Wirtschaft

Mit einem Trucker nach England

Bernhard und der Brexit

Zweimal die Woche fährt Bernhard Joostberends mit seinem Lkw nach Großbritannien. Ein harter Brexit würde nicht nur sein Leben abrupt verändern, sondern auch den Handel in Europa. Eine Reise durch die Nacht.

Claus Hecking

Joostberends in seinem Lkw: Mitten in der Nacht geht es in Calais durch den Zoll

Von , Nordhorn und Redhill 
Samstag, 12.10.2019   14:13 Uhr

Warum er Trucker geworden ist? "Die Freiheit", sagt Bernhard Joostberends. "Ich kann mein Ding machen." Seine Arbeit mag monoton sein: die immergleichen Autobahnen, die immergleichen 84 km/h auf dem Tacho, die immergleiche Strecke. Von Nordhorn, Niedersachsen nach Redhill, Großbritannien - 618 Kilometer. Zweimal die Woche, hin und her, her und hin, seit 18 Jahren, immer durch die Nacht.

Joostberends mag den Job trotzdem. Weil ihm niemand reinredet auf dem Lkw, weil die allermeisten seiner mehr als 1000 England-Touren reibungslos gelaufen sind. Doch bald wird alles anders. Dann kommt der Brexit.

Claus Hecking

Joostberends in Nordhorn: "Los geht's"

17.12 Uhr , ein Septembertag in Nordhorn. "Los geht's", sagt Joostberends, ein ruhiger Mittfünfziger mit Henriquatre-Bart und Geheimratsecken. Er zieht die Fahrertür seines 40-Tonners zu. Spätestens um 8 Uhr am nächsten Morgen muss der Sammelguttransporter seiner Spedition M+F in Redhill sein, südlich von London. Sonst kriegt die Firma Probleme. Denn die Empfänger brauchen die Ware dringend.

Nach drei Minuten und zwei Kilometern überquert der Scania-Lkw die Grenze zu den Niederlanden, die erste von vieren in dieser Nacht. Nicht einmal auf die Bremse muss Joostberends treten. Kein Schlagbaum, kein Zöllner.

Der Binnenmarkt macht ihn möglich: den grenzenlosen Gütertransport quer durch Europa. Seit 1993 gibt es innerhalb der EU keine Formalitäten mehr beim grenzüberschreitenden Warenverkehr - und auch keine Zollkontrollen. Das ist die Basis für eine Maschinerie aus Abertausenden Trucks, die Nacht für Nacht vom Kontinent ins Vereinigte Königreich rollen, immer entlang fein austarierter Zeitpläne. Viele Güter verarbeiten britische Fabriken sofort weiter: Autokatalysatoren, Tragflächen-Flugzeugteile, frische Tomaten. "Just in Time" heißt das Fertigungsprinzip. Es spart Lagerkosten und kann die Produktivität steigern - vorausgesetzt, die Rohware kommt pünktlich.

Dieses System könnte bald zerstört werden - vielleicht schon in der Halloween-Nacht. Wenn Boris Johnson sein Gelübde umsetzt, Großbritannien am 31. Oktober aus der EU zu reißen, zur Not ohne Abkommen. Dann ist das Land raus aus dem Binnenmarkt. Dann drohen den Truckern Zollkontrollen und kilometerlange Staus.

"Eine Katastrophe", sagt Bernhard Joostberends.

Sein Kollege hat die Zeit vor dem Binnenmarkt selbst miterlebt. "Es war eine andere Welt", sagt Stefan Nüsse, Prokurist bei M+F. Die Tochterfirma der Duisburger Huettemann Group ist auf Großbritannien spezialisiert; seit den Siebzigerjahren schickt sie täglich mehrere Transporte dorthin. "Früher mussten die Fahrer an jeder Grenze stoppen, die Frachtpapiere vorzeigen und abstempeln lassen", erzählt Nüsse. "Wenn die Beamten einen schlechten Tag hatten, dauerten die Kontrollen ewig." Im französischen Ärmelkanal-Hafen Calais habe es ständig Warteschlangen gegeben. Und: "Bei der Zollbeschau in Dover standen die Lkw stundenlang im Hafen."

Aktuell ist alles auf einen stetigen Verkehrsfluss eingestellt

Die Bürokratie war damals immens. Für jede einzelne Lieferung verlangte der Zoll ein eigenes Dokument mit detaillierten Angaben. Bei Textilien etwa musste Nüsse die Meteranzahl auf der Rolle, die verwendeten Materialien und das Mischungsverhältnis der Garne beim Absender erfragen, die Werte eintippen und das Formular per Telex seinem britischen Zollagenten schicken - der die Sendung beim dortigen Zoll anmeldete. 130 hochspezialisierte Zollbüros gab es in Dover. Nach dem Start des Binnenmarktes machten fast alle dicht, auch der Partner von M+F.

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Speditionsprokurist Nüsse: "Wenn die Beamten einen schlechten Tag hatten, dauerten die Kontrollen ewig"

Noch heute müssen Spediteure für Lieferungen in Nicht-EU-Länder ein Ausfuhrbegleitdokument erstellen. Das umfasst oft 3 bis 4 Seiten - für jeden einzelnen Posten auf der Palette. Kosten: um die 50 Euro pro Sendung. Und auf einem typischen Stückguttransport befördert M+F bis zu 100 Sendungen.

Stefan Nüsse hält nun wieder Ausschau nach britischen Zollagenten. Aber er hat noch niemanden unter Vertrag genommen. Weil er nicht weiß, wann er die Partner braucht - wenn überhaupt. Er weiß auch nicht, ob er seine Leute schulen lassen soll. Ob er IT-Programme zur einfacheren Datenverarbeitung entwickeln soll. Wie er seine Kunden auf den möglichen Tag X vorbereiten soll. Wie er die Dienstpläne der Fahrer gestalten soll. All dies hängt am Wann, Wie und Ob des Brexits. Und all das ist wenige Wochen vor dem 31. Oktober noch immer kaum klarer als beim Referendum vor drei Jahren.

"Es ist riskant, sich nicht vorzubereiten. Es ist auch riskant, sich vorzubereiten", sagt Nüsse.

20.53 Uhr: Joostberends zeigt auf ein Schild am Autobahnrand. "België" steht drauf, sonst wäre die Grenze nicht zu erkennen bei Tempo 84. Um 23.52 Uhr erreicht der Laster Frankreich. Um 0.31 Uhr steuert er über den Zubringer zum Hafen Calais. Meterhohe Metallzäune ragen entlang der Fahrbahn hoch; sie sollen Migranten daran hindern, auf die Trucks zu springen und sich als blinde Passagiere nach Großbritannien zu schmuggeln. Im Hafen checken zwei Security-Leute den Scania von außen mit Infrarot-Sonden, ob sich drinnen Menschen verstecken. Zwei Minuten, fertig.

Claus Hecking

Joostberends in Calais: Alles ist auf einen stetigen Verkehrsfluss eingestellt

Es ist die einzige echte Kontrolle. Am Drive-in-Schalter der Fähre muss Joostberends einmal die Frachtpapiere zeigen. Er hat Gefahrgut geladen: Lebensmittelzusatzstoffe. Der Scania rollt weiter zum britischen Immigration-Schalter: der Beamte überfliegt die beiden Ausweise, nach 49 Sekunden geht es weiter. Zum Schluss der französische Zoll. Aber da ist niemand. Vor dem Gebäude wäre auch kein Platz, um mehr als zwei oder drei Lkw abzustellen. Alles ist auf einen stetigen Verkehrsfluss eingestellt.

"Sobald es Zollkontrollen gibt, sind die Häfen blockiert"

Joostberends stellt den Laster in die zugewiesene Wartereihe. Die "Spirit of France" legt an, aus der Fähre schlängelt sich eine Hunderte Meter lange Kolonne: Autos, Busse, Lkw. "Wenn jeder davon demnächst zum Zoll muss: Gute Nacht", sagt Joostberends. In dieser Nacht legt das Schiff pünktlich ab.

Claus Hecking

Warteschlange in Calais: "Wenn jeder davon demnächst zum Zoll muss: Gute Nacht"

Es riecht nach Bohnen und Filterkaffee auf Deck 8 im Commercial Drivers Restaurant. Hier dürfen nur Trucker rein, hier kriegen sie das "Driver's Breakfast" für 3,99 Pfund. Die Männer essen, schlafen in Ledersesseln, füttern Spielautomaten. Robin, ein massiger Schotte, sitzt mit roten Augen vor seinem Kaffee. Der 41-Jährige fährt immer Frankreich-Irland: Sammelgut, quer durch Großbritannien. Nach dem Brexit müsste er für seine Tour zweimal die EU-Außengrenze überqueren. "Sobald es Zollkontrollen gibt, sind die Häfen blockiert", sagt er. Robin hat 2016 für den Brexit votiert, "wegen der Migranten", sagt er. Jetzt hofft er, dass sie den Austritt noch mal verschieben.

Joostberends döst ein Deck weiter unten; er gesellt sich selten zu den anderen Truckern. Neben ihm liegt ein Buch: eine Auschwitz-Biografie. Der 54-Jährige interessiert sich für Geschichte. An freien Tagen steigt er aufs Rennrad oder geht laufen, um fit zu bleiben. Es zahlt sich offenbar aus: Als die Lautsprecherdurchsage kommt, dass Dover erreicht wird, ist er sofort hellwach.

Um 3:31 Uhr legt die "Spirit of France" an. Letzte Etappe. Noch knapp 150 Kilometer.

Joostberends dreht den Zündschlüssel um, rollt aus dem Bauch der Fähre, nach ein paar Hundert Metern der britische Zoll. Sie winken alle durch. Nur vier Prozent der Lastwagen werden bislang gecheckt: die aus Nicht-EU-Staaten. Parkraum gibt es kaum. Käme es zu Kontrollen, würde sich die Kolonne sofort zurückstauen, bis ins Schiff hinein.

Und dann? Läge das komplette System lahm.

Bis zu 120 Fähren legen in Dover täglich an oder ab, bis zu 10.000 Trucks kommen an Spitzentagen hier durch. Sollten Kontrollen die Abfertigung nach Frankreich nur um zwei Minuten pro Lkw verzögern, käme es laut einer Studie des Hafens zu einem 27 Kilometer langen Dauerrückstau auf den Straßen davor. "Just in Time" wäre dann Geschichte.

Verkehrsinfarkt, Müllberge und Arbeitnehmer, die nicht zur Arbeit kommen

Unter Premierministerin Theresa May hatten Regierungsbeamte bereits Notfallpläne ertüftelt. Sie wollten am Tag X Abschnitte einer Autobahn, eine Schnellstraße sowie einen stillgelegten Flughafen nahe Dover zu Lkw-Parkplätzen umfunktionieren. Im Januar ließ London den Brexit-Stau proben und Trucks vom Hafen zum früheren Flughafen fahren.

Es waren genau 89 Fahrzeuge. Im Ernstfall werden es Tausende sein. Dann müssten sich die Einwohner der hiesigen Grafschaft Kent laut einer Studie des Grafschaftsrates auf den Verkehrsinfarkt einstellen - und auf Müllberge in den Straßen, Arbeitnehmer, die nicht zur Arbeit kommen, Rettungswagen, die stecken bleiben.

4.55 Uhr: Joostberends tuckert über eine Nebenroute: Auf der Autobahn staut sich der Verkehr selbst zu normalen Zeiten. Kaum breiter als sein Scania ist das Sträßchen, Schlagloch an Schlagloch. "Wenn wir hier tagelang rumstehen, werde ich wohl nicht mehr nach England fahren", sagt er. Seine Spedition werde Geld verlieren, wenn er Redhill nicht pünktlich erreiche. Und er selbst will die Route dann auch nicht mehr machen. "Die ganze Freiheit ist weg."

Claus Hecking

Lager in Redhill: Für Joostberends ist jetzt Pause

Um 6.20 Uhr biegt der Scania auf einen Hof im Industriegebiet von Redhill ein. Joostberends hängt den Trailer ab; er hat es wieder geschafft. "Zu 95 Prozent klappt das", sagt er. Als nächstes werden Mitarbeiter der Partnerspedition die Ware auf kleinere Lkw verteilen und zu den Abnehmern bringen.

Joostberends zieht die Vorhänge der Fahrerkabine zu. Er braucht dringend Schlaf: Um 16 Uhr muss er sich auf den Rückweg machen. Alles ist mal wieder nach Plan gelaufen. Noch knapp drei Wochen bis Halloween.

insgesamt 204 Beiträge
zesteel 12.10.2019
1. Chaostage Grenze
Wer schon einmal mit der Fähre oder mit dem Zug durch den Tunnel gefahren ist, der weiß was es dort, auf beiden Seiten, für ein Chaos geben wird. Kaum zu glauben das die Engländer das wirklich wollen. Man versucht in England [...]
Wer schon einmal mit der Fähre oder mit dem Zug durch den Tunnel gefahren ist, der weiß was es dort, auf beiden Seiten, für ein Chaos geben wird. Kaum zu glauben das die Engländer das wirklich wollen. Man versucht in England die Menschen darauf vorzubereiten aber was wirklich passiert weiß niemand. Es wird ein Chaos im wahrsten Sinn des Wortes werden. Wenn ich an dieses griechische Wort denke, fällt mir immer auch das gegenteilige Wort ein: Kosmos. Ich glaube wir alle sollten uns auf das erste Wort vorbereiten denn die (Welt-) Ordnung wird es ab dem 31.10.2019 nicht mehr geben.
aggro_aggro 12.10.2019
2. Verblendet
Selbst die Trucker, die selbst wissen, was Brexit, was Zollkontrollen bedeuten haben für den Brexit gestimmt. Wegen der Migranten. Syrer, Nordafrika er, Afghanen kommen ja eh kaum über den Kanal, Pakistanis, Inder, Jamaikaner [...]
Selbst die Trucker, die selbst wissen, was Brexit, was Zollkontrollen bedeuten haben für den Brexit gestimmt. Wegen der Migranten. Syrer, Nordafrika er, Afghanen kommen ja eh kaum über den Kanal, Pakistanis, Inder, Jamaikaner kommen mit dem Flugzeug aus den Kolonien. Es sind also die arbeitenden Polen, Bulgaren und Rumänen, die viele Briten so sehr stören, dass sie den Zusammenbruch der Wirtschaft in Kauf nehmen um denen die Einreise zu erschweren. Das muss man mal sacken lassen.
panzerknacker 51 12.10.2019
3. Ach du meine Güte
Die EWG- und EG-Zeiten müssen ja ganz fürchterlich gewesen sein. Da hat es offensichtlich keinen Warenverkehr gegeben. Ich empfehle nach britischer Art: Abwarten und Tee trinken.
Die EWG- und EG-Zeiten müssen ja ganz fürchterlich gewesen sein. Da hat es offensichtlich keinen Warenverkehr gegeben. Ich empfehle nach britischer Art: Abwarten und Tee trinken.
luny 12.10.2019
4. Das Chaos ist vorprogrammiert
Hallo Claus Hecking, vielen Dank für Ihren anschaulichen Beitrag. Niemand ist auf einen harten Brexit vorbereitet. Wie auch? Großbritannien hätte im Juni 2016 sofort damit beginnen müssen, Zollbeamte zu [...]
Hallo Claus Hecking, vielen Dank für Ihren anschaulichen Beitrag. Niemand ist auf einen harten Brexit vorbereitet. Wie auch? Großbritannien hätte im Juni 2016 sofort damit beginnen müssen, Zollbeamte zu qualifizieren, um dem Andrang nach dem Brexit an den Grenzen stand zu halten. Seit dem Beitritt Großbritanniens in die EWG ist die gesamte Infrastruktur für die Zollabwicklung natürlich verschwunden. Sie war ja nicht mehr nötig beim freien Warenverkehr inner- halb der EWG bzw. der EU. Es wird ein unglaubliches Chaos geben, soviel ist gewiß. LUNY
kjmuller70 12.10.2019
5. Bakerman1,
Hört man den "Spokes-persons" der jetzigen Britischen Regierung zu (Skye, BBC) wird alles überhaupt kein problem sein. Das gesparte Geld wird Wohlstand für fast alle bringen, Schlaraffenland wartend.
Hört man den "Spokes-persons" der jetzigen Britischen Regierung zu (Skye, BBC) wird alles überhaupt kein problem sein. Das gesparte Geld wird Wohlstand für fast alle bringen, Schlaraffenland wartend.

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