Wirtschaft

Weltkrise privat

So shoppen Sie für Deutschland

Opel Astra, Mercedes-C-Klasse, oder doch das formschöne Wälzlager von Schaeffler? Zu Weihnachten wollen die Verbraucher die Wirtschaft richtig ankurbeln - und gleichzeitig ihren Lieben eine Freude machen. Wir verraten Ihnen, wie das geht.

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Weihnachtsmarkt in Berlin: Original-Allgäu-Filzpantoletten aus ukrainischer Ex-Kolchose?

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist
Donnerstag, 10.12.2009   16:27 Uhr

1. Was muss ich als Konsument jetzt tun?

Kaufen Sie alles, was Weihnachtsgeld und Monatsgehalt hergeben! Und/oder die Erziehungsberechtigten. Beziehungsweise der Kreditrahmen bei Kleinstbanken in Bahnhofsnähe. Der Trend geht zum Dritt-Flatscreen im neuen Kellersolarium. Gerade auf Sie kommt es jetzt an! Kein Konsum, kein Wachstum. Kein Wachstum, keine Euphorie. Keine Euphorie, kein Konsum und immer so weiter. 50 Prozent der Wirtschaft sind Psychologie, die andere Hälfte ist kompliziert. Machen Sie's sich leicht!

2. Wie wird eigentlich der Konsumklimaindex erhoben?

Absolut seriös und nur von GfK-Profis im direkten Dialog mit akribisch ausgewählten Bürgern. Bei anderen Stimmungsanalysen hat man dagegen den Eindruck, dass studentische Hilfskräfte in 15 Minuten Vorstellungsgespräch, Vertragsunterzeichnung und Crashkurs in Telefonpsychologie hinter sich brachten. Dann sitzen sie auf 400-Euro-Basis in einem Callcenter und rufen wildfremde Menschen an, die das total freut. Zwei Textbausteine schleifen sich ein: "Dauert auch nur zwei Minuten" und "Ich hab mir das nicht ausgedacht". Am Ende bleiben schwerhörige Rentner, Suchtkranke mit Tagesfreizeit und arbeitslose Altlinke, die glauben, mit völlig wirren Angaben das System unterwandern zu können. Auch solchen Schichten wird gelegentlich unterstellt, repräsentativ zu sein für die deutsche Verbraucherlaune. Das offizielle Konsumklima schwächelt übrigens gerade ein bisschen, aber Hubertus Pellengahr ist optimistisch.

3. Hubertus wer?

Etwa seit Erfindung des Rückgaberechts ist er Pressesprecher des Handelsverbandes Deutschland (HDE) und damit die Posaune des Konsumismus. Seit Jahrzehnten predigt er nach jedem ersten Adventswochenende, dass alles super läuft oder wenigstens bald spürbar anzieht. Zumindest an Weihnachten werde die Krise Pause machen, ganz bestimmt. Pellengahr gibt es in der Vorweihnachtszeit nur in zwei Aggregatszuständen: "sehr zufrieden" oder "sehr zuversichtlich". Anfang des neuen Jahres, wenn die grauenerregenden Quartalsbilanzen ausgewertet sind, sagt er, dass sich das schon im Dezember abgezeichnet hat. Vielleicht gibt es zwei Pellengahrs. Ein Mensch allein kann so viel Zwiespalt ja unmöglich ertragen. Vielleicht ist er aber auch nur ein Avatar.

4. Woran erkennt man Made in Germany?

Wenn das so einfach wäre! In vermeintlich heimischen Produkten steckt heute haufenweise Globalisierung, selbst wenn man seine Lieben mit einem formschönen Wälzlager der Herzogenauracher Firma Schaeffler überraschen möchte. Ein Opel-Drittwagen fürs Au-pair-Mädchen finanziert letztlich nur die Eskapaden unfähiger US-Automanager. Von Daimlers C-Klasse ist auch bald abzuraten. Sogar viele ältere "deutsche" Vorstandschefs (Ackermann, Mayrhuber, Löscher etc.) stammen aus dem Ausland. Man spricht in diesen Fällen von Graumarkt-Importen. Aber Sie können sich zum Beispiel bei der ostwestfälischen Firma Plasmatreat mit knuffigen Präsenten eindecken: Plasmatreat ist Weltmarktführer für ionisierte Gase zur Reinigung von Materialoberflächen. Das wird ein Hallo am Heiligabend, wenn alle ihre neuen Gase vergleichen und am Christbaum ausprobieren, der natürlich auch nicht aus dem Schwarzwald stammen muss, sondern sehr oft in Dänemark seiner Abholzung harrte. Nur echten Made-in-Germany-Fetischisten zu empfehlen: Trikotagen von Trigema.

5. Wo gibt's den besten Kauf-Rausch?

Angesichts solcher Shopping-Schwierigkeiten sollte man ohne Scheu dorthin gehen, wo Multikulti wenigstens erfolgreich gelebt wird: auf einen Weihnachtsmarkt. Die Hilfskräfte in der Crêpes- oder Advents-Asianudeln-Bretterbutze tragen rote Zipfelmützen und Migrationshintergrund gleichermaßen charmant offensiv zur Schau. Der dargereichte Stollen schmeckt nach Dresden - 1945. Die Rohstofflieferanten der "Thüringer Bratwürste" könnten schon bei Kostrzyn aus dem Viehtransport gefallen sein. Und die Original-Allgäu-Filzpantoletten stammen womöglich aus einer ukrainischen Ex-Kolchose oder gleich aus Bangladesch. Dafür kann der mitgelieferte bayerische Ureinwohner-Darsteller kein Wort hochdeutsch, was nicht weiter ins Gewicht fällt nach dem vierten Pfandbecher Glühwein. Das Getränk macht blind, blöd und schmeckt wie aus dem Kühlkreislauf eines chinesischen Kraftwerks. Der Rest des Service-Prekariats sieht so fröhlich aus, als sei gerade ein gewaltbereiter Vertreter der Schutzgeldmafia zu Besuch gewesen. Das Prinzip Weihnachtsmarkt: Lall und Rauch. Man kann sinnlos konsumieren wie überall, darf aber obendrein betrunken sein. So legal war Komasaufen nie.

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