Wirtschaft

Staudammunglück

Brasilianische Richterin wirft TÜV Süd Versagen vor

In Brasilien ist das erste Urteil nach dem Staudammunglück ein herber Schlag für den TÜV Süd. Nach SPIEGEL-Informationen bezeichnete die Richterin den Einsturz des Erddamms als "nicht unvorhersehbar".

DPA

Bei dem Dammbruch zerstörte Brücke

Von und
Freitag, 24.05.2019   17:58 Uhr

In einem ersten Urteil nach dem Staudammunglück von Brumadinho, bei dem im Januar mindestens 240 Menschen ums Leben kamen, erhebt ein Gericht des Bundesstaats Minas Gerais schwere Vorwürfe gegen den TÜV Süd. Die brasilianische Tochter des Unternehmens hatte den Katastrophendamm in Minas Gerais als sicher zertifiziert. Doch die Richterin urteilt, der Einsturz des Erddamms sei "nicht unvorhersehbar" gewesen.

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Die kritische Situation sei von Vertretern der Betreiberfirma Vale und "besonders des Unternehmens TÜV Süd" schon mehr als ein Jahr vor dem Einsturz diskutiert worden, heißt es im Text des Urteils vom 9. Mai. Trotz der bekannten Gefahr, dass sich das Erdreich verflüssigen könnte, hätten die Verantwortlichen beschlossen, den Betrieb aufrechtzuerhalten, anstatt Maßnahmen zur Stabilisierung des Bauwerks zu ergreifen und dadurch Todesopfer zu verhindern.

Zudem legt das Urteil nahe, dass der für die Brasilianer zuständige Manager M. in der Münchner TÜV-Zentrale von den Problemen mit dem Damm frühzeitig Bescheid wusste - und womöglich sogar die Entscheidung traf, dem Damm die Sicherheitsbescheinigung zu erteilen. Dies geht aus einem internen Mailwechsel zwischen den brasilianischen Prüfern hervor, aus dem in der Urteilsbegründung zitiert wird. Nachdem mehrere Prüfer gefordert hatten, man müsse M. über die Zertifizierung für den Damm entscheiden lassen, schrieb einer von ihnen am 15. Mai 2018: "Ich habe mit M. geredet. (…) Er schlug vor, ein Treffen über B1 (den Katastrophendamm, d. Red.) am Donnerstag Nachmittag abzuhalten."

TÜV Süd will sich derzeit nicht äußern

Mit dem jüngsten Urteil entzog das Gericht dem TÜV Süd die Lizenz zur Zertifizierung von Staudämmen in Brasilien und arrestierte das Firmenvermögen in Höhe von umgerechnet etwa 13 Millionen Euro für eventuelle Schadenersatzforderungen. Der TÜV Süd will sich mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht zu dem Urteil äußern. Man werde aber weiter mit den Strafverfolgungsbehörden kooperieren. Das Münchner Prüfunternehmen hatte im Februar von sich aus erklärt, es sei zweifelhaft, ob das brasilianische System zur Prüfung der Stabilität von Dämmen zuverlässig sei. Man werde in Brasilien daher vorerst keine weiteren Zertifikate und Berichte für Vale ausstellen, "bis eine gründliche Prüfung des Systems abgeschlossen ist".

Im März warnte der TÜV Süd dann die brasilianischen Behörden und den Bergbaukonzern Vale vor neuen Desastern. Acht weitere Vale-Dämme gelten auf Basis einer vorläufigen Untersuchung als "besorgniserregend", sieben davon sogar als "besonders besorgniserregend", hieß es in einem Schreiben vom 12. März. Bei einem dieser Dämme, dem "Sul Superior" der Mine Gongo Soco im Bundesstaat Minas Gerais, wuchs zuletzt die Sorge vor einem Dammbruch. Bislang ist eine neuerliche Katastrophe aber ausgeblieben.

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insgesamt 5 Beiträge
geotie1 24.05.2019
1.
So wie das aussieht, hat der TüV-Süd die richtigen Leute zu bestechen vergessen.
So wie das aussieht, hat der TüV-Süd die richtigen Leute zu bestechen vergessen.
thoscha 24.05.2019
2.
Nein der TÜV hat nicht vergessen die richtigen Leute zu bestechen! Das System der Bestechung in Brasilien das so leider auch in vielen der südamerikan. Länder existiert, versucht sich nun durch Gerichtsurteile die sich negativ [...]
Nein der TÜV hat nicht vergessen die richtigen Leute zu bestechen! Das System der Bestechung in Brasilien das so leider auch in vielen der südamerikan. Länder existiert, versucht sich nun durch Gerichtsurteile die sich negativ auf den TÜV auswirken, aus der Affäre zu ziehen. Natürlich ist die Firma aus Europa schuldig, ist doch klar - logisch! Ein Gefälligkeits- gutachten ist schnell erstellt, aber die Gefahren bei einem Dammbruch auszublenden und das dann bewußt nicht mehr zu attestieren, soviel Geld kannst du niemandem anbieten. Ich denke das die Behörden bzw. die dafür Zuständigen sehr wohl wußten was da vor sich geht, aber der Betreiber wollte ja schließlich seine Lizenz nicht verlieren und der Staat (?) wollte auf die Steuereinnahmen nicht verzichten, incl. der Boni für die auf beiden Augen blinden Amtsträger! Ok - es kann natürlich sein das ich völlig daneben liege und das dieses Geschachere ohne zutun des Mutterkonzerns zustande gekommen ist. Irgendwie ist das Urteil sehr suspekt - zumindest erscheint es mir einfach so, vor allem nachdem dann im Hau-Ruck-Verfahren Gelder eingefroren worden sind. Und was ist mit dem Geld / Firmenvermögen der Minenbetreiber passiert? Wurden da auch Beträge / Aktiva eingefroren? Oder kriegen hier wieder mal nur die Ausländer einen auf den Deckel? Und was ist mit den jahrelangen Verschmutzungen und Kontaminierungen durch die Bergbauunternehmen im schönen Brasilien? Den kranken Kindern, Erwachsenen, Tieren usw.?? Den Böden ergo dem Ackerland das auch sehr systematisch zerstört worden ist? Das wird wohl alles unter den Teppich gekehrt, oder?! Was für eine Farce!! Idioten!
geotie1 24.05.2019
3.
Keine Angst, ich sehe das auch so! Aber bei den vielen Katastrophen und dann das was danach passierte, kann entweder nur mit viel Geld oder Erpressung abgelaufen sein. Hier ist eines der wenigen Rechtsprechungen, die erfolgt [...]
Zitat von thoschaNein der TÜV hat nicht vergessen die richtigen Leute zu bestechen! Das System der Bestechung in Brasilien das so leider auch in vielen der südamerikan. Länder existiert, versucht sich nun durch Gerichtsurteile die sich negativ auf den TÜV auswirken, aus der Affäre zu ziehen. Natürlich ist die Firma aus Europa schuldig, ist doch klar - logisch! Ein Gefälligkeits- gutachten ist schnell erstellt, aber die Gefahren bei einem Dammbruch auszublenden und das dann bewußt nicht mehr zu attestieren, soviel Geld kannst du niemandem anbieten. Ich denke das die Behörden bzw. die dafür Zuständigen sehr wohl wußten was da vor sich geht, aber der Betreiber wollte ja schließlich seine Lizenz nicht verlieren und der Staat (?) wollte auf die Steuereinnahmen nicht verzichten, incl. der Boni für die auf beiden Augen blinden Amtsträger! Ok - es kann natürlich sein das ich völlig daneben liege und das dieses Geschachere ohne zutun des Mutterkonzerns zustande gekommen ist. Irgendwie ist das Urteil sehr suspekt - zumindest erscheint es mir einfach so, vor allem nachdem dann im Hau-Ruck-Verfahren Gelder eingefroren worden sind. Und was ist mit dem Geld / Firmenvermögen der Minenbetreiber passiert? Wurden da auch Beträge / Aktiva eingefroren? Oder kriegen hier wieder mal nur die Ausländer einen auf den Deckel? Und was ist mit den jahrelangen Verschmutzungen und Kontaminierungen durch die Bergbauunternehmen im schönen Brasilien? Den kranken Kindern, Erwachsenen, Tieren usw.?? Den Böden ergo dem Ackerland das auch sehr systematisch zerstört worden ist? Das wird wohl alles unter den Teppich gekehrt, oder?! Was für eine Farce!! Idioten!
Keine Angst, ich sehe das auch so! Aber bei den vielen Katastrophen und dann das was danach passierte, kann entweder nur mit viel Geld oder Erpressung abgelaufen sein. Hier ist eines der wenigen Rechtsprechungen, die erfolgt sind. Wäre nur die brasilianische Firma an der Katastrophe beteiligt gewesen, wäre mit Sicherheit mit einigen Zahlungen doch alles vergessen worden. Ausser von der Bevölkerung, aber die sind nur zum Arbeiten und zum Wählen da. Zumindest na Bolosonaros Vorstellung.
rocketsquirrel 25.05.2019
4. @2
Mag alles sein, dennoch die brasilianische Dependance des TÜV Süd seinen Segen für die Stabilität des Dammes gegeben, OBWOHL es dort große Zweifel gab - wie man ja anhand der neuerlichen Urteile über die anderen Dämme sehen [...]
Mag alles sein, dennoch die brasilianische Dependance des TÜV Süd seinen Segen für die Stabilität des Dammes gegeben, OBWOHL es dort große Zweifel gab - wie man ja anhand der neuerlichen Urteile über die anderen Dämme sehen kann. Wenn ich mit meinem Fahrzeug zur Hauptuntersuchung fahre und trotz defekter Bremsen und Durchrostung an tragenden Teilen eine Plakette erhalte, muss ich entweder einen "gewissen Preis" zahlen oder der Prüfer hat schlichtweg keine Ahnung. Sich aber darauf zu beziehen, dass die genannten Mängel nicht vorhersehbar wären, würde von einer gewissen Chuzpé zeugen...
4711_please 25.05.2019
5. Wird auch in Deutschland gegen den Tüv ermittelt?
Die Vorwürfe, die in Brasilien erhoben werden, sind gravierend. Wird auch in D ermittelt. Ist der TÜV noch zuverlässig? Muss nicht seine generelle Betriebsgenehmigung geprüft werden?
Die Vorwürfe, die in Brasilien erhoben werden, sind gravierend. Wird auch in D ermittelt. Ist der TÜV noch zuverlässig? Muss nicht seine generelle Betriebsgenehmigung geprüft werden?

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