Wirtschaft

Golf von Oman

Das Nadelöhr des Ölhandels

Die Straße von Hormus ist für die Energieversorgung der Welt von höchster Bedeutung: 30 Prozent des verschifften Erdöls müssen hier durch. Dass ausgerechnet hier zwei Schiffe angegriffen wurden, macht die Märkte nervös.

REUTERS

Attackierter Öltanker in der Straße von Hormus

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Donnerstag, 13.06.2019   18:02 Uhr

Manchmal müssen die größten Öl- und Flüssiggastanker der Welt sich hintereinander aufreihen, wenn sie den Persischen Golf verlassen wollen - den Bauch voller Erdöl oder Erdgas, mit Kurs auf Asien oder Europa. Und es gibt nur eine Ausfahrt: die Straße von Hormus.

Die Meerenge zwischen Iran und dem Oman hat nur zwei rund drei Kilometer schmale Schifffahrtsrinnen - eine hinein, eine hinaus. Und wenn die Tanker sie passiert haben, dann müssen sie durch den Golf von Oman. Genau dort, nahe der Straße von Hormus, an diesem neuralgischen Punkt des Welthandels, sind an diesem Donnerstag zwei Tanker angegriffen und beschädigt worden. Die Hintergründe sind noch unklar.

Die Attacken auf die "Kokuka Courageous" der Hamburger Reederei Schulte Group und die "Front Altair" des norwegischen Betreibers Frontline haben zum Glück keine Menschenleben gefordert. Doch sie könnten dem internationalen Ölhandel massiv schaden. Denn bereits vor einigen Wochen wurden im selben Gebiet vier Tanker attackiert; die Verantwortlichen sind unbekannt. Und schon eine kurze Unterbrechung des Schiffsverkehrs hätte drastische Folgen: für Reeder, Förderer und Verbraucher. Ganz zu schweigen von einer dauerhaften Lähmung.

Die Straße von Hormus ist die Hauptschlagader der Erdölversorgung. Das Tor zu den Feldern des Irak, von Kuwait, Abu Dhabi oder dem saudischen Dammam. Zwischen 17 und 18,5 Millionen Fässer (je 159 Liter) werden laut der US-Energiebehörde EIA täglich durch dieses Nadelöhr geschleust. Das entspricht rund 30 Prozent des weltweit verschifften Erdöls. Auch die monströsen LNG-Flüssiggastanker des weltgrößten LNG-Exporteurs Katar müssen hier entlang. Und die Route führt zum Teil durch iranische Gewässer.

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"Die Bedeutung der Straße von Hormus kann nicht überschätzt werden", sagt Eugen Weinberg, Leiter der Rohstoffanalyse bei der Commerzbank. "Vor einiger Zeit ist der Ölpreis hochgeschossen, nur weil wegen des Bürgerkriegs in Libyen rund eine Million Barrel pro Tag ausgefallen sind. Durch die Straße von Hormus geht mehr als das 15-fache. Diese Mengen wären nicht zu kompensieren."

Immer wieder haben Vertreter Irans in den vergangenen Jahren gedroht, den Seeweg dicht zu machen. Erst im April kündigte ein Kommandeur der Revolutionswächter die Blockade der Straße von Hormus an, falls die USA sämtliche Ölexporte Irans stoppen sollten. Allerdings sind die Revolutionswächter bekannt für ihre extremistischen Äußerungen. Die Regierung in Teheran gab sich zuletzt gemäßigter - sie hatte letztmals Ende 2011 mit der Schließung der Meerenge gedroht, im Atomstreit mit dem Westen.

Die Straße von Hormus dauerhaft zu umgehen, ist sehr schwierig. Die Ausweichrouten für das Öl sind beschränkt. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben Pipelines verlegt. Ein Teil dieser Leitungen endet am Golf von Oman im Emirat Fudschairah - just dort, wo im Mai die vier Tanker sabotiert wurden.

Gebiete mit "erhöhtem Risiko"

Die beiden Anschläge vom Donnerstag ereigneten sich vor der iranischen Küste, nahe der Stadt Bandar e-Dschask. Dort hat die iranische Marine einen Stützpunkt. Bislang sind keinerlei Hinweise bekannt, dass Iran für die Attentate verantwortlich oder an ihnen beteiligt sein könnte. Aber die Bilder der brennenden "Front Altair" werden sicher nicht für Entspannung sorgen im schwelenden Konflikt zwischen Iran auf der einen Seite und Saudi-Arabien sowie den USA auf der anderen. Und sie werden auch die Reeder zum Nachdenken bringen, ob das Risiko zu groß wird, Tanker in den Golf zu schicken.

Rund zwei Millionen Fässer Erdöl kann ein Supertanker fassen, das ist Ware im Wert von weit mehr als 100 Millionen Euro. Angesichts der gestiegenen Terrorgefahr könnte es für die Schiffseigner schwer werden, Versicherer für solche Ladung zu finden. Der Versicherungsmarkt Lloyd's of London hatte den Persischen Golf und Teile des Golfs von Oman schon nach den Angriffen von Mitte Mai als Gebiete mit "erhöhtem Risiko" eingestuft. Nach den neuerlichen Attacken würden die Schiffsversicherer ihre Prämien für Tankergeschäfte in der Krisenregion weiter drastisch erhöhen, heißt es aus der Branche - oder solche Policen gleich ganz aus dem Angebot streichen.

Commerzbank-Stratege Weinberg erwartet, dass die Zahl der Transporte durch die Straße von Hormus sinken wird. Das hieße: weniger Angebot, höhere Preise.

Was das bedeutet, war schon am Donnerstag an den Rohölbörsen abzulesen: Dort schnellte der Preis für Brent-Öl zeitweise um mehr als vier Prozent in die Höhe. In den Wochen zuvor war er stetig gesunken. "Die Stimmung am Markt könnte jetzt drehen", sagt Experte Weinberg. Und wenn die Spekulanten an diesem Ölmarkt einmal anfangen, auf eine Unterversorgung zu wetten, dann geht es rapide nach oben mit dem Preis.

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