Stil

Mary-Quant-Retrospektive in London

Rebellischer Stoff

Der Name Mary Quant steht für Minirock, Bubikragen und Regenmäntel aus PVC. Eine Schau in London will nun zeigen, dass das Vermächtnis der britischen Modeschöpferin weit darüber hinaus geht.

Duffy Archive/ V&A
Montag, 08.04.2019   13:27 Uhr

Weil niemand die Kleidungsstücke herstellte, die ihr vorschwebten, war Mary Quant, 85, früh klar: "Wir wussten, wir mussten es selbermachen, sonst würde nichts passieren." Also nähte sie nachts in ihrem Zimmer selbst einen Teil der Ware für ihre Modeboutique in der Londoner King's Road: Hotpants, Latzhosen, Minikleider mit Bubikragen und natürlich Miniröcke, alles in knalligen Farben. Außerdem im Angebot: bunt gemusterte Strumpfhosen, Regenmäntel aus PVC und als Kleid tragbare Cardigans. Mode für die "Swinging Sixties".

"Sie löste damit eine Revolution in Design, Lebensstil und Mode aus", sagte der Direktor des Londoner Victoria and Albert Museums, Tristram Hunt, anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Mary Quant" am Wochenende. Eigentlich habe die Tochter einer Lehrerfamilie ebenfalls Pädagogin werden sollen, stattdessen aber als Modedesignerin die Jugendbewegung der Sechzigerjahre genutzt und gezeigt, wie Mode den gesellschaftlichen Wandel vorantreiben kann.

Ganz neu war der Minirock damals zwar nicht mehr, und erfunden hat ihn Quant auch nicht, aber sie hat ihn benannt - nach ihrem Lieblingsauto - und zum Symbol gemacht für die sexuelle Revolution und die Befreiung der Frau. Quants Entwürfe feierten die Jugend und das Leben. Ihre Mode war der Gegenentwurf zur spießigen Nachkriegsgesellschaft.

Die Stoffe besorgte sie sich im Luxus-Kaufhaus Harrods, aber was sie daraus schneiderte, sorgte in feinen Kreisen für Empörung - zumindest bei den Eltern. Die Kinder der Schickeria pilgerten in Quants "Bazaar" im hippen Stadtteil Chelsea. Schon die Auslage unterschied sich von den meisten anderen Geschäften der Zeit. Zwischen den Schaufensterpuppen platzierte sie ausgestopfte Vögel, Goldfische im Glas oder einen toten Hummer an der Leine. Auch der Anblick dieser Quant-Kreationen löste bei vielen Kopfschütteln aus.

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Mary Quant: Mehr als nur Minirock

Durch eine Reihe nachgebauter Schaufenster können die Besucher der Londoner Ausstellung nun einen Blick zurück ins "Swinging London" werfen. Mehrere Einspieler vermitteln zusätzlich einen Eindruck von damals. Das Herzstück bilden Exponate aus Quants persönlichem Archiv, zu dem die Kuratoren unbegrenzten Zugang hatten. 120 Kleidungsstücke, Accessoires, Kosmetik, Skizzen und Fotos sind zu sehen, von denen viele laut V&A erstmals gezeigt werden.

Zusätzlich hatten die Ausstellungsmacher im Vorfeld unter dem Hashtag #WeWantQuant die Bevölkerung um Leihgaben gebeten. Rund 1000 ehemalige Kundinnen kamen der Bitte nach und lieferten Fotos, Kleider, Schuhe und Erinnerungen in der Cromwell Road ab. Mehr als ein Viertel der ausgestellten Stücke stammt aus dieser Aktion.

Das Crowdfunding erweiterte die Ausstellung auch um einige interessante Perspektiven. Denn die Sachen mögen hip gewesen sein, nützlich waren sie nicht in jedem Fall. "Mein Regenmantel war im Sturm nicht immer praktisch, aber er war ein Statement", schrieb eine Leihgeberin. Und in der Vitrine mit den grellen PVC-Stiefeln der Marke Quant Afoot, die nur mit Reißverschluss anzubekommen sind, ist zu lesen: "Sie sahen lustig aus, waren aber unbequem und schwitzig."

Mode für die Masse

Dem Erfolg der Marke tat das keinen Abbruch. Dabei half, dass Quant auch in ihren Geschäftspraktiken der Zeit voraus war. Sie schuf ihr eigenes Gänseblümchen-Logo und ließ in Zusammenarbeit mit anderen Labels fertigen. Ab 1963 verkaufte Quant zusätzlich Massenmode unter dem Label Ginger Group. Und damit wirklich jede, die wollte, in den Genuss ihrer Entwürfe kommen konnte, veröffentlichte sie sogar ihre Schnittmuster. Das beliebteste verkaufte sich 70.000-mal.

1966 wurde Mary Quant für ihre Verdienste um die britische Modeindustrie von der Queen zur Dame ernannt. Die Auszeichnung nahm sie in einem schlichten beigen Jersey-Minikleid mit Faltenrock, Handschuhen und beiger Baskenmütze entgegen. "Komischer Aufzug für den Palast", kritisierte die "Daily Mail" damals. Heutzutage wird er im Museum ausgestellt.

löw / dpa

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