dieser Zeit wimmelte es auf dem Markt von Anbietern, und das Licht setzte die Waren besonders gut in Szene. Wrey wollte nicht nur und ein Bild der starken Frauen aus Abidjan vermitteln, sondern den Fokus auf die Breite der angebotenen Produkte in der Region legen. "Wenn etwas dort nicht zu finden ist, dann existiert es wahrscheinlich nicht in Westafrika", sagt Wrey.

insgesamt 1 Beitrag
Papazaca 23.03.2019
1. Frauen von hinten, ohne Gesichter
Ich lebe nicht weit von Abidjan entfernt, in Nähe der Grenze und kaufe öfters Stoffe in der Rue de Commerce. Marktfrauen zu fotografieren kann spannend sein: Wie sie aussehen, was sie tragen, welche Frisuren sie haben, was sie [...]
Ich lebe nicht weit von Abidjan entfernt, in Nähe der Grenze und kaufe öfters Stoffe in der Rue de Commerce. Marktfrauen zu fotografieren kann spannend sein: Wie sie aussehen, was sie tragen, welche Frisuren sie haben, was sie verkaufen, welche Stoffe sie tragen. Und letztlich auch, wo und wie sie arbeiten, also der konkrete Arbeitsplatz. Diese gutgemeinte Fotoserie ist weit von diesen Möglichkeiten entfernt und demonstriert eher, wie wir uns mit fremden Welten schwer tun, besonders dann, wenn wir alles richtig machen wollen. Nein, Frauen, auch Marktfrauen haben Gesichter. Und es gibt sicher genug Frauen, die sich fotografieren lassen würden. Besonders dann, wenn sie etwas dafür bekommen würden, sprich Geld, aber auch einige Abzüge "ihrer Fotos". Denn die gleichen Frauen lassen sich auch zu allen möglichen Gelegenheiten von einheimischen Fotografen fotografieren, bei Begräbnissen, Geburten, Festen etc. Letztlich ist diese Fotoserie ein unfreiwilliger Beweis für die Schwierigkeit, eine andere Welt zu verstehen, selbst wenn man alles richtig machen will. Gesichtslose Frauen aus Abidjan ist aber sicher nicht die Lösung. Denn wenn es starke Frauen in Afrika gibt, dann sind es die Marktfrauen. Und die haben besondere Gesichter und haben in Afrika schon Regierungen zu Fall gebracht.

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