Wirtschaft

Kritischer Bericht über Agrarkonzern Cargill

"Das schlimmste Unternehmen der Welt"

Ob Aldi, Edeka, Nestlé oder McDonald's - alle haben Produkte von Cargill. Der Konzern ist ein Riese auf dem Agrarmarkt - und laut einem Bericht mitverantwortlich für Kinderarbeit, Regenwaldzerstörung und Umweltverschmutzung.

Getty Images

Kunden in einem Supermarkt

Von
Donnerstag, 11.07.2019   09:16 Uhr
"Heute hat ein privat geführtes Unternehmen vielleicht mehr Macht, das Klima, das Wasser, die Ernährungssicherheit, die öffentliche Gesundheit und die Menschenrechte der Welt zu zerstören oder zu schützen als jedes andere Unternehmen in der Geschichte."

Mit diesen Worten beginnt der Bericht der Umweltschutzorganisation Mighty Earth über den weltweit agierenden US-Agrarkonzern Cargill, zu dessen Kunden auch deutsche Supermärkte und Schnellrestaurants gehören. Auch wenn Cargill den meisten Menschen unbekannt ist: Das Unternehmen liefert vieles, was auch nur entfernt für die Lebensmittelproduktion notwendig ist - entkommen kann man ihm kaum. Cargill

Auf seiner Website wirbt Cargill mit dem Slogan: "Cargill setzt sich dafür ein, dass die Welt gedeiht."

Es müsste vielleicht eher heißen: Cargill setzt die Welt dafür ein, dass das Unternehmen gedeiht.

Das zumindest legt der Bericht von Mighty Earth nahe. Die Organisation recherchiert seit Jahren weltweit zu Unternehmen, die Regenwälder roden, um Plantagen für Soja, Kakao oder Palmöl anzulegen, die Arbeiter- und Menschenrechte missachten und die Umwelt verschmutzen. Ob in Südamerika, in Afrika, in Asien oder in den USA: Cargill ist fast immer irgendwie dabei. Für Mighty Earth ist der Konzern damit "das schlimmste Unternehmen der Welt".

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Sojaanbau in Paraguay: Entwaldung für deutsches Tierfutter

Der aktuelle Bericht von Mighty Earth listet auf 50 Seiten die möglichen Verfehlungen des Unternehmens auf. Es ist eine Sammlung aus eigenen Recherchen, öffentlichen Verfahren gegen Cargill und Erkenntnissen von Behörden und anderen Organisationen. Hier ein unvollständiger Überblick (Die ausführliche Liste können Sie hier in englischer Sprache lesen):

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Rodungen für Kakaoplantagen: Schokolade statt Regenwald

Anders als die meisten Nichtregierungsorganisationen nimmt Mighty Earth vor der Veröffentlichung seiner Berichte Kontakt mit den Unternehmen auf, die sie anprangert. Die Idee: Die Firmen können reagieren, Verantwortung übernehmen und sich öffentlich zu mehr Nachhaltigkeit verpflichten - das wird dann in den Bericht aufgenommen. Dann ändere sich mehr, als wenn das Unternehmen nur angeprangert wird.

Mighty Earth

Für Palmölplantagen gerodete Flächen in Papua

Auch mit Cargill hat Mighty Earth das versucht. Im Januar dieses Jahres hat die Organisation dem Konzern den Berichtsentwurf zukommen lassen. Wenige Tage vor Veröffentlichung habe Cargill-Chef David MacLennan persönlich um Zeit gebeten, um die Empfehlungen des Berichts zu überdenken und gegebenenfalls umzusetzen. "Es ist ungewöhnlich, dass sich ein Unternehmenschef persönlich äußert. Wir haben ihm geglaubt und die Veröffentlichung zurückgehalten", erzählt Mighty-Earth-Geschäftsführer Glenn Hurowitz dem SPIEGEL. Und fügt an: "Den Fakten in unserem Bericht hat Cargill nicht widersprochen."

Laut Hurowitz folgte ein wochenlanges Hinhalten: "MacLennan hat versprochen, Rodungen zu stoppen und den Kauf von Kakao aus Plantagen in Nationalparks." Geschehen sei aber nichts - fünf Monate lang. "Offenbar folgt das Unternehmen seinem Chef nicht", sagt Hurowitz mit einer Mischung aus Frust und Verwunderung.

Bolsonaro und Cargill: "Gefahr für die wichtigsten Ökosysteme der Welt"

Besonders große Sorgen äußert der Bericht über Cargills Geschäfte in Brasilien. Die Wahl von Jair Bolsonaro zum Präsidenten, der versprochen hat, bisher geschützte Flächen zu öffnen, mache Cargill zu einer "Gefahr für einige der wichtigsten Ökosysteme der Welt". Zwar hatte Brasilien die Abholzung von Regenwald im Amazonas wieder eingedämmt, unter Bolsonaro sind die Rodungen wieder angestiegen - auf den höchsten Wert seit einem Jahrzehnt. Der brasilianische Forscher Paulo Artaxo, Mitglied des Weltklimarats IPCC, ist besorgt: "Wir könnten in den nächsten vier Jahren eine beispiellose Umweltkatastrophe erleben."

Cargill könnte dort den entscheidenden Unterschied machen, sagt Hurowitz: "In Südamerika ist es das wichtigste Unternehmen der Branche, da könnte es mit dem Verzicht auf Regenwaldrodungen im Alleingang viel erreichen." Die Hoffnung, dass Cargill sich verändere, sei aber gering. Bei den Recherchen habe Mighty Earth ein Unternehmen kennengelernt, das "nicht nur überall Schäden verursacht, es hindert auch andere Firmen daran, besser zu werden", sagt Hurowitz.

Geschäftskunden müssen Druck ausüben

Verbraucher können kaum etwas direkt gegen das Unternehmen tun, Cargill-Produkte zu vermeiden ist schwierig, der Name steht nicht auf der Verpackung. Mighty Earth ruft deshalb vor allem Cargills Geschäftskunden dazu auf, auf nachhaltige Unternehmensrichtlinien zu dringen, die die Umwelt und die Menschenrechte schützen. Wenn die größten Kunden - dazu gehören McDonald's, Burger King, Aldi, Edeka, Danone, Walmart, Nestlé, Unilever, Kellogg's und die Supermarktkonzerne Tesco, Carrefour und Ahold Delhaize - es mit Nachhaltigkeit ernst meinen, so Mighty Earth, dann werden sie ihre Verbindung zu dem Agrarkonzern kappen.

Allerdings, das räumt auch Mighty-Earth-Chef Glenn Hurowitz ein, dürfte es schwierig werden, sich dem Weltmarktführer in so vielen Bereichen komplett zu entziehen. "Sie könnten ihre Rohstoffe zum Beispiel von Louis Dreyfus kaufen" - einem der größten Cargill-Konkurrenten, der ebenfalls eine desaströse Umweltbilanz hatte. Bei dem Konzern und ein paar anderen aber hat der Druck gewirkt.

insgesamt 275 Beiträge
benmartin70 11.07.2019
1.
Unglaublich, wie skrupellos kann man eigentlich sein?
Unglaublich, wie skrupellos kann man eigentlich sein?
wille17 11.07.2019
2. Schande für ALDI
Hier müssen Konsequenzen gezogen werden.
Hier müssen Konsequenzen gezogen werden.
ugroeschel 11.07.2019
3. Wasserverbrauch
Es bleibt noch anzumerken, das auf allen bewirtschaften Flächen erhebliche Mengen Wasser verbraucht werden. Langfristig könnten die Böden veröden. Wir benötigen aber die angepflanzten Produkte für die Ernährung von Menschen [...]
Es bleibt noch anzumerken, das auf allen bewirtschaften Flächen erhebliche Mengen Wasser verbraucht werden. Langfristig könnten die Böden veröden. Wir benötigen aber die angepflanzten Produkte für die Ernährung von Menschen und Tieren (Fleischerzeugung)
The Restless 11.07.2019
4. Bedauerlich
Leider setzen sich solche rücksichtslosen Unternehmen gegen die Konkurrenz durch, die mehr Skrupel zeigt. Die WHO müsste weltweit Standards setzen und durchsetzen, denn nationale Alleingänge helfen nicht weiter. Dazu kommt, [...]
Leider setzen sich solche rücksichtslosen Unternehmen gegen die Konkurrenz durch, die mehr Skrupel zeigt. Die WHO müsste weltweit Standards setzen und durchsetzen, denn nationale Alleingänge helfen nicht weiter. Dazu kommt, dass immer wieder korrupte und gedankenlose Politiker wie Bolsonaro an die Macht gespült werden, die in wenigen Jahren mehr Schaden anrichten, als deren Nachfolger in Jahrzehnten reparieren können. Die Menschheit wird sich in ihrer Gier abschaffen.
der_Russe 11.07.2019
5. Oh, wieder...
...ein Übernahmekandidat für BAYER.
...ein Übernahmekandidat für BAYER.
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